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Der Drachenzahnsammler

Er war eine imposante Erscheinung, ein Turm paläontologischer Gelehrsamkeit, an der Zigarre dampfend wie ein Vulkan. Da war der große Raum des Frankfurter Senckenberg-Museums, in dem er residierte — Professor Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (geb. 1902), der viele Jahre auf Java und in China, in Thailand gegraben hatte, beigetragen hatte zu unserem Wissen um die frühen Vorfahren des Menschen und heftig davon überzeugt, dass nur Asien als die Wiege der Menschheit in Frage käme und nicht Afrika, wie Louis Leakey immer behauptete. Für mich eine aufregende Alternative.

Von Koenigswald spielte mit den Drachenzähnen auf seinem Tisch, lächelte versonnen: Als ich 1931 nach Java kam und sah, wie konservativ die Chinesen waren, versuchte ich, in den chinesischen Apotheken auf Drachenjagd zu gehen. Die ersten Versuche waren sehr enttäuschend. Dann wurde ich belehrt, dass ich nicht nach Tierzähnen, sondern nach Drachenzähnen fragen müsste. Ich erhielt ein Rezept, und von jetzt an bekam ich in jeder Apotheke, was ich suchte. Die ersten Jahre in Java brachten eine reiche Ausbeute an Zähnen der chinesischen Pliozänablagerungen. Zu Anfang des Jahres 1935 hatten wir einen Kongress in Manila, und beim Durchstöbern der chinesischen Apotheken fand ich zum ersten Mal eine größere Menge zweitklassiger Drachenzähne. Zu meinem Erstaunen befanden sich darunter einige große, feingerunzelte Zähne, die ohne Zweifel von einem ausgestorbenen Orang-Utan stammten. Inzwischen hatte mein Freund Teilhard de Chardin, wie er schrieb, eine Forschungsreise durch Südchina unternommen, und einen fossilen Orang-Utan entdeckt. Ich fuhr nach Hongkong und fand mehrere hundert Orang-Zähne. Aber einige wenige Zähne aus den Apotheken in Hongkong und Kanton stammten von einem fossilen Menschen, und 1939 gelang es mir, in Hongkong einen ersten unteren Prämolaren zu finden, der weit größer ist als der des heutigen Menschen. Einen anderen sehr großen Zahn, der ein viel gröberes Kronenrelief besaß, beschrieb ich als Gigantopithecus blacki, den Riesenaffen von Black. Diesen Namen gab ich ihm zu Ehren von Davidson Black, der den Peking-Menschen entdeckt hatte. Im Laufe der Jahre sind zu dem ersten Gigantopithecus — Zahn noch drei weitere hinzugekommen, ebenso groß und grobrunzelig wie der erste. Professor Weidenreich, dem ich die Abgüsse dieser Zähne geschickt hatte und der diese während des Krieges beschrieb, will denn auch in Gigantopithecus einen Riesenmenschen sehen. 1956-58 glückte es bei Grabungen in einer Höhle bei Liucheng in der Provinz Kwangsi, gleich drei gewaltige Unterkiefer zu bergen!

Immer wieder unterbrochen von Geldmangel, grub von Koenigswald mit seinen Kollegen aus der Geologie vor allem in Ost-Java während der 30er und 40er Jahre. Und er hatte Glück. Er entdeckte den Schädel des Pithecanthropus mit den Resten des massiven Überaugenwulstes und ausgeprägten Eindrücken der Gehirnwindungen. Er vermutete, dieser Pithecanthropus erectus sei ein Mensch gewesen, und Professor Weidenreich, der geniale Anatom, bestätigte ihn in dieser Meinung — man nannte dieses Fossil Homo erectusVon Koenigswald, G.H.R. (1955): Begegnungen mit Vormenschen. Düsseldorf.

Wegen des Krieges mussten unsere Untersuchungen in Sangiran abgebrochen werden. Ende Dezember 1941 lag alles still. Die Japaner besetzten Java und wir mussten unsere Funde unter japanischer Kontrolle im geologischen Dienst abliefern. Ein schwedischer Freund füllte meine Zahnsammlung in große Milchflaschen und begrub sie nachts in seinem Garten. Das Kriegsende erlebte ich auf Java in japanischer Kriegsgefangenschaft. Einer unserer Fossil-Schädel war als Geburtstagsgeschenk für den Kaiser nach Japan verschleppt worden; er überlebte das Bombardement und wurde nach dem Krieg in Kyoto gefunden — ich habe ihn wieder bekommen. Aber alles Material des Peking-Menschen war verloren gegangen mit einem Schiff, das aus rätselhaften Ursachen unterging.

Anfang 1948 ging von Koenigswald zurück nach Holland und als Paläontologe an die Universität in Utrecht. Sein Freund, Teilhard de ChardinTeilhard de Chardin, Pierre (1963): Die Entstehung des Menschen. München, starb am Ostersonntag 1955 in New York.

Im Herbst 1969 stand ich auf dem Hamburger Bahnhof und erwartete meinen Gast. Es erschien Professor von Koenigswald, unter dem Arm vorsichtig tragend einen Kasten aus poliertem Holz. Später im Atelier durfte ich einen Blick werfen auf die Schädelknochen des 1937 gefundenen Homo aus Java. Auf Samt ruhend. Ehrfürchtig fuhr der Finger über die raue Schale des uralten Gebeins. Jagte und verspeiste er auch Nachbarschaftsfrühmenschen und Kollegen? Wir kannten die großartigen Rekonstruktionen alter Gesichter, die Dr.Wandel in Bonn gefertigt hatte. Nun saßen wir uns am dekorierten Tisch gegenüber, Moderator und Paläontologe, lächelnd, souverän. Für die Kamera erzählte er noch einmal von der Suche nach Drachenzähnen. Dann stand ich an der bunten Wandkarte und erklärte die möglichen Wanderwege des Frühmenschen in Afrika. Um ein Haar hätte der herabsausende, kochendheiße Scheinwerfer meiner Karriere ein frühes Ende bereitet, doch es blieb bei den Ahs und Ohs der lauschenden Runde. Der Mensch stammt aus Asien, so das Credo von Koenigswaldts. Da ließ er nicht mit sich handeln.