© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Robert Flaherty, der Vater des Dokumentarfilms

1926 erhielt der Dokumentar-film seinen Namen. Es war der 1898 geborene Schotte John Grierson, auch ein Heroe des Films, der für die New York Sun eine Rezension über den Film Moana von Robert Flaherty schrieb. Darin benutzte er das Wort Documentary, das er vom französischen Reisefilm (documentaire) übernahm. Später erklärte Grierson das Wort Documentary mit schöpferische Behandlung von Aktualität. So kam das Wort in die Welt (andere Autoren fanden andere Erklärungen) und blieb darin, bis zur heutigen Doku. John Grierson wurde zum Theoretiker und Organisator des britischen Dokumentarfilms und drehte selbst den wundervollen Film Drifters über den Alltag auf einem Heringslogger. Robert Flaherty aber nennt man den Vater des Dokumentarfilms. Auch er ein Heroe, der zum Vorbild vieler Filmgestalter wurde, die in die Welt hinauszogen, wie er es vorgemacht hatte. Robert Joseph Flaherty wurde 1884 im Iron Mountain geboren als Sohn eines Bergbauingenieurs, der mit ihm in den Lagern der Kumpel im nördlichen Michigan lebte. Der Eisenbahnmogul Sir William Mackenzie lernte den jungen Robert kennen, hielt ihn für begabt und schickte ihn zur Hudson Bay, dort sollte er Filmaufnahmen machen. Robert fand das großartig, kaufte sich eine Bell & Howell Kamera, Lichtequipment, tragbare Entwicklungs- und Kopiergeräte, Rohfilm und machte einen Dreiwochenkurs in Kinematographie und zog los den weiten Weg. Während in Europa der Krieg ausbrach, wurde Klein-Robert zum Selfmade-Expeditionsfilmer. 1916 brachte er seine filmische Ausbeute nach New York. Während er schnitt und rauchte, explodierte der Nitrofilm und verbrannte den Schöpfer lebensgefährlich. Im 1. Weltkrieg war an Filmgeld nicht zu denken, die Sponsoren hatten andere Sorgen. Endlich 1920 gab ihm eine Pelzfirma 18 000 Dollar, so dass er eine Expedition ausrüsten und nach 2 Monaten Reise die Nordostküste der Hudson Bay erreichen konnte. Ein Eskimostamm nahm ihn auf, die Itivimuit nannte er sich, und der Jäger namens Nanook wurde sein Star. 16 Monate lang drehte er dort mit Hilfe der freundlichen Jäger tausende Meter Film über die eisige Landschaft, über die Menschen Nanook, Nyla, Allee, Cunayou und Comock, und ihr mühseliges Leben am Rande des Hungers. Nanook der Jäger nannte den Film in seiner Sprache Aggie, und filmen wurde zum Inhalt seines Eskimolebens Flaherty lernte Iglus bauen, Kajak fahren und Pelze unterscheiden. Sein 35 mm Filmmaterial entwickelte er stets nach dem Drehen. Nicht gelungene Szenen drehte er noch mal. Die Eskimos schleppten tonnenweise Süßwasser in seine Becken zum Wässern. Flaherty schrieb täglich Tagebuch, am 26.September 1920:

O welch ein Tag! Der Morgen klar und warm. Zwanzig Walrosse lagen schlafend auf den Felsen, Ich kam ran auf 100 Fuß und filmte mit der Telelinse. Nanook kam mit seiner Harpune. 20 Fuß war er nah, da gaben die Tiere Alarm und rauschten ins Wasser. Nanook traf, aber der Bulle erreichte das Wasser. Die Eskimos zogen um ihr Leben an den Harpunenseilen, um die Beute herauszuziehen. Die übrigen der Herde riefen ihr ok ok — und ich filmte und filmte und die Leute riefen mir zu, den Kampf mit dem Gewehr zu beenden, so viel Angst hatten sie, in die See gezogen zu werden.

Diese Szene lässt Leute noch heute atemlos zusehen, so spannend ist der Kampf um Sein oder Nichtsein, um Nahrung. Flaherty machte den Film in New York fertig, aber er fand lange keinen Verleih. Er hatte 53 ooo Dollar ausgegeben und war verschuldet. Endlich 1922 gab Pathé ihr o.k. und erreichte, dass das wichtige Capitol Theater die Premiere ausrichtete, am 11.Juni 1922. Mit rauschendem Erfolg. Kritiker Robert E. Sherwood schrieb: Der Film ist einmalig, wahrhaft eine Klasse für sich. — Und auf einmal hatte der Dokumentarfilm eine Reputation, auch finanzieller Art, die er seit Jahren nicht gekannt hatte. Jesse Lasky von Paramount versprach Flaherty jede Summe, wenn er ihm einen neuen Nanook brächte. Der originale Jäger Nanook starb zwei Jahre nach der Premiere des Films auf der Jagd, alle Welt trauerte um ihn. In Berlin wurde eine beliebte Eiskreme Nanook genannt. Und ein Broadway Musical kreierte den Chorus:

Ever-loving Nanook
Though you don’t read a book,
But, oh, how you can love,
And thrill me like the twinkling northern lights
Above …………….

In den Augen des Regisseurs war der Film die wahre Widerspiegelung des Lebens, (der Filmerfinder Louis Lumière hatte einst gesagt Das Leben selbst, auf frischer Tat ertappt)
Flaherty sagte, Film sei Vermittlung von Wissen über die Wirklichkeit. Ein Regisseur solle sich lange Zeit im Milieu aufhalten und seinen Stoff genau kennen, er müsse mit ihm verwachsen sein. Erst dann könne das Gewebe für eine filmische Erzählung entstehen. Die Story müsse der Örtlichkeit entnommen sein, es müsse die essentielle Story sein. Das Drama sei das Drama der Tage und Nächte, der Jahreszeiten. Eher als andere Dokumentaristen versuchte Flaherty, das Typische im Detail, das Allgemeine im Individuellen einzufangen.

Die Neugier des Entdeckers und die Empfindsamkeit des Poeten trieben Flaherty über vier Kontinente auf der Suche nach dem Menschen, seiner Art zu leben, seiner Weise, mit der Natur zusammen zu existieren, seinem täglichen Kampf ums Überleben. Er brauchte Zeit für seine wenigen Filme: Nanook of the North (1922), Maona (1924), The Man of Aran (1934),
The Land (1942), Louisiana Story(1948). Grerson nannte Flaherty einen Realisten der Menschheit. Aber zehn Jahre nach Nanook of the North war die Tradition dieser Entdecker-als-Dokumentaristen schon zu Ende.

Dokumentarfilme drehen, wie Flaherty es versuchte, ist heute für das Fernsehen nicht mehr möglich. Kein Sender würde einen freien Filmer 16 Monate in die Arktis schicken und ihn dort einsam drehen lassen. Flahertys Filme, obwohl stumm und schwarz-weiß, bieten auch heute jungen Filmern Stoff zum Nachdenken. Und zum Genießen, etwa der wundervollen Szene, wie nacheinander kleine und große Menschen und ein Hund aus einem winzigen Kajak herauskrabbeln und glücklich strahlen — oder die Szene, in der Nanook in die Schallplatte beißt und dem Kleinsten,,der sich den Magen verdorben hat, das Abführmittel grinsend einflößt. Wie Nanook den Iglu in grausiger Kälte baut mit dem später eingefügten Fenster und sich alle splitternackt unter den Fellen verkriechen. Flaherty hatte das Dach abnehmen müssen, weil er viel Licht brauchte, um diese Szene zu drehen, und so froren alle noch mehr. Es sind atemlose Szenen, hautnah, menschlich und jeder Filmemacher denkt: Herrgott, einmal nur so eine Chance bekommen, einmal so einen Film drehen dürfen — was würde ich dafür geben. Und deshalb nennt man Flaherty den Vater des Dokumentarfilms.

Das Mannheim Film Festival von 1964 suchte die größten Dokumentationen aller Zeiten — Nanook of the North führte die Liste an