© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

An den Sonnenküsten des Mittelmeeres (1965)

Es war ein harter Kampf. Vor kurzem erst war das ZDF mit einer Rede des Intendanten auf Sendung gegangen. Die mühseligen Zeiten des Adenauer-Fernsehens waren überstanden. Aber es kostete Kraft und Ausdauer und Überredung, bis ein freier Produzent vom mächtigen Sender einen Auftrag erhielt. Das ZDF schickte meinen Kollegen Theo Ott nach Südamerika, es sollte dort auf den Spuren Alexander von Humboldts wandeln. Ich hatte mich derweil auf den Weg nach Mallorca zu machen, um zu erkunden, wie die neue Reisewelle sich dokumentieren ließe. Mein unbeliebter Chefredakteur befand, ich könne für die Recherchen ruhig meinen Jahresurlaub nehmen, dann würde es nicht so teuer. Und ich saß in der Swiss Air und las, das Jahr 1965 sei zum Jahr des Flugbooms gekürt worden, die Gesellschaften kämen nicht nach mit den Buchungen. Kein Wunder. Die Deutschen hatten mehr Freizeit als je zuvor in ihrer Geschichte, mehr gesetzliche Urlaubstage, eine garantierte 5-Tage-Woche. Und sie suchten ihre mitmenschlichen Kontakte nun in der Fremde, nach dem Motto Freizeitspaß und Reiselust. In der drangvollen Enge der Superconstellation stieß der Ellenbogen beim Kaffeetrinken an den Nachbarn links: Gestatten, Brendele mein Name; Schuhvertreter! Wir redeten über alles Mögliche, er vor allem über die herrliche Insel, die ein Dorado sei für handgearbeitetes billiges Schuhwerk bester Qualität, das er für die Kunden in der Schweiz einzukaufen trachtete. Er wolle mir die Insel zeigen. Zunächst aber den Flugplatz, noch aus den Zeiten der Pioniere, mit staubiger Hitze und trockenen Baracken. Palma mit der imposanten Kathedrale erinnerte an die Jahre, da die Engländer nach dem Dienst in Indien hier ihre Malaria auskurierten. Jetzt waren die Deutschen dabei, die Insel zu erobern.

Im Fiat-Leihwagen fuhren wir übers Land, sahen stille Dörfer, kalkweiße Häuser und kaum Einheimische. Manches Motiv ließ mich an George Sand denken, und wie sie den todkranken Chopin pflegte in der alten Karthause, als ihn die Dörfler abschieben wollten aus Angst vor der Tuberkulose. Im hübschen zeitlosen Dörfchen Lluchmajor, da wo Mallorca noch fest in seiner Geschichte ruhte, flochten hundert stille Frauen Lederschnüre für Sommerschuhe, und Senor Munar lud uns mit spanischem Charme unter die Laube und ließ Oliven mit Mandeln und gelben Äpfeln zu frischem Wein und Brot servieren. Welch ein Geschmack! Am versteckten Privatstrand, den man mit dem Boot erreichte, erzählte ein Jüngling blitzenden Auges von den Picadores, die auf dem Flugplatz auf die Maschinen aus Europa warteten, mit vielen Hundert sonnen- und liebeshungrigen Frauen aus England, Frankreich und der Bundesrepublik. Die zog es an die Strände und zu den feurigen Männern, und sie machten es jenen wahrscheinlich nicht schwer, sie zu erobern. Bei den Deutschen, meinte der Jüngling, brauchten die Picadores durchschnittlich nur 20 Minuten, bis sie die Damen herumgekriegt hätten. Umgekehrt waren die mallorcinischen Ladies beim abendlichen Flamenco für Europäer nicht zu haben, und alle, Fremde und Einheimische, hatten eine Höllenangst vor den schwarzen Lackhüten der Guardia Civil des Caudillo Franco, die jeden einlochten, der am Strand zu abendlicher Stunde Küsse tauschte. Die Gesetze des General Franco reichten bis zu den Balearen. Und die Gefängnisse in Spanien waren noch mit der Garotte ausgerüstet, die dem verurteilten Delinquenten den Kehlkopf zerquetscht, bevor sie ihm das Genick bricht.

Mir zog ein freundlicher Arzt einen wehen Zahn. Ich sah ein Stück gebirgiger Landschaft mit uralten Olivenbäumen, sah die Fincas der kleinen Bauern, die Kirchen. Reiselustige Engländer fuhren mich zu den bestaunten Ruinen einer Festung aus der Eisenzeit. Und an den Stränden von Arenal schossen die Hochhaushotels, die Neckermannbunker, aus dem Boden in vollendeter Hässlichkeit. Sie gehörten mittlerweile ins Bild der Insel. Hier müsste ein Urlauberparadies entstehen, wie die Planer glaubten? Ich bewegte mich zurück aufs Festland und eilte nach Paris ins Quartier latin. Dort hörte ich Herrn Candilis zu, dem Stararchitekten, wie er seinen gebückt arbeitenden Zeichnern Anweisungen gab, die an Kühnheit alles übertrafen — im düsteren vierten Stock eines Hinterhofs aus den Zeiten des Ersten Napoleon. Riesige Hochhäuser sollten an Frankreichs Mittelmeerküste aus dem Sande gestampft werden, Yachthäfen, Es sollte urbanes Leben entstehen, wo derzeit noch Milliarden von Mosquitos den einsamen Wanderer überfielen, Ha Monsieur, da ist das Urbane, das Leben um den Dorfbrunnen, Sie werden sehen! Candilis träumte seine Visionen, während ich im Zug nach Marseille saß. Am fischeduftenden Hafen erzählte Madame Rigaud vom Bauen im Süden. Wir speisten die frischesten Austern auf dem Markt und ich dachte an den Grafen von Monte Christo und die Gefängnisinsel, die zu filmen viel lustiger wäre. Der Weg führte mich ins pittoreske Perpignan, wo einst jüdische Schriftsteller die Flucht vor den Nazis nach Spanien wagten. Einsame Stühle warteten, gebadet in Winterfarben, auf die nächsten Touristen. Und der Bus eilte übers Gebirge nach Barcelona mit seinen breiten Alleen und den wundervollen Fassaden aus den Gründerjahren.
Der jugendliche Taximensch im verbeulten Seat sang frohgemut das Lied von den arroganten Kastiliern, die den Barcelonesen das Wasser nicht reichen konnten. Stets fuhr er im 4.Gang und die Kupplung heulte, so sparte er das teure Benzin. Ich litt mit dem gepeinigten Motor.

Die flache Landschaft der Costa Brava sah aus wie Boomtown mit Straßen, die irgendwo ins Nichts führten, weil die Bauten fehlten. Einsame Laternenmasten, ohne Strom und Aufgabe, schaukelten wie in alten Schwarzweiß Krimis im scharfen Wind, der braunen feinen Sandwolken vor sich her. Hier sollte eine Urbanisation entstehen, etwas Urbanes — städtisches also, eine Kunststadt. Wer hier wohl einst wohnen würde, — eine Familie aus Castrop Rauxel vielleicht? Mein Fahrer erzählte von der Moos-Gruppe aus Stuttgart, die das Geld hatte, plante und baute. Trupps deutscher Kaufwilliger karrte sie kostenlos per Flieger nach Spanien und jagte sie im Eiltempo durch die Bungalows und Appartements ihrer Neubauten am Strand. Die Deutschen kamen und zeigten Fröhlichkeit, ahnten nicht, was ihnen da blühte. Nur hundert Meter weiter das schöne echtspanische Bauernhaus, wie aus den Zeiten des Don Quichote. Vor dem Eingang, einem Gemälde gleich, still und stumm rauchend — die Epoche und die erobernden Deutschen nicht begreifend — Bauer Gonzales. Nur hier und mit ihm konnte mein Film beginnen, und das Gefühl wurde schon besser.

In der klapprigen DC3 flog ich über welliges Land nach Malaga. Im schrägen Licht sah ich schön herausgehoben alte, längst vergangene Flussläufe, gewesene Wälder, dachte an die frühe Vergangenheit. Die Gegenwart meldete sich in Gestalt stiebenden Öls, das aus dem rechten Motor floss. Die herbeigerufene Stewardess meinte kühl, man habe genug Öl, es sei kein Grund zur Sorge. Malaga roch nach Blumen und unnennbaren Gewürzen und nach langer Geschichte. Goldenen Kugeln gleich schwammen kleine Orangen in blau schimmernden Pfützen. Mauern uralter frommer Gebäude. Der Leihwagen brachte mich ins Fischerdorf Torremolinos, wo die bunten Boote auf dem Strand lagen — und weiter ins schlummernde Marbella. Vom Reißbrett entstand dort eine Urbanisation, die Kunststadt Andalusia Nueva, puppenstubenhafte Neuromantik nach dem Vorbild hispanischer Städte, mit Kunstgittern, Kunstgiebeln, Kunsttürmchen, schreiend kitschig, dass die Augen schmerzten. Disney hätte hier lernen können. Die bunten Häuschen waren alle schon verkauft.

Fünfzig Meter vom Wasser stand im Sand ein Bungalow wie aus dem Katalog. Zerzauste Pflänzchen rangen ums Überleben. Frau Weber auf der Veranda lächelte schmerzlich. Oh es ist schlimm, überall Sand, in allen Ritzen, er macht alles rau und knirscht zwischen den Zähnen, der Salzwind frisst alles auf, was Aluminium und Weichmetall ist — sechs Monate leben wir hier, wir zahlen nur noch an den Raten Und der Mann: die Anwälte hier, immer nur Honorarforderungen und was man alles wissen muss, keiner kann mit denen reden, keiner von denen redet deutsch, aber wir haben es geschafft, die Nachbarn in Hamburg platzen vor Neid, hier werden wir alt werden — nicht? Lotte lächelte vage. Auf der Fahrt zurück nach Barcelona erstickte ein Sandsturm das neue Urbane wie unter einem braunen Schleier. Ein fahler Rest von Sonne über schwankenden Lampenmasten, wie Klagegeister. Ist so eine Urbanisation ein Irrwisch, der verfliegt, wie er kam? Aber hier entsteht Wirklichkeit, dachte ich, weil das Geld da ist und die Sehnsucht nach Sonne. Mal sehen, wie das ins Bild zu setzen ist. Die Recherchen waren erledigt, jetzt ging’s an den Dreh.

Ich stellte mich mit dem Mikro ins knietiefe warme Küstenwasser vor einen urtümlichen Felsen, vor mir der Strand mit der Kamera. Ich probte meinen Text Liebe Zuschauer und so..... Soll ich besser einen Panamahut aufsetzen? Ne, macht Schatten auf dem Gesicht und sieht blöd aus, beschied Gerd, der Kameramann. Ein Take, schlecht, noch mal, wieder ein Take — beim dritten drehte sich das Universum und ich verschwand samt Mikro im Wasser. Wachte am 3.Tag wieder auf, im Bett der kleinen Stadtklinik. Team tief besorgt. Diagnose des Arztes: Hitzschlag durch fehlenden Hut. Macht doch auch kein Vernünftiger, Moderation bei senkrecht stehender Sonne, wo man die Hitze nicht merkt, weil das Wasser kühlt. Hätte sehr schiefgehen können — mit mir, mit dem Film, und eine Versicherung war, wohl aus Kostengründen, nicht abgeschlossen worden. Wochen später fielen mir die letzten Haare aus, und ich trug der Kühle wegen eine Mütze auf dem kahlen Schädel. Die Damen vom Büro meinten, ich sähe sexy aus, fast wie der berühmte Polizeimensch aus der US-Krimiserie, der immer Lollys lutscht.

Die Affen von Gibraltar hätte ich gern gesehen, aber die Grenze von Spanien auf das Britische Gebiet war hermetisch verschlossen, internationaler Schwierigkeiten wegen. So sammelte ich Muscheln in den weiten Dünen bei Zahara und ließ mir erschütternde Geschichten erzählen von den bettelarmen Leibeigenen, die in Erdhöhlen hausen mussten wie die Tiere und schuften für die Latifundienbesitzer.

Gerd fuhr wie ein Henker durch das hektische Rom vorbei am Colosseum. An der Via Appia und ihrem herrlichen Pflaster träumte ich mich in frühe Zeiten, da wohlhabende Römer in Togas wandelten und sich baden ließen in den Bädern, sehr frühen Vorläufern unserer Urbanisation. Wir setzten über nach Sardinien. Eine uralte, kaum zu begreifende Kultur. Herr de Philipi geleitete uns in Olbia zu den düsteren, rasenbedeckten Bungalows, die aussahen wie Hitlers Wolfsschanze, nur viel teurer. Auf der Urbanisation Porto Cervo am Hafen waren Großkapitalisten willkommen, nicht Frau Müller aus Dortmund. Die Kapitalgruppe Aga Khan-Onassis hatte riesige Ländereien aufgekauft, stampfte Bungalowsiedlungen aus dem Boden, die nach zwei Jahren schon Rendite abwerfen mussten. Mit Hilfe des Staates baute man an der malerischen Bucht von Poro Conte ein Touristenzentrum an der Stelle früherer Sträflingskolonien. Leider ließ sich Aga Khan für mich nicht sprechen — Schicksal des Reporters.

Der Lichtblick für Gerd kam in Gestalt einer sardischen Prinzessin, die er prompt und bald ehelichte. Fröhlich fuhr er mit uns über die Via Appia ins kleine Hotel Torino, wo das Team müde und schweigsam die Tortilla aß. Schweigend drehten wir die Urbanisation Schmidt in Terracina und eilten weiter ins Menschengewühl Neapel mit seinen mörderisch engen Gassen, die schon der junge Goethe lebhaft beschrieben hatte auf seiner Italienreise. Mit dem Unterschied, dass er bei Prinzen speiste, während wir ins schmale Hotel Bologna ziehen mussten, kaum entfernt vom Zustand der Ruine, aber budgetgerecht. Gerd erklärte kategorisch: Heute ist kein Dreh, ich geh baden!. Nein, Badezimmer und Duschen hatte dies preiswerte Etablissement nicht, aber eine fein geschwungene Uralt-Badewanne. Sie wurde von hilfswilligen Männern auf dunklem Flur platziert und von Frauen mit warmem Wasser gefüllt. Gerd sortierte seine Utensilien auf dem Querbrett: Spiegel, Whiskeyflasche, Zigaretten, Feuerzeug. Genüsslich zurückgelehnt, trinkend, rauchend, lesend — das Dasein hatte seine schönen Seiten. Traum von der Prinzessin. Der Spiegel weichte im Wasser auf, der Kopf sank tief und tiefer, der Badende entschlief, war schon auf dem Weg ins Jenseits. Der Tonmann taperte aufs Flurklo, sah und schrie Alarm. Man rettete, der Gerettete war sauber und guckte komisch. Es sei nun Zeit für ein Weib, murmelte er, ein hiesiges. Sprachs und verschwand, gehüllt in schwüle Düfte, im Chaos der Altstadt.

Es ging weiter ins herrliche Herculaneum, Vorbild mancher neumodischer Urbanisationen, schöner noch als Pompeji, echter. Die Kamera verliebte sich hemmungslos in das Fest der Formen für antik-trunkene Augen. Welche Bilder, welche Perspektiven! Der trunkene Pan, und die Zeichen käuflicher Liebe. Herrgott, die Leute wussten zu leben, und starben leise im Jahre 79 n.Chr., als der Vulkan über sie hereinbrach mit Asche und Staub. Gekrümmt liegen sie da im letzten Kampf, Gestalten auf der Erde. Hörte man nicht die Seufzer? Ich saß am zeitlos klassischen Marmortisch vor der Götterfigur aus der römischen Kaiserzeit und notierte Worte für den späteren Kommentar. Meine Phantasie trug mich fort in eine Vergangenheit, die hier so rasch näher rückte, wie ein Sprung in der Zeit. Wie arm dagegen die salzzerfressenen Bungalows der sonnenhungrigen Deutschen an den Stränden des Mittelmeers. Wir setzten über nach Capri, wieder auf den Spuren der Alten. Tiberius Villa, wo die Sagen spuken von den Liebesspielen des Imperators — Jupiter möge es ihm gegönnt haben. Hier wäre ich wohl geblieben, wäre nach San Michele gewandert, hätte ins Meer hinaus geträumt und die Hast des Filmemachens ausgeglichen mit der inneren Ruhe der Kontemplation.

Gerd Ries, der fränkische Freund mit dem kantigen Gesicht und dem guten Auge für Bild und Szene, dieser Mann, nie verlegen um eine schöne bayerische Geschichte — er hat seine Prinzessin heimgeführt, hat ihr und den Kindern ein Zuhause gegeben. Später hat er das Fernsehen vergessen und hat Filme gedreht für das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, wo die Totenkopfaffen lebten, die einst der BBC-Mann Hugh Falkus für mich drehte — und ist viel zu früh gestorben an einem heimtückischen Krebs. Ich hoffe, dass es Gerds Filme in einem Archiv noch zu sehen gibt, damit dieser Mann nicht ganz vergessen ist.