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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 1, Teil 10: Am Ostwall (Pantherlinie)

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 1, Teil 10

Am Ostwall (Pantherlinie)

Jetzt ging es nur noch zurück! Irgendwo sollte eine Auffanglinie neu installiert sein. Inzwischen, es war Ende Februar, setzte leichtes Tauwetter ein und das Loch in einem meiner russischen Filzstiefel machte sich unangenehm bemerkbar. Ich musste immer Heu in den Fußteil stecken, um etwas warme Füße zu bekommen. Fanden wir mal ein einigermaßen Quartier, ging es zunächst immer ans Reinemachen, erst dann gönnte man sich Ruhe. In der Regel war dann der Ablauf so, dass der Befehl zum Weitermarsch kam und die Ruhe auf der Strecke blieb.

Einmal wurden wir eingesetzt, um Partisanen aufzufinden. Sie sollten sich in einem kleinen Dorf aufhalten, zu dem man uns transportierte. Als wir uns den Häusern näherten, lief tatsächlich ein Mann davon und in den nahen Wald. Ihn abzuschießen war wegen der Entfernung nicht möglich. Wir gingen also in die Häuser, um die Bewohner unter die Lupe zu nehmen. Drinnen lebte ein Greis, zwei Kinder auf dem großen Ofen und drei Frauen. Eine der Frauen, ein Mädchen von etwa 15 Jahren, hatte eine syphilitische Geschwulst im Gesicht. Die anderen Frauen kümmerten sich um das Essen. An der Decke hing ein Korb mit einem Säugling. Man lud uns zum Mitessen ein. Die Einladung war so freundlich, dass wir, Werner und ich sie nicht abzulehnen vermochten. Es gab Bratkartoffeln, über die Milch gegossen wurde. Das mit der Milch kannten wir nicht und aßen unsere Kartoffeln wie üblich. Wir wurden mit bedauernden Blicken angesehen. Man konnte nicht verstehen, wie uns die trockenen Kartoffeln schmecken konnten. Aber sie taten es. Zum Dank entnahm ich meiner Butterdose aus Bakelite, die neben der harten Butter liegenden etwa 20 Süßstofttablettchen und gab sie den Russen. Die Freude war riesig, gab es doch anscheinend keinen Zucker.

Alsdann wurden wir zum Sammelpunkt ‒ einer Scheune ‒ beordert. Dorthin hatten die anderen Kameraden befehlsgemäß die Einwohnerschaft zusammengetrieben und eingesperrt. Es wurde angedroht sie zu verbrennen, also die Scheune anzuzünden, wenn sie keine Hinweise auf Partisanen geben würden. Die Kameraden fingen ob dieses Zustandes an zu murren und deuteten an, dass keiner Feuer legen würde, um Frauen und Kinder in lodernde Fackeln zu verwandeln. Die Führung sah von Gräueltaten ab und wir wurden abgezogen.
Ein andermal landeten wir in einem Dorf, in dem nur Frauen zu sein schienen. Da es sehr kalt war, trugen einige von ihnen hübsch bestickte Kalblederjacken. Sie fingen an zu weinen, als wir die Gelegenheit nutzten, die Läuse in unseren Hemden umzubringen. Sie konnten sich ausmalen, wie wir leiden mussten unter dem Ungeziefer. So ein kleiner Feldwebel unserer Einheit, ein richtiger Dreikäsehoch mit großem Maul, seinen Namen weiß ich nicht mehr, riss einer der Frauen eine solche Jacke vom Leib und schmückte sich selbst damit. Die Tat fand wahrlich keinen Beifall.

Im letzten Haus des Dorfes war eine Frau dabei, in ihrer kleinen Küche gekochte Kartoffeln zu pellen. Natürlich gab es Kameraden, die einfach zugriffen, ohne zu fragen. Das fand keine Anerkennung. Ich fragte höflich, ob ich mir eine Kartoffel nehmen könnte und sie wurde mir gern gegeben.

Der Weitermarsch führte uns an dem brennenden Pleskau vorbei. Die Holzhäuser brannten lichterloh. Es war ein riesiges Flammenmeer. Der Befehl verbrannte Erde zeigte Wirkung. Dem Russen sollte nichts Brauchbares hinterlassen werden. Auch die am Wege stehenden Telegrafenmasten wurden gesprengt. Mit einem Nagel wurde eine Sprengmasse an den Mast geschlagen und mittels Zünder zur Explosion gebracht. Es waren dieselben Ladungen so groß wie ein Stück Seife, wie in den Holzminen verwendet. Die Masten kippten einfach um. Weil das kurz hinter uns passierte, mussten wir eine der letzten Einheiten sein, die hier lang marschierten.

Obwohl schon dunkel, fanden wir dann doch noch unser Quartier, ein Bauerngehöft, etwas ab von der Straße im Walde gelegen. Wir sehnten uns alle nach dem langen Marsch nach Ruhe. Und jetzt kam es. Zur Strafe, weil das Gewehr angeblich zu beanstanden war, musste ich die erste Wache übernehmen. Nun stand ich da umgeschnallt mit Stahlhelm und Gewehr und versuchte nicht einzuschlafen. Ablenkung war da ein gutes Mittel. Also ging ich zunächst den Hof zu erkunden. Ich schaute in einen kleinen Stall, der jedoch kein Dach mehr hatte, dafür aber mit Kopfsteinen gepflastert war. Ich hörte ein Geräusch und sah plötzlich einen Schimmel vor mir, ein schönes Pferd. Ich versuchte mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber das wurde nichts. Da standen wir nun: Ich in der Tür und der Schimmel an der Wand. Je länger ich ihn anschaute, um so mehr wurde er in meiner traumhaften Vorstellung zu einem flauschigen weißen Bettbezug. Also stellte ich mich, wie ich es als Kind auf dem Doppelbett meiner Eltern immer gern getan hatte, auf den etwas breiteren Rand des Bettgestelles und lies mich völlig losgelöst nach vorn fallen.

Es schepperte mächtig, als der Stahlhelm auf das Pflaster knallte und das Pferd wurde unruhig. Leicht hätte es mich über den Haufen rennen können. Schnell war ich wieder auf den Beinen und hellwach. Der Stahlhelm hatte Schlimmeres verhindert; mir war nichts passiert. Endlich wurde ich dann abgelöst und konnte, jetzt erlaubt, meine Ruhe finden.

Der Marsch als solcher war trostlos. Jeder Zug trottete hinter seinem von Pferden gezogenen Panjewagen her; in drei Gruppen, hintereinander. Natürlich auch in der Dunkelheit. Es dauerte nicht lange und man schlief im Marschieren ein. Kam der Zug zum Halten, gab es regelmäßig Krach, weil die ganze Kolonne aufgelaufen war; jeder hing am Vordermann, was dem natürlich nicht angenehm war. Da wir über der normalen Uniform Winterjacken und -hosen trugen, kamen wir ganz schön ins Schwitzen. Am meisten natürlich da, wo sich das Kugellager befand. Deshalb waren beide Hosenklappen weit geöffnet. Konnte keiner sehen, weil die Jacke darüber hing.

Allmählich näherten wir uns der Auffanglinie. Wenn ich mich recht erinnere, nannte man das den Ostwall (Pantherlinie), der nun die Russen endgültig aufhalten sollte. Es war eine Art Wall quer durch die Landschaft. Er war von Hilfskräften, vorsichtig ausgedrückt, errichtet worden. Man hatte jeweils am Ende und Anfang eines Segments zwei Baumstämme in die Erde gerammt und dazwischen Baumstämme eingefügt. Das Ganze etwa zwei Meter hoch. Es schloss sich ein Segment an das andere. Nach vorn war es ‒ so schien es ‒ abgedeckt mit Grassoden. Von der Feindseite sah das Bollwerk aus wie ein Deich. Von der anderen Seite sah man nur gegen Baumstämme und Bunker, die integriert waren. Ab und zu erkannte man eine Art Stufe, die es ermöglichte, über den Deich zu schauen. Böse Zungen behaupteten, vor den Stämmen sei lediglich Laub aufgeschichtet und dann mit Soden abgedeckt worden. Da würde jeder Artillerieschuss hindurchgehen.

Unsere Bunker lagen im Waldstück; hier der vom Kompaniechef und etwas weiter der von der Reservegruppe. Die Eingänge lagen sich gegenüber. Sie waren eigentlich ganz gemütlich und hatten einen Ofen, der sich gut bedienen ließ. Nur ich hatte nicht viel davon, mein Rückruf in die Heimat lag vor. Werner und ich waren die einzigen KOB‘s im Regiment, die ohne Verwundung waren. Auf uns fiel deshalb die Auswahl für den Besuch der Kriegsschule im Zuge der weiteren Ausbildung. Damit hatten wir also unsere sogenannte Frontbewährung abgelegt.

Noch ein Wort zum KOB. KOB heißt Kriegsoffiziersbewerber. Zuerst nannte man uns ROB‘s, Reserveoffiziersbewerber. Das wurde später geändert. Vielleicht wollte man damit andeuten, dass wir nur kriegsbedingt als Offizier nutzbar waren; wer weiß. Und nun kommt der Dreikäsehoch wieder ins Bild: Dieser entsetzliche Feldwebel stand doch mit seinen Leuten am Wall und schoss auf einen verwundeten Russen in einigen 100 Meter Entfernung. Ja, die Russen waren inzwischen mit Vorhuten angekommen. Ob er ihn getroffen hat, weiß ich nicht

In der ersten Nacht unserer Ankunft musste auch ich Posten stehen, das ging rund. Man stand auf der Stufe und schaute in die anscheinend tote Gegend. Alles weiß. Ab und zu knirschte mal der Schnee hinter einem in einiger Entfernung, wenn einer vorbeiging. Es konnte der Unteroffizier vom Dienst sein, der die Posten kontrollierte. Man musste schon sehr aufpassen und rechtzeitig Parole? rufen. In den ersten Märztagen wurde ich, vermutlich zusammen mit Werner zum Regiment beordert und zum Unteroffizier und Fahnenjunker der Reserve befördert. Aus meinen Aufzeichnungen geht nicht genau hervor, ob dies am 1. oder 4. März 1944 war. Am nächsten Tag, am 5. März wurde Abschied gefeiert. Der Kompaniechef hatte vormittags Besuch vom vorgeschobenen Beobachter der Artillerie, einem stämmigen Feldwebel. Den trank er reif, denn der konnte nur besoffen genau schießen, so hieß es. Dann besuchte ihn der Regimentskommandeur, Hauptmann Jürgensen oder Major Vogel und auch der verließ leicht schwankend den Bunker. Unser Chef konnte sehr viel ab. Nun kamen Werner und ich an die Reihe. Wer noch mit in der Runde war, entzieht sich meiner Erinnerung. Zunächst musste Werner einschenken. Es gab Danziger Goldwasser, das Lieblingsgetränk des Chefs. Als Werner wackelte, übernahm ich den Mundschenk. Hielt das aber auch nicht lange durch. Das war es dann.

Wir schleppten uns in den Bunker. Man erlaubte mir, mich um den Ofen zu legen, denn mich fror jämmerlich, obwohl ich ja eigentlich nicht mehr dazu gehörte und auch meine Unterweste einem Kameraden überlassen hatte. So warteten wir denn in der Dunkelheit ab, bis die Wagen vom Tross kamen.