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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 1, Teil 11: Zur weiteren Ausbildung in die Heimat

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 1, Teil 11

Zur weiteren Ausbildung in die Heimat

Es waren kleine Infanteriekarren, so nannte man sie, die sich miteinander verbinden ließen und die von einem Pferd gezogen wurden. Man setzte jeden von uns in einen dieser Karren und dann ging's los. Werner lag so unglücklich in seinem Karren, dass der Kopf dann und wann gegen das Rad schlug. Dabei verlor er seine Mütze. Beim Tross angekommen, wies man uns eine Ecke zu und wir schliefen todesähnlich.
Aber die Kameraden waren auf Draht. Sie hatten die Sauna vorgeheizt, die wir dann aufsuchen konnten, uns zu erquicken. Das war wirklich ein Erlebnis. In den Bottich mit Wasser gingen wir aber nicht. Dazu waren wir zu feige. Wir liefen aber hinaus in den Schnee und bewarfen uns damit. Anschließend waren wir wieder frisch und munter.

Jetzt hatte Werner das Bedürfnis, zum Frisör zu gehen. Das leuchtete mir zunächst nicht ein, ich begriff das erst, als er mit einer Mütze auf dem Kopf zurückkam. Ich weiß nicht, ob ich das gebracht hätte.

Gegen Mittag des 8. März 1944 machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof Ostrowo, ich glaube auf diesem Bahnhof war Onkel Robert Lehmann im Ersten Weltkrieg Bahnhofskommandant, wie einem Foto zu entnehmen ist. Es standen dort Soldaten und Zivilisten herum und warteten auf den Zug, der gegen 16.00 Uhr eintreffen sollte. Doch der Zug kam nicht, vielmehr machte ein Gerücht die Runde, dass mit einem Fliegerangriff zu rechnen sei.
Auf dem anderen Gleis stand ein Güterzug. Wir kamen mit dem Zugführer und dem Heizer ins Gespräch. Wohin fahrt ihr?, war die übliche Frage. Es war genau die Richtung, in die wir wollten. Sie nahmen uns gerne mit, weil wir bewaffnet waren und es immer wieder vorkam, dass gerade Güterzüge von Partisanen angegriffen wurden. Zwei Gewehre mehr waren von Vorteil. Also stiegen wir auf die Lok und sahen uns den Betrieb dort an. Wir kamen gut voran und konnten uns sogar auf die Bodenfläche legen, um uns etwas auszuruhen. Wer da denkt, man sieht anschließend aus wie ein Schornsteinfeger, der irrt. Obwohl die Kohle darüber gezogen wird, wurden wir nicht auffällig dreckig.

Irgendwo war die Fahrt mit dem Güterzug zu Ende und wir konnten auf einen Personenzug übersteigen. In Wilna wurden wir entlaust. Ein Riesenbetrieb. Leid taten uns die Panzerbesatzungen, die hereinkamen. Man erkannte sie gleich an ihren verbundenen Verbrennungen insbesondere an Händen und Armen. Mitunter war auch der Kopf total verbunden und nur die Augen schauten heraus. Mensch, waren wir gut dran.

Es war, so glaube ich mich zu erinnern, in Preußisch Eylau, wo wir dann unser sogenanntes Führerpaket erhielten. Weiter ging es über Berlin nach Hamburg. Es war der 11. März 1944 und wir waren zu Hause. Nach Neumünster ging am 13. März die Weiterfahrt nur noch, 19.15 Uhr um nach Hause zu fahren und einen Urlaub bis zum 26. März 1944 anzutreten.

Es kann sein, dass ich in diesen Urlaubstagen meinen früheren Kollegen Gustav von der Gemeindeverwaltung Garstedt traf. Er war inzwischen Fähnrich oder Oberfähnrich der Marine und hatte eine schnuckelige Uniform an: Ein langer blauer Mantel mit den goldenen Litzen drauf, eine blaue Schirmmütze und an der Seite einen kleinen goldfarbenen Dolch hängend. Gustav hatte das erreicht, weil er tapfer in Abendstunden sein Abitur nachmachte.

Zuletzt wurde er als Offizier der Marineinfanterie in Breslau eingesetzt und ist dort gefallen. Auch Albin traf ich im Urlaub. Er war inzwischen Leutnant in einer Einheit mit ausländischen Männern und in Rumänien eingesetzt. Er sah zünftig aus in seiner flotten Offiziersuniform. Albin hat aber den Krieg überlebt und kehrte nach München zurück, wo er inzwischen seinen Aufenthalt hatt.

Auch Papa und ich trafen uns in einem unserer Urlaube. Papa erzählte mir damals, dass angeblich 30.000 russische Kriegsgefangene von Deutschen umgebracht worden seien. Ich erwiderte ihm, dass ich mir das rein technisch absolut nicht vorstellen könnte und dass das ‒ wenn es wirklich geschehen wäre ‒ den Russen sicher zu Ohren kommen würde und dass dann kein deutscher Soldat in Kriegsgefangenschaft mehr sicher sei. Wie sagte man in solchen Fällen so schön: Das würde der Führer nicht zulassen! Der Journalist Eugen Kogon hat später in seinem Buch Der SS-StaatDer SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager ist ein 1946 zuerst erschienenes Werk des Soziologen Eugen Kogon, der selbst als Gegner des Nationalsozialismus sechs Jahre lang Häftling im KZ Buchenwald war. Es ist eine umfassende Darstellung des deutschen KZ-Terrors und gilt als die erste historische Analyse des NS-Terrorsystems.Quelle: Wikipedia.org diese Abläufe, die sich so tatsächlich zugetragen hatten, präzise beschrieben. Damit war mein Wintereinsatz ‒ Gott sei Dank! ‒ beendet.

Ergänzend zur Ausbildung im Lehrgang R sei noch anzumerken, das wir wiederholt eingesetzt wurden, wenn beispielsweise zum Empfang von Ritterkreuzträgern eine Ehreneinheit gestellt werden musste. Uns hatte man nämlich den Achtungsschritt und das Präsentieren des Gewehrs beigebracht. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich bei einem solchen Einsatz auch den früheren Stammführer der HJ, im Raume Harksheide ‒ Glashütte, Heini  gesehen, dem auch das Ritterkreuz verliehen worden ist und der als Offizier im Einsatz war. Das Erste was er machte war, in die Richtung zu schauen, ob wir auch alle genau in richtiger Reihung standen. Er war zivil Zollbeamter (Amtmann) in Hamburg und für seine Pingeligkeit bekannt. Ob er den Krieg überlebt hat, weiß ich nicht. In dem Buch 30. Division ist er allerdings als gefallen vermerkt.

Waren wir in Lübeck unterwegs und trafen auf einen Ritterkreuzträger, so wurde diesem gemeldet und wir zogen mit angezogenem Gewehr im Stechschritt vorbei. Da die Stadt viel Kopfsteinpflaster aufwies, war es nicht immer ganz leicht, das Gleichgewicht zu halten und gar mancher rutschte aus und flog auf den Hintern. Das war nicht angenehm. Auch das Stehen in einer Ehrenformation bei Hitze, im Sommer 1943 forderte manches Opfer. Der Mann kippte einfach um und keiner kümmerte sich zunächst um ihn. Das gehörte nicht zum Regularium.

Wenn in Lübeck die Kaserne brannte musste der Rückmarsch aus dem Gelände im Laufschritt zurückgelegt werden. Rudi, unser Kleinster, hochintelligent, er wollte später Tierarzt werden, aber mit körperlichen Schwächen, konnte da nicht mithalten, er war stets der Letzte. Uffz. Bätje, genannt Mephisto donnerte ihn an: Holldorf, wenn ich Sie noch einmal als Letzten sehe, passiert etwas!

Ich war in der Nähe und hörte den Anschiss. Von da an war Rudi Zweitletzter. Bätje schäumte, als er das sah und ich durfte am nächsten Tag seine Stiefel putzen. Vorhaltungen gab es keine.

Der Koch in der Waldersee-Kaserne, Uffz, war schwer in Ordnung. Er sah immer zu, dass er uns gut verpflegte und gab sich sehr viel Mühe, auch mal etwas Besonderes auf den Tisch zu bringen. So zauberte er mit unserer Ration an Weintrauben einen wunderbaren Pudding auf die Platte mit einer herrlichen Soße. Die Kartoffeln wurden in der Regel als Pellkartoffeln serviert, das war einfacher. Zu einem Feiertag, ich glaube Pfingsten, mussten etliche von uns zum Kartoffelschälen antreten. Da saßen wir nun vor einem riesigen Haufen Kartoffeln und mussten schälen, schälen und nochmals schälen. Nicht jeder hatte dafür eine glückliche Hand. Viele konnten gar nicht schälen, die kappten einfach die Rundungen und zurück blieb ein nackter Kartoffelwürfel. Sah gut aus, aber der Abfall war riesig. Frauen standen für solche Arbeiten nicht mehr zur Verfügung. Sie waren alle bei der Rüstung, als Bus- und Straßenbahnfahrerinnen pp. eingesetzt.

In der Meesenkaserne kam es vor, dass ich als Wachhabender eingeteilt wurde. Das war nicht ungemütlich. Man hatte seine Soldaten, die Wache stehen mussten und alle zwei Stunden abgelöst wurden. Kam ein Ritterkreuzträger oder Offizier vorbei, musste die ganze Wache raustreten und der Wachhabende musste Meldung erstatten. Nur über seine Zeit konnte man nicht verfügen. Der Gefreite Lechner aus Lübeck bekam dann auch Besuch von seiner Frau, die schwanger war. Das war durchaus zulässig. Einige Wochen später war ich wieder einmal dran. Es war miese Stimmung. Der Gefreite Lechner war kurz nach unserer gemeinsamen Wache zur Front gekommen und dort gefallen. Seine Frau hatte inzwischen das Baby bekommen und war natürlich am Boden zerstört. Sie hatte unser aller Mitgefühl, aber was nützte das? Der Krieg war grausam. Und wofür das Ganze???

Es ist nicht immer einfach, die Abläufe der Ereignisse aus dem Kopf zeitlich richtig einzuordnen. Da, wo ich ein konkretes Datum angegeben habe, kann ich mich auf Notizen stützen; sonst muss die Erinnerung herhalten.

So marschierten wir einmal durch die russischen Weiten, ich weiß nicht mehr, woher wir kamen und wohin wir wollten oder besser: sollten. Es war eine mit Schnee überzogene Ebene, soweit wie wir sehen konnten. Ganz plötzlich standen wir an einem Abgrund. Das Gelände fiel etwa fünf Meter leicht schräg ab und das über die gesamte zu erkennende Breite. Es wirkte wie eine Falte im Areal. Von oben hatte man einen wundervollen Überblick über die Schneelandschaft. Ganz hinten am Horizont, einige Kilometer entfernt erkannte man halblinks eine Gruppe kahler Bäume und darin vermutlich ein Haus oder auch mehrere Häuser. Einige 100 Meter rechts daneben das Gleiche. Da stieg sogar leichter Rauch auf. Sonst wies nichts auf Leben hin. Da, wo üblicherweise der Weg verlief, war die Schrägung etwas abgetragen worden, so dass man auch mit Pferdefuhrwerken hinunter kommen konnte. Es war schon beeindruckend.

Wir sind noch eine ganze Weile marschiert, haben die Häuser links liegen gelassen und kamen endlich zu einer ähnlichen Gestaltung. Nur lag hier inmitten kahler Bäume ein kleines Schloss mit Türmchen und ähnlichen zusätzlichen Ausstattungen. Innen war es aber leer und ich glaube, wir haben dort auf dem Fußboden übernachtet. Vermutlich gehörte es einem Gutsbesitzer ‒ wahrscheinlich zur Zarenzeit. Das war denn auch das einzige Schloss, welches ich in Russland gesehen habe.

Es soll hier festgehalten werden, dass der vorstehend im Text erwähnte Magier Albert SturmErleben Sie den Magier auf Youtube Albert Sturm - Zauberei mit Papier 1968., der Mann mit den 1000 Zeitungen in den End-Zwanzigern eine Berühmtheit war. Auch ich meine, später seine Darbietungen auf einer Hamburger Bühne gesehen zu haben. Er hatte, zumindest nach dem Kriege, seinen Wohnsitz in Quickborn, Feldbehnstraße. Wie einem Bericht des Hamburger Abendblattes entnommen werden konnte, hatte er in seinem Haus einen großflächigen Miniatur-Jahrmarkt aufgebaut, mit Buden und beweglichen Fahrgeschäften, der auch besichtigt werden konnte. Meines Wissens ist nach seinem Tode das Haus verkauft worden und es wurde darin ein Café betrieben. Den Inhaberinnen, zwei älteren Damen, habe ich meine Sammlung von Artikeln über Albert Sturm bereits vor einigen Jahren übergeben.