© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 1, Teil 5: Nach Lübeck zum Lehrgang

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 1, Teil 5

Nach Lübeck zum Lehrgang

Am 14. Mai 1943 kam ich nach Lübeck zum Lehrgang. Es war nachmittags und ich stand im Kasernenflur am offenen Fenster, um die Rückkehr meiner Lehrgangskameraden aus dem Gelände abzuwarten. Da hörte ich einen lauten Gesang: Unterm Dach juchhe, unterm Dach juchhe, hat der Sperling seine Jungen…. Es klang so gewaltig, als würde jeden Moment eine Kompanie Soldaten auf der Bildfläche erscheinen, dabei war es nur mein Lehrgang R, bestehend aus etwa 20 Mann. Bekannte waren leider nicht darunter.
Schrader, Burgdorf und Schleiffer waren im Lehrgang P untergekommen und Werner I in Lehrgang Q. Die Lehrgänge waren alphabetisch benannt, der Lehrgang P war noch aufgeteilt in P1 und P2. Die Eingliederung gelang trotzdem problemlos, die Kameradschaft war gut. Hier lernte ich auch Werner II, Walter aus Hamburg und Werner III aus Pinneberg kennen.

Der Lehrgang P hatte ob seiner Größe und seiner Führung, Oberleutnant Hauptmann von Harten, er hatte den rechten Arm im Feld verloren, ein besonderes Ansehen. Unser Lehrgangsleiter war Oberleutnant Bubi D.. Ihm zur Seite standen die Ausbilder Oberfeldwebel Alex H., Unteroffiziere Werner B., ein Bäcker aus Tornesch und Dr. Gunther H., in Zivil später Studienrat, sowie Obergefreiter B. Sie alle kümmerten sich sehr intensiv um unsere Ausbildung. Doch im Allgemeinen war es zu ertragen, was man von uns verlangte. Nur der Unteroffizier B., wir nannten ihn Mephisto, schoss manchmal über das Ziel hinaus. Ich habe immer mal daran gedacht, ihn in Tornesch zu treffen, doch es ist mir nicht gelungen. Es kam immer etwas dazwischen. Das ist jedoch kein Grund, graue Haare zu bekommen; er wäre es nicht wert gewesen.

Der Chef der ganzen Lehrgangskompanie war Hauptmann L., ich glaube, er besaß ein Möbelfachgeschäft in Lübeck, den wir allerdings nicht allzu oft zu sehen bekamen. Und dann war da noch etwas Besonderes: Unser Kasernenblock lag gleich links, wenn man durch das Kasernentor schritt, und ihm gegenüber auf der rechten Seite lag der Block, in dem die Krankenstation, das Revier untergebracht war, und vor deren Eingang fast jeden Morgen, ‒ wenn wir antreten mussten, ‒ der Sanitäter vom Dienst stand, eine dicke Zigarre rauchend. Und dies war mein Onkel Guschi (Gustav Vogelsang, der Sohn meiner Großtante Bertha Vogelsang, geborene Sievers, die das kleinste Haus in Lübeck, an der Mauer 94, bewohnte und die ich dann und wann gern mal besuchte. Sie hatte immer eine Kleinigkeit zur Hand, wie Bonbon oder Lakritze. Ihr Mann, Onkel Hans, war Mitte der dreißiger Jahre verstorben). Ab und zu fand eine kurze Begrüßung statt, und auch in der von ihm betriebenen Wannenbadeanstalt machte ich einen Besuch und wurde zum Essen eingeladen. Dort lernte ich auch seine Frau, Tante Agneta und die beiden Söhne kennen, die beide leider früh verstorben sind.

Übrigens: Der Oberfeldwebel H. machte in voller Uniform eine Riesenwelle am Reck und über jedes Gitter eine Flanke, Letzteres konnte ich nie.
Zum Dienst marschierten wir jeden Morgen in die Palinger Heide hinter dem Ort Herrnburg. Dort hatten wir meist intensive Berührung mit dem Heideboden ‒ per Gesicht natürlich. Wenn es schlimm kam, brannte die Kaserne und wir mussten im Laufschritt unsere Unterkunft erreichen.

Zwischendurch nahmen wir an Kurzlehrgängen teil und auch Reitunterricht genossen wir. Der war allerdings freiwillig, privat und kostete einen kleinen Obolus. Bubi D. hatte in der Nähe des Restaurants Hindenburghaus eine private Reitschule ausgemacht und das Ganze organisiert. Etwa zehn Mann nahmen daran teil. Wir haben nach dem Dienst dort den Unterricht erhalten und viel gelernt. Nur ins Gelände sind wir nicht geritten, das wurde in Dresden nachgeholt.

Interessant war die Ausbildung an dem schweren Granatwerfer 12 cm. Es war ein perfekter Nachbau der russischen Waffe. Warum auch nicht etwas Gutes vom Russen übernehmen. Sein Gewicht machte die Handhabung sehr schwierig. Er benötigte zum Transport eine besondere Lafette und ein Zugfahrzeug. Auf der Panzerschießschule in Putlos lernten wir Panzer kennen und ließen uns von ihnen in Deckungslöchern überrollen. Wir erlebten das Schieß-Kino (Übungsschießen) und Panzerabwehr mit Hohlhaftladungen. Wir besuchten die Pioniere und lernten Minen und ihre Wirkungsweise kennen. Wir mussten uns um einen fünf Meter großen Erdtrichter gruppieren, in dem dann eine geballte Ladung gezündet wurde. So konnten wir die Nähe einer solchen Explosion erleben. Auch scharfe Handgranaten wurden geworfen. Vor unserem Besuch war es üblich, dass sich einer der Ausbilder eine scharfe Handgranate auf seinen aufgesetzten Stahlheim stellte und sie abzog. Damit sollte die relative Ungefährlichkeit demonstriert werden. Fiel das Ding aber runter, wurde es gefährlich. Deshalb erlebten wir eine solche Vorführung nicht mehr, weil es Verletzte gegeben hatte.

Zu den Fernsprechleuten kamen wir nach Ratzeburg. Übernachtet haben wir in der uralten Stadtkaserne; die Ausbildung fand in der Hindenburg-Kaserne beim Aussichtsturm statt. Wir lernten Leitungen verlegen und kaputte Leitungen zu flicken, das war wichtig. Nach dem Dienst suchten wir das Freibad auf. Dort wagten zwei Kameraden und ich den Sprung vom Sechsmeterbrett, mit den Füßen zuerst, nachdem wir uns gegenseitig verpflichtet hatten.

Die Rückfahrt nach Lübeck erfolgte mit dem Schiff über den See nach Rothenhusen und dann die Wakenitz entlang. Als wir auf die Gaststätte Rothenhusen zufuhren, erblickten wir dort eine größere Gruppe junger Schüler und Schülerinnen, alle topp angezogen und in fröhlicher Stimmung. Irgendetwas wurde gefeiert. Wie kam ich mir kläglich vor in meiner Uniform. An der war keine Eleganz. Bedauerlich war außerdem, dass diese Jungen wohl auch bald ihren Anzug wechseln mussten.
Den schweren Bombenangriff auf Hamburg Ende Juli 1943 erlebte ich zu Hause, weil ich Wochenendurlaub hatte. Wir waren nicht direkt betroffen, aber mussten den Schutzbunker aufsuchen. Weil ich mich gerade am Ochsenzoller Bahnhof aufhielt, musste ich da Schutz suchen und konnte erst nach der Entwarnung wieder heim. So ein Wochenendurlaub gestaltete sich so, dass man mit dem Urlaubsschein bewaffnet, am Sonnabend nach Dienstschluss per Fahrrad auf der nicht befahrenen Autobahn bis Großhansdorf fuhr und von dort mit der Hochbahn nach Ochsenzoll. Das habe ich wohl zwei- oder dreimal gemacht. Am Sonntagabend musste man wieder in der Kaserne sein, auf dem umgekehrten Weg.

Am Montag wieder in Lübeck, war durch den Bombenangriff auf Hamburg der Himmel total verdunkelt. Unsere Stimmung war natürlich auch mies. Betroffene Kameraden haben dann, so vermute ich auch Urlaub bekommen. Wir hatten ja auch Hamburger bei uns in der Lehrgangskompanie.

Nach einem anstrengenden Geländedienst stand abends der Besuch des Stadttheaters an. Es gab Don Giovanni und selbst der spektakuläre Auftritt des steinernen Gastes erschütterte uns nicht, wir waren zu müde. Aber die Musik gefiel uns sehr.

In die Lübecker Zeit fällt auch meine Bekanntschaft mit einem Zauberkollegen. Er war in der Kaserne als Frisör tätig. Während er mir die Haare schnitt ‒ nicht so kurz ‒ kamen wir ins Gespräch und merkten, dass wir beide uns für die Zauberkunst interessierten. Daraus ergab sich natürlich eine rege Fachsimpelei. Er wohnte in der Moltkestraße und ich habe ihn dort auch einmal besucht. Er konnte wegen Krankheit nicht eingezogen werden. Er hatte sich früher einmal einen Hundebandwurm zugezogen und der hat ihn gesundheitlich ruiniert. Er war ein sehr schmales Männchen mit eingefallenem Gesicht und rötlichen Haaren, also wirklich keine Erscheinung. Ich weiß auch nicht, ob und wo er aufgetreten ist. Die Begegnung sollte aber nicht vergessen werden. Auch Ski-Laufen haben wir in Lübeck gelernt, das brauchte man ja für den Wintereinsatz in Russland. Auf einem Wiesenstück hinter der Meesen-Kaserne, von wo aus man auf das Gefängnis LauerhofWährend der Zeit des Nationalsozialismus stieg in der Frauenhaftanstalt Lübeck-Lauerhof die Zahl der Inhaftierten an. Unter anderem waren die sozialdemokratische Widerstandskämpferin Gustel Breitzke und die kommunistische Widerstandskämpferinnen Margarete Kaufmann und Hedwig Voegt inhaftiert. Weiterhin waren hier die französischen Widerstandskämpferinnen France Bloch-Sérazin und Suzanne Masson inhaftiert, bis sie dann in der Hamburger Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis durch Fallbeil hingerichtet wurden. Eine Gedenktafel der Gedenkstätte Ahrensbök für die beiden Widerstandskämpferinnen wurde 2014 auf dem Gelände der JVA Lübeck eingeweiht.Quelle: Wikipedia.org blicken konnte, war eine Loipe angelegt, nicht mit Schnee, sondern mit Tannennadeln. Aber man konnte relativ gut darauf gleiten. Unter der vorderen Sohle unserer Stiefel wurde ein kleines Funktionseisen angebracht, mit dem wir uns in die Skibretter einhakten. Das klappte gut und man konnte sich schnell wieder daraus befreien. Obwohl eigentlich lächerlich, so kam es uns vor, hatten wir doch unseren Spaß dabei. Auch das Überwinden von Hindernissen auf Skiern lernten wir. Das war gar nicht so einfach! Da konnte man nicht einfach drauflos marschieren, sondern musste sich seitlich an das Hindernis stellen, zum Beispiel an einen Baumstamm und dann zunächst mit dem einen Bein, an dem der Ski hing, und dann mit dem anderen den Gegenstand überwinden. Eigentlich war es nicht so verkehrt, auch darüber Bescheid zu wissen, man weiß ja nie was auf einen zukommt. Diese Erfahrung blieb aber ohne praktische Anwendung.