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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Vorwort: Krieg ist Wahnsinn!

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 1

Kriegsschule Dresden

Auch der schönste Urlaub geht einmal zu Ende. Am 26. März 1944 ging es zurück nach Neumünster, wo ich gegen 2.00 Uhr eintraf. Ich hielt mich da noch einen Tag auf und am 28. März beförderte mich die Deutsche Reichsbahn in Richtung Dresden. Es waren einige Stunden Fahrt und ich war mächtig gespannt auf das, was kommen würde. Besuch der Kriegsschule. Das hörte sich schon toll an.

Unterwegs fiel mir nur Meißen mit der Albrechtsburg ins Auge. Auch interessant war die Yenidze-ZigarettenfabrikDas ehemalige Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze gehört zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt Dresden. Es steht an der Weißeritzstraße am östlichen Rand der Friedrichstadt, unweit des Kongresszentrums. Das von 1908 bis 1909 im Stil einer Moschee errichtete Bauwerk hat eine Gesamthöhe von 62 Metern und wird heute als Bürogebäude genutzt.Siehe: Wikipedia.org im Moschee-Stil, wo die Dresdener Stadtbebauung anfing, auf der linken Seite. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird anderweitig genutzt.

Ich landete am Hauptbahnhof am Ende der Prager Straße, Dresdens Pracht- und Geschäftsstraße, und fragte mich zu unserer Kaserne in der Marienstraße durch. Vermutlich habe ich die Straßenbahn benutzt, die als schnelle Hechtbahn bekannt war, weil die Wagen so schmal und schnittig erschienen, die von uns Soldaten später oft benutzt wurde. Der Kasernenkomplex erstreckte sich unübersehbar zu beiden Seiten der Straße. Die schweren Einheiten rechts (dazu gehörte ich), die Infanterieeinheiten links (dazu gehörte Werner). Innen war alles viel geräumiger als in den bisher erlebten Kasernen. Wir hatten einen großen Raum, in dem gemeinsam gegessen wurde, und hatten auch gemütliche Aufenthaltsräume mit schweren Sesseln. Die ganze Atmosphäre war hier anders.

Der Leiter der Einheit war Hauptmann von Gadow und früher Chef einer Radfahrereinheit in der 30. Infanteriedivision, der Lehrgangsleiter Leutnant Strobel. Für Taktik war Hauptmann Weise zuständig. Hinter den Kasernengebäuden befanden sich Schuppen für die Fahrräder, die täglich benutzt wurden, um in den HellerDer Heller ist eine Landschaft in Dresden, die um 1830 durch Rodungen entstand.Siehe Wikipedia.org zu fahren sowie ein Schuppen mit ungefähr 600 Faltbooten, die wir benutzen durften, wenn wir einen Schein der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft vorweisen konnten. Für die Führung der Einheit waren wir selbst zuständig, sie wechselte täglich. Jeder kam also mal dran. Man war dann für den gesamten Tagesablauf verantwortlich. Am Donnerstagnachmittag, am Sonnabendnachmittag und sonntags war dienstfrei. Die Verpflegung war gut. Die Einheit setzte sich aus Unteroffizieren, Feldwebeln und Oberfeldwebeln zusammen und im Dienst waren alle gleich. Es waren junge Spunde wie ich und alte Hasen dabei.

Einer der Oberfeldwebel hatte eine Schießspinne erfunden, ein Koordinatenblatt, das der Artillerie eine gute Schießhilfe bot. Auch alle Landsmannschaften waren vertreten. Mit den Sachsen hatten wir Norddeutschen so ein bisschen unsere Probleme; sie waren etwas anders gestrickt und der Dialekt… na ja!

Ziemlich zu Anfang bekam ich den Befehl, mit großem Dienstanzug (volle Uniform, umgeschnallt mit Stahlhelm) zum Chef, Hauptmann von Gadow, zu kommen. Oh, was war nun los? Mit gemischten Gefühlen – man hatte ja stets ein schlechtes Gewissen – ging ich tapfer hin. Mir wurde vom Hauptmann das EKII verliehen. Das war doch was - oder?

Frisch dekoriert konnte ich mich nun wieder einordnen. Wir hatten auch Schwimm- und Reitausbildung. Nach jeder Schwimmstunde absolvierten einige, dazu gehörte auch ich, freiwillig Übungen für das Lebensrettungsabzeichen. Während die Kameraden sich schon für die nächste Stunde vorbereiteten, mussten wir versuchen, die Zeit einzuholen, um nicht zu spät zu kommen. Dieses Glück hatte ich einmal bei einer sich anschließenden Reitstunde. So musste ich ganz allein in den Stall, um mir ein Pferd zu holen. Man gab mir auch eines und das Pferd ging mit mir zum Reitstall (nicht umgekehrt!). Auf halber Strecke wollte der Gaul nicht mehr. Ich hatte ihn kurz an der Trense, er hob den Kopf und ich hing daran! Lübecker Pferde machten das nicht! Das war neu! Ich kam mir bös lächerlich vor und wusste doch nicht, was ich machen sollte. Gott sei Dank waren keine Zuschauer dabei. Nur auf der anderen Seite des Kasernenhofs ging ein Stallbursche – ich sag das mal so, weil ihm der Umgang mit Pferden offensichtlich bekannt war. Der rief mir zu, ich solle die Leine lang lassen. Das tat ich und kam wieder auf die Erde. So kam ich schließlich im Reitstall an. Oh je, sagte der ausbildende Feldwebel, da haben Sie Ihnen ja den Wanderer (Name des Pferdes) angedreht. Passen Sie auf, dass er Sie nicht abwirft. Das tut er zu gerne. Ich stieg also in den Sattel und umklammerte ihn mit meinen Beinen, damit er merkt, dass er einen Reiter hat, der auf der Hut ist. Das Rezept bewährte sich und ich kam mit ihm gut über die Runden. Es war ansonsten ein Prachtpferd.

Bei einem Geländeausritt, diesmal nicht auf Wanderer, mussten wir einen Abhang hinabreiten. Das ist verdammt unangenehm! Das eine Pferd machte dabei einen Satz und der Reiter flog in hohem Bogen über den Hals des Pferdes direkt vor die Füße des Tieres, mit einem Fuß im Steigbügel hängend. Dabei schrie er wie am Spieß! Das Tier scheute und galoppierte an, den Reiter mit sich ziehend. Wir anderen saßen wie erstarrt auf unseren Tieren und hielten sie mit aller Kraft zurück, damit sie nicht mitliefen. Es gelang aber, das Pferd einzufangen und der Reiter hatte nur einige leichte Schürfwunden erlitten. Das war noch mal gut gegangen.

Nach einigen Einheiten zusätzlicher Schwimmausbildung hatten wir es erreicht: Wir bekamen den Ausweis der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft und durften deren Abzeichen  an der Badehose tragen. Einer unserer Leute hat sich dann ein Faltboot geholt und ist tatsächlich bis Pillnitz gepaddelt. Ich hab das leider nicht geschafft. Es war kein Mit-Paddler da und allein wollte ich nicht.

Veranstaltungen in der Stadt gab es etliche und wir nahmen gern teil. Ein Besuch im Schauspielhaus: Gegeben wurde u. a. die Kurzoper Der Mantel, ein düsteres Stück. Auf dem Marsch dorthin sahen wir auch eine Einheit der Wlassow-ArmeeDie Russische Befreiungsarmee (Russkaja oswoboditel'naja armija – ROA), nach ihrem ersten Kommandeur auch Wlassow-Armee genannt, war ein russischer Freiwilligenverband, der auf der deutschen Seite im Zweiten Weltkrieg kämpfte.Siehe Wikipedia.org, russische Soldaten in deutschen Diensten. Sie sangen eines ihrer Heimatlieder und das hörte sich ganz toll an (Vorsänger und Chor). Ich hatte sogar das Glück, in die Semper-Oper zu kommen und durfte dort in der Mittel-Loge sitzen. Es gab Othello mit der berühmten Sängerin Maria Cebotari als Desdemona. Eigentlich waren die Karten, die dann unter uns verteilt wurden, für die Offiziere bestimmt, die eine Ausbildung zum nationalsozialistischem Führungsoffizier in unserer Kaserne machten, ähnlich den russischen Kommissaren. Die mussten aber an einer plötzlich angesetzten Nachtübung teilnehmen und konnten deshalb nicht in die Oper. Glück für uns!. Es war schon ein besonderes Erlebnis.

In einem Theater am Postplatz sang Margot Hielscher, damals noch ein junges und sehr hübsches Mädchen. Frauen sind keine Engel … und andere bekannte Lieder trug sie vor. Wir waren begeistert vom Gesang und dem Aussehen!!! Sie trug ein langes weißes Kleid und sah mit ihren dunklen Haaren hinreißend darin aus.

Der in der Nähe des Theaters liegende Zwinger hatte durchaus auch seine Anziehungskraft. Aber er diente ja nur zum Lustwandeln. Das Grüne Gewölbe, damals zugänglich von der Brühlschen Terrasse aus, war leider geschlossen. Alle Exponate waren ausgelagert. Auf der Terrasse konnte man die Stelle bewundern, an der angeblich(!) August der Starke das Rohr der Einfassung verbogen hatte. Und im Großen Garten bewunderten wir das Palais und die herrlichen Baumachsen.

Dresden hatte schon was zu bieten! Ich hatte mir vorgenommen, mich nach dem Krieg in der dortigen Verwaltung zu bewerben, um mich in Dresden niederzulassen. Nur eins fehlte mir als alter Alster-Kanute: Die Alster, der Brillant im Herzen der Stadt Hamburg! Gern hielten wir uns in der Prager Straße auf. Über dem Kino dort befand sich ein Café, in das wir gern einkehrten. Dort gab es schöne Musik und nette Mädchen. Eines der Mädchen gefiel mir besonders gut und ich versuchte mit Blicken, Kontakt zu knüpfen. Ob es funkte, weiß ich leider nicht, es kam nicht zu mehr. Ich traf die Kleine allerdings noch zweimal auf der Straße, wagte aber nicht, sie anzusprechen, weil meine Abreise unmittelbar bevorstand.

Wie der Zufall es will, trafen wir uns einige Wochen später - in Danzig! Sie besuchte dort ihre Schwester bei den Nachrichtenhelferinnen in der Husarenkaserne Langfuhr. Dort kamen wir schließlich - ebenfalls in einem Café - ins Gespräch. Auch dieses Café lag über einem Kino in der Langgasse. Wie es der Zufall so will - oder war es Fügung?

Parallel zur Prager Straße lag hinter den Häusern noch ein kleines Gässchen, und an diesem lag das TrompeterschlösschenDas Trompeterschlösschen war ein Gebäude am Dippoldiswalder Platz in Dresden.Siehe Wikipedia.org, ein kleines, gemütliches, recht alt wirkendes Restaurant. Ich habe dort gern mal eine Kleinigkeit gegessen. Es soll eine alte Poststation gewesen sein. Das Dach war so niedrig, dass man aus dem Stand in die Dachrinne greifen konnte.

Am Ende der Prager Straße, am Ring hatte mein Frisör seine Werkstatt. Ich ließ mich gerne von einem Kriegsgefangenen Franzosen bedienen, ein netter Kerl, der mir die Haare so ließ, wie ich sie haben wollte.

Weder das Schloss noch die Frauenkirche hatten damals eine besondere Anziehungskraft für uns. Das Narrenhäuserl, ein Café auf der anderen Seite der Elbe direkt am Brückenfuß gelegen, war uns dagegen gern mal ein Besuch wert, obwohl es nur sechs Tische aufwies. Im Gegensatz dazu war uns das Italienische Dörfchen in der Nähe der Oper etwas zu vornehm – und zu teuer. Trotzdem wollten wir eigentlich unsere Abschiedsfeier dort machen. Man ging dort auf dicken Teppichen und hatte den Eindruck, immer ein Stückchen vorwärts zu rutschen, wenn sich beim Auftreten der Teppichflor umbog. Leider ist es mit der Feier nichts geworden. Warum nicht, ist mir total entfallen. Vielleicht hing das zusammen mit der kriegerischen Entwicklung.
Im Gesundheitsmuseum am Großen Garten war der Gläserne Mensch ausgestellt, den wir uns unbedingt ansehen mussten, obwohl ich diese Figur schon vorher in Hamburg gesehen hatte. Auch die Moritzburg besuchten wir, konnten aber auch sie nicht besichtigen. Das war die Folge des Krieges. Alles, was irgendwie interessant war, war kastriert! Die Garnisonskirche in der Nähe der Kasernen haben wir dann aber offiziell besichtigt.

In der Nähe der Kasernen, auf der der Innenstadt abgewandten Seite, lag der Weiße HirschDer Weiße Hirsch ist einer der reinen Villenstadtteile von Dresden. Er liegt im Osten der Stadt und gehört zum statistischen Stadtteil Bühlau/Weißer Hirsch und mit diesem zum Ortsamtsbereich Loschwitz.Siehe Wikipedia.org. Es soll ein Hotel gewesen sein, wurde nun aber als Lazarett genutzt. Es lag ziemlich hoch und war mit einer Art Seilbahn zu erreichen. Leider sind wir nicht hochgefahren. Für den Fall eines Fliegerangriffes hatten wir von Zeit zu Zeit auf dem Kasernengelände Brandwache, dann konnten wir hinüberschauen zum Weißen Hirsch.
Irgendwann hat unsere Einheit dann einen Fußmarsch nach Königsbrück zum Schießplatz unternommen. Oh je, langes Laufen waren wir gar nicht mehr gewohnt! Die armen Füße! Unsere Offiziere hatten es gut, die saßen hoch zu Ross. Aber wir schafften es dann doch ohne große Blessuren. Untergebracht wurden wir an Ort und Stelle in ordentlichen Kasernenbauten.

Wir fuhren dann hinaus zu den Schießpunkten und machten dort unsere Übungen. Es war alles nicht sehr anstrengend bis auf den Rückmarsch, der ja noch anstand. Wir haben ihn überlebt.

Wenn wir auf dem täglichen Übungsgelände, dem Heller ‒ heute soll dort Industrie sein – mit Platzpatronen schossen, mussten wir die Geschosshülsen hinterher alle wieder einsammeln ‒ so knapp war das Material! Und dann wollten oder sollten wir einen Krieg gewinnen! Wahnsinn!