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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Teil 3: Mein Sommerkrieg

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 3

Mein Sommerkrieg

Am 28. Juli ging es dann wieder Richtung Osten. Es begann mein Sommerkrieg. Am Hauptbahnhof in Hamburg wurde ich aufgehalten, ein Fliegerangriff. Wir mussten in die Schutzräume unter dem BesenbinderhofDas Gewerkschaftshaus ist ein Gebäudekomplex am Besenbinderhof in Hamburg-St. Georg.Siehe Wikipedia.org. Als in der Nähe eine Luftmine niederging, flogen in zwei Stockwerken tiefer (unter der Erde) die Türen auf. Die Bescherung sahen wir hinterher: Das Gewerkschaftshaus hatte keine Scheiben mehr und auch innen waren erkennbare Schäden. Leider ist das Soldbuch, das abgegeben werden musste, nicht verschütt gegangen. Ich bekam es zurück und setzte meine Fahrt in Richtung Berlin am 30. Juli fort, als es möglich war.

Werner Storm war etwas früher von Hamburg abgekommen und somit auch früher in Berlin eingetroffen. Dort sahen wir uns dann allerdings in der Frontleitstelle wieder und besuchten zusammen - nach meiner Ankunft am 30. Juli 1944 um 23.00 Uhr - die Berolina (eine Art Varieté). Werner hatte auf der Bahnfahrt Bekanntschaft mit dem Unterscharführer von der Waffen-SS Hugo Gründler gemacht und so blieben wir drei zusammen. Hugo hatte in Hamburg geheiratet und zu diesem Zweck Urlaub erhalten. Stationiert war er in Riga.

Am 31. Juli suchten wir wieder die Frontleitstelle auf, um zu erfahren, wie es weiter gehen sollte. Man schickte uns am 1. August 1944 nach Königsberg. Als wir dort gegen Mittag ankamen, herrschte dort ein heilloses Durcheinander. An dem herrlichen Sommertag saßen auf dem Gelände vor der Frontleitstelle, einer ehemaligen Schule in der Nähe des Hauptbahnhofes, hunderte von Soldaten und warteten auf Auskunft, wohin sie sich begeben sollten. Ich glaube, um diese Zeit ging es mit der Bahn nicht mehr über Königsberg hinaus, der Russe muss schon da gewesen sein.

Hugo hatten wir unterwegs in Danzig gelassen und wir saßen nun hier fest. Einen Stadtspaziergang in Königsberg hatten wir schon gemacht. Auch am Schloss gingen wir vorbei, ohne dessen Bedeutung und Größe tatsächlich zu erfassen. Wir gingen immer den Straßenbahnschienen nach. Vermutlich befanden wir uns in einer Geschäftsstraße, denn es herrschte viel Verkehr. Endlich setzten wir uns in ein Café und wollten ein Stück Torte essen. Die gab es aber nur mit Sahne aus - Fischeiweiß. Ich hatte so etwas schon in Hamburg auf einer Messe gesehen, aber nicht gegessen. Nun wollte ich doch mal probieren. Ich hätte es lieber sein lassen sollen, denn der Fischgeschmack ließ sich nicht völlig unterdrücken und die Torte war kein Genuss. Werner hatte gleich Abstand genommen und etwas anderes gegessen.

Als wir da so saßen, kamen plötzlich zwei nette junge Damen auf uns zu. Sie fragten uns, ob wir Lust und Zeit hätten, abends an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen; es fehlten Tänzer. Wir mussten leider verneinen, wussten wir doch nicht, wie es mit uns weitergehen sollte. Gern hätten wir uns auch einmal die schöne Stadt Danzig angesehen. Da kam mir eine Idee, die ich sofort mit Werner besprach. In der Nähe befand sich eine kleine Baracke, die irgendetwas mit der Leitstelle zu tun haben musste, denn Dienstgrade liefen hin und her. Ich nahm allen Mut zusammen, ging in die Baracke, machte Männchen (Haltung annehmen und grüßen) und erklärte, dass man uns (Werner und mich) her schickte, um einen Marschbefehl nach Danzig zu erhalten, weil die Leitstelle überlastet sei. Der Trick klappte bestens. Die beiden anwesenden Dienstgrade, ein Feldwebel und ein Unteroffizier, unterhielten sich kurz und wir bekamen unseren Marschbefehl nach Danzig. Die anderen brüteten immer noch in der Sonne. Ich hatte zwar gesagt, dass uns noch andere Soldaten folgen würden, aber das interessierte uns nun nicht mehr.

Um 16.21 Uhr, wir brauchten nicht lange zu warten, ging es nach Danzig! Danzig war eine quirlige und schöne Stadt, ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Über die Frontleitstelle wurden wir dann verteilt auf den Seestern, einem ehemaligen Strandhotel, dessen Räume nun vollgestellt worden waren mit Doppelstockbetten aus Holz. Jeder Neuankömmling schnappte sich ein Bett und lud seine Sachen ab: Das ist mein! Das Gewehr wurde an den Pfosten gehängt. Ein geregelter Ablauf zeigte sich nicht, obwohl mal ein Feldwebel durch die Räume lief.

Unser Schlafraum war die Veranda; sie lag nach hinten heraus direkt zum Wasser und es war auch ein kleiner Strand da. Dort fanden Werner und ich auch unseren Kumpel Hugo wieder, der etwas früher eingetroffen war und deshalb die Gepflogenheiten schon kannte. Die Devise lautete: So früh wie möglich raus und so spät wie möglich wieder rein. Nur nicht für irgendeinen Dienst schnappen lassen! Na ja, wir handelten danach, denn es war wunderbares Wetter!

Wir waren den ganzen Tag über in der Stadt unterwegs. Wenn uns nichts Besseres einfiel, landeten wir in dem Café in der Langgasse über dem Kino, wie oben bereits angerissen. So wie wir dachten auch andere Soldaten und so war das Café immer ziemlich voll

Eines Tages entdeckte ich Gunther Meiser dort, einen Klassenkameraden. Der war bei der Marine und als Ausbilder an der U-Boot-Schule eingesetzt. Na, das gab ein Palaver! Gunther hat den Krieg überlebt, wie ich später hörte, ist aber kurz nach dem Krieg von einem Baum erschlagen worden, der vom Blitz getroffen wurde und das Zelt unter sich begrub in dem Gunther als Camper lag.

Ein andermal waren es einige Damen, die dort reinschauten, eine große blonde Erscheinung in der Uniform einer Nachrichtenhelferin (stand ihr toll!) und eine etwas kleinere schlanke und dunkelhaarige hübsche junge Dame: Meine Sicht-Bekanntschaft aus Dresden. Natürlich nahm ich sofort Verbindung auf, das konnte ich mir doch auf keinen Fall entgehen lassen. Mein Flirt war ebenfalls angenehm überrascht vom Wiedersehen und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Wir drei Soldaten, Werner, Hugo und ich nutzten dann noch die Nachmittagszeit für weitere Erkundungen. In der Nähe eines Durchganges zum Fluss Mottlau nahm ein Gebäude unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, aus dessen oberem Fenster im ersten oder zweiten Stock uns einige Mädchen ankicherten. Sie glaubten natürlich, dort oben sicher zu sein. Doch wir liefen die Treppen hoch und standen plötzlich vor ihnen. Oh, waren die ob so viel Dreistigkeit überrascht! Es stellte sich heraus, dass die drei in einem dort praktizierenden Fotolabor beschäftigt waren und die Ruhezeit nutzten, Soldaten anzumachen. Die Chefin schlief in einem Nebenraum. Man verabredete sich für den nächsten Tag mit der attraktiven Eroberung. Nur ich konnte nicht teilnehmen, weil ich mich mit Helga Schneider verabredet hatte, wie der Name der Dresdnerin lautete.

An irgendeinem der Tage mussten wir uns alle, die sich auf dem Wege zur Front befanden, in der Hindenburg-Kaserne nahe beim Seestern melden. Dort wurden wir registriert und erhielten unsere Papiere für die Überfahrt nach Riga per Schiff. Unsere Verabredungen konnten wir aber noch einhalten. Als ich mit der Helga bei herrlichem Sonnenschein, der es uns notgedrungen erlaubte, unsere Jacken zu Haus zu lassen und nur in einer Art Polohemd grüner Färbung mit aufgenähten Schulterklappen herumzulaufen, auf einer Bank saß, von einer aus wir den Hafen überblicken konnten, entdeckten wir ein Schiff auf der Reede. Gerade so eines wie das, welches uns nach Riga bringen sollte. Es waren Schiffe der sogenannten Weißen Flotte, wenn ich mich recht erinnere, hatten sie 6000 BRT. Oh, da tuckerte das Herz vor Aufregung. Hatte ich da etwas übersehen, was den Befehl enthielt, uns auf dem Schiff einzufinden? Ich konnte erkennen, dass Soldaten mit Gepäck das Schiff bestiegen. Der Platz auf der Bank war sowieso nicht der Richtige für ein Techtelmechtel. Immer wieder kamen (höhere) Dienstgrade vorbei und man musste aufspringen und grüßen, inzwischen mit dem sogenannten Deutschen Gruß, Heil(t) Hitler! und die Hand erheben, so als wollten wir sagen: So hoch ist der Tannenbaum, als Folge des Attentats am 20. Juli 1944. Der soldatische Gruß, mit der Hand an die Mütze gefiel uns viel besser. Also entfernten wir uns und ich brachte Helga zu ihrer Schwester in die Husarenkaserne.

Dann eilte ich zum Seestern! Ich musste doch wissen, was da vor sich ging. Der gute Hugo hatte etwas von dem anstehenden Transport mitbekommen, hatte seine Sachen geschnappt und war zum Schiff marschiert. Hier angekommen, fand er uns aber nicht und stellte verwundert fest, dass kaum Soldaten auf dem Schiff waren. Er nahm seine Sachen auf und marschierte völlig ungehindert von dem Dampfer. So trafen wir uns wieder im Seestern.