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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Teil 4: August 1944

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 4

August 1944

Einen Tag hatte ich allein in Danzig-Heubude verbracht, einem kleinen Badeort. Nur mal so; wollte sehen, was da los ist. Ich nehme an, Werner und Hugo waren anderweitig verpflichtet. Doch einmal gehen auch die schönsten Tage zu Ende (Danzig war richtig Erholung) und am 7. August 1944 um 21.00 Uhr ging es für uns drei ab nach Riga.

Es war ein wunderschön warmer Tag und so blieben wir oben auf Deck liegen. Man musste ja auch befürchten, dass ein russisches U-Boot einen Torpedo auf uns abschoss. Da fühlten wir uns auf Deck wohler. Am 9. August trafen wir gegen 21.00 Uhr in Riga ein. Hugo suchte seine Einheit auf und wir gingen zur Wehrmachtsübernachtung.

Dort versuchten wir zunächst in den Betten zu schlafen. Die waren aber so verwanzt, dass wir es vorzogen, uns auf die Tische zu legen. Da freuten sich aber die nachfolgenden Zugänge, dass noch Betten frei waren!

Am nächsten Tag besuchten wir Hugo in seiner SS-Kaserne. Es war dort gar nichts los und Hugo allein auf Bude. Wir gingen dann auch bald wieder. In der Nacht war uns aufgefallen, dass irgendwo ein MG tackerte. Das kann doch unmöglich schon der Russe sein. Am folgenden Tag fragten wir den Leiter nach diesem Phänomen. Das sind die Letten oder Esten, die ihre politischen Gegner zusammentreiben und erschießen, erklärte er uns. Für uns war eine solche Handhabung unvorstellbar und die  Einheimischen sanken in unserem Ansehen. Im Nachhinein ist aus heutiger Sicht (Nachkriegszeit) auch eine andere Erklärung denkbar. Es waren Judenerschießungen, die die SS durchführte! Damals kam uns diese Idee nicht. Undenkbar! Wir hätten Hugo fragen sollen!

Von Riga aus sollten wir mit der Bahn nach Walk weiterfahren. Den Zug gegen 22.00 Uhr verpassten wir absichtlich und fuhren erst um Mitternacht. In Riga noch zu bleiben wurde gefährlich. Unter der Leitung des Generals Schörner wurde durch die Feldgendarmerie alles aufgegriffen, was laufen konnte und direkt an die Front befördert. Insofern haben wir von der schönen Stadt kaum etwas gesehen. Ich erinnere mich nur, dass in unserer Nähe eine größere Kirche war.

Am 12. August waren wir gegen Mittag in Walk (Valga - Grenzstadt zwischen Lettland und Estland), fuhren weiter nach Anja (Antsta) und erhielten den Befehl, uns in der Stadt Werru (Vöru) zu melden. Doch soweit kamen wir nicht. Der Weg war uns plötzlich versperrt. Zwei Soldaten waren dort als Posten aufgestellt, d. h., sie lagen mit ihrem MG in einem Deckungsloch. Wir waren überrascht, als wir hörten, das Werru für uns nicht mehr zugänglich war, dort hatte sich schon der Russe eingerichtet. Was aber nun? Wohin? Wir gingen also zurück und trafen dort auf eine Gruppe Soldaten, die von einem Oberfeldwebel angeführt wurde und wurden  diesem Haufen einverleibt. Es war ein Oberfeldwebel der Artillerie, der gerade aus dem Lazarett kam und seinen verwundeten Arm noch in der Binde trug. Der wollte anscheinend -möglichst am nächsten Tag schon - den Krieg gewinnen! Solche Leute gab es. Er hielt den nächsten LKW an, der vorbei kam, und forderte den Fahrer auf, uns alle auf der Ladefläche mitzunehmen, obwohl dieser beteuerte, in eine andere Richtung fahren zu müssen.

Also stiegen wir zunächst auf und die Fahrt ging los in Richtung Front. An einer Kreuzung hielt der Fahrer und erklärte kurz, zur Front geht‘s dahin, er müsse befehlsgemäß in die andere Richtung fahren. Also stiegen wir ab. Der Oberfeldwebel nahm seinen ursprünglichen Haufen unter seine Fittiche und dampfte in Richtung böser Feind.

Werner und ich blieben zurück. Wir machten erst einmal Rast, um etwas zu essen. Es war Mittagszeit. Wir kochten uns Wurzeln mit Rindfleisch, wobei die Wurzeln aus dem Garten stammten, in dem wir uns aufhielten und das Fleisch aus den Dosen in unserem Marschgepäck. Es schmeckte uns vorzüglich.

Danach setzten wir uns in Marsch nach Puka. Bei einem Nachrichtenstab der Luftwaffe, der in einer herrlichen alten Villa untergebracht war (beneidenswert!), erhielten wir unsere Marschverpflegung,  aber nur die für das Heer! Die Luftwaffe hatte bessere Konditionen! Von dort aus ging es weiter in Richtung Törva. Auf dem Weg dorthin bot sich die Gelegenheit, den Tornister etwas zu erleichtern. Wir tauschten Unterwäsche (die zur Ausstattung gehörte) gegen Eier. Die Gasmaske kam in den Tornister, die Eier in die Blechbüchse für die Gasmaske.

Bei Rulli nahmen wir Quartier auf einem Gutshof in der Nähe einer Fähre und frühstückten am nächsten Tag königlich. Es gab Eierpfannkuchen und das am 17. August 1944. Gut gestärkt, meldeten wir uns bei der Wehrmachtmeldestelle im Central Hotel in Törva, von wo aus wir zurückgeschickt wurden in Richtung Otepää.

Dort empfing ein Auffangstab alle eintreffenden Soldaten und belehrte darüber, dass jeder Soldat seine Einheit so schnell wie möglich aufzusuchen habe (Anmerkung: Damit der Krieg noch gewonnen werden kann!?) und wer keinen Marschbefehl vorweisen kann, wird sofort erschossen! Das war schon ein eigenartiges Bild. Wir, etwa 200 Mann, standen auf dem Platz, hörten den Appell, und vor uns am Horizont kreisten die Stukas und wir hörten das Geräusch von Gewehr- und Artillerie-Schüssen. Der böse Feind war also nicht mehr weit weg.

Wir nahmen uns das Gesagte sehr zu Herzen (obwohl wir einen Marschbefehl in der Tasche hatten) und suchten die in der Nähe liegende Leitstelle auf. Dort bedauerte man sehr, uns nichts Genaues über den Aufenthaltsort unserer Einheit sagen zu können. Man empfahl uns, in Richtung Törva zu marschieren und bat uns, auf einer Postkarte dem Stab mitzuteilen, wo wir denn unseren Verein gefunden hätten. Per LKW wurde wir zurückgefahren - aber nur ein Stückchen.

Notiert habe ich bis einen km vor Waküre, kann den Ort aber leider nicht auf der Karte finden. Dort trafen wir zufällig auf zwei Kameraden, die Werner von früheren Einsätzen her kannte. Sie schlossen sich uns gern an. Es waren der große Hans, ein Kaffeeröster aus Bremen, und der kleinere Amandus aus Mölln. Vor dem Ort befand sich ein großer Strohhaufen, der  mit einem beweglichen Dach überdacht war, wie damals auch in Deutschland üblich. Den benutzten wir als Schlafquartier.

Als wir am nächsten Tag durch den sehr sauberen Ort zogen, entdeckten wir einen Laden, der völlig leer zu sein schien. Soldaten schauen aber trotzdem nach. Wir entdeckten einen Karton Rindfleischdosen und einen Karton mit Schwemmseife, eine Kriegsseife, die etwas aufgebläht war. Ließ sich beides gut gebrauchen.

Am 19. August 1944 machten wir Quartier bei einer Panzerjägerabteilung. Am nächsten Tag hatten wir Gelegenheit, uns bei der Feldgendarmerie nach unserer Einheit zu erkundigen. Man vermutete sie in Richtung Krüüdneri. Bei einer Einheit der Luftwaffe in Richtung Lutike nahmen wir das nächste Privat-Quartier. Die trauerten um einen hohen Offizier, der wohl abgestürzt sein sollte. Teile der beschädigten Uniform hingen auf der Wäscheleine. Doch noch am gleichen Tag setzten sie sich ab und ließen uns bedeppert zurück.

Auch wir fassten wieder Tritt und marschierten – sieben km im Kreis! Abends waren wir wieder da, wo wir vormittags aufgebrochen waren. Das kann vorkommen, wenn man ohne Karte marschieren muss. Müde legten wir uns wieder hin.

Am Folgetag waren wir schlauer. Wir erkundigten uns bei einer Luftwaffeneinheit und gingen nun in Richtung Röngu. Vor einem Gutshof machten wir Quartier. Am 23. August 1944 erreichten wir Palupera und fanden dort Unterkunft. Wieder waren wir in der Nähe einer Luftwaffeneinheit gelandet. Die Jungs von der Luftwaffe waren immer etwas umgänglicher!

Wir hatten für unseren Aufenthalt einen kleinen Bauernhof gefunden und suchten erst einmal alles ab, um etwas Essbares zu finden. Wir hatten richtig Glück! Einige saftige Koteletts und ein richtig schönes Bauernbrot fielen uns in die Hände. Das Brot hatte man in ein weißes Tuch eingewickelt und unters Gebüsch gelegt. Wir kamen uns zwar vor wie Räuber, aber wer wusste, ob und wann die Leute jemals zurückkommen könnten. Auf jeden Fall ließen wir es uns schmecken. Endlich mal wieder was Vernünftiges!

Immer noch war wunderschönes Wetter und sehr heiß. So liefen wir denn in unserem Quartier in der Badehose herum. Die Badehosen hatte die Wehrmacht gestellt und willkürlich verteilt. Eigentlich gab es farbliche Unterschiede: Blau, schwarz, mit weißen Streifen. usw. je nach Dienstrang. Unser Hans hatte zufällig eine 0ffiziersbadehose erwischt. Als er so auf dem Hof stand  ohne seine Brille, die er eigentlich immer benötigte,  kam die Feldgendarmerie zur Kontrolle. Hans erkannte natürlich die Leute nicht und kam kameradschaftlich mit ihnen ins Gespräch. Sie wollten nur wissen, wer und wohin, und das war‘s. Dann entfernten sie sich, artig grüßend. Wir anderen, die zunächst zitternd hinter der Gardine gestanden hatten und das Ganze beobachteten, fingen an, brüllend zu lachen und mussten unserem Hans erst einmal übersetzen, was sich da eigentlich abgespielt hatte. Die Nacht verbrachten wir in dem kleinen Heuschober, der neben dem Haus stand.

Nachdem sich die Luftwaffeneinheit abgesetzt hatte, fühlten wir uns etwas einsam. Was, wenn sich der Russe nähert? Da oben im Heu meinten wir etwas sicherer zu sein. Am nächsten Tag folgten wir der Luftwaffeneinheit in Richtung PukalRängu / Wirk-See (Vörtsjärv) und kamen an eine Furt über einen Zulauf des Sees (vermutlich der Embach). Gleich hinter der Furt standein hübsches altes Strohdachhaus, in dem nicht nur wir, sondern auch andere Soldaten Quartier bezogen.

Ein Oberfeldwebel saß dort am Klavier und hämmerte gekonnt in die Tasten. Am nächsten Tag, dem 27. August 1944 ging es weiter Richtung Törva. Kurz vor der Stadt suchten wir ein noch bewohntes Häuschen auf. Werner ging es nicht so gut, hatte leichtes Fieber. Die Leute waren sehr nett und wir kamen mit ihnen ins Gespräch – so gut es ging. Die Tochter Linda war Krankenschwester in Törva und hatte denn auch ein Mittelchen für Werner. Man erzählte, dass der kleine Sohn im nächsten Jahr zur Schule kommen sollte, wenn er fünf Jahre alt wäre. Die Schulpflicht begann dort allgemein mit fünf. Wahrscheinlich sind wir dort auch über Nacht geblieben.

Am 28. August 1944 fanden wir in Törva, wo wir ja schon einmal waren(!), einen ersten Hinweis auf die Einheit Vogel, so nannte sich unser Verein. Bei der Kirche stand ein Pfahl mit zahlreichen Schildern, die auf Einheiten verwiesen. Weiter ging es nun in Richtung Walk (Valga). Hinter Törva machten wir Quartier, um am nächsten Tag, dem 29. August 1944 den Marsch fortzusetzen.