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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Teil 5: Ein denkwürdiger Tag

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 5

Ein denkwürdiger Tag

Ein denkwürdiger Tag. Auf einem Wegedreieck machten wir unseren letzten privaten Halt. In etwa 250 m Entfernung war schon ein einzeln stehendes weißes Gebäude zu erkennen, in dem sich der Regimentsstab aufhalten sollte. Unsere Gruppe hatte etwas zugenommen. Ein Marineinfanterist hatte sich uns angeschlossen. Wie er erzählte, gehörte er zu einer Bewährungseinheit, die er jedoch in dem allgemeinen Durcheinander, das ja tatsächlich herrschte, verloren hätte. Angeblich sei eine Schwarzschlachtung der Anlass gewesen, ihn in einer solchen Einheit unterzubringen.

Als wir uns der Absicht näherten, aufzustehen, um weiter zu marschieren, näherte sich uns ein offener Kraftwagen, in dem erkennbar Offiziere saßen, und hielt bei uns an. Einer stieg aus: General SchörnerFerdinand Schörner (* 12. Juni 1892 in München; † 2. Juli 1973 ebenda) war ein deutscher Heeresoffizier (seit 1945 Generalfeldmarschall) der Gebirgstruppe. Im Zweiten Weltkrieg war er Oberbefehlshaber von Armeen und Heeresgruppen sowie 1945 kurzzeitig der letzte Oberbefehlshaber des Heeres. Schörner galt als überzeugter Nationalsozialist. Er wurde in der Sowjetunion 1952 wegen Kriegsverbrechen und in der Bundesrepublik Deutschland 1957 wegen Totschlags an deutschen Soldaten verurteilt.Siehe Wikipedia.org! Ich machte ‒ das konnte ich immer gut ‒ zackig Meldung und das genügte dem General anscheinend; kamen doch neue Leute, die man verheizen konnte! Er meinte nur, wir sollten man alsbald machen, dass wir zum Regiment kämen und das sagten wir zu. Kaum hatten wir uns von dem bösen Schrecken erholt und uns auf den Hintern gesetzt, kam der Wagen zurück!! Ihr seid ja immer noch da! tönte es; aber das war nur eine Randbemerkung. Die ganze Aufmerksamkeit galt dem Marineinfanteristen. Wo haben Sie Ihr Soldbuch, wurde er gefragt. Er hatte natürlich keines, denn das war bei der Einheit. Steigen Sie ein, Sie werden sofort erschossen! Wir haben von ihm nie wieder gehört. Das war Schörners (Un-)Art!

Beim Regimentsstab wurden die Formalitäten erledigt und wir wurden informiert, wo unsere Kompanie lag und wie wir sie erreichen konnten. Am 30. August 1944 erreichten wir den Kompanie-Tross und gaben unsere Tornister ab. Auf dem Weg dorthin marschierten wir durch ein kleines Waldstück mit hohen, einzeln stehenden Bäumen und darin ein bäuerliches Gehöft ziemlichen Ausmaßes. Es könnte ein Gut gewesen sein. Leider mussten wir vorbei marschieren. Es lag wunderschön da! Fast wie eine Festung.

Erst abends konnten wir zur Front weitergehen, wegen der Feindeinsicht. Zwei Posten wiesen uns ein. Ein Wagengespann war ebenfalls dorthin unterwegs und wir schlossen uns an. Unsere Einheit lag in einem Waldstück, welches sich am Embach hinzog. Da, wo der Bach verlief, wurde er von Wiesengelände eingefasst, so dass sich quasi eine breite Schneise bildete. Die beiden Waldteile standen etwa 30 m auseinander. Links die Deutschen, rechts die Russen!

Kurz bevor wir den Wald mit dem Fahrzeug erreichten, hörten wir in der Luft Flugzeuggeräusch: Eine Kaffeemühle! Wir hielten sofort an und standen ganz still. Sie durfte uns nicht entdecken. Die Kaffeemühle war ein kleines russisches Flugzeug, das von unten gegen einfachen Beschuss gepanzert war und kistenweise kleine Bomben ablud. Uns hatte sie nicht entdeckt, sondern lud ihre Bömbchen hinter dem Wald ab. Dort wo unsere Werferbatterie stand, wie wir später erfuhren. Walter machte dort seinen Dienst.

Wie wir aufgelöst wurden, weiß ich nicht mehr. Einer kam hierhin, der andere dorthin. Man sah sich dann auch kaum noch. Ich meldete mich also bei der Kompanie und wurde dem Zug des Oberfeldwebels Kröger als Zugtruppführer zugeteilt. Nachdem ein Unteroffizier durch Verwundung ausgefallen war, übernahm ich am 1. September 1944 dessen Gruppe; wir waren fünf oder sechs Mann. Die Verwundung des Mannes bestand darin, dass ein Granatsplitter unserer eigenen Artillerie seinen Stahlheim durchschlagen hatte. Wie schwer seine Verwundung war, konnte mir keiner sagen. Durch den geringen Abstand zwischen den Fronten und den hohen Bäumen kam es leicht zu sogenannten Baumkrepierern. Die Granaten explodierten bereits, wenn sie einen Ast berührten. Das war nicht ungefährlich für uns!

Einen Bunker hatten wir auch. Der war unmöglich! Wir konnten darin eben nebeneinander liegen. Drehte sich nachts einer um, mussten die anderen mitdrehen. Die Bunker der anderen Gruppen waren teils wesentlich besser gestaltet. Warum hier so bescheiden gearbeitet wurde, habe ich nicht erfahren können. Der Bunker lag etwa acht bis zehn Meter vom Waldesrand entfernt. Über einen ausgehobenen Gang konnte man nach vorn in den MG-Stand gelangen. Das leichte MG lag auf einem MG-Tisch aus Sand und Erde und drum herum verlief halbmondförmig ein Gang, damit das Gewehr bedient und geschwenkt werden konnte. Die Sichelenden des angenommenen Halbmondes endeten am Waldesrand. Vor dem Tisch war eine leichte Tarnung mit Zweigen angebracht.

Vor uns lag also ein Wiesenstück von gut 30 m Breite, das vom Embach durchschnitten wurde; er trennte uns also von den Russen. Hinter uns stieg das Waldgelände leicht an. Der Wald hatte kein Unterholz. Man konnte relativ weit hineinschauen – der Russe also auch!. Einige Meter hinter unserem Bunker, in den Wald hinein, war zwischen zwei Bäumen in etwa 50 cm Höhe ein Balken angebracht: der Donnerbalken. Über den verrichteten wir unsere Notdurft. Das war nicht ganz ungefährlich.

Eines Tages hatte sich ein Kamerad dort niedergelassen, als sich eine Kaffeemühle näherte und ihre Bömbchen abwarf. Vermutlich war wieder die Werferstellung hinter uns gemeint und einige der kleinen Splitterbomben waren im Wald gelandet. Auf jeden Fall sprang er, die Hose noch in der Hand haltend, in den Graben und sauste in den Bunker! Obwohl nicht lächerlich, nötigte uns das doch ein Schmunzeln ab. Es wäre in diesem Falle wegen der Entfernung zur Abwurfstelle wohl kaum etwas passiert, wenn er sitzen geblieben wäre. Aber wer hat schon die Nerven und geht ein Risiko ein? Die Kaffeemühle oder auch Nähmaschine genannt, dürfte die russische Polikarpow Po-2Die Polikarpow Po-2 (russisch Поликарпов По-2, NATO-Codename: Mule = Maultier) ist ein bis 1944 unter der Bezeichnung Polikarpow U-2 erschienener sowjetischer Doppeldecker und war mit etwa 40.000 über 26 Jahre lang produzierten Exemplaren eines der meistgebauten Flugzeuge der Welt.Siehe Wikipedia.org gewesen sein.

Die Namen meiner kleinen Mannschaft durfte ich nicht aufschreiben; das könnte im Falle einer Gefangenschaft dem Russen Hinweise geben. Ich wusste auch nicht, in welcher Kompanie ich war; es hieß schlicht und einfach Einheit Tänzer. Oberleutnant Tänzer war nämlich immer noch der Chef der Kompanie im Regiment 46 der 30. Division. Und es kamen auch wieder die Pioniere und verlegten ihre Zigarrenkisten, wie wir die kleinen hölzernen Tretminen auch nannten.

Um das Terrain zu sondieren, mussten wir in der Dunkelheit auch wieder raus aus unserem Graben. Der Russe war zu der Zeit noch nicht sehr präsent. Wir konnten bis an das Ufer des Baches gehen, der eine etwa eineinhalb Meter hohe Böschung hatte. Dort entdeckten wir russische Emsigkeit: In die Böschung eingelassen war ein Schießgerät. Von vorn konnte man nur ein rundes Loch erkennen, ähnlich dem eines Regenfallrohres. Alles andere war fein säuberlich wieder abgedeckt worden. Einige Spuren heller Sand waren allerdings verblieben.

Wie da jemand zur Bedienung rankommen sollte, blieb uns schleierhaft. Wir merkten uns aber die Stelle des Geschützes genau! Gerade als wir wieder in Deckung waren, passierte wieder ein Unglück mit einer Mine. Einer der Pioniere hatte so ein Ding wieder zugedrückt, nachdem es scharf war und trug Verwundungen an Händen und Körper davon. Wie schwer, konnte im Moment keiner sagen.

Unser Zugführer, Oberfeldwebel Kröger, drängte zum Weiterbau des Grabens, um Anschluss zur nächsten Gruppe zu gewinnen. Die hatten dort nur ein etwas größeres Deckungsloch, aber keinen Graben vom Bunker dorthin. Der hätte von der anderen Gruppe gebuddelt werden müssen. Die Grabungsarbeiten waren deshalb so unangenehm und schwierig, weil man ja zwischen den Baumwurzeln graben musste und unser Grabegerät nur der Feldspaten war. Außerdem musste man dafür sorgen, dass der helle Sand, den man ja aushob, abgedeckt wurde, damit der Russe die Buddelarbeiten nicht erkannte. Und schließlich blieb wenig Zeit dafür, weil man ja auch noch schlafen, essen und Wache schieben pp. musste.

Wir kamen nur sehr langsam voran. Inzwischen hatte Dauerregen die schöne Witterung abgelöst. Auf Posten hatten wir uns eine Zeltplane umgehängt, um nicht durchnässt zu werden. Nass wurden wir aber trotzdem und so lagen wir dann in diesem Zustand wie die Sardinen in der Büchse in unserem engen Bunker. Es war mehr als ungemütlich. Dazwischen sausten die Granaten unserer Artillerie auf die russische Front, schickten die russischen Damen uns Granatwerfer-Grüße. Die russischen Werfer-Batterien waren überwiegend mit Frauen bestückt. Das konnte man,  wenn es still war,  auch hören, denn sie lagen ziemlich dicht hinter dem Wald, wie unsere Werfer auch.

Eines Tages bekam ich zusammen mit einem oder zwei anderen Kameraden das neu eingeführte Infanterie-Sturmgewehr, dem Vorläufer der heute noch gebräuchlichen Sturmgewehre. Dazu gehörten sechs Magazine, je 30 Schuss. Drei Magazine waren in einer Tasche untergebracht, die man sich vor die Brust hängte. Ich kam mir vor wie ein Cowboy. Ich muss zugeben, kaum daraus geschossen zu haben - und das war gut so! Die Munition taugte nämlich gar nichts! Es waren gelackte Eisenhülsen, die sich nach wenigen Schüssen so erwärmten, dass sie in der Kammer kleben blieben: Ladehemmung! Messinghülsen konnte man sich bei uns nicht mehr erlauben. Ein Trauerspiel. Das Gewehr an sich war leicht und praktisch.

Weil ich ihn in meiner Ausbildung kennen gelernt hatte, ließ ich mir vom Tross einen Schießbecher mitbringen. Leider kam nur eine Granate mit (so‘n Blödsinn!). Der Schießbecher ließ sich vorn am Lauf des Infanteriegewehres befestigen und mittels einer Art Platzpatrone konnte man die etwa 15 cm lange  Granate abschießen. Die Wirkung war ähnlich die einer Handgranate, nur die Reichweite war größer. Mit so einem Ding konnten wir einem Kommissar Beine machen, der in großen Schritten quer durch den Wald ging.