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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 2, Teil 8: Ladehemmung und Heimatschuss

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 2, Teil 8

Ladehemmung und Heimatschuss

Der Hauptverbandsplatz war ein weiß geputztes Siedlungshaus üblicher Art mit einem Stallanbau auf der einen Seite und dem Anbau eines kleinen Zimmers auf der anderen Seite. Durch den Stall betraten wir das Haus. Hier lagen schon nebeneinander einige Schwerverwundete auf ihren Tragen. Weil diese mit Segeltuch bespannt waren, lag mancher Verwundete regelrecht in seinem eigenen Blut. Der eine lag auf dem Bauch, der andere auf dem Rücken. Wer noch lebte, war nicht erkennbar. Es war irgendwie unheimlich: Keiner sagte auch nur ein einziges Wort oder stöhnte! Krieg ist widerlich!

Wir gelangten dann in das große Wohnzimmer, welches als OP benutzt wurde. Auf dem großen Wohnzimmertisch lag ein Schwerverwundeter und wurde operiert; anscheinend auch ein Bauchschuss. Die Operateure standen in ihren weißen Kitteln um ihn herum. Uns schenkte man keinerlei Beachtung. Wir gingen in das kleine Nebenzimmer, wo uns ein junger Unterarzt empfing und verarztete. Übrigens habe ich den Mantel des Leutnants tatsächlich hier abgeben können. Es tat mir leid, das getan zu haben, als ich entdeckte, dass sich im Ärmel meines Mantels, etwa in Höhe des Pulses, ein großes Loch befand! Offensichtlich hatte die Kugel des bösen Russen den Abzugshahn meines Sturmgewehres berührt, den Finger verwundet, sich gedreht (Querschläger!) und das ca. acht cm große Loch in den Ärmel gerissen. Was, wenn die Kugel meinen Unterarm getroffen hätte? Der wäre wahrscheinlich weg gewesen. Jetzt war mir auch klar, woher die kleinen Splitter kamen, die in meinem linken Unterarm - in der Nähe des Pulses - steckten und zur Lähmung führten! Oh je, das war noch mal gut gegangen - aber der schöne neue Mantel war weg!

Der Unterarzt schaute sich meine Wunde an, reinigte sie und legte eine kleine Aluschiene an, die er vorher zurechtgebogen hatte. Damit sollte vermieden werden, dass ich den Finger bewege. Danach wurde alles gut verbunden und einen Anhänger bekam ich auch. Den erhielt jeder Verwundete -
a) dass auch die Feldgendarmerie erkannte, dass es sich um einen echten Verwundeten handelt, den man nicht an die Front schicken kann und
b) damit der nächste Arzt sieht, welche Behandlung vorgenommen wurde. Die Lähmung in der linken Hand dürfte sich mit der Zeit verlieren, meinte der Unterarzt. Dann wurde ein Haufen Verwundeter auf einen LKW geladen und ab ging es in Richtung Libau zur Krankensammelstelle.

Inzwischen war es richtig kalt geworden und auch etwas Schnee war gefallen. Oh, waren wir froh, dem Schlamassel entronnen zu sein! Die Krankensammelstelle war ein städtisches Gebäude in der Nähe des Libauer Hafens. In einem größeren Raum waren etliche Betten aufgestellt, immer zwei übereinander. Wir wurden zunächst registriert, erhielten eine Nummer und wurden im Laufe des oder des nächsten Tages einem Arzt zur Untersuchung vorgeführt. Wir standen alle in einer langen Reihe hintereinander und gingen an dem Arzt vorbei. Es ergab sich ein kurzes Gespräch; vermutlich über die Verwundung. Wir sprachen auch über Kriegsschule und Offiziersbewerber und das war es dann auch schon. Auf mich machte er einen sehr freundlichen Eindruck. Zu welcher Entscheidung er sich bei mir durchgerungen hatte, weiß ich allerdings nicht.

Das sollte sich erst am nächsten Morgen herausstellen, als der Verwalter (Spieß o.ä.) erschien, sich an die Tür stellte und laut bekannt gab: Alle Nummern, die ich jetzt aufrufe, machen sich bitte sofort marschfertig und folgen mir! Wir Verwundeten, die wir noch müde, allerdings in voller Uniform, in den Betten lagen, spitzten unsere Ohren und lauschten. Ich hatte die Nummer 21 und mit 1 begann er. Es kam ja nicht jede Nummer dran, das war klar. Hier wurde sortiert! Die Einschläge kamen näher, Nr. 16… Nr. 21! Nun aber raus aus dem Bett! Weil ich wegen der Verwundung meine Hakenstiefel nicht schließen konnte, machte ich dort, wo der Schnürsenkel gerade war, nämlich am Ende der Ösen, so gut es ging eine Schleife und schloss mich der Reihe der Aufgerufenen an.

Man führte uns zum Hafen und hier stiegen wir in ein Motorboot. Es brachte uns in die Nähe eines großen Schiffes. Etliche solcher kleinen Boote standen schon da, beladen mit Verwundeten, die in die Heimat sollten! Das Verladen dauerte. In der Nähe des Schiffes stand in seinem Motorboot ein Offizier mit einem Ledermantel bekleidet und riskierte das große Wort –  wie man so zu sagen pflegt. Plötzlich hörten wir ein Geräusch vom großen Schiff hier und ein Schwall von Wasser und Exkrementen verließ das kleine Löchlein in der Schiffswand und ergoss sich genau über das Großmaul! Haben wir gejubelt! Ich will ja nicht gehässig sein, aber mitunter trifft es eben doch mal den Richtigen. Er befahl dann auch, dass jede Toilettenbenutzung an Bord sofort bis auf weiteres einzustellen sei.

Ob man ihn an Bord gehört hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall entlud sich nach und nach der Inhalt der kleinen Boote in das große Schiff. So gegen Mittag waren alle an Bord. Diesmal ging auch ich unter Deck. Draußen war es zu kalt. Ich blieb aber in der Nähe eines kleinen Aufganges, dessen Tür direkt auf das Deck führte. Wir lagen alle auf Stroh. Es war eigentlich ganz gemütlich. Einige Kameraden hatten hochprozentigen Alkohol dabei und so durfte ich dann auch probieren, wie ein 96-Prozentiger schmeckt. Das war ein richtiger Rachenputzer! Betreut wurden wir von Sanis (Sanitätern). Unser Sani war ein Opernsänger aus Saarbrücken und musste schon einige Überfahrten mitgemacht haben. Er gab denn auch einige Proben seines Könnens unterwegs zum Besten, was die Stimmung durchaus auflockerte.

Wir hörten das Brummen der Maschinen und merkten, dass sich unser Pott (ein weißes Schiff der sogenannten Ostpreußenlinie in Bewegung setzte. Ganz ungefährlich war die Überfahrt nicht. Unterwegs gab es einige Male U-Boot-Alarm. Wir merkten es nur daran, dass die Motoren still standen. Am nächsten Tag legte das Schiff in Danzig an. Wir hatten es ohne Komplikationen geschafft! Vom Schiff aus ging es gleich in bereitstehende Eisenbahnwagen.

Oh, waren wir froh, wieder Land unter den Füßen zu haben. Wir machten die Fenster des Abteils auf und schauten uns erst einmal um, wo wir waren. Da kamen jede Menge Jungs an den Zug und fragten, ob sie uns in irgendeiner Art helfen könnten. Ich schrieb so gut und so schnell ich konnte einen Telegrammtext Bin gut in Danzig angekommen oder so ähnlich, versah ihn mit Adresse und gab ihn zusammen mit einem Geldbetrag dem Jungen, der vor unserem Fenster stand. Der sauste sofort los zur Post und kam alsbald mit dem Rückgeld wieder. Alles in Ordnung berichtete er und wollte mir das restliche Geld zurückgeben. Natürlich durfte er es behalten. Wenn ich mir die heutigen Verhältnisse so vorstelle – undenkbar. Da wäre es zweifelhaft, ob das Telegramm überhaupt aufgegeben worden wäre; ob man nicht einfach gleich alles Geld behalten hätte. Auf jeden Fall ist das Telegramm gut angekommen - wie ich später erfuhr, und meine Mutti wusste Bescheid, wo ich war.

Der Zug fuhr in Richtung Reich. Ein Führerpaket gab es diesmal nicht. Das erhielten nur die, die direkt von der Front in die Heimat fuhren. Aber Läuse hatte ich diesmal auch nicht mitgebracht. Im Sommerfeldzug bin ich zum Glück nicht von ihnen heimgesucht worden.

Nachsatz:
Werner Storm geriet bei einem russischen Gegenstoß bei Priekule in Gefangenschaft und wurde in der Gegend von Kothla Järve, der heutigen Patenstadt von Norderstedt, zur Arbeit eingesetzt. Er ist dort umgekommen. Auch Walter Drews kam mit der Kapitulation in russische Hände. Er war zunächst im Arbeitseinsatz bei Dünamünde und stand da unter dem Schutz des Hamburger Oberfeldwebels Igel, der das Buch Dawai, Dawai! geschrieben hat, der Lagerkommandant oder Küchenchef dort war. Igel, der schwere Verwundungen erlitten hatte, wurde vorzeitig entlassen und Walter kam in ein anderes Lager mit schwerem Arbeitseinsatz. Walter wurde erst spät entlassen und hatte Folgekrankheiten zu überstehen. Mit ihm zusammen lernte ich später auch Herrn Igel kennen. Igel ist recht alt geworden. Walter starb an einer eigentlich harmlosen Erkältung, nachdem er kurz zuvor zusammen mit seiner Frau bei uns zu Besuch war.