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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 1: Nach Westen — ins Lazarett

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 1

Nach Westen — ins Lazarett

Der Zug transportierte uns quer durch Deutschland. Zunächst wussten wir aber gar nicht, wohin es ging. Wir richteten uns in unserem Abteil erst einmal bequem ein. Es würde eine längere Fahrt sein, dass hatten wir im Gefühl. Wir schauten aus dem Fenster und rätselten herum über das mögliche Endziel.

Dann fuhren wir an Torgau vorbei. Man freut sich ja, wenn man ein Bahnhofsschild richtig erfasst. Nun kam das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig in Sicht. Wollte man uns in Sachsen abladen? Wir aber umfuhren das imposante Gebilde und der Zug änderte seine Fahrtrichtung nach Westen. Irgendwie merkt man das. Aber wohin nun? Man spannte uns noch eine ziemliche Zeit auf die Folter. Wir meinten schon so weit nach Westen gefahren zu sein, dass man von dort Kanonendonner hören konnte. Was das nun war, konnte sich keiner erklären.

In Egelsbach, einem kleinen Dörfchen neben Langen/Darmstadt, durften wir den Zug verlassen. Die, die den Zug verließen, wurden in den Dorfkrug geführt. Das hört sich gut an. Unser Quartier war aber die Empore über dem Saal dieses Etablissements. Es war eine umlaufende Empore, nur die Bühnenseite war frei. Man sorgte sich um uns. Jeder bekam ein Bett mit Aussicht auf den Saal.

Aber unten war auch alles belegt. Ich hab mir leider keine Gedanken darüber gemacht, wie viele Verwundete dort untergebracht worden sind, aber es waren viele! Der Chef vom Ganzen war ein Unteroffizier. Den nannte man den Platte-Karl, weil er einen kahlen Kopf hatte. Wir gewöhnten uns schnell ein, weil es dort mit hessischer Gemütlichkeit zuging.

Unmittelbar betreute uns Schwester Helga, ein nettes Mädel aus dem Dorf. Die Schwesterntracht stand ihr sehr gut. Nur der Dialekt, der war stark gewöhnungsbedürftig! Hatte sie sich am Bett gestoßen, ertönte es: Oh, mei Baa! Was so viel heißen sollte, wie Au, mein Bein!. Aber mit der Zeit besserte sich die Verständigung. Ich glaube sogar, sie mochte mich leiden.

Nur, dass ich Bilder von einem anderen Mädchen auf meinem Nachttisch stehen hatte, gefiel ihr nicht, wie ich bemerkte. Ich packte also die Bilder wieder ein, zumal es eine längst verflossene Liebe war. Es war ein Foto von Irmi, einem Mädel aus Lyck in Ostpreußen, die am Ochsenzoll in der Nähe des sogenannten Kettenwerkes in einer Arbeitsdienstbaracke untergebracht war. Wir haben uns nur einige Male gesehen, denn ich merkte bald, dass die SS von der Germania-Kaserne in Langenhorn eine größere Anziehungskraft auf sie ausübte. Das waren die Kerle mit der größeren Erfahrung! Ich war noch viel zu jung.

Es müsste im November 1944 während meiner Lazarettzeit in Egelsbach gewesen sein, als sich ein Kamerad anbot, von einer Fotografie von mir eine Kohlestift-Zeichnung anzufertigen. Ich gab ihm das Foto und binnen kurzer Zeit hatte er mich auf die Pappe im Format DIN A4 gebannt. Das war beeindruckend.

Mein Bett stand auf der Empore in der Nähe der Bühne. Wenn ich mal raus wollte, musste ich an fast allen anderen Betten auf der Empore vorbei. Man sprach mit diesem und jenem und da passierte es, dass ich voll ins Fettnäpfchen trat! In der Kurve hatte sich um ein Bett eine Traube gebildet. Mann stritt um etwas. Zunächst kam ich nicht dahinter, bis ich gefragt wurde: Gibt es Fahrstühle? Ich sagte natürlich Ja, denn die Dinger kannte ich ja aus den Kaufhäusern in Hamburg zur Genüge. Die Antwort wollte man nicht haben, hatte man sich doch jemanden vorgenommen, den man für dumm verkaufen wollte. Das war so eine blöde Masche, die da aufgekommen war, und schon hörte ich - auf mich bezogen - etwas von Gras wachsen hören. Ich machte schnell einen Schwenk, ließ mir die Frage näher erklären und sagte dann im Brustton tiefster Überzeugung: Fahrstühle, nein die gibt es natürlich nicht, wie sollen die denn funktionieren? Das war eben noch einmal gut gegangen. Es ist nicht zweckmäßig, solchen Spinnern harmlose Späße zu verderben. Das tragen die einem nach bis zum jüngsten Tag.

Da gab es auch noch andere Blödfragen, aber die interessierten mich so oder so nicht. Ich fand das nicht gut, was man da machte; aber die Leute hatten nun einmal Langeweile! Mit einigen Kameraden sind wir dann auch mal nach Langen rüber gegangen, Äppelwoi trinken! Ich muss wohl irgendwoher einen Mantel ergattert haben, denn ohne wär es zu kalt gewesen; wir schrieben schon Mitte November. Meine Mütze muss einem SS-Mann gehört haben, sie trug einen Totenkopf und war total verbogen, sah flott aus, passte zu mir!. Also setzten wir uns in eine proppenvolle Äppelwoi-Wirtschaft und probierten das hochgelobte Getränk. Ehrlich gesagt, mich hat es nicht überzeugt. Es war mir viel zu sauer. Aber wir waren wenigstens einmal wieder unter Zivilisten gekommen; ein völlig neues Gefühl!

Es blieb nicht aus, dass wir im Lazarett auch vom Heldenklau besucht wurden. Das waren meistens Offiziere, die durch die Reihen der Verwundeten gingen, sich die Verwundungen ansahen, beurteilten, ob man geheilt war und wann man endlich wieder an die heiß geliebte Front fahren konnte. Mein Finger muss das geahnt haben! Am Tag der Kontrolle sonderte er verstärkt Eiter ab und sah deshalb schlimmer aus, als es war. Alles verlief vorzüglich!

In der Nähe unserer Gastwirtschaft, dem Lazarett, befand sich der Kindergarten des Ortes und der wurde geleitet von einem ganz entzückenden Wesen. Liesl hatte ihr mittelblondes Haar zu einer hübschen Frisur gekämmt, strahlende blaue Augen und einen frischen Teint. Sie hatte ab und zu bei uns im Lazarett zu tun und ich habe mich gleich in sie verguckt.

Nun ergab es sich, dass in einigen Tagen eine Weihnachtsfeier veranstaltet werden sollte. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Insbesondere wurde gedichtet, und daran beteiligte ich mich auch. Jeder bekam seinen Vers mit. Natürlich gibt es da immer Zuträger, die halfen, dass man sich ein Bild von der betreffenden Person machen konnte. Ich wurde auserkoren, aus dem Goldenen Buch von Egelsbach vorzutragen, d. h., die Verse zu verlesen.

Nun war das aber noch kein goldenes Buch, denn Goldfolie hatten wir nicht - aber vielleicht der Kindergarten? Also ging ich hinüber zur Liesl, sie war einige Jahre jünger als ich, und besprach die Sache. Dabei merkte ich, dass auch ich ihr nicht ganz gleichgültig war. Ich bekam meine Goldfolie und das Buch konnte entsprechend ausgestattet werden. Es sah toll aus!

Der Tag des großen Ereignisses kam heran und es waren auch Dorfbewohner dabei. Ich saß verkleidet auf der Bühne und gab mein Bestes. Es muss den Leuten gefallen haben. Der Beifall war groß. Nur einer war enttäuscht: Unser Chef. Sein Vers lautete etwa so: Kahl der Kopf und krank der Magen, hat er als Unteroffizier das Sagen. Wer das ist ‒ ei ratet's mal! Na? Dasch isch de Platte-Karl!

Unter diesem Namen war der leitende Unteroffizier des Lazaretts auch im Dorf allgemein bekannt. Er fand es nicht gut, dass sein kranker Magen vor allen Leuten erwähnt wurde, obwohl es doch jeder wusste, denn sonst hätte er den Posten dort nie bekommen!.

Ob Liesl und ich unsere Zuneigung noch vertiefen konnten, weiß ich nicht mehr. Geschrieben haben wir uns noch eine ganze Zeit. 1951 bin ich auf einer Klassenreise, die eine Garstedter Mittelschulklasse durchführte und auf der ich mitfahren durfte, zufällig durch Langen gefahren, wo Liesl wohnte. Ich hatte leider nicht ihre Anschrift bei mir, sonst hätte man ja mal reinschauen können.

Später haben Monika und ich auf einer Fahrt nach Bad Bellingen dort noch einmal Halt gemacht. Es hatte sich aber durch neue Straßenführungen alles so verändert, dass eine Orientierung so gut wie nicht möglich war. Es kann auch durchaus sein, dass ein so hübsches Mädel sich einen Ami geangelt hat, denn die waren ja dort Besatzung und solche Verbindungen waren üblich, weil es den Deutschen sehr schlecht ging.

Auf jeden Fall hatte ich inzwischen Verbindungen mit meinem Zuhause aufgenommen und prüfen lassen, ob eine Verlegung nach Timmendorf, wo Papa im dortigen Lazarett als Masseur tätig war (Sanitäts-Unteroffizier), ermöglicht werden könne. Anfang Dezember kam das Telegramm mit meiner Anforderung und ich durfte nach Timmendorf fahren. Ich meine, es war der 6. Dezember 1944 als mich Liesl zum Zug brachte.