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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 3: Marschkompanie Meesenkaserne

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3. Teil 3

Marschkompanie Meesenkaserne

Der Krieg wollte es anders. Vermutlich im Februar 1945 bin ich dann in die Marschkompanie in der Meesenkaserne entlassen worden, d. h., entlassen wurde ich nach Schleswig zu den 26ern, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun hatte. Vielleicht konnte man die 46 nicht entziffern, die ja durchaus mein Ziel hätte sein können: Neumünster. Auf jeden Fall landete ich in Schleswig mitten im kalten Winter. Der Weg zur Kaserne war ziemlich weit und führte am Dom vorbei. Leute waren bei dieser Witterung kaum unterwegs. In der Kaserne angekommen, bemerkte ich, dass sie so gut wie gar nicht belegt war. Ich meldete mich im ersten Block beim Unteroffizier vom Dienst und erklärte ihm meine Situation. Er hatte Verständnis für meine Lage und gab mir einen Marschbefehl nach Lübeck, meiner zweiten Heimat.

Die Nacht musste ich aber noch in der ungeheizten und damit eiskalten Kaserne verbringen, weil an diesem Tag kein Zug mehr fuhr. Mit zwei Wolldecken und dem Mantel gelang das auch. Am nächsten Tag machte ich mich rechtzeitig auf den langen Weg zum Bahnhof. Der Zug hatte laut Anzeige zwei Stunden Verspätung. In einem nahe gelegenen Restaurant fand ich Unterkunft. Dort war es warm und es hatten sich schon mehrere Wartende eingefunden. Der Wirt gab aber weder Getränke noch Essen aus. Möglicherweise war die eigentliche Öffnungszeit schon abgelaufen und die Aufnahme der Wartenden geschah nur aus Mitleid, welches allerdings zum Leidwesen des Wirtes durch die lange Wartezeit stark strapaziert wurde.

Es muss am späten Nachmittag gewesen sein, als der Zug endlich eintraf und mich nach Lübeck brachte, wo ich in der Meesen-Kaserne Unterkunft fand. In der Marschkompanie befanden sich Soldaten auf dem Durchmarsch; sie warteten auf ihren Abruf, der jederzeit erfolgen konnte. Zwischendurch wurden sie mal hier mal dort eingesetzt, als Hilfsausbilder, zum Wache schieben pp. Man muss mit allem rechnen, hat aber andererseits auch mangels regulären Diensts viel Freizeit.

Anfangs besuchte mich Katja noch einmal in Lübeck. Weitere Besuche hatten aber wirklich keinen Zweck, weil es auf Grund der gegebenen Situation so gut wie unmöglich war, Verabredungen einzuhalten. Leider musste ich das der Katja klar machen. Beim Abschied im Bahnhof von Lübeck erkannte ich, dass sie das nicht begreifen konnte oder wollte. Wir haben dann nicht mehr voneinander gehört.

In Lübeck habe ich Kurt kennen gelernt. Der war natürlich kein Ersatz für Katja, aber wir mochten uns, wir bewegten uns auf gleicher Linie und sind viel zusammen in die Stadt gegangen. Dieses in die Stadt gehen ergab sich zwangsläufig. Man wollte möglichst schnell die Kaserne verlassen, bevor man für einen Dienst eingeteilt wurde. Das gelang nicht immer, aber oft.

In der Stadt war es auch relativ langweilig. Was sollte man unternehmen? Wir schrieben Februar 1945. Bald war der Krieg aus! Das es so kommen würde, war bereits abzuschätzen. Doch wann, das wussten wir nicht. Lübeck hatte auch schwere Verwüstungen durch Bomber-Angriffe hinnehmen müssen. Vieles war nicht mehr so, wie es mal war. Mitunter ging man einfach mal in ein Warenhaus, um etwas Anderes zu sehen (z. B. Karstadt, die hatten einen Ersatzbau bezogen, weil sie ausgebombt worden waren. Aber da gab es ja nichts Vernünftiges mehr zu kaufen!

Einmal nahmen wir kleine Anstecksträuschen aus Veilchen mit und liefen damit durch die Gegend, sie munter in der Hand schwenkend! Die liebe Tante Berta, natürlich besuchte ich sie auch jetzt noch mal, hatte mir erzählt, das die Tochter Helga von ihrem Sohn Hermann im Café Niederegger als Bedienung tätig wäre. Café Niederegger war das Café in Lübeck!

Weil ausgebombt, war es nun in der Fleischhauerstraße in einem ehemaligen Fleischerladen untergebracht. Alles war weiß gekachelt und für ein Café zu kalt. Ich setzte mich zu zwei Kameraden und bestellte etwas. Offensichtlich war es Helga, die uns bediente. Als sie dann kam, um zu kassieren, deutet ich an, dass eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen uns bestand und dass ich ihre Oma kennen würde. Sie war natürlich total perplex! Zu einer weiteren Unterhaltung kam es nicht; das musste sie wohl erst einmal verdauen.

Etwas gemütlicher war es im Café Junge. Dort konnte man gut sitzen und für 50 Gramm Brotmarken einen Vanillepudding mit künstlicher(!) Orangensoße bekommen. Das war schon was! Aber Brotmarken waren auch knapp. Man bekam sie nur von seinen Angehörigen.

In der Gaststätte Paulsen in der Burgstraße gab es Bratkartoffeln zu essen! Die schmeckten ganz toll, obwohl sicherlich kaum Fett darin gewesen ist. Ob dafür auch Marken abgegeben werden mussten, über die wir Soldaten in der Regel nicht verfügten, weiß ich nicht mehr. Natürlich bekamen wir auch in der Kaserne unsere Verpflegung, aber so doll war die auch nicht mehr. Etwas Abwechslung war durchaus erwünscht.

Apropos Bratkartoffeln: Wo sich das in Russland/Baltikum abspielte, hab ich vergessen. Es war auf jeden Fall Unteroffizier Liebe, der die Lebertranzuteilungen für Soldaten unter 18 Jahren dazu benutzte, dann und wann ganz tolle Bratkartoffeln zu zaubern. Sie schmeckten zwar etwas tranig, aber was macht das. Man stellte sich einfach vor, Bratkartoffeln mit Fisch zu essen.

Es gab für diese Gruppe auch Sonderzuteilungen an Kunsthonig, welcher dazu verwand wurde, aus einfachem Schnaps köstlichen Likör zu bereiten.

Zurück nach Lübeck. Dort mussten die Gaststätten um 18.00 Uhr schließen. Es fehlte an Heizmaterial, um die Gäste länger bewirten zu können. Auch in den Kasernen wurde die Heizung um 20.00 Uhr abgeschaltet, und das im Winter. Überall war es kalt!

Nein, nicht überall! In der Via Clementia gab es warme Stübchen! Die Via Clementia war die Clemensstraße in Lübeck, eingerichtet für die käufliche Liebe. Es stand ein Etablissement neben dem anderen. Jedes war eingerichtet wie eine Gaststätte und man brauchte auch nicht unbedingt zu verzehren. Kurt und ich hatten uns zwei kleine Mädchen ausgesucht zum Plaudern. Die eine hieß Thea und die andere Inge. Für Lehrstunden fehlte uns einfach das Geld; es ging mitunter auch so.

Auf jeden Fall war es sehr interessant dort, weil verschiedene Leute zusammen saßen. In den Abendstunden kamen vor allem auch die Seeleute dorthin. Es waren Marineoffiziere, getarnt durch ihre feldgrauen Lederjacken ohne Rangabzeichen, und Offiziere der Handelsmarine. Die wussten natürlich mehr als wir und so konnte man Interessantes erfahren. Psst! Feind hört mit - das musste jeder von uns bedenken. Der Feind war aber inzwischen der braune Mann von nebenan! Den Service leistete eine ältere Dame und auch mit der kamen wir ins Gespräch. Sie war die Gattin eines in Ungnade gefallenen Professors – in Ungnade konnte man seiner Zeit leicht fallen! – und musste auf diese Weise zum Unterhalt beitragen.

Das Angebot an Getränken war natürlich auch nicht besonders, aber daran hatte man sich inzwischen gewöhnt. Schales Bier und sogenannte Heißgetränke, aber kein Grog waren üblich. Einmal saßen wir zusammen am Tisch mit zwei Schweden. Die hatten Sanitätsaufgaben zu erfüllen. Sehr gesprächig waren sie aber nicht - auf Neuigkeiten bezogen. Auch sie wussten, in Deutschland gilt Maul halten!. Aber immerhin, es waren Ausländer, mit denen man sprechen konnte.

Von Thea erhielt ich einmal eine Pervitin-Tablette zur Probe. Wir wussten, dass es so etwas gibt und dass vor allem Piloten sie ausgehändigt bekamen, um während der Einsätze in der Luft nicht einzuschlafen. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und wälzte mich unter meiner Wolldecke hin und her, bis es hell war, da wurde ich müde!

Erlebt haben wir in diesen Tagen so allerhand. Einmal hatte ich ein Mädel kennen gelernt, dem ich anbot, sie nach Haus zu bringen, wie es ein Kavalier eben tut. Sie wohnte weit draußen in der Nähe der Autobahn. Was mich wunderte war, dass uns ein Hund begleitete. Als wir uns verabschiedeten fragte ich, ob das ihr Hund sei, was sie aber zu meiner Überraschung verneinte. Auf dem Rückmarsch zur Kaserne war nun dieser Hund mein treuer Begleiter. Es war inzwischen nach 22.00 Uhr und das Tor für mich nicht mehr begehbar. Ich hatte keinen Nachturlaub. Das war an sich kein Beinbruch ‒ aber der Hund?

Ich umging also den normalen Eingang und hielt an einer Stelle des Gitters, das nur wenige Meter von dem Einlass zum Marschkompanie-Gebäude entfernt war. Als ich aber Anstalten machte, über das Gitter zu steigen, fing mein Begleiter an zu jaulen - aber wie! Schleunigst kam ich wieder herab, nahm den Hund auf, schob ihn durch die Gitterstäbe – er war auch kriegsschlank! – und folgte ihm sofort nach, aber über die Stäbe. Ich musste ihn über Nacht bei mir auf Bude behalten. Ich glaube, ich schlief allein – als Unteroffizier hatte man schon mal eine solche Vergünstigung – und so störte das niemand.

Am nächsten Tag musste ich sehen, den Hund wieder los zu werden. Vorsichtshalber hatte ich ihn an eine Leine genommen. Unterwegs machte er hin und wieder Sperenzien, er wollte nicht mehr weiter. Ich hatte mir auch schon eine Ausrede zurechtgelegt, falls mich einer darauf ansprechen würde. ich hätte die Rollen vergessen unterzuschnallen, auf die er sonst immer mit mir käme. Zum Glück brauchte ich diesen dummen Spruch aber nicht zu verwenden. Irgendwie bemerkte ich dann bei dem Tier eine gewisse Unruhe. Möglicherweise hatte er eine Spur nach Hause aufgenommen, wozu der Hunger sicherlich beigetragen hat, denn ich hatte nichts für ihn. Ich ließ ihn los und er sauste ab.

Kurt und ich lernten dann Egon kennen, ein Flakleutnant und geborener Lübecker. Sein Vater sagte immer auf Nachfrage - so erklärte er uns - ja, ein Sohn ist Soldat und der andere bei der Flak. Er war wohl nicht so ganz überzeugt von seiner soldatischen Aufgabe bei der Flak oder er tat zumindest so. Insbesondere nachdem Hermann Göring Hermann Meier hieß, hatte das Ansehen der Luftwaffe gelitten. Göring hatte gesagt, wenn es auch nur einem feindlichen Bomber gelingt, seine Bomben auf Berlin abzuwerfen, will ich Hermann Meier heißen! Inzwischen war auch Berlin platt und auch mein Dresden hatte man nicht verschont. Diese wunderbare Stadt! Von Lübeck und Hamburg ganz zu schweigen, aber das war schon gestern. Wir hatten dem gar nichts entgegenzusetzen, es war inzwischen absolut trostlos.

Mit Egon saßen wir gern zusammen, er konnte gut erzählen, war ein lustiger Typ und wusste, wo man einkehren konnte. - Später habe ich über meine Lübecker Verwandtschaft erfahren, dass Egon wohl eine Tanzschule hatte oder doch zumindest als Turniertänzer tätig war. Bei seiner elegant schlanken Figur durchaus denkbar.