© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 4: Marschbefehl nach Dänemark

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 4

Marschbefehl nach Dänemark

Es muss März 1945 gewesen sein, als wir unsere Marschbefehle erhielten. Kurt eilte gen Schwerin und ich hatte das Glück, nach Dänemark fahren zu dürfen! Ich genoss diese Fahrt ins friedliche Ausland! Fahrtziel war Randers. Ich hatte vorher nie davon gehört. Es liegt fast genau zwischen Aarhus und Aalborg an einem Einschnitt der Ostsee.

In Flensburg hatten wir noch einmal einen kurzen Aufenthalt und wie es der Zufall will, traf ich in der Nähe des Nordtores einen Landser, den ich aus Lübeck kannte. Alsdann ging die Fahrt über die Grenze. Oh, war ich neugierig. Hier war die zerstörerische Kraft des Krieges noch nicht deutlich geworden, die Städte waren noch heil. Welch ungewohnter Anblick, könnte man fast sagen. In Aarhus hielt der Zug kurz. Wir schauten aus dem Fenster. Welch ein Anblick, welch ein Treiben. Und die Reklameschilder auf den großen Bauten. Demokraten oder so ähnlich stand auf dem einen, offensichtlich eine Werbung für eine Zeitung. Daneben noch andere große Werbeschriften für Zeitungen.

So etwas hatte ich bis dahin nicht gesehen und es beeindruckte mich sehr. Randers war ein kleineres, aber nettes und sauberes Städtchen. Das Dumme war, die Kriegsschule lag ganz am Rande der Stadt. Vom Mittelpunkt aus musste man bestimmt eine halbe Stunde gehen. Ich war, glaube ich, einer der Ersten, die das Kasernengebäude betraten. Ich kam mir ganz komisch vor, es gab so gut wie keinen Betrieb. Dem Ersten begegnete ich auf der Treppe nach oben, er hieß Heino, war ein dufter Typ und vermutlich ein Funktionsgrad. So nannte man die Soldaten, die eine zivile Aufgabe zu erfüllen hatten, wie Kleiderkammer, Küchendienst usw. Wir unterhielten uns nett und er gab mir nützliche Hinweise. Was er allerdings dort machte, hat er nicht erzählt.

Irgendwo wurde ich dann erfasst und meiner Stube zugewiesen. So allmählich sickerten auch andere Bewerber ein. Der Dienst war natürlich militärisch, aber annehmbar. Ich meine mich zu erinnern, dass es Leutnant Pohlmann war, der unserer Gruppe vorstand. Daneben hatten wir für andere Zwecke andere Ausbilder. Gut erinnern kann ich mich an unseren Sportlehrer. Es war ein untersetzter kräftiger Typ, der uns unter anderem das Boxen beibrachte. Er selbst muss mit dieser Sparte auch Zivil etwas zu tun gehabt haben. Es könnte sein, dass er Trainer gewesen ist. Er war im Umgang in Ordnung.

Wie auch in Dresden, hatte jeder Bewerber an einem Tag die Dienstaufsicht nach Maßgabe der Diensteinteilung; er war dann für alles verantwortlich. Wie in Dresden hatten wir am Wochenende, also ab Sonnabendmittag, und am Donnerstagnachmittag dienstfrei.

Natürlich strebten wir sofort in die ferne Stadtmitte, wenn die Freizeit anstand. Viel Neues wirkte auf uns ein. Die Dänen hatten vielfach gar keine Gardinen vor den Fenstern. Auch sonst erschien uns etliches viel einfacher gestrickt.

Der erste Bäckerladen nach etwa 300 Metern Fußmarsch war unser! Oh, was gab es da für leckere Sachen. Uns lief direkt das Wasser im Munde zusammen. Schlagsahne gab es und Marzipan ‒ kaum zu glauben, wie im Schlaraffenland. Wir begnügten uns erst einmal mit sechs Groschen-Stücken pro Person. Groschenstücke hießen früher die Konditorwaren bei uns, die man für zehn Pfennige kaufen konnte. Unterwegs wurde also fleißig gemuffelt. Schnell waren sie weg, nicht aber der Appetit. Der nächste Bäckerladen wurde geentert und die Prozedur begann von vorn: Wieder sechs Stücke pro Person. Dann kamen wir ins Zentrum. Da gab es Konditoreien! Man konnte sich gar nicht satt sehen. Und das war es: Wir tankten noch einmal jeder zehn Stücke! Man stelle sich das vor: 22 Groschen-Stücke in einer halben Stunde! Ist uns aber gut bekommen und der Heißhunger auf so etwas war erst einmal gestillt.

Randers war ein nettes Städtchen mit Kinos, Geschäften, Cafés, Restaurants usw. In den Geschäften mit Schaufenstern war fast überall ein Hinweis auf König Christian den Zehnten zu sehen. Es war ein großes C und darin ein X für die Zehn. König Christian war im Lande geblieben und beim Einmarsch der deutschen Truppen nicht geflohen. Das rechneten die Dänen ihm hoch an. Er ritt auch täglich durch Kopenhagen, um sich den Leuten zu zeigen.

Mit der Zeit wurden wir heimisch in Randers und man kannte sich schon einigermaßen aus. Da gab es auch so kleine Imbissrestaurationen, da konnte man wundervoll Frikadellen mit Pellkartoffeln und Soße essen. Oder das große Käsegeschäft: Der Raum dürfte 25 Quadratmeter gemessen haben. U-förmig verlief der Verkaufstresen an den Wänden und alle Verkäufer und Verkäuferinnen hatten Flitzbogen in der Hand! Keine Angst, die wollten damit nicht schießen. Damit schnitten sie den Käse.

In einem anderen Geschäft kauften wir Butter und Svinetunge. Die Schweinezunge war wie Konserven in Kilodosen eingemacht und schmeckte großartig! Lauter schieres mageres Fleisch. Auch die Butter war in Kilopackungen, aber in Rechteckformen. Ab und zu konnten wir uns so etwas erlauben. In der Kaserne wurde die Butter dann in dünne Scheiben geschnitten und auf das Brot gelegt. Darauf kam dann die Mettwurst. Und die Zwischenräume, die sich ergaben, weil die Scheiben rund waren, wurden auch noch einmal mit Butter aufgefüllt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Doch! Ich trank jeden Tag einen halben Liter Vollmilch.

In der Stadt lag auch das Oberkommando. Hier residierte General Lindemann. Gesehen habe ich ihn dort nicht, auch nicht, als ich Wache stand. Es kam jeder einmal dran. Untergebracht war er im Kafum, ja, so hieß es im allgemeinen Gebrauch und deutete darauf hin, dass das imposante Gebäude eigentlich ein Besitz des Christlichen Vereins junger Männer war. Auf Dänisch etwa Kristelig Forening for ung menneske. Das Gebäude war ein Eckhaus und auf der anderen Seite der einbiegenden Straße lag eine Diskothek. Am Tag, als ich Posten stand, war dort Remmidemmi. Heiße Musik und wildes Getanze! So etwas kannte ich ja nun gar nicht. Aber gestört hat es mich nicht. Ich brauchte als Posten auch nicht die ganze Zeit über stramm zu stehen, nein, ich konnte auch hin und her gehen.

Es gab jede Menge neuer Eindrücke. Randers hatte auch einen kleinen Park. Da trafen sich die jungen Männer, die uns am liebsten rausgejagt oder umgebracht hätten. Als Kennzeichen trugen sie einen weißen oder doch hellen Mantel, eine Art Regenmantel, mit schwarzem Gürtel. Das war ihre Uniform. Natürlich waren sie auch in der Stadt anzutreffen und machten auf sich aufmerksam. Doch wir Soldaten hatten ein striktes Verbot, die Dänen zu provozieren - und daran hielten wir uns. In der Nähe war der Hafen, den wir eigentlich wegen der Gefährdung nicht allein betreten sollten, und vorn an in einer Baracke ein kleines Restaurant. Ich habe mich aus Neugier einmal allein dorthin begeben und nebenan saßen ältere Dänen. Sie blickten zu mir rüber, wiesen mit dem Daumen auf die Uniformierten und meinten Ung Svine, was soviel heißt wie junge Schweine. Ich glaube kaum, dass das ehrlich gemeint war.

In der Kaserne gab es relativ gutes Essen. Eines ist mir besonders in Erinnerung, weil ich das nicht kannte. Lungen-Haschee. In dieser Suppe befand sich also kein Ochsenbein, sondern Stücke aus der Lunge. Ich mochte zunächst nicht zulangen. Aber es sah nicht schlecht aus. Also probierte ich und es schmeckte mir gut.

Überraschungen gab es sonst nicht beim Essen in der Kaserne; wohl aber draußen. Die Dänen hatten nicht genug Zucker und deshalb wurde überall gespart, sogar an der Schokolade. Einmal gönnten wir uns etwas Besonderes. Wir hatten ein etwas gehobeneres Restaurant im ersten Stock eines etwas abgelegenen Gebäudes aufgesucht, etwas gegessen und zum Nachtisch Rhabarber mit Schlagsahne bestellt. Soll ich fortfahren? Der Rhabarber war so sauer und die Sahne kaum süß, Muultrecker!

Irgendwie haben wir es aber denn doch geschafft. Danach tranken wir einen … Whisky! Bis dahin absolut unbekannt. Eine nette Bedienung mittleren Alters brachte uns das Getränk. Das heißt, sie kam mit einer Flasche und einem kleinen Gerät, dessen Zweck wir nicht gleich erkennen konnten. Es war ein kleiner Aufsatz für das Glas, ähnlich einem Teesieb. Darin hing eine kleine bewegliche Schüssel, besser ein Schüsselchen. In dieses wurde randvoll der Whisky gegossen und der Inhalt dann in das Glas gekippt.

So, das war‘s. Ich kann mir durchaus praktischere Messeinrichtungen vorstellen. Dann sagte sie Vaersgod! und wir sagten Prost. Natürlich wollte ich wissen, was Vaersgod hieß. Sie erklärte mir, das sei eine Abkürzung der Worte vaere sa venlig und bedeute in Deutsch sei so freundlich oder kurz bitte!. Da mir das Ganze etwas unverständlich erschien und sie das bemerkte, nahm sie ein kleines Kärtchen, schrieb auf die Rückseite Vaersgod ‒ denk dabei an mich. Das gab sie mir. Auf der Vorderseite las ich nachher Hanne Stensgaard, Servetrice.

Da plötzlich Unruhe! Es war eine Art Bombendrohung. Die gab es auch damals schon. Wir mussten das Lokal aus Sicherheitsgründen verlassen. Offensichtlich war es den Dänen ein Dorn im Auge, dass auch in diesem besseren Lokal die deutschen Soldaten verkehrten. Aber so ist es eigentlich immer: Was zunächst unangetastet erscheint, wird ausgemacht und besetzt und das stört die Einheimischen. Man will auch mal wissen, dass man unter sich ist!

So hatten einige von uns eine Eisdiele entdeckt, die ebenfalls etwas abseits lag, die aber einen regen Zuspruch hatte, weil das Eis gut war. Also gingen wir hin. Wir begnügten uns zunächst mit drei Kugeln Eis und ließen den freien Teil der Schüssel mit Sahne auffüllen. Das nächste Mal waren es dann zwei Kugeln und zuletzt eine! Natürlich war der Rest wieder mit Sahne aufgefüllt.

Diese Sahne war einfach zu lecker. Wir kannten Schlagsahne ja kaum noch. Seit 1937 gab es ein Verkaufsverbot für Schlagsahne; sie musste verbuttert werden. Nur auf Kuchen war sie mitunter vorzufinden. Ich sollte eine Krone für das Eis bezahlen, bei einer ganz entzückenden dunkelhaarigen Dänin. Ich gab zwei Kronen und erwartete eine Krone zurück. Die kam aber nicht und ich erinnerte vorsichtig daran. Die Kleine lief total rot an und sah dadurch noch viel hübscher aus und gab mir mein Geld zurück. Sie tat mir richtig leid. Das hatte ich eigentlich nicht gewollt. Aber eine Krone ist viel Geld für einen armen Landser.

Noch mal zur Schlagsahne: 1939 wurde ich konfirmiert und da mussten natürlich Torten auf den Tisch. Da war es die liebe Oma Lehmann, die beim Milchhändler Hatje in ihrer Nähe die nötige Menge an Schlagsahne hintenherum besorgt hatte. Es waren immerhin 14 Torten, die auf entsprechende Ausschmückung warteten.

Und noch etwas zur Schlagsahne, damals ein interessantes Thema: Zum Scharfschießen fuhren wir für einen Tag an die Ostseeküste, die nicht weit entfernt war. Irgendjemand ‒ Landser sind immer wachsam ‒ entdeckte eine Meierei. Sie lag direkt hinter dem Schießplatz, nur getrennt durch eine Reihe kleiner Büsche und Bäume, die schon erkennbar Durchgänge aufwies. Also pirschte ich mich ran und ließ mir für drei Kronen einen tiefen Teller randvoll halbgeschlagener Sahne geben. War das ein Hochgenuss! Allein dafür lohnte die Fahrt zum Schießplatz.