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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 6: Tag der Kapitulation

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 6

Tag der Kapitulation

Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation wurden wir in der Nähe der Kaserne auf einem Schulgelände zu einem letzten Appell zusammengezogen. Es war ein großes Areal mit etlichen Gebäuden. Gleichzeitig befanden sich auf dem Gelände dänische Schülerinnen. Sie alle trugen eine Art selbstgefertigter Baskenmütze in den Farben der englischen bzw. französischen Kokarde, also rot-weiß-blau bzw. blau-weiß-rot. Sah hübsch aus! Und es gab kein Mädchen, welches nicht eine solche Mütze trug. Gut organisiert. Uns berührte das eigentlich wenig. Nach Erledigung der für notwendig erachteten Redereien ging es zurück in die Kaserne und jeglicher Ausgang war gesperrt.

Letzteres war die größte Gemeinheit, aber verständlich. In der Kaserne musste man uns ja nun beschäftigen. Wir bekamen die Aufgabe, einen Aufsatz zu schreiben über das Thema: Warum ich meinen Führer liebe. Uns war, so glaube ich, zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, dass sich der Feigling das Leben genommen hatte. Also versuchten wir zu schreiben. Mein Nebenmann, der Josef  vom Typ Giftzwerg, ein anscheinend 150-prozentiger, schrieb und schrieb und schrieb! Er hatte bald eine Seite voll, während ich knapp einen Satz zu Papier gebracht hatte. Ich liebte meine Mutter, meine Oma, meinen Vater, vielleicht noch meine Freundin - aber Hitler? Den kannte ich doch kaum. Gut, ich hatte ihn als Pimpf gesehen am Flughafen Hamburg, etwas später am Gorch-Fock-Wall, als er mit Admiral von Horthy, dem ungarischen Regenten, in einem offenen Wagen vorbeifuhr; ich hatte sein Geschrei im Radio gehört ‒ aber lieben, lieben konnte ich den nicht! Es wurde nichts mit einer Liebeserklärung und keiner hat es beanstandet. Es war wohl auch nur Beschäftigungstherapie.

Unser Kasernenkomplex war ziemlich groß und vermutlich war das mal eine Einrichtung für dänische Soldaten. Es war also alles vorhanden, auch eine große Küche. Nun bestand in der Stadt noch eine kleine Einrichtung, wir nannten es Stadtkaserne, in der sich vor allem Magenkranke für Funktionsaufgaben aufhielten. Die mussten von uns versorgt werden, weil eigene Einrichtungen fehlten. Das Essen wurde in einem größeren Kanister auf einem Pferdewagen in die Stadt transportiert. Das ging auch immer gut. Aber nun? Man brauchte einen bewaffneten Bewacher für Last und Kutscher. Da meldete ich mich gern! So durch die Stadt kutschieren, das könnte Spaß machen und machte es auch. Und wen traf ich unterwegs nicht weit von der Kaserne? Meine kleine Eisverkäuferin! Ganz allein, denn sicherlich war es ein Sonntagvormittag. Sie war hübsch, wie im Laden, trug ein sommerliches bauschiges Kleid, es war inzwischen frühlingshaft warm geworden, hochhackige schwarze Schuhe und eine große Sonnenbrille. Eine tolle Erscheinung! Was sollte ich tun? Nichts konnte ich tun. Wir fuhren also vorbei und erledigten unsere Aufgabe. Hätte ich in einem Cadillac gesessen, wäre ich natürlich angehalten ‒ aber so? Eine solche Pferdekarre hätte sie wohl kaum überzeugt.

In dieser Zeit überlegte gar mancher, wie er schneller nach Hause kommen konnte. Mein Kamerad John aus Hamburg beschäftigte die Frage auch. Einfach ausreißen, wäre das Beste ‒ aber dann? Mich beschlichen noch Zweifel. Er schritt zur Tat! Mit einem Kameraden zusammen ergriff er die Flucht. Na, ob das wohl gut gegangen ist, fragten wir uns. Nach dem Krieg interessierte ich mich stark für gewerkschaftliche Fragen und war Mitglied der Deutschen Angestellten Gewerkschaft. Ich sollte an einer Tagung in Rendsburg teilnehmen. Hin- und Rückfahrt erfolgten mit der Bahn; wer hatte schon zu dieser Zeit ein Auto? Mir gegenüber saß auf der Rückfahrt ein Herr mit seinen zwei Söhnen und letztere beschäftigten sich eifrig damit, die beschlagenen Scheiben des Zuges zu bekritzeln. Da schrieb der eine Sohn John ... und ich sah mir mein Gegenüber etwas näher an.

Tatsächlich! Es war mein ehemaliger Kamerad John. Ich gab mich zu erkennen und wir kamen ins Gespräch. Die beiden waren nicht weit gekommen. Als sie versuchten, in einem Heuschober zu übernachten, wurden sie aufgegriffen und interniert. Sie wurden zwar ordentlich behandelt, aber mit einer frühen Heimreise wurde es nichts. Noch mal Glück gehabt, es hätte schlimmer ausgehen können.

Kurz nach der Kapitulation verließen wir in voller Marschordnung die Kaserne und marschierten, in gewisser Weise provokativ, durch die Stadt. Nach dem Motto, seht, wir sind noch da! Am Stadtausgang befanden sich die Stadtwerke von Randers, die Versorgungseinrichtungen für Strom und Gas. Davor stand jetzt eine Wache der Widerstandsbewegung‚ bewaffnet mit englischen Maschinenpistolen. Die Engländer hatten fleißig Waffen für die Widerständler abgeworfen und diese hatten sie offensichtlich gut aufbewahrt ‒ für diesen Tag!

Ehrlich: Auf uns machte das keinen Eindruck, wir mussten darüber lächeln. Nach einigen Kilometern Fußmarsch stiegen wir auf LKWs und fuhren nach Silkeborg, eine hübsche Stadt. Dort brachte man uns oben auf der Höhe in einer größeren Schulanlage unter. Am nächsten Tag landeten wir außerhalb der Stadt in einer Anlage, die wohl mal eine Ausflugsrestauration war. Der Name lautete so ähnlich wie Ludwigslust. Die ganze parkähnliche Anlage war geteilt: Auf der einen Seite wir Soldaten, in der Mitte das weiße Gebäude, ein Drahtzaun und auf der anderen Seite ‒ deutsche Flüchtlinge! Bedingt durch den Zaun hatten wir zu den Flüchtlingen kaum Kontakt. Die hatten auch mit sich selbst zu tun. Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass in solchen Lagern viele der Flüchtlinge, vor allem Alte, Kinder und Kranke starben, weil die Dänen sie als ungeliebte Fremde schlecht behandelten, obwohl Lebensmittelüberschüsse vorhanden waren.

Nicht nur mich beschäftigte die Frage, wie kriegen wir unsere Handwaffe durch die Kontrollen an der Grenze? Die Gewehre mussten wir abgeben, das wussten wir. Der Erfindergeist schlug Kapriolen. Doch es gab da etwas: Wir hatten Feldflaschen aus emailliertem Stahl, die guten aus Aluminium gab es schon lange nicht mehr. An der Nahtstelle ließen sie sich mit etwas Aufwand in zwei Hälften teilen. Gesagt, getan und die Pistole passte hinein! Alles wieder lose zusammengefügt, den Überzug darüber und keinem fiel etwas auf. Wie das so ist unter guten Kameraden: Einer bekommt Schiss und kann das Maul nicht halten. Eines Tages ‒ kurz vor dem Weitermarsch ‒ hieß es dann hochoffiziell: Es ist uns zu Ohren gekommen, dass Pistolen in Feldflaschen versteckt wurden usw., usw. Das war es dann und wir mussten wieder auspacken. Unsere Feldflasche war aber nur noch Schrott.

Wir setzten dann den Marsch so peu à peu fort in Richtung Grenze. Und wieder hatte ich Glück. Ich wurde zum Vorkommando eingeteilt, das die Aufgabe hatte, Quartier für die Einheit zu machen. Wir waren zwei oder drei Mann, die dem Ganzen immer voraus waren ‒ natürlich nur auf die Strecke bezogen, und dadurch, dass wir Fahrräder zur Verfügung hatten. Es war ein wunderschöner warmer Tag, als wir einen Feldweg in Richtung Tinglev fuhren. Kurz vor der Stadt, die Häuser waren schon zu erkennen, trafen wir auf eine Frau, die in Richtung Stadt zu Fuß unterwegs war. Wir sprachen sie an und merkten, dass sie die deutsche Sprache gut beherrschte. Es war eine Flüchtlingsfrau, die in Tinglev untergebracht war. Wir fragten sie, ob sie uns Kuchen besorgen könne, was sie bejahte. Uns Soldaten wurde nichts mehr verkauft. Wir gaben ihr das Geld und sie zog ab.

Wir nahmen am Straßenrand Platz. Wir wollten doch noch etwas vom Schlaraffenland mitnehmen! Es dauerte und dauerte. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, als wir in der Ferne zwei Kinder erblickten. Sie hielten ‒ jeder mit einer Hand ‒ zwischen sich einen Stock, an dem in der Mitte ein Päckchen baumelte. So ganz allmählich kamen sie näher. Sie schienen gar keine Eile zu haben. Als sie dann endlich bei uns waren, packten sie ihre Schätze für uns aus. Wir schwelgten in einem mittleren Kuchenrausch und haben alles verputzt. Es waren keine Sahnestücke, aber Kranzkuchen und ähnlich Delikates. Die beiden Kinder ‒ so etwa acht Jahre alt ‒ bekamen ein Trinkgeld und zogen wieder gen Tinglev. Das war das letzte Mal, dass wir Dänemark genießen durften.

Wir zogen durch Tinglev und fanden überall Hinweise auf Ribe. Dieser Name war uns relativ unbekannt, aber wir erinnerten uns an Riepen, wie es in Deutsch hieß. Der Vertrag von Ripen ‒ da war doch mal was? Genaues ließ sich nicht an die Oberfläche ziehen, aber man wusste, dieser Name war einem im Geschichtsunterricht begegnet. Jetzt fuhren wir auf einer prima Asphaltstraße dahin und unser Leutnant hatte sich zu uns gesellt. Vermutlich war es der Ort Skærbæk in den wir jetzt einfuhren, nach wie vor bewaffnet mit einem Karabiner. Und was wir da sahen, erschreckte uns. Da stand am Straßenrand ein britischer Panzer und um ihn herum betätigten sich britische Soldaten! Was würde nun geschehen? Es war ganz einfach: Die Briten nahmen uns gar nicht wahr und wir fuhren vorbei. Das war alles. Unsere erste Begegnung mit der Besatzungsmacht. Was wäre wohl passiert, wenn das Russen gewesen wären - nicht auszudenken!

Wir fuhren durch den Ort bis an dessen Rand und bogen nach links in eine Straße ein. Der Leutnant musste sich hier auskennen, denn er fuhr schnurstracks auf einen Bauernhof zu, dessen Besitzer er begrüßte. Der hatte eine Kälberzucht und wir mussten neidvoll zuschauen, wie die Kälbchen Eimer mit guter Vollmilch, angereichert mit einigen Eiern, erhielten.

Ich kann nicht mehr sagen, ob wir da irgendwo Quartier gemacht haben. Auf jeden Fall haben wir Quartier gemacht in Mögeltönder, und zwar im Pferdestall des dort vorhandenen Schlosses Schackenborg. Der nächste Tag führte uns in ein kleines Dörfchen in Grenznähe. Hier wurden alle Fahrräder von fachmännischem Personal, den Landsern, umgebaut in zweirädrige Transportkarren, weil wir einerseits die Fahrräder nicht mit über die Grenze nehmen durften, aber andererseits verlegen waren um Transportgeräte für unser Gepäck, das immer noch mitgeschleppt wurde. Man muss sich wundern, was Landser alles so fertig bringen. Fast ohne Werkzeuge entstanden brauchbare Lastenkarren.

Am nächsten Tag überschritten wir die Grenze vermutlich bei Rudböl/Rosenkranz. Diejenigen, die noch Handfeuerwaffen bei sich hatten, entfernten den Schlagbolzen und schmissen die Pistole in den kleinen See, an dem wir vorbeikamen. Dieser Geländeteil war von den Grenzposten nicht einzusehen. Die Straße machte einen Bogen nach rechts und wir konnten das Grenzhaus sowie die englischen Posten sehen. Ganz wohl war uns in diesem Moment nicht. Ade, liebes Dänemark. In unserem Leben werden wir dich wohl nicht wieder betreten dürfen. Im Marsch warfen wir unsere Karabiner auf einen Haufen und weiter ging es ohne Weiterungen mit unseren Gepäckkarren über die Grenze nach Deutschland.