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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 7: Ein geschlagenes Deutschland

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 7

Ein geschlagenes Deutschland

Wieder in Deutschland, ein geschlagenes Deutschland - das ging uns schon durch den Kopf. Aber was soll‘s, wir sind ja noch einmal davongekommen. Quartiermacher brauchte man nicht mehr und auch ich marschierte hinter einem der Karren her. Langenhorn zeigte da ein Wegweiser und schreckte mich auf. Gemeint war das Örtchen Langenhorn in Dithmarschen. Schade. In Hattstedt, nördlich von Husum, machten wir in der Nähe der Kirche Rast. Ein musikalisches Genie, so etwas findet sich beim Kommis immer, setzte sich an die Orgel und spielte weltliche Lieder, welch ein wunderbares Klangerlebnis.

Ein Kamerad beschäftigte sich damit, neben der Kirche seine bis dahin durchgeschleppte Pistole (gut, der Mann!), eingewickelt in Ölpapier, zu vergraben. Auch Husum war uns eine Rast wert, wir hatten es ja nicht eilig. Ich schaute mir die hübschen blauen Krokusse im Schlossgarten an und ging kurz zum Hafen. Dann ging es vorbei an der Hölle. So nannte sich das Erdölgebiet bei der Stadt Heide. Oh, war das langweilig. In Wesselburen verließ uns der Kamerad Heinz , der war im Ortsteil Ocken zu Hause. Sein Vater hatte dort einen Bauernhof. Wir haben ihn beneidet! Uns brachte man dann nach Barsfleth und Thalingburen, zwei kleinen Dörfchen an der Straße nach Meldorf.

Die Einheit wurde aufgeteilt. Wir kamen nach Thalingburen. In der riesigen Scheune eines Bauernhofes fanden wir Platz, und zwar oben, quasi im ersten Stock. Dort bauten wir unsere Grabhügel, Strohlager, auf denen gerade ein Mann schlafen kann. Wenn die alle so nebeneinander geschichtet sind, sieht es aus, wie auf dem Friedhof.

Aber wir hatten ein Dach über dem Kopf ‒ allerdings nichts zum Essen. Anfangs klappte die Versorgung nicht. Ich ging in den Garten, suchte mir Brennnesselblätter, entnahm dem Pferdetrog die letzten Reste an Futter und kochte mir daraus ein Süppchen. Brennnesselsuppe kannte ich von meiner Großmutter. Nur die war gehaltvoller als meine. Mein Ergebnis konnte mein Magenknurren kaum beseitigen. Aber wir lebten uns ein.

Ja, in der nahen Schule, ich glaube, sie bestand nur aus einer Klasse, wurde so etwas wie eine Volkshochschule aufgemacht. Mit großem Interesse nahm ich am Physik-Unterricht teil. Es war natürlich alles freiwillig, lenkte aber ab. Auch einen Chor gründeten wir mit einem Fachlehrer. Den Bauern, dem der Hof gehörte, und dessen Angehörige habe ich nie zu Gesicht bekommen. Für den waren wir anscheinend Aussätzige, die man meiden musste. Wir brachten es aber so weit, dass wir eine Art bunten Abend veranstalten konnten für die Einwohnerschaft. Das Geschehen fand unten statt, im Erdgeschoss der Scheune. Wir hatten sogar eine Bühne. Und der Saal war voll! In dieser trostlosen Zeit wurde jedes Angebot an Zerstreuung gern genutzt.

Zum einen sang unser Chor Lieder, Zogen einst fünf wilde Schwäne... und ähnliche. Unser Chorleiter zog alle Register ‒ das konnte er. Zum anderen fungierten wir als Orgel. Wir waren in Gruppen eingeteilt und jede Gruppe sang auf ein bestimmtes Zeichen eine bestimmte Tonfolge. Das hörte sich ganz toll an. Wir waren selbst von unserer Darbietung schwer begeistert. Ein Kamerad trug eine Erzählung vor. Es war die von dem Husaren, der vor der Gastwirtschaft auf seinem Ross saß, in der er eben noch seinen Trank zu sich genommen hatte, als französische Reiter in Erscheinung traten; er steckte seine Pfeife in Brand und ritt mit ho, ho, ha, ha auf sie zu, zog seinen Säbel und jagte sie in die Flucht. Der Verfasser ist Heinrich von Kleist; ich kannte die Erzählung aus der Schule und wir lieferten die Hintergrundmusik mit Höhen und Tiefen, je nach Textinhalt.

In gleicher Art wurde von uns die Ballade Die tollen Vettern von Börries Freiherr von Münchhausen vorgetragen. Es muss den Leuten sehr gefallen haben. Wir erhielten Riesenbeifall und es rann wohl auch hier und da mal eine Träne.

Es gab so manches Talent bei uns, auch einen jungen Sänger mit Gitarre. Ich habe mich immer darüber gewundert, wie es ihnen gelang, ihr Instrument unbeschädigt durch die Turbulenzen hindurch zu bringen. Seine Lieblingslieder waren anscheinend Mariechen saß weinend im Garten… und Ach, Louise…. Er konnte sie einmalig bringen und ich habe mich später darüber gewundert, seinen Namen nicht einmal in einem Radioprogramm gesehen zu haben. Aber so war das damals! Wie leicht haben es heute die Talente, die oft gar keine sind?

Irgendwann mussten wir umziehen, auf die andere Straßenseite sozusagen. Auch dort ging es in den Schober im ersten Stock; nur da war es gemütlicher. Vor allem hatten wir dort eine hervorragende Liegewiese, auf der wir unseren Bauch von der Sonne braun brennen lassen konnten. Mit Bauch ist natürlich der ganze Korpus gemeint, aber der Bauch wurde am schnellsten schwarz-braun, er schimmerte fast violett. Wir genossen es. Was sollten wir sonst auch tun?

Ja, das fiel auch anderen Leuten auf und die machten sich Sorgen um unser Wohlergehen. Wir wurden zum Arbeitseinsatz kommandiert. Man gab uns Äxte und Keile und wir mussten Stubben bearbeiten, die von ausgegrabenen Straßenbäumen übrig geblieben waren. Eine blöde Arbeit. Weil wir keine Ahnung von einer solchen Tätigkeit hatten und wohl mangels ausreichender Ernährung die nötige Kraft fehlte, waren wir wenig effektiv.

Man ließ uns wieder auf unserer Wiese ruhen. Ein besonderes Ereignis war ein Marsch nach Meldorf. Dort versuchte man, uns Kurzweil zu bieten. Muss wohl nicht so aufregend gewesen sein, weil ich mich an Einzelheiten nicht erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass wir auch hier in einer Kirche waren und jemand auf der Orgel weltliche Lieder spielte. Ja, das konnte sich hören lassen! Auf dem Rückmarsch von Meldorf wurden wir von einem argen Gewitter überrascht und begleitet. Plötzlich schlug ein Blitz hinter uns in die Straße. Wir bekamen einen ziemlichen Schreck. Es roch eklig nach Schwefel. Weit ab kann das nicht gewesen sein.

Das Gebiet, in dem wir uns aufhielten, war eine Art Koog oder Vorland und mit einem kleinen Deich eingefasst. In den Ortschaften zur See hin, die Nordsee war nicht weit, hatte man Rumänen untergebracht; ehemalige Hilfstruppen. Anscheinend klauten die wie die Raben, denn man verbot ihnen, den Deich zum sogenannten Hinterland zu überschreiten. Wir mussten sie bewachen. Das Wetter war gut und wir saßen auf dem Deich. Natürlich versuchten die Rumänen irgendwie an uns heran und vielleicht auch vorbei zu kommen. Wir kamen mit ihnen zwangsläufig ins Gespräch. Es waren tüchtige Handwerker: Aus einem Zehn-Pfennig-Stück machten sie einen goldenen Ring und alte Gummireifen benutzten sie dazu, Schuhe zu besohlen. Gern nahmen wir ihr Können in Anspruch ‒ aber vorbei ließen wir sie nicht.

Im benachbarten Barsfleth war mehr los; der Ort war auch etwas größer. Eine Scheune wurde als Tanzsaal benutzt und Musik war auch da! Es fehlten auch nicht die Damen, weil in dem Ort Flüchtlinge untergebracht waren. Hör mein Lied Violetta… war eine der Melodien, die gern gespielt und nach der gern getanzt wurde. Dort traf ich auch den Heino  aus Randers wieder. Er hatte hier mit einem hübschen Flüchtlingsmädel – und davon gab es einige! – eine ernste Beziehung angeknüpft. Für uns Thalingburer war es schwieriger, dort zu landen, Barsfleth war nicht nahe genug.

Ein Kamerad und ich erhielten eines Tages eine Einladung nach Wesselburen-Ocken zu unserem Kameraden Heinz . Er hatte uns nicht vergessen! Wir marschierten in der Frühe los, um zur Mittagszeit bei Heinz zu sein. Dabei kamen wir auch durch das Städtchen Wöhrden, das ganz nett war. Nach gut zwei Stunden waren wir am Ziel.
Seine Eltern nahmen uns freundlich auf. Zunächst ging es aber aufs Feld, um sich etwas hungrig zu arbeiten, wie es hieß. Erstens hatten wir sowieso schon mächtigen Hunger, allein schon vom Marsch und zweitens war die Arbeit auf dem Feld keine Arbeit, sondern nur eine leichte Tätigkeit, um die Zeit bis zum Essen zu überbrücken.

Und dann begann das Mittagessen. Es gab Braten und Gemüse satt! Wir genossen es und aßen und aßen und aßen. Es gab keine Begrenzung. Mir stand schon der kalte Schweiß auf der Stirn und ich war wohl kurz vor einem Kreislaufkollaps. Grund: Überfressen. Und dann gab es hinterher auch noch Erdbeeren mit Milch. Wer will da schon nein sagen. Taten wir natürlich nicht und langten noch mal zu. Oh, war mir zumute! Am liebsten hätte ich mich hingelegt und Mittagsschlaf gehalten. Ging nicht, Heinz hatte was anderes mit uns vor. Mit einer zweirädrigen Kutsche und einem Pferd fuhren wir nach Husum. Heinz hatte dort im Deutschen Eck etwas zu erledigen. Es holperte zwar etwas, weil die eine Hartgummibereifung geflickt war, aber das störte uns nicht weiter. Wir schauten uns in Husum etwas um und dann ging es wieder zurück und wir traten den Marsch nach Thalingburen an. War das ein Erlebnis! Wir waren dem Heinz unendlich dankbar.

So allmählich dünnten sich unsere Reihen. Es wurden Leute abgezogen, die die Wirtschaft brauchte. Auch die Reichsbahn sollte wieder flott gemacht werden und gesucht wurden Reichsbahnbedienstete, u. a. auch Reichsbahnverwaltungsangestellte. Verwaltungsangestellter stand auch in meinen Unterlagen. Hatte man da nicht vielleicht das Wörtchen Reichsbahn vergessen? Da müsste sich doch was machen lassen und ich meldete mich auch. Also packte ich meine Sachen zusammen und ging auf Transport. Doch was war das: In meinem Tornister fehlten meine beiden Bücher, die ich bis dahin mitgeschleppt hatte. Sauerei, die hatte man mir geklaut. Ich nehme an, der Grund war der, dass man sich sagte, was will der damit; wir, die wir hier bleiben müssen, brauchen Lesestoff. Es war das Buch Rautenkranz und Schwerter über die Geschichte Sachsens, die mich als Dresdner interessierte und ein Buch über die Deutsche Sprache. Es enthielt so nette Sprüche wie: Men nepte heu? Nie men epte heu. Wenn epte men, men epte Gras. Das ist eine Verballhornung und heißt richtig: Mähen Äbte Heu? Nie mähen Äbte Heu. Wenn Äbte mähen, mähen Äbte Gras.. Das waren rechte Sachen für mich. Nun war es weg.

Auf der Meldestelle war man äußerst misstrauisch. Ich musste erst eidesstattlich erklären, dass ich Reichsbahnverwaltungs-Angestellter war. Unter den gegebenen Umständen fiel mir das nicht schwer zu erklären. Man nahm also meine Personalien auf. Alles in Druckbuchstaben (Versalien). Der Engländer wollte das so. Und in welchem Tempo die schrieben, es war bewundernswert. Alsdann bekam ich meinen Entlassungsschein D 2. Eine nette Dame nähte mir ein kleines gelbes Dreieck fein säuberlich auf meine Jacke über der Brusttasche, da wo der Adler nicht saß. Es sah aus, als klebe dort ein gelber Honigbonbon und ich war durch.

In Thelingstedt wurden wir in einem großen Zeltlager gesammelt und warteten auf unseren Abtransport. Es waren immer sechs Mann in einem Zelt. Eines Tages kam dann ein Mann mit einer großen Spritze aus Holz und pustete uns DDT in die Wäsche gegen die Läuse. Und dann kam der Tag, an dem wir einen englischen LKW besteigen durften! Die Fahrt ging erst einmal nach Bad Segeberg in ein Lager. Die Fahrt an sich war lebensbedrohlich. Die englischen Fahrer machten sich anscheinend einen Jux daraus, mit uns um die Kurven zu jagen, als wollten sie sagen euch machen wir auch noch fertig.

In Bad Segeberg mussten wir übernachten. Ich tauschte dort meine kaputte Armbanduhr, sie hatte durch den lehmigen Staub im Schützengraben bei Staraja Russa gelitten und ihre Ganggenauigkeit verloren, gegen zehn Schachteln englische Zigaretten für den Papa ein. In dem Lager musste man entweder auf der Erde liegend campieren oder in einem der Strohlager, das unsere Vorgänger angelegt hatten, als es noch regnete. Jetzt hatten wir wunderbares Wetter. Und eine Nacht schaffte man immer. Am nächsten Tag kutschierte man uns nach Pinneberg. Wir sollten eigentlich mit der Bahn weiterfahren. Ich konnte mir aber einen LKW schnappen, der mit Holz beladen war und nach Hamburg-Lattenkamp zum Holzlager Lühmann fuhr. Dort stieg ich in die U-Bahn und war bald zu Haus. Es war der 30. Juli 1945. Oh, war es schön, wieder zu Hause zu sein. Endlich!