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Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945 ‒ Kapitel 3, Teil 8: Kampf ums Überleben

Meine Soldatenzeit 1942 bis 1945

Kapitel 3, Teil 8

Kampf ums Überleben

Der Krieg war vorbei und es begann der tägliche Kampf ums Überleben. Es waren schlimme Zeiten. Wie lange wird es wohl dauern bis zur Normalität? 30 Jahre, 40 Jahre, 50 Jahre? Bei den Zerstörungen ist keine der Zahlen zu kurz gegriffen. Vielleicht müsste man sie sogar addieren. Wir waren alle sehr niedergeschlagen und doch froh, überlebt zu haben.

Nachsatz: Wieder zu Hause, bemühte ich mich, Verbindung mit Kurt Frischmuth aufzunehmen, was auch gelang. Auch Kurt war heil heimgekehrt. Ich durfte die Kochkünste seines Papas, der als Kantinenchef im HAPAG-Gebäude tätig war und dort wohnte, gleich zu Anfang genießen. Kurt und ich trafen uns fast täglich in Hamburg und machten es unsicher, nachdem es mir gelungen war, einen vierwöchigen Urlaub auszuhandeln. Wir brauchten etwas Abstand. Meinem Chef, Bürgermeister Goldschmidt, war das nicht ganz Recht. Aber wie konnte er das auch nachfühlen. Ihn hatte man als Bezirkskommissar in den Ostgebieten, im Wartheland eingesetzt und dort hatte er gelebt wie ein brauner, goldbetresster Fürst und war mit vollen Koffern heimgekehrt.

Wenn Papa auf Urlaub nach Hause kam, war gegen Abend die erste Beschäftigung, den Feindsender London (Bum, bum, bum, bum) zu hören, das war sehr gefährlich. Auch wenn man noch so leise einstellte, es gab immer Lauscher. SS-Mann , eigentlich ein ganz normaler Familienvater, er wohnte in der Schillerstraße, konnte hinter dem Fenster stehen. Ich vermute, der  war im Verwaltungsdienst bei der SS beschäftigt, trug aber ständig eine schwarze Uniform mit dem Abzeichen SD (Sicherheitsdienst). Eigentlich ein Hänfling, aber vielleicht gerade deshalb. Charles Grube, er wohnte In de Tarpen, ein ganz biederer Bürger, aber bekanntermaßen kein Nazifreund, hat es erwischt. Er wurde wegen Abhören von Feindsendern zum Tode verurteilt und hingerichtet. ‒ Auch das Erzählen eines Witzes über die Nazigrößen hätte tödlich sein können.

Und das Geschichtchen von der Hannelore sollte auch nicht vergessen werden. Zu Dritt hatten wir Hannelore kennengelernt. Hannelore hatte lange schwarze Haare und einen leichten Schlafzimmerblick, denn sie war stark kurzsichtig. Das machte sie aber noch attraktiver. Sie hatte etwa meine Größe und dürfte 16 Jahre alt gewesen sein. Hannelore wohnte in der Nähe des Lübecker Hauptbahnhofes in einem Bereich, der mit Siedlungshäusern bestanden war. Ihr Elternhaus hatte einen kleinen Vorbau, der als Laden für Schulbedarf genutzt wurde; es müssen also Schulen in der Nähe gewesen sein. Wir drei trafen uns mit Hannelore und gingen in der Siedlungsanlage spazieren, erzählten und alberten rum. Es waren keine großartigen Straßen da, mehr eine Art breiter Fußwege. Ich durfte auch ihr Lieblingslied pfeifen: Komm Casanova, komm Casanova küss mich…. Dieser Schlager war gerade in und ich hatte ihn in meinem Repertoire von Melodien, die ich ganz gut pfeifen konnte. Möglicherweise sind es Einsatzbefehle gewesen, die meine Konkurrenten abberufen haben, auf jeden Fall hat mich Hannelore allein zum Bahnhof begleitet, als ich etwas später Lübeck verlassen musste. Wohin die Fahrt ging, erinnere ich auch nicht mehr und geschrieben haben wir uns auch nicht.

Nach dem Krieg sollte der Jahrmarkt in Garstedt wieder aufleben, der durch die Kriegsereignisse zum Erliegen gekommen war. Als Sachbearbeiter im Ordnungsamt der Gemeindeverwaltung war ich zugleich Marktmeister und sollte mich um die Sache kümmern. Das war zur damaligen Zeit leichter gesagt als getan. Ich musste durch die Lande fahren und hatte kein Fahrzeug. Ich konnte aber Schulkamerad Bruno Dircks (wir waren im letzten Schuljahr in einer Klasse und besetzten eine Bank) überreden, eine Fahrt zu unternehmen. Irgendwoher hatten wir einen Tipp bekommen und wir setzten uns Richtung Lübeck mit seinem Motorrad in Bewegung. Kurz vor der Stadt hatte ein Autoskooter seine Anlage aufgebaut. Die Unternehmer nutzten damals jede auch noch so kleine Gelegenheit, wieder ins Geschäft zu kommen. Ich brauchte den Inhaber nicht lange zu nötigen und er war bereit, unseren Jahrmarkt zu beschicken.

Der Skooter machte einen tollen Eindruck und ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Vermutlich habe ich dann den Bruno gebeten, mich doch mal eben in die Stadt zu begleiten. Schnell fand ich, was ich suchte, das Elternhaus von Hannelore. Ich wollte sie doch wissen lassen, dass ich alles gut überstanden hatte. Ich ging also in den Laden und da stand auch die gute Hannelore neben einem etwas älteren Herrn, es hätte fast ihr Vater sein können, hinter dem Tresen. Ich sagte guten Tag und wie geht es, ich bin heil davon gekommen, oder so ähnlich. Hannelore wagte nicht einmal, mir die Hand zu geben. Sie sagte auch nichts, obwohl ich merkte, dass sie mich erkannt hatte. Anscheinend hatte sie nichts zu sagen, denn der Kerl an ihrer Seite gab mir zu verstehen, dass man auf meine Rückmeldung keinen Wert lege und sagte Auf Wiedersehen. Obwohl ich nicht die Absicht hatte, der Hannelore einen Heiratsantrag zu machen, fand ich diese Art der Behandlung einfach unfreundlich. ‒ Arme Hannelore! Das hatte sie nicht verdient. Ich ging also zum Bruno zurück, der bei seiner Maschine geblieben war und wir traten den Heimweg an. Na ja, mit einem Erfolgserlebnis am Tag muss man sich auch zufrieden geben.

Nachtragen möchte ich auch noch unsere Empfindungen zum 20. Juli 1944 ‒ Attentat auf Hitler. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, empfanden wir das Tun dieser Offiziere als Verrat. Verrat mit allen seinen Folgen: Hier und da wurde Sabotage bemerkbar. Munitionszüge wurden umgeleitet ‒ so hörte man ‒ und kamen nie dort an, wohin sie sollten und wo deren Inhalt dringend gebraucht wurde.   Auch soll es vorgekommen sein, dass bewusst falsche Munition geliefert worden ist. Man stelle sich das vor: Da warten Soldaten - nicht zuletzt, um sich verteidigen zu können - auf das notwendige Kriegsgerät und nichts kommt an! Ob es tatsächlich so war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde von solchen Ereignissen wiederholt berichtet. Die Soldaten fühlten sich verraten und ausgeliefert. Ob Zweckpropaganda dahinter steckte, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall herrschte in den Augusttagen 1944 an den Nordfronten ein ziemliches Durcheinander und der organisierte Rückzug gewann an Fahrt. Ich muss betonen, dass mir und sicherlich auch meinen Kameraden von den Verbrechen der Nazis zu dieser Zeit nichts bekannt war. Wir hatten zwar die Schnauze vom Krieg voll, hofften im Stillen aber immer noch auf eine mögliche Wendung, auch wenn wir uns einen Sieg unter den gegebenen Umständen nicht mehr vorstellen konnten.