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Der Altonaer Hof
Ein besonderes Gasthaus am Ochsenzoll auf Garstedter Gebiet
Teil 2, Während der NS-Zeit

Der Krieg hat diesem ganzen Spuk ein Ende bereitet. Nicht einmal die NSDAP, die Nazis haben sich dort eingenistet, wie es anderenorts geschah. Im Altonaer Hof war nichts mehr los.

Anfang des Krieges habe ich als Hitlerjugendführer vor dem Altonaer Hof, mit dem Kleinkalibergewehr bewaffnet, Posten stehen müssen. Der französische General GiraudAls Kriegsgefangener war Giraud mit anderen hohen französischen Offizieren auf der Festung Königstein bei Dresden untergebracht. Von dort gelang ihm nach zwei Jahren unter nie restlos geklärten Umständen die Flucht in den unbesetzten Teil Frankreichs. Laut eigener Darstellung hatte Giraud über zwei Jahre die Flucht sorgfältig geplant. Er lernte akzentfrei Deutsch und prägte sich eine Karte der Umgebung ein. Aus zahlreichen Lebensmittelpaketen, die er sich von seiner Ehefrau schicken ließ, sammelte er die Bindfäden und flocht sie geduldig zu einem Seil, das er mit einem 50 Meter langen Kupferdraht, den seine Frau ebenfalls einem Verpflegungspaket beilegte, verstärkte.Quelle: Wikipedia.org, der als Kriegsgefangener auf der Festung Königstein in Sachsen festsaß, war ausgebrochen. Wie man später erfuhr, mit fremder Hilfe. So standen denn an allen wichtigen Straßenkreuzungen im Reich bewaffnete Parteigänger, um ihn wieder einzufangen, was aber nicht gelang. Auf solche lächerliche Idee konnten auch nur die Nazis kommen.

Sonst hatte diese Restauration für mich keinerlei Bedeutung. Als Jungen hielten wir uns viel lieber gegenüber an der Shell-Tankstelle bei Tankwart Röhlk auf, da war immer etwas los! Da traf man diesen und jenen. Mit den Schwens waren wir befreundet und kehrten dann und wann bei ihnen ein. Zu dem Sohn Franz, genannt Franzi, der nur wenig älter war als ich, hatte ich aber kaum Beziehung. Franz gehörte zu jener Clique, die im nahe gelegenen Parkhof an der Langenhorner Chaussee dem Tanzvergnügen frönte. Dafür war ich noch zu jung. Im Kriege wurde dann das Tanzen verboten. Werner Röhlk wie auch Franz Schwen Senior fielen insbesondere dadurch auf, dass sie sich, wenn sie denn einmal ausgingen, auffallend proper anzogen. Man konnte ihnen dann nicht ansehen, dass sie sich täglich mit Drecksarbeit beschäftigten.

Der Ochsenzoll war damals unser Einkaufszentrum. Kurz vor dem Überweg zum Schmuggelstieg lag das Postgebäude der Gemeinde, in dem auch die Drogerie Rothgard und das Radiogeschäft Paul Sellhorn untergebracht waren. Geschäfte, die man durchaus gelegentlich aufsuchen musste. Der Post-Chef hieß auch Sievers, war aber nicht verwandt mit uns. Eingangs des Schmuggelstieges, gegenüber der Tankstelle Röhlk lag der Neubau des Lebensmittelgeschäftes Johs. Schmidt, einer bekannten Ladenkette, die insbesondere sonnabends von uns aufgesucht wurde. Mit dicken Einkaufsnetzen am Fahrrad fuhren meine Mutter und ich von dort zurück nach Hause. Gegenüber dem Altonaer Hof an der Ulzburger Straße, Ecke Segeberger Chaussee befand sich die Schlachterei Karcher, die von dem jungen Schlachter Reichler übernommen wurde. Dort kauften wir gern ein.

Im Verlauf des Schmuggelstieges folgten dann die Geschäfte von Bischoff, Textilien, Bücher, Schreibwaren und Heinsohn, Spielwaren. Das Geschäft, im Keller untergebracht bestand nicht lange. Herr Heinsohn betätigte sich als Prediger auf Beerdigungen pp. und lief immer in Schwarz rum. Auf uns machte er mehr den Eindruck eines Scheinheiligen. Ferner waren etabliert Uhren-Kuhlmann und Frisör Lahn. Direkt am Grenzbach Tarpenbek stand noch der grün gestrichene Verkaufskiosk von Frau Krüger. An der Langenhorner Chaussee ‒ auf dem Weg zur Hochbahn ‒ lagen die Geschäfte von Hertel, Fahrradhandel und Möbius, einem Hutgeschäft. Dazwischen war noch ein kleiner Schreibwarenhandel und dahinter der Frisör Soltau. Auf der anderen Straßenseite kauften wir ein bei Herzig, Feinkost, Schacht, Textilien, Diekmann, Lebensmittel pp. und Schröder, Obst, Gemüse, Blumen. Der Frisör Schmöller, ein Kollege meines Vaters im Krankenhaus Ochsenzoll, betrieb sein Gewerk mit seiner Ehefrau in einem zurückliegenden Reetdachhaus, und Jenisch, Schuhe hatte sein Geschäft im sogenannten Bärenhof. Ob das Uhrengeschäft Seubert schon vor dem Kriege bestand, entzieht sich meiner Erinnerung. Am Eingang des Güterbahnhofes stand ein kleiner massiver Pavillon, der von einem Architekten bewohnt wurde und der seine Bau-Modelle in den Fenstern ausgestellt hatte. Für uns als Jungen interessant deswegen, weil an einer Außenwand ein Zigarettenautomat angebracht war, aus dem man für zehn Pfennige vier Zigaretten, eine kleine Packung der Marke Schwarz-weiß entnehmen konnte. Obwohl wir eigentlich auf Lande-Zigaretten, eine Orient-Mischung standen, griffen wir mitunter zu, weil sie billiger waren.

Kurz nach dem Bahnhof hatte die Produktion eine Niederlassung und Willi Scheer seinen gut sortierten Handel mit Obst und Gemüse. Zwischen den Läden in Bahnhofsnähe lag die Fahrradaufbewahrung Lamp. Etwas versetzt befand sich gegenüber auf der anderen Straßenseite die Fahrradaufbewahrung Clos. Diese Verwahrungsstellen waren sehr wichtig, kamen doch die meisten Leute mit dem Fahrrad zur Bahn. Auch in der dem Bahnhof gegenüber liegenden Gastwirtschaft Ahrens befand sich noch eine Verwahrung ‒ und alle konnten davon leben.

Weitere Gastwirtschaften waren platziert entlang der Langenhorner Chaussee bis zur Segeberger Chaussee auf der Bahnhofsseite zwischen den Geschäften. Es handelte sich um die Gastwirtschaft Benecke, Finnern (Schorle!!) und Dieckmann, die später abbrannte. Unser Kino befand sich in einem Anbau zum Parkhof; es hatte deshalb auch den gleichen Namen. In den Grünflächen des Parkhofes fand alljährlich das beliebte Waldfest statt. Es standen entlang der Tarpenbek in Höhe des Lokals einige Bäume, die als Wald bezeichnet wurden. Karussell und Luftschaukel waren in der Regel vorhanden.

Das war also der Ochsenzoll, ein Gebiet, welches Hamburg, Garstedt und Harksheide berührte. Und der Altonaer Hof gehörte dazu. Der Name Ochsenzoll bezog sich auf die ehemalige Zollstation für den Viehtrieb nach Hamburg. Das Gebäude dieser Station stand noch nach dem Kriege und beherbergte den Motorradteile-Handel Willi Grimberg. Wer keinen Zoll entrichten wollte, trieb sein Vieh über den Schmuggelstieg durch die Tarpenbekfurt.

Bis zum Krieg lief alles ganz normal. Doch dann wurde alles anders. Die Männer wurden eingezogen und das Warenangebot wurde geringer. Das Geringe war nur noch auf Bezugsmarken zu erhalten. Frauen wurden zum Dienst in den Rüstungsbetrieben HAK-WerkEin Rüstungswerk zur Herstellung von Munitionshülsen, Hanseatische Kettenwerke und MESSAPWerk zur Herstellung von Zeitzündern und programmierbaren Torpedosteuerungen, die Deutsche Messapparate GmbH kurz MESSAP. Die Messap entstand aus einer Kooperation der Firma Gebr. Junghans aus dem Schwarzwald und des Oberkommandos des Heeres. im Karree Weg, heute Essener Straße verpflichtet. Vergnügliches wurde eingeschränkt. Es sollte jeder mitleiden. Auch der Altonaer Hof blieb nicht verschont.