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Pimpf und Hitlerjunge
Zweiter Teil
Unser Fähnlein

Unser Fähnlein hatte inzwischen Norbert übernommen. Er war einige Jahre älter und ein fürsorglicher Führer. Wir haben ihn alle sehr geschätzt. Von Beruf war er Schiffbauer und auf einer Hamburger Werft beschäftigt. Unter seiner Leitung bekam die ganze Einheit Format. Auch ein Fanfarenzug wurde eingerichtet unter der Führung von Rolf. Er hatte seinen Musikbetrieb gut im Griff. Erich und Ewald wurden zum Streifendienst eingeteilt, um zu kontrollieren, ob die Jungen nach dem Dienst auch nach Hause gingen und sich nicht herumtrieben und Blödsinn machten. Da wir den gleichen Nachhauseweg hatten, schloss ich mich den beiden gern an.

Erich und Ewald, meine Schulkameraden, hatten sich für ein Wochenende auf einem Segelschulschiff gemeldet, welches im Hamburger Hafen lag und als Jugendherberge diente. Was dort ablaufen sollte, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, weil ich daran wenig Interesse hatte. Veranstalter war aber die Hitler-Jugend. Auf einem Schiff übernachten, möglicherweise in einer Hängematte, war für mich wenig anziehend. Ich blieb da lieber meinem molligen Bett treu. Die beiden hatten aber hinterher so viel Aufregendes zu erzählen, dass mir meine Abstinenz schon Leid tat. Vielleicht kommt so etwas Ähnliches mal wieder, dann bin ich sicherlich dabei.

Ein Junglehrer hatte die Wohnung neben uns im Hause meiner Großmutter bezogen und unterrichtete in unserer Schule. Außerdem war er HJ-Führer. So ergab es sich, dass wir ihn während der Schulzeit mit Herr anredeten und beim abendlichen HJ-Dienst die Anrede Du und Heinz verwendeten. Mensch, war das ungewohnt. Er wurde aber bald wieder versetzt, wie das bei Junglehrern so üblich war. So hatten wir keine Probleme mehr.

Noch ein besonderes Ereignis spielte sich um diese Zeit ab. Der Hitler-Junge und Kameradschaftsführer Heinz hatte sich mit dem Fahrtenmesser ins Herz gestochen, so hörte man. Und das wegen einer Liebelei mit der BDM-Führerin Alexa, einer rothaarigen Schönheit. Seine Familie wohnten im Ohemoor, also etwas abgelegen, und die Alexa wohnte in der Schul- oder Dorfstraße, schräg gegenüber der Kolonialwarenhandlung Rehders, also im alten Dorf. Wir Jungen wurden zu richtigen Klatschweibern anlässlich dieses Vorkommnisses. Nach den Aussagen des einen war er schon halbtot, ein anderer hatte gehört, es sei gar nicht so schlimm. So gingen die Meinungen hin und her. Heinz hat es aber ohne große Blessuren überlebt und die Alexa zog wenig später mit ihren Eltern aus Garstedt fort. Das Happy End blieb aus und man beruhigte sich wieder. — Aber aufregend war es doch.

Es dürfte 1935 gewesen sein, als wir einen Ausmarsch mit Lagerleben nach Sülfeld machten. Mit der Hochbahn fuhren wir nach Großhansdorf und von dort ging es per Fußmarsch in Richtung des etwa 15 bis 20 km entfernten Sülfeld bei Oldesloe, mit dem Tornister auf dem Rücken. War das ein elender Trott. Norbert hatte zur Marschbegleitung extra noch einen HJ-Führer aus Harburg-Wilhelmsburg herangezogen, der ein Arbeitskollege von ihm war. Norbert und der andere dürften etwa im gleichen Alter gewesen sein. Wir verkürzten uns die Langeweile auf dem Marsch mit sogenannten Klotz-Liedern aus dem Klotz-Liederbuch. Und so ging es dann: Klotz, Klotz, Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee. Links steh‘n Bäume, rechts steh‘n Bäume und dazwischen Zwischenräume… War es zu Ende, fing man wieder von vorn an. Hing uns dieser Text zum Halse raus, ergriffen wir den nächsten: Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner Wanzen. Seht euch mal den Wanzen an, wie der Wanzen tanzen kann. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ein kleiner Wanzen. Die Sache wiederholte sich, jedoch wurde bei den Wörtern Wanzen und tanzen immer ein Buchstabe weggelassen. Es folgten also Wanze und tanze, Wanz und tanz usw. usw. bis nichts mehr da wahr. Dann sang man einfach für die beiden Fehlworte hmmm und hmmm und das Ganze begann in umgekehrter Folge von vorn. Oh, wie war das nervtötend, aber was sollten wir anderes machen. Die Gesänge waren uns schon lange ausgegangen und ganz allmählich wurde es dunkler.

So kamen wir erst spät auf dem Hof des Bauern an, auf dem wir übernachten sollten. Weil die Kühe auf der Weide waren, nahmen wir deren Plätze im Kuhstall ein, natürlich auf sauberem Stroh. Schlafsäcke in heutiger Form kannte man damals nicht. Also mummelten wir uns in unsere Wolldecken und schliefen tief und fest ein. Wie es sich für Hitler-Jungen gehört, erfolgte das Wecken mit allem Trara. Gewaschen wurde sich draußen an der Pumpe.

Dann wurden wir in Gruppen aufgeteilt und traten gegeneinander in Wettkämpfen an. Unser Gruppenführer war Franz und der war sehr ehrgeizig. So marschierte die gesamte Einheit ins unbekannte Gelände und die einzelnen Gruppen mussten dann unter Beachtung gewisser Vorgaben, damit nicht alle denselben Weg nahmen, auf schnellstem Wege anhand der Karte zum Bauernhof zurückfinden. Franz konnte sich gut orientieren und so waren wir relativ schnell wieder daheim, was uns einen guten Platz einbrachte. Auch eine Nachtübung stand auf dem Plan. Es war stockdunkel und wir tapsten durch die unbekannte Gegend. Im Großen und Ganzen war der Aufenthalt schon interessant. Der Rückweg zur Bahnstation Großhansdorf verlief auch angenehmer, weil wir nicht in die Dunkelheit marschieren mussten. Ich habe später den Bauern noch einmal besucht und der konnte sich noch gut an die Jungen erinnern.

Über das 9. Schuljahr kam Franz in meine Klasse und wir wurden gute Freunde. Das 9. Schuljahr war den Jungen vorbehalten, die am Ende des 8. Schuljahres noch keine Lehrstelle nachweisen konnten. Die wiederholten also das letzte Schuljahr noch einmal. Mir ging es ein Jahr später genau so, und es hat mir viel gebracht. Zum Ende seiner Schulzeit fuhr ich mit ihm per Fahrrad durch das Kreisgebiet Stormarn, um bei einer Meierei eine Lehrstelle zu finden. Franz wollte Meierist werden. Und wir fanden auch eine; wo entzieht sich meiner Erinnerung.