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Pimpf und Hitlerjunge
Dritter Teil
Staatsjugendtag

Ein besonderes Ereignis war immer ein Sonntag im Monat, ich glaube Staatsjugendtag, an dem wir uns schon morgens vor dem Parkhof-Kino einzufinden hatten, um einen Film anzusehen, der für uns besonders geeignet erschien. Eigentlich waren es immer Filme, die uns auch ansprachen. Natürlich handelte es sich, wie konnte es damals auch anders sein, meist um Propaganda im weitesten Sinne. Auf dem Platz vor dem Kino fanden sich HJ- und BDM-Einheiten aus Garstedt, Harksheide und Langenhorn ein, man musste das Kino doch füllen. Da hörte man die kleine Elisabeth, genannt Mausi, spätere Frau von Bruno, wenn sie ihre Mädels kommandierte und da tönte Stammführer Egon, wenn er seine Harksheider Jungen zur Ordnung rief. Es ging schon ziemlich laut zu; jeder Führer wollte gehört werden. Waren wir erst einmal drin im Kino, wurde es ruhiger. Es war übrigens der Harksheider Streifendienst der HJ, der bei den normalen Kinovorführungen am Abend aufpasste, dass kein Jugendlicher unbefugt die Vorführung besuchte.

Nationalsozialistische Veranstaltungen, wie der 1. Mai, das Erntedankfest, der 9. November usw. wurden stets auch von der Hitler-Jugend begleitet. Auch unser Fanfarenzug war mit dabei und lieferte die musikalische Unterstützung neben den anderen Musikzügen. Man musste ja zeigen, dass man da war. Ob bloße Darbietung oder eine eigene Art der Bedrohung, das ist hier die Frage. Uns interessierte das damals nicht, wir machten mit. Es kam auch zu Auftritten in anderen Gemeinden oder Städten, wo sich dann riesige Züge bildeten. Man kam sich schon wichtig vor, dabei sein zu dürfen.

Den Musikzug der Hitler-Jugend dirigierte Gustav Albrecht als Tambour. Es war ein Trommler- und Pfeifer-Zug. Die Feuerwehr war vertreten mit einer Bläser-Gruppe unter der Leitung von Carl. Die Organisation solcher Umzüge lag beim örtlichen Propagandaminister, in unserem Fall bei Herrn Schminke, der in der Ochsenzollerstraße wohnte und der sich sehr wichtig vorkam. Als ich dort meine Lehre begann, hatte Gustav gerade ausgelernt und war mein Vorbild. Später wurde ich sein Kollege in der Gemeindeverwaltung Garstedt. Er wollte bei Kriegsbeginn Marineoffizier werden und machte in Abendstunden sein Abitur nach. Vermutlich weil die Schiffe im Laufe des Vernichtungskrieges knapper wurden, kam er als Mariner nicht mehr zum Einsatz. Vielmehr wurde er beim Kampf um Breslau als Marine-Infanterist verheizt und ist dort auch gefallen.

Ganz außergewöhnliche Bedeutung hatten jene Tage, an denen Hitler selbst in Hamburg erschien. Das konnten Staatsbesuche sein oder Stapelläufe großer Schiffe, um Beispiele zu nennen. Bei Stapelläufen bekamen wir schulfrei und gingen dann uniformiert zum Hafen, um etwas von dem Ereignis zu erhaschen. Gern stromerten wir anschließend durch den Freihafen und schauten uns dort um, wenn alles vorbei war. Einmal standen wir Pimpfe in Fuhlsbüttel am Eingang der Rampe zum Flughafen, als Hitler mit Gefolge erschien. Er würdigte uns keines Blickes, obwohl wir schrien wie die Weltmeister. Er war nur wenige Meter von uns entfernt, als er vorbeieilte. Beim Staatsbesuch des ungarischen Reichsverwesers von Horthy hing ich in die Gorch-Fock-Straße am späteren DAG-Haus an einen Vorsprung und konnte die Straße ausgezeichnet übersehen, auf der er mit dem Staatsgast angefahren kam. Da ich allein war, brachte ich keinen Ton raus. Das erschien mir einfach zu lächerlich, solch Getöse zu machen. Das Auto sauste ‒ mit offenem Fond ‒ auch viel zu schnell vorüber.
Die Sommerzeit verbrachten wir mit Sport und Geländespielen oder ähnlichen Veranstaltungen, für die man kein Dach über dem Kopf benötigte. Exerziert wurde jedoch auch von Zeit zu Zeit, man durfte ja nichts verlernen. Allerdings durften wir inzwischen den Naturkunderaum im Altbau der Schule für unsere Zwecke benutzen. Bei Schlechtwetter und im Winter war diese Lösung sehr angenehm.

Anlässlich einer Geländeübung waren Anlaufpunkte vorgegeben und dort, wo ein Posten stand, mussten Aufgaben gelöst werden. Meist handelte es sich um einfache Fragen, die man zu beantworten hatte. Wichtig war ja, dass man wusste, wann und wo Adolf Hitler geboren war. An einer anderen Stelle stand Manfred, unser Geldmops, Verwalter der Beiträge pp., und fragte uns nach der Berechnung der Fließgeschwindigkeit des vor uns vorbei fließenden Baches. Oh je, davon hatten wir keine Ahnung. Manfred zeigte es uns. Er baute sich parallel zum Bach am Ufer auf, spreizte seine Beine, warf an der einen Seite ein Blatt ins Wasser und zählte die Sekunden, die es brauchte, zur anderen Seite zu gelangen. Seite bedeutet hier von einem zum anderen Fußpunkt. Da die Spreizung etwa einen Meter ausmachte, hatte man also auf einfache Art und Weise die Fließgeschwindigkeit ermittelt. Wichtig war solches Wissen eigentlich nur für die Pioniere, wenn sie Brücken bauen mussten.

An einer anderen Stelle mussten wir die Himmelsrichtung Norden ermitteln, ohne Kompass, nur mit einer Armbanduhr. Das funktionierte allerdings nur, weil die Sonne schien. Ich habe dieses Wissen etwas später verwenden können im Preisausschreiben der Zeitschrift Junge Welt und gewann einen Preis. Es war das Buch Der rote Sturm von Steuben. Es hat mir sehr gefallen. Meines Wissens gab es diese, natürlich inhaltlich veränderte Zeitschrift nach dem Kriege in der DDR für die FDJ. Es wiederholt sich vieles im Leben.

Über Manfred muss ich noch etwas sagen. Er war ein Jahr älter als wir. Mit wir meine ich meine Schulkameraden Erich und Ewald und mich. Manfred war ein sehr intelligenter Junge und besuchte die Oberschule in Hamburg-Fuhlsbüttel. Sein Vater war von Beruf Schriftsteller. Ich habe ihn nur hinter seinem Schreibtisch sitzen gesehen. Seine Mutter war eine sehr resolute Frau und arbeitete als Krankenschwester. Sie gehörte zu jenen Leuten, die man hört und dann erst sieht. Ihre aufgeschlossene Art war aber nicht unangenehm. Manfred musste von beiden viel mitbekommen haben.

Einmal brachte er uns einen Aufsatz mit zum Dienst, den er in der Oberschule hatte schreiben müssen. Die Überschrift hieß Eine Frau steigt aufs Rad. Manfred hatte diesen ganzen Vorgang in allen Einzelheiten so interessant geschildert, dass annähernd zehn Seiten seines Heftes gefüllt waren. Als das kleine Theaterstück über Utz von Donnerbutz bei Wegener, im Garstedter Hof und bei vollem Saal aufgeführt wurde, mimte Manfred den Schlossführer. Mit schnarrender Stimme und vielen Gags gab er dieser Person Leben. Als dann noch im Rahmen des Stückes ein altes Schriftstück aufgefunden und von Manfred am Bühnenrand verlesen wurde, brach ein Beifallssturm hervor, als er den uralten Urkundentext mit den Worten schloss Heil Hitler Utz von Donnerbutz.

Manfred war leiert mit der Tochter eines Lehrers im Hamburg-Langenhorn, die eine Schulkameradin von ihm war: Renate. Nach dem Kriege sollte sicherlich geheiratet werden. Zum Ende des Krieges wurde Manfred jedoch so schwer verwundet, dass sein Gesicht sehr entstellt war. Er meinte, unter diesen Umständen, seiner Freundin Renate eine Heirat und ein Zusammenleben nicht zumuten zu können. Renate hat sein Verhalten nie verstanden, heiratete aber, zwangsläufig jemand anderen. Manfred studierte Journalismus und ging später zur Göttinger Zeitung. Ich habe danach nie wieder von ihm gehört.

Erich und Ewald avancierten inzwischen zu Jungenschaftsführern und ich folgte einige Zeit später. Ich war eigentlich immer der Kleinste. Wurde angetreten, war ich hinten meist der Letzte in der Reihe. Erich und Ewald dagegen standen vorn. Auch im Sport brachte ich nicht die Leistungen wie die anderen. Körperlich war ich also eine ziemliche Null. Mein Kopf funktionierte aber einigermaßen. So dauerte es immer etwas länger, bis meine Talente entdeckt wurden. Damit hatte ich mich abgefunden. Ewald und Erich besuchten dann auch die Mittelschule in Hamburg-Wandsbek. Eigentlich sollte ich auch, aber es wurde von Schulgeld zahlen müssen erzählt und das konnten meine Eltern nicht, wie sie mir auch den langen Schulweg nicht zumuten wollten.

Veranstaltungen, wie vorstehend beschrieben, gab es öfter. Einmal trafen wir uns in dem kleinen Saal der Gastwirtschaft Zum weißen Rössel Ecke Schulstrasse und Ochsenzoller Straße. Es war eine Art Elternabend und viele Erwachsene waren gekommen, meine Eltern allerdings nicht. Der Gärtnermeister, dessen Sohn den Fanfarenzug leitete, fühlte sich berufen, einige kernige Worte und Lobeshymnen anzubringen. Als Nationalsozialist und Träger des Parteiabzeichens war es wohl notwendig, wie er zu meinen schien. Der Beifall war auf seiner Seite. Die Gärtnerei lag an der Aspelohe, etwa 100 Meter von der Ohechaussee entfernt. Neben Rolf gab es noch die Schwester Waltraud, etwas jünger. Gleich nach Ausbruch des Krieges wurde auf dem Pein‘schen Gelände hinter der Gärtnerei eine Flak-Batterie, erst 10,5 — dann 8,8 cm, stationiert. Für die Batterie gab es keinen Stellungswechsel, als etwa 100 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite eine Flakstellung mit festen Häusern gebaut wurde. Vermutlich standen die umliegenden Häuser im Wege, die Flak hatte kein freies Schussfeld. Die Soldaten blieben in ihren primitiven Bunkern und eines der Häuser in der neuen Stellung wurde später für die neu gegründete Motor-HJ verwendet.
Als nach dem Kriege die Stellung aufgehoben bzw. aufgegeben wurde, begannen die Nachbarn, sich das Mobiliar aus den Bunkern anzueignen. Der Gärtner war erster Mann an der Spritze. Er war ja auch nie Mitglied der Partei gewesen, wie er behauptete und war ja immer dagegen gewesen. Eine typische Beobachtung dieser Zeit.

Die Gastwirtschaft Wenzel lag zwar in Friedrichsgabe, aber gehörte zum Versorgungsbereich der Garstedter Hitler-Jugend, bzw. des Jungvolks. Auch dort fand ein Unterhaltungsabend statt. Unter anderem hatten wir Sportübungen einstudiert. So mussten sich etwa sechs bis sieben Jungen hinhocken, den Rücken oben, und einige andere mussten im Hechtsprung mit anschließender Rolle darüber hinweg fliegen. Das ging auch alles gut, bis ich dran kam. Mitten im Sprung kam der letzte Mann hoch und wir beide knallten mit den Köpfen zusammen. Oh, gab das eine Beule. Aber nach dem Motto ein Indianer kennt keinen Schmerz wurde weitergemacht, als sei nichts geschehen. Im Großen und Ganzen war der Abend eine gute Demonstration für uns.

Politische Themen waren auf den Heimabenden die Seltenheit. Von einer Indoktrinierung möchte ich keinesfalls sprechen. Natürlich wurden wir dabei ‒ auch theoretisch ‒ im Schießen ausgebildet. Vormilitärische Ausbildung nannte man das. Dabei konnte ein Besuch des Schießstandes bei der Gastwirtschaft Dieckmann in Harksheide erst spät vermieden werden. Das praktische Schießen mit dem Kleinkalibergewehr war schon den Älteren in der HJ vorbehalten. Das HJ-Schießabzeichen zu erwerben, war durchaus unser Ziel, weil es gut aussah.

Auch die Judenverfolgung war kein Thema. Man hatte zwar davon gehört, aber wen in Garstedt interessierte das schon. Da waren zwar die Juden Stern, Strauß und Willy Müller, wohnhaft am Ort, aber das war es dann auch. Willy Müller war Krankenpfleger im Allgemeinen Krankenhaus Langenhorn und ein Kollege meines Vaters und verzog meines Wissens aus Garstedt. Die anderen beiden Familien waren kaum auffällig. Ich weiß nur von Herrn Stern, dass er ab und zu einmal für kurze Zeit verschwand. Die Aufenthalte waren sicherlich nicht angenehm für ihn. Ob Herr Strauß auch behandelt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, denn er wohnte im Garstedter Randgebiet, in der sogenannten Siedlung Ost. Im HJ-dienstlichen Umgang wurde von einem Zustand wie in einer Judenschule dann gesprochen, wenn es undiszipliniert laut und turbulent im Raum zuging.

Der 9. November9. November 1923 – Hitler-Ludendorff-Putsch in München:
Erstmals international wahrgenommenes Auftreten des Nationalsozialismus. Der bis dahin in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannte Parteichef der 1920 aus der Deutschen Arbeiterpartei hervorgegangenen NSDAP, Adolf Hitler, scheitert mit seinem Putschversuch bereits nach wenigen Stunden vor der Münchner Feldherrnhalle, wo es zu 16 Todesopfern kommt. Er wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, aber bereits nach neun Monaten wegen guter Führung vorzeitig unter Auflagen aus der Haft entlassen. Nachdem Hitler zehn Jahre später an die Macht gelangt war und eine totalitäre Diktatur in Deutschland errichtet hatte, erklärte er den 9. November zu einem Gedenk- und Feiertag. Während der Zeit seines bis 1945 herrschenden Regimes wurde in jährlich stattfindenden staatlichen Trauerfeiern der sogenannten Blutzeugen der Bewegung gedacht.Siehe Wikipedia.org
wurde mit allem Pomp begangen. Da wurden Reden geschwungen, die Namen der Erschossenen bei einem Trommelwirbel verlesen, usw. usw. Uns Jungen konnte solcher Kram wenig Interesse abgewinnen. Da war es schon interessanter, Winterhilfswerk-Abzeichen zu verkaufen. Oft waren diese kleinen Abzeichen sehr hübsch gemacht und ließen sich gut absetzen. Wir waren stolz, wenn wir mit gefüllter Sammelbüchse wieder heim kamen. Es gab etliche Leute, die sammelten systematisch solche Abzeichen. Ob das Geld nun tatsächlich für eine Winterhilfe an Bedürftige ausgegeben wurde, haben wir nie hinterfragt. Die Nazis waren groß in der Fähigkeit, sich Geld zu besorgen. Auch für die Mitgliedschaft in einer der zahlreichen Organisationen ‒ auch für HJ und DJ ‒ mussten Beiträge gezahlt werden. Ich glaube, bei HJ und DJ wurde das erst eingestellt, als 1936 die Staatsjugend gegründet wurde in der jeder Mitglied werden musste.