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Pimpf und Hitlerjunge
Erster Teil
Mitglied im Jungvolk

Über die Hitlerjugend hörte ich etwa 1932/33 erstmals etwas. Es war Ernst, der uns Jungen davon erzählte. Das hörte sich alles an wie ein Märchen. An der Ecke Ohechaussee / Tannenhofstraße-Rugenbarg war ein beliebter Treffpunkt für uns Knirpse. Über der Straßenkreuzung hing an einem zwischen zwei Masten gespannten Kabel eine einfache Funzel, die in den Abendstunden noch etwas Helligkeit auf die Kreuzung warf. Da fühlten wir uns gut aufgehoben. Auf der einen Straßenseite war der Kolonialwarenhandel von Lüdemann und auf der anderen Seite das Gehöft vom Bauern Buck. Ernst, den wir Jungen wegen seiner Motorradkleidung, bestehend aus Lederjacke, Lederhose und Motorradstiefeln, bewunderten und beneideten, war einige Jahre älter als wir und deshalb für uns Kleinen durchaus glaubhaft. Er zeigte uns auch zwei verschiedene Hitlerjugend-Abzeichen. Und so ein Abzeichen war Gold wert. Damit konnte man angeben. Eins der beiden runden Anstecker zeigte eine aufgehende Sonne mit einem Hakenkreuz in der Mitte, das andere eine Art Sonne mit einem Hakenkreuz, von dem aber nur die zur Seite strebenden Teile, die die Sonnenscheibe überragten, erkennbar waren. Außerdem waren Aufschriften sichtbar, wie DJ oder HJ. Diese Abzeichen waren durchaus echt, obwohl ich sie in dieser Ausführung später nie wieder gesehen habe.

Mit zehn Jahren konnte man Mitglied im Jungvolk werden und einige Jungen gingen schon zu den Treffen. Inzwischen war die Machtübernahme durch Hitler erfolgt und die Hitlerjugend mehr im Gespräch. Man wurde neugierig und wollte nichts versäumen. Konkretes Wissen war aber noch sehr mangelhaft. Von einem anderen Jungen hörte ich von einem Kurt, der im Jungvolk Führer sein sollte und bei dem man sich melden konnte. Er wohnte in einem kleinen Flachdachhäuschen an der Ochsenzoller Straße, da wo die Ahornallee einmündet, etwa gegenüber dem Haus des damaligen Arztes Dr. Bosecker.

Ich besprach die Sache mit meiner Mutter. Mein Vater durfte davon nichts erfahren, der war gegen die Nazis. Natürlich wollte meine Mutter mir den Spaß nicht verderben und willigte ein, dass ich mich anmelde. Ich besorgte mir ein Beitrittsformular, füllte es aus und gab es ab, ohne den Kurt gesehen zu haben, ich kannte ihn aber vom Ansehen her. Das war im Mai 1934. Im Februar war ich zehn Jahre alt geworden und somit konnte ich auf den Treffen erscheinen. Sie fanden am Mittwochnachmittag auf dem Schulhof statt (Schulstraße / Hauptstraße).

In der hinteren Ecke des Schulhofes lag ein Schneepflug, der von einem Pferd oder einem Fahrzeug gezogen werden konnte, um die Straßen zu räumen. Weil die Gemeindeverwaltung, die in einem Anbau an dem Schulgebäude untergebracht war, keinen Bauhof hatte, lag das große Gerät dort. Für uns Pimpfe bot es ausreichende Gelegenheit, uns darauf niederzulassen. Unser Jungenschaftsführer war Johann, ein netter Kerl, nur wenig älter als wir anderen.
Als ich dazu kam, werden es wohl etwa acht bis zehn Jungen gewesen sein, die sich dort mittwochs trafen. Hauptsächlich haben wir dort Lieder gelernt und gesungen. Eine vollständige Uniform hatte ich noch nicht. Meine Mutter hatte irgendwo ein gelblich-braunes Hemd erstanden und das musste als Braunhemd herhalten. Auch ein Koppel fehlte mir, um die Hose zu halten. Das musste ein einfacher Gürtel bewerkstelligen.

Natürlich wurde auch exerziert, aber anfangs nur ganz wenig und im unbedingt notwendigen Umfange, man musste doch in einer, wenn auch noch so kleinen Einheit marschieren können. Weil wir nur klein und deshalb untergeordnet waren, mussten wir mit dem Fahrrad hierhin und dorthin fahren, um die Einheiten kennen zu lernen, denen wir angehörten. Mit dem Jungzug waren wir nach Hasloh / Quickborn orientiert und mit dem Fähnlein sogar nach Schnelsen. Fähnleinführer war ein Junge aus Schnelsen. Große Aufmärsche waren mit uns Wenigen nicht zu machen, aber bei dieser oder jener nationalsozialistischen Veranstaltung werden wir dabei gewesen sein. Der Zulauf war aber erheblich und ein Bild, vermutlich aus dem Jahre 1935, zeigte schon eine stattliche Gemeinschaft. Allerdings waren Hitlerjungen und Pimpfe zusammen auf dem Bild.

Wenn wir uns nicht auf dem Schulhof niederließen, marschierten wir zum Brandts Gehölz, welches hinter dem Gehöft des Ortsbauernführers Theodor Brandt in der Straße Ohlenhof auf der linken Seite des Weges in Richtung Bönningstedt lag. Vor einer Baumgruppe, dem Gehölz, war eine kleine dreieckige Grünfläche, auf der wir es uns bequem machten. Dann wurde gesungen, erzählt oder Stille Post gespielt. Wir saßen im Kreise und unser Jungenschaftsführer sagte seinem Nebenmann ein Wort leise ins Ohr. Dieser musste das Gesagte weitergeben usw. usw. Am Ende kam gewöhnlich etwas völlig anderes heraus, als anfänglich eingegeben. Das Ergebnis war schon mitunter recht komisch und regte zum Lachen an.

Am Ende des Jahres, im Winter mussten wir uns nach einer Unterkunft umschauen. Eine Jungenschaft fand Unterschlupf in dem Zimmereibetrieb Behrmann in der Hauptstraße und die andere quartierte sich ein im Gasthaus Zur Ohe an der Ohechaussee, in der Nähe der Ortsgrenze zu Schnelsen. Es war die Knechtekammer in der sogenannten Durchfahrt der Gastwirtschaft. Der Raum war klein, aber für uns paar Männecken ausreichend und er war mollig warm zu halten mit einem kleinen Kanonenofen. Der Führer der in der Ohe untergebrachten Jungenschaft war damals Ludwig, der im Ohemoor seinen Wohnsitz hatte. In der Schule war er als ausgemachter Flegel bekannt und brachte auch mich einmal durch einen Fußhaken auf dem Schulhof zu Fall. Als Gruppenführer zeigte er sich aber völlig anders. Da war er ein richtig netter Kerl. So hatten wir in der Winterzeit manchen Spaß in unserem Heim. Auch hier wurde gesungen, vorgetragen und gebastelt. Unangenehm war nur der lange Anmarsch zum Heim. Bei Schnee und Eis und Dunkelheit sind wir dort hinmarschiert. Radfahren war oft nicht möglich. Die Wegstrecke betrug gut einen Kilometer. Natürlich musste der Rückmarsch auch bewältigt werden.

Einmal wurden wir im Heim überfallen. Eine andere Einheit der HJ, wahrscheinlich aus Schnelsen, wollte Streit machen. Es gelang uns aber, sie ohne besonderen Aufwand in der Dunkelheit zu vertreiben. Ob die Sache von unserem Ludwig inszeniert war, haben wir nie erfahren. Er wohnte ja in Grenznähe. Aber wir hatten etwas Abwechslung. Natürlich gab es auch kleine Weihnachtsfeiern, aber ohne Geschenke pp. Mit unseren paar Pfennigen Taschengeld war auch kein Staat zu machen.

Es muss Anfang des Jahres 1935 gewesen sein, als unsere Garstedter Einheit mit dem Fahrrad nach Hamburg-Niendorf zu einem Treffen fuhr. Dort erwartete uns in der Schule neben der Niendorfer Kirche der Jungbannführer. Es war vermutlich die Aula der Schule, in der wir uns alle versammelten. Der Raum war dicke voll. Damit er sich verständlich machen konnte, ließ der Bannführer auf der Bühne einige Tische übereinander stellen. Es waren wohl zwei oder sogar drei Ebenen. Nun stand er da oben und begrüßte uns. Anschließend wurde, wie üblich, gesungen und neue Lieder wurden gelernt. Das war schon beeindruckend für uns Knirpse.

So ein Bann war schon eine gehörige Einrichtung. Die kleinste Einheit war die JungenschaftDie allerkleinste Einheit war die Horde.Anmerkung der Redaktion GM, dann folgte der Jungzug, das waren etwa 30 Jungen. Ein Fähnlein war etwa dreimal so groß und es folgte der Stamm mit etwa 300 Jungen. Erst dann kam der Bann mit schätzungsweise der dreifachen Menge an Pimpfen. Obwohl die Einheiten noch nicht vollständig waren, muss die Besetzung des Saales annähernd 400 Jungen ausgemacht haben.

Seit 1934 gab es den sogenannten Staatsjugendtag. Baldur von Schirach, der Reichsjugendführer, hatte den Sonnabend dafür ausgewählt. Schüler, die der Hitler-Jugend einschließlich Jungvolk angehörten, waren danach an Samstagen vom Schulunterricht befreit. Da trafen wir uns, sehr zum Leidwesen unserer Lehrer auf der Wiese des Bauern Sellhorn-Timm neben der Kirche und exerzierten, meistens wenigstens. Wenn es kalt war ohne Handschuhe. Das war schon mitunter verdammt unangenehm. Sehr große Begeisterung hat dieser Staatsjugendtag nur in seinen Anfängen ausgelöst. Wir waren froh, als er 1936 wieder abgeschafft wurde. Mit der Verpflichtung der gesamten Jugend zur Mitgliedschaft in der HJ war er überflüssig geworden.