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> Renate <
oder
Der blaue Edelstein

Ein kleiner Springinsfeld tanzt vor dem Elternhaus.
Ich schau von fern – es sieht so niedlich aus.
Die Füße setzt sie eins, zwei, drei
vor und zurück und singt ein Lied dabei.
Sie trägt ein blaues Kleid zum schwarzen Haar.
Das alles steht ihr wunderbar!
Und schaust du ihr in das Gesicht,
vergisst du's nicht!
Sie wirkt so edel, rank und fein,
wie ein blauer Edelstein!

Sie war wohl zehn, wie wär's zehn Jahre weiter:
Ob sie dann auch noch wär' so heiter?
Ich wäre gern noch schau'n geblieben,
es war ein Bildnis zum Verlieben.
Ob wir uns jemals wiedersehen?

Ich sehe mich spazieren gehen,
mit der Familie wird's gescheh'n.
Da nähert sich 'ne Reiterschar
mit ihr zu Pferd so wunderbar.
Sie trägt mit Stolz ein blau Gewand,
die Farbe also, die so gut ihr stand.
Und hinter ihr zu Pferd recht lustige Gesellen,
die alle wollen sich ihr stellen.

Vorbei, vorbei mit dieser Phantasie!
Entweder wird’s so oder es wird nie!
Die Phantasie, da hilft kein hadern,
ich träumt' vom blauen Blut in ihren Adern.

Ein Knall! So ähnlich war der Klang,
als sie sich auf den Hocker schwang!
Mit einem eleganten Satz
nahm neben mir sie Platz.

 

Wer stört in einer solchen Weise
meine sehr internen Kreise?
Ich sitze da mit vollem Magen,
konnte den Sekt nicht gut vertragen.
Und müsste wohl vom vielen Zechen
bald brechen!
Ich bin dem Sterben näher als dem Leben,
könnt ich mich doch nur übergeben!

Ein leises Hallo kann ich da vernehmen
und muss mich also doch bequemen
mich umzudrehen.
Was muss ich sehen?

Ich schau direkt ihr ins Gesicht ‒
ein schön'res find'st du nirgends nicht ‒
und sag Hallo Renate!
Und schon beginnet die Kantate.

Mich trifft ein heller Sonnenschein,
er kommt von der Renate.
Mich nimmt die Strahlung völlig ein,
dass ich in einen Rausch gerate.
Ich bin sofort ihr ganz verfallen
und kann nicht sprechen – nur noch lallen!

Sie sitzt vor mir, ich sehe ihren schönen Mund,
die kecken Augen und die schwarzen Haare,
das alles grenzt ans Wunderbare!
Sie ist das allerschönste Mädchen auf der ganzen Welt -
sogar Schneewittchen wurd’ hintangestellt.

Und welche Süße sie verbreitet ‒
ich bin darauf nicht vorbereitet!
Ich spüre einen körperlichen Schmerz:
Ein Rippenstoß, ein Stich ins Herz!
Oh, dass es so etwas noch gibt:
Ich bin in sie total verliebt!

Anscheinend will sie mich belehren
oder vom Alkohol bekehren?
Doch ihrer Stimme Sprechgesang
geht unter voll in Glockenklang!

In dem Moment, wo sie beginnt,
ein fremder Ton in meinem Kopf
die Überhand gewinnt.
Er fordert dies und fordert das ‒
ich fühl', ich werde schon ganz blass!

Was da passiert in meinem Hirn,
treibt kalten Schweiß mir auf die Stirn!
Ich soll, ist das nicht zum Lachen,
ihr einen Heiratsantrag machen!

So geht es hin, so geht es her
und ich versteh die Welt nicht mehr.
Doch plötzlich, als Renate schwieg,
da war die fremde Stimm' besiegt.

Ein Prosit noch. Ich schau ihr ins Gesicht;
doch wo ist nur das helle Licht?
Ich merk, der Film ist nicht so abgerollt,
wie sie es hätte gern gewollt!
Sie war enttäuscht und tat mir schrecklich leid!

Das Kleid:
Aus ihrer weißen Bluse schauen rote Schleifchen raus.
Sie sah entzückend damit aus!
Wie gern hätt' ich sie in den Arm genommen
und wäre ihren Lippen nah' gekommen
und hätte herzhaft sie geküsst,
wie das bei Liebenden so üblich ist!
Ich aber konnt’ mich nicht bewegen;
war ihrem Charm total erlegen!

Sie hat es leider nicht erkannt
und offne Türen eingerannt!
Hätt' sie mir übers Haar gestrichen
oder die Wange leicht berührt,
ich hätte ihre Hand ergriffen
und sie an meinen Mund geführt.
Sie hätt' gespürt der Liebe Glut.
Doch leider fehlte ihr der Mut.

 

Hätt' sie mich bei der Hand genommen,
ich wäre sofort mitgekommen.
Ich sehnte mich nach häuslich' Wärme
und endlich Ruhe im Gedärme.
Sicherlich hätt' sie für mich 'ne Lagerstatt;
ich fühlte mich so müde und so matt.

Was sie eigentlich gewollt,
warum sie kam, aus welchem Grunde,
die Frage blieb bis heut 'ne offne Wunde.

 

So wusst' der Eine nicht vom Andern
wohin seine Gedanken wandern.
Ich ging an meinen Tisch
und sie hinter den Tresen.
Das war's denn wohl gewesen.

Vermutlich war irgendwer gar froh',
das alles ist gekommen so!

Ich mochte sie! Oder näher an des Pudels Kern:
Ich mocht' das Mädel gar zu gern!
Zur Heirat wär' es nicht gekommen.
Diese Unmöglichkeit wurd' ausgenommen.

Hätt' ich bei einem Treff die Gegenlieb' gefunden,
so wär' das nicht geblieben ohne Wunden.
Wir hätten beide nicht bedacht,
dass heiße Lieb' auch Schmerzen macht.

Drum wollt ich, dass die Liebe wir
tief versenken in die Herzen.
Das hätt' gelindert uns're Schmerzen.
Wär's irgendwann gewollt,
würd' sie hervorgeholt.

Wir haben uns nicht mehr gesehen
und so konnte es geschehen,
dass mir Renate ward entzogen.
Die Absicht umzusetzen, wurde also ich erwogen.

Fast 60 Jahre hielt der Zustand an,
ein Unding, das ich mir nicht erklären kann!
Erst als Renate diese Welt verlassen,
konnte dieser Schwur verblassen.

Nun ist sie wieder bei mir in Gedanken,
an denen sich Erinnerungen ranken.

In einem solcher Träume schenkt' ich ihr 18 rote Rosen.
Sie dankt es mir mit herzen, küssen, kosen!
Vorbei ist dieser schöne Traum:
Wie alle Träume: War nur Schaum.

Entflogen ist der schöne Schein!
Ich weiß es nun: Es hat nicht sollen sein!

Meine Beichte ist am Ende.
In den Schoß leg' ich die Hände.
Doch seh' ich irgendwo einen blauen Edelstein,
fällt mir das Ganze augenblicklich wieder ein!

Sag ich, vielleicht schon bald, der Welt mein Tschüß!
So ist ein letzt' Gedanke: Sie war einfach zu süß!

> K <
(2016)