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Die ersten Schneeglöckchen, ein Zeichen der Hoffnung!

Es war jetzt März 1946. Ende Sommer 1945 war ich schon als 11jährige Waise aus Russland gekommen. Meine Mutter, die noch keine 40 Jahre alt war, Schwester Irmgard, 14 Jahre alt und Bruder Willi, 9 Jahre alt, waren in Russland im Lager gestorben. Ich stand also alleine im Leben. Im zerbombten Berlin war das Sammellager für lagerentlassene Zivilisten. Eine 16jährige Ostpreußin, Ruth Annaß, die ich schon von zu Hause kannte, wurde mit mir nach Mecklenburg, Freienhagen geschickt. Wir kamen bei einer großen Familie Grünwald unter. Ruth fand dort nach kurzer Zeit ihren Onkel in Remscheid und fuhr bald zu ihm. Die Grenzen waren ja damals noch nicht fest verschlossen. Obwohl ich zu Hause nie gearbeitet hatte, musste ich hier die Hausarbeiten machen, Kartoffeln schälen, waschen, Kaninchenfutter holen. Ich musste auf das Baby von Frl. Grünwald aufpassen.

West- und Ostdeutschland war ja noch eine chaotische Welt, und es gab kaum eine Gesetzgebung und jeder sah zu, wie er am besten vorankam. Ein geschundenes Kind wie ich, blieb da fast auf der Strecke.

Nach ein paar Monaten nahm mich eine Frau Kubbe zu sich. Sie wohnte 4 km von Freienhagen entfernt in einer Ruine, einem alten Bauerngehöft. Sie hatte schon einen Kriegsinvaliden, Herrn Schneidewind zu sich genommen, der die Ruine einigermaßen zusammenzimmerte, so dass wir darin wohnen konnten. Frau Kubbe war Analphabetin, sie hatte einen kranken Fuß, und wenn ich heute zurückschaue, so meine ich, sie war eine völlig unzufriedene Frau, weshalb sie von Freienhagen in diese Ruine gezogen ist. Sie entlud sich an mir mit schrecklichen Schlägen und bösen Worten. Auch hier war mein Los zu arbeiten. Herr Schneidewind und ich gingen auch in den nahe gelegenen Wald, um Holz auf einem mittleren Wagen zu stehlen. Im Sommer zur Reifezeit stahlen wir auch Mohn und anderes.

Doch zurück zum März 1946. Frau Kubbe und Herr Schneidewind machten Pantoffeln aus Stoffresten und tauschten diese für allerlei Lebensmittel ein. Meine Aufgabe war es, Milch vom nahe gelegenen Gut zu holen. Das Gut war heruntergekommen. Es war die Zeit von Junkerland in Bauernhand. Das Gut lag wohl 1 km von uns entfernt und ich musste über die Dosse, die hier nur ein schmaler Fluss war und ich konnte hier über ein darüber gelegtes Brett gehen, das hier über den Fluss gelegt war. Als ich mit der Kanne Milch zurückging, die ich von einer Familie geholt hatte, ging ich durch den Gutspark, wo auch die Gräber von den früheren Gutsleuten waren. Doch welch eine Freude, welch eine Hoffnung. Die Gräber waren erblüht mit tausenden von Schneeglöckchen. Mir war, als wenn Auferstehung auch in meinem Leid stattgefunden hatte und ich zehrte noch lange von dieser Hoffnung, denn auch in Masuren, wo ich geboren wurde, waren Blumen ein Teil meines Lebens und gaben mir viel Freude.