© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Meine erste Lehrstelle

Ende der 1940er, Anfang 1950er Jahre beendete ich meine Tätigkeit als Hausmädchen bei verschiedenen Familien in Celle. Zuletzt war ich als Landarbeiterin bei einer Familie Th., Landwirte in Nienhagen, Kreis Celle, tätig. Hier atmete ich ein wenig auf, denn zu den Mahlzeiten musste ich nicht alleine in der Küche essen. Ich saß mit den anderen Mägden und Knechten an einem großen Tisch, in einem Raum zusammen. Die Arbeit war auch hier schwer; doch hier gab es manche Lichtblicke: Wander-Kino in der Gaststätte, ich erinnere mich an Schwarzwaldmädel mit Sonja Ziemann. Manchmal fuhren wir Mädchen mit den Rädern zum Tanzen nach Celle. Der Monatslohn war auch ein wenig höher, ich bekam 40 Mark im Monat und ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Manchmal ließ mich der Bauer die Pferde lenken, ich hatte ihm mal erzählt, dass wir in Ostpreußen einen großen Bauernhof hatten. Jedoch konnte ich mich auch hier, als Flüchtlingskind, nicht mit dem Gedanken befreunden, dass das mein Leben sein sollte. Ich fuhr mit dem Fahrrad, so oft ich konnte, nach Celle zum Arbeitsamt, um nach einer Lehrstelle nachzufragen. Irgendwann hatte ich nämlich erfahren, dass in der Schieblerstraße, in Celle, ein Mädchenwohnheim gebaut werden sollte. Von da aus könnte ich ja mit dem Rad zur Lehrstelle fahren. Bis es dann so weit war, musste ich mir noch so manche Diskriminierung auf den Behörden anhören, wie z.B. Du arbeitest doch, Lehrstellen sind für die Jugendlichen da, die nicht arbeiten. Einmal sagte ich, …aber ich bin doch eine Kriegswaise, Sie müssen mir doch ein wenig helfen, da hörte ich nur, …sag das nicht noch einmal, Dein Vater ist nicht gefallen, sondern gestorben, Du bist keine Kriegswaise. Durch diesen Dschungel von Diskriminierungen sich einen Weg zu bahnen, musste man schon ein wenig ein Künstler sein.

Doch eines Tages sagte man mir auf dem Celler Arbeitsamt, ich könne in Celle, im Mädchenwohnheim einziehen. Die Kosten für Verpflegung und Unterkunft würde der Staat übernehmen. Ich zog also im Frühjahr 1952 ins neue Mädchenwohnheim in Celle ein. Ein Frl. Brigitte H., 32 Jahre alt, war dort die Heimleiterin für die Mädchen, und sie erledigte auch die Formalitäten für mich. Ich zog also zu einem anderen Mädchen in ein Zimmer. Sie war auch Waise und hieß Christel. Christel war auch Lehrling und wurde zur Köchin ausgebildet.

Ich fand bald eine Lehrstelle als Gewerbegehilfin in der Bäckerei und Konditorei R. in der Neustadt in Celle. Ich stand hauptsächlich im Laden und verkaufte Backwaren.

Das Mädchenwohnheim war wunderschön, und ich atmete auf. In den Zimmern hatten wir Klappbetten. Unten waren große Gemeinschaftsräume mit Schiebetüren. In einem hinteren Raum standen Nähmaschinen, wo wir an den Wochenenden nähen konnten.

Dort konnten wir auch Tischtennisplatten aufstellen und spielen. Manchmal gab es bei uns Feste, dazu lud die Heimleiterin junge Herren aus der Pädagogischen Hochschule ein. Ein anderes Mal lud sie junge Soldaten von der Royal Navy ein, also Engländer und auch junge Männer von der Insel, die dort wohnten und dort ihre Lehre machten. So ging es bei uns im Heim ab und zu recht aufregend und lustig zu.

Dafür war es in der Bäckerei R., in der Neustadt nicht so lustig. Morgens um halb sieben musste ich schon im Laden sein, um ihn zu öffnen und die Auslagen mit Kuchen und Brot zu füllen. Doch was mir wirklich lästig war, war meine Naschsucht, die ich als Kind und Jugendliche, nachdem ich aus Russland gekommen war, entwickelt hatte. Ich hatte ewig Schuldgefühle deswegen, denn die Bäckersfrau stand meistens hinter mir, wenn ich in der Ecke stand und mit Kuchen arbeitete und machte Palaver, wenn ich mir etwas in den Mund steckte. Einmal bin ich fast erstickt.

Bei all dem Kummer über mich selbst, übersah ich wohl ganz, dass der Meister ein Auge auf mich geworfen hatte. Wenn ich an die Situation zurückdenke, glaube ich sogar, dass seine Frau damit einverstanden gewesen wäre, wenn der Meister mich missbraucht hätte. Ich war eben Freiwild.

Der Meister und ich fuhren auch öfters über Land, um in den umliegenden kleinen Dörfern Backwaren zu verkaufen. Einmal, es war mein letztes Lehrjahr, schlug mich der Meister sogar, ich hatte wohl nicht schnell genug reagiert, aber so war das früher! Ich musste den schweren Brotkorb tragen, während er dick, fett und hochnäsig neben mir herging. Ich war zu naiv, um die Situation zu durchschauen. Am nächsten Tag bestand ich trotzdem meine Prüfung bei der Bäckerinnung erfolgreich mit befriedigend.

Der Bäckermeister und seine Familie waren ebenfalls Flüchtlinge. Sie kamen aus Schlesien und hatten wohl schon bald nach dem Krieg die Bäckerei in der Celler Neustadt übernommen. Schon als Lehrmädchen hatte ich nämlich gehört, dass Bäcker R. mit einigen Kundinnen ins Bett ging und ihnen dafür Backwaren gab. Es war ja damals noch Hungerszeit.

Auch das Radeln auf dem Fahrrad im Winter war kein Vergnügen. Ich trug winters und sommers einen Popelinmantel. Im Winter hatte ich Frost­beulen an den Beinen. Wir trugen ja damals noch Kleider und meistens dünne Strümpfe. Mein monatliches Lehrgeld war 25 Mark.

Meine Naivität und, dass ich mich nie gewehrt habe, rühren wohl auch von meiner schrecklichen Kindheit her. Es wurde mir ja schon früh eingebläut, dass ich immer die Schuldige war.

Ende April 1954 hörte ich bei Bäcker R. auf zu arbeiten und fing in einem Lebensmittelladen an. Ich hörte später, dass man als Countergirl beim Engländer in den Baracken ganz gut verdiente und so ließ ich mich dort einstellen.

Wenn ich abends nach Feierabend nach Hause ging, passte mich manchmal Bäckermeister R. mit seinem Wagen ab. Einmal stieg ich jedoch ein und er wollte mich küssen. Ich lief damals weg, denn es ekelte mich.