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Herbst in Masuren

Die Zeit der Pilze und Blaubeeren beginnt in Masuren im August und dauerte bis hoch in den Oktober. In dieser wunderschönen, sanfthügligen Landschaft gibt es Wiesen, Wasser und Wald, soweit das Auge blicken kann.

Es muss wohl schon Anfang September gewesen sein, als Mama zu uns sagte: "Mädels, wir fahren noch einmal in die Blaubeeren." Die Kutsche stand schon auf dem Hof und wir Kinder, meine beiden Schwestern sowie Janka, unser Polenmädchen und ich stellten ein paar Schüsseln, Körbe und Milchkannen, die eigentlich zum Transport der Milch zur Molkerei gebraucht wurde, auf die Ladefläche.

Nachdem die Pferde angespannt waren, stiegen Mama und wir Kinder auf die Kutsche und laut lachend ging's dann los. Wir fuhren zunächst rechts in Richtung Malshöfen, dann durch dieses Dörfchen, denn erst einige Kilometer weiter gab es einen riesigen Wald, der zu dieser Zeit immer übersät war mit Blaubeersträuchern. Als wir abstiegen und uns mit unseren Sammelbehältern verteilten, mussten wir feststellen, dass es in diesem Jahr nicht sehr gut aussah mit den Blaubeeren, sie wuchsen nur sehr spärlich und es hätte sich nicht gelohnt. So entschied Mama, wir fahren zurück nach Burdungen, aber über einen anderen Weg, wo wir noch einmal an einem anderen Wald vorbeikamen.

Doch was war das? Im Unterholz sahen wir große gelbe fast runde Stellen, teilweise war der Boden nicht einmal zu sehen! Es waren Pfifferlinge, die sich dort in dem trockenen Waldboden ausbreiteten! Unsere Freude war groß und die Blaubeeren schnell vergessen. Mit den Schüsseln und Körben in der Hand stürmten wir lachend in die Pilze! Wir brauchten uns nur zu bücken und die lustigen Gelbhüte einzusammeln. Es dauerte nicht lange, dann waren die Milchkannen gefüllt und die letzten Pilze mussten auf der Heimfahrt in den Schüsseln und Körben bleiben! Auf dem Nachhauseweg gackerten und lachten wir und freuten uns über unsere tolle Ernte. Ich war damals kaum fünf Jahre alt, mich muss das Sammeln sehr angestrengt haben, jedenfalls war ich am Abend so müde, dass ich mich nicht erinnern kann, wie die vielen Pilze dann verarbeitet wurden. Soviel hätten wir gar nicht essen können, ich glaube schon, dass die meisten eingeweckt wurden.

Rechts von unserem Hof hinter der Schneidemühle Bergmann gab es einen kleinen Wald, durch den die Chaussee nach Passenheim führte. Blaubeeren oder Pfifferlinge gab es dort nicht, aber vereinzelt mal ein paar Steinpilze und auch Butterpilze, die man hier wohl Maronen nennt. Auch Blutreitzger haben die Frauen damals dort gefunden. Ich kenne mich mit Pilzen einigermaßen aus, aber Blutreitzger habe ich hier in Schleswig-Holstein nie gesammelt, denn gerade bei diesem Pilz bin ich mir nicht ganz sicher. Dennoch erinnere ich mich, wie gut diese Pilze schmeckten, wenn man sie gut gesäubert mit dem Kopf nach unten auf der Herdplatte garen ließ!

Ich liebe den Monat September, dann kommen endlich wieder die Grüße aus meiner Heimat Masuren mit den herrlichen Pfifferlingen, Maronen und Steinpilzen zu uns her, denn die meisten dieser Pilze, die bei uns verkauft werden, kommen tatsächlich aus Polen, und zwar überwiegend aus Masuren!

Es gab auch Champignons auf den Wiesen in meiner Heimat, aber die sammelten die Menschen dort nicht, wohl weil diese gern auf der Pferdekoppeln oder der Wiese hinter dem Haus wuchsen. Wir aßen damals nur Waldpilze. Diese weißen Dinger auf den Wiesen haben wir als Kinder damals gern wie Bälle mit den Füßen zerschossen.

Bei uns in Burdungen arbeiteten während des Krieges auch Franzosen in der Schneidemühle. Sie kamen gern auch auf unseren Hof zu Besuch. Gleich hinter der Scheune, wo ein dicker Birnenbaumstumpf vor sich hin rottete, wuchsen viele Champignons und die Franzosen sagten uns, dass man diese Pilze essen kann. Also sammelten wir ein paar Champignons und ließen uns von den Franzosen sagen, wie man die zubereitet. Wir haben sie nach ihrem Rezept mit Würfelschinken, Pfeffer, Salz gebraten, den Sud mit Sahne vermengt und dann mit Petersilie bestreut. Das war für die Franzosen ein Festessen, aber wir haben sie nur mit Schütteln probiert.

Nach meiner Rückkehr aus den Staaten habe ich einmal hier in Norderstedt Champignons gekauft, ich habe sie auch nach dem mir noch bekannten Rezept der Franzosen angerichtet. Aber gegessen habe ich sie dann doch nicht, da ich dem Frieden nicht traute!

Ich komme noch einmal auf Waldpilze zurück. Ich war wohl erst 3 oder 4 Jahre alt, da kam der alte Herr Bergmann mit einem Korb voller Waldpilze die Chaussee entlang. Ich lief und hüpfte ihm entgegen, denn ich mochte den alten Herrn. Ich war wohl sehr neugierig und wollte die schönen großen Pilze berühren, doch Herr Bergmann riss den Korb hoch und sagte mit ernster Stimme: "Das darfst Du nicht, Lotte!"

Ich war während meiner ganzen Kindheit irgendwie irritiert. Waren denn seine Pilze so wertvoll oder gar gesegnet, dass sie keiner anfassen durfte?

Ich habe nie heraus bekommen, wieso mir Herr Bergmann das damals gesagt hat. Das würde mich heute noch interessieren, aber leider ist er schon lange tot.

Ich bin mit meinem Mann später oft und gern in den Urlaub gefahren. Wir waren mehrmals im Schwarzwald aber auch im Harz und haben bei unseren Waldspaziergängen immer wieder nach Pilzen Ausschau gehalten, aber ganz selten mal mit nach Hause genommen. Viele Pilze, die man hier findet, sind nicht so schön, jedoch einmal, als wir in Bad Sachsa am Harz waren, fand ich einen großen Steinpilz, wohl fast ein Pfund schwer. Mein Mann hatte ebenfalls Glück, aber sein Steinpilz war nicht ganz so schwer. Wir nahmen diese Prachtstücke mit nach Hause und beim Säubern stellte sich dann heraus, dass sie beide schnittfest und ganz und gar ohne Würmer waren.

Ich habe sie nach altem Rezept in Butter gebraten, und wir haben sie dann mit großem Appetit verspeist!