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Was ist mir Heimat

Wie ich schon in vorigen Geschichten erzählt habe, bin ich in Masuren, in Ostpreußen geboren. Das, so glaubte ich, ist meine Heimat. Doch ich muss mich berichtigen, vieles, das ich im Laufe der Jahrzehnte erlebt und gesehen habe, ist mir ein Stück Heimat gewesen.

Schon damals, als Zehnjährige, als ich mit anderen Lagerinsassen vom großen Lager in Charkow in ein kleines Lager in eine ländliche Gegend verlegt wurde, kam ich ein Stück näher zu mir selbst. Ich habe den Namen dieses Lagers vergessen. Es war ja nun inzwischen Frühling geworden und es grünte. Im Lager waren deutsche Soldaten, Kriegsgefangene, untergebracht. Hier in diesem Lager bekamen wir Strohsäcke, die wir in Charkow nicht hatten.

Ich wusste, dass ich inzwischen Vollwaise geworden war. Mama, Irmgard und Willi waren in Charkow verstorben. Meine Halbschwester Ursula musste zur Arbeit in Charkow verbleiben.

Die jungen Frauen in diesem neuen Lager versuchten, sich hübsch zu machen für die Soldaten. Glücklich, wer noch eine Nadel und Faden hatte. Es wurde ein wenig poussiert, oder wie man heute sagt, geflirtet.

Auf dem Lagergelände wuchs eine kleine Sorte Sauerampfer, den wir eifrig pflückten und uns eine Sauerampfersuppe in unseren kleinen Konservendosen kochten. Die Suppe war nicht nahrhaft, hatte aber wohl ein paar Vitamine. Die jungen Brennnesseln von außerhalb des Lagers wurden in der Küche zum Kochen gebraucht. Die Brennnesseln wurden auch später im Sommer gekocht. Jedoch war dieses auch bei größtem Hunger nur noch ein Fraß. Sonst gab es von der Küche meist eine dünne Kaschasuppe,Kascha = Brei –die traditionelle Kascha -(Graupenbrei) Suppe manchmal schwamm da ein wenig Fisch drin. Wir bekamen dann noch ein nasses Stück Schwarzbrot. In Charkow gab es immer eine stinkende Kohlsuppe, die man auch bei größtem Hunger nicht essen konnte.

Außerhalb des neuen Lagers, außerhalb des Stacheldrahtes war eine große Baracke, in der junge Russenmädchen wohnten. Sie hatten fast alle lange Zöpfe, tanzten und sangen: Ja lubia Sakala, Sakala wisokoa.Anmerkung der Redaktion: Die Russenmädchen sangen möglicherweise einen Text in estnischer oder polnischer Sprache. Vielleicht waren es keine Russinnen?? Ja lubia Sakala heißt aus dem polnischen übersetzt so viel wie: ich mag (liebe) Sakala.
Sakala ist der historische Name einer ostestnischen Region im Kreis Viljandi. Danach wurde auch eine Zeitung benannt. War das Lager vielleicht in Estland??
Ich hatte meine Freude an den Mädchen. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck sie dort waren.

Später im Frühling brachten die Wachtposten Weidenruten ins Lager. Die deutschen Frauen mussten unter Aufsicht der Wachtposten Körbe aus den Weidenruten flechten. Mir brachten bei dieser Gelegenheit die russischen Wachtposten einige russische Lieder bei. Eins davon hieß: Metscholki wunsale Moskwu otpravlalie. Dieses Liedchen und noch andere kann ich heute noch singen. Ich habe ja schon in Burdungen, im Kindergarten gerne gesungen und so fühlte ich mich beim Singen auch dort im Lager ein wenig zu Hause. Die Russen hatten sicher ihre Freude dort an mir.

Außerhalb des Lagers war ein Brunnen. Die Frauen mussten dort täglich Wasser für die Küche holen. Ich durfte dann immer mitgehen. Dieses war auch eine kleine Freude. Einmal hatten mich die Posten übersehen, als sie ins Lager zurückgingen. Sie verschlossen die Lagertür und ich blieb draußen. Da hatte ich eine schreckliche Angst bekommen und nach einigem Zögern klopfte ich doch ans Fenster, das in der Tür war. Zu meinem Erstaunen waren die Russen jedoch freundlich, denn ich habe sie ja auch grausam erlebt. Zum Beispiel als drei deutsche Soldaten einmal zu fliehen versuchten. Sie wurden nach einer Zeit wieder gefasst. Damals wurden sie auf dem Lagerhof vorgeführt und wir mussten alle nach draußen, auch ich, da ich noch ein Kind war. Die drei Männer wurden vor unseren Augen mit Gewehrkolben geschlagen und schrien wie die Tiere. Am nächsten Tag hörten wir, dass die drei Männer vor Qualen in der Nacht gestorben sind. Ich war ja viel Grauen aus dem Lager in Charkow gewohnt.

Im Sommer hieß es, dass ein Transport mit kranken und schwachen Frauen wieder nach Deutschland geschickt werden sollte. Am 25. August, es war mein Geburtstag, wurden die Frauen, die für den Transport bestimmt waren, aufgerufen. Ich war nicht dabei, aber ich hatte meine Sachen gepackt und als die Russen mir sagten, dass ich doch niemanden in Deutschland habe, keinen Verwandten, da fing ich schrecklich an zu schreien und sagte, dass ich mit wollte. Ich wusste ja, dass jedes Leben besser als das Lagerleben in Russland ist. Die Russen sagten also, dass ich mich an ein 16jähriges Mädchen, Ruth Annuß, halten sollte, die ich von Ostpreußen her kannte und die einen Onkel in Deutschland angeben konnte. Als deren Verwandte wurde ich also entlassen.

Wir fuhren nun tagelang in Viehwaggons durch Russland. Durch die geöffnete Tür konnte ich raussehen. Ich erfreute mich an den unendlichen Sonnenblumenfeldern und immer wieder Kirchen mit Zwiebeltürmen. Das war neu für mich und faszinierte mich. Später, als ich an der Universität studierte, hatte ich sogar einige Semester Russisch studiert.

Nach tagelanger Fahrt waren wir in Deutschland. Ich glaube, es war Frankfurt an der Oder. Wenn dort der Zug hielt, sprachen die Menschen draußen zu uns deutsch und sagten, dass wir in der russischen Zone sind. Von dort kamen wir in das zerbombte Berlin und wurden dort mit einem weißen Pulver entlaust. In einer Rot-Kreuz-Stelle bekamen wir diese künstlich schmeckende, aus ErbswurstErbswurst ist eines der ältesten industriell hergestellten Fertiggerichte. In Wasser aufgekocht, kann aus ihr in kurzer Zeit eine sämige Erbsensuppe hergestellt werden. Dazu werden die Portionsstücke zerdrückt, in kaltem Wasser aufgelöst und einige Minuten gekocht.
Die traditionell in eine Pergamentpapierrolle gewickelten Portionstabletten bestehen aus Erbsenmehl, Rinderfett, entfettetem Speck, Salz, Zwiebeln und Gewürzen. Heute ist die Zusammensetzung der Zutaten etwas geändert - es kommen noch Geschmacksverstärker, Aroma, Hefeextrakt und weiteres hinzu.
Entwickelt wurde die Erbswurst 1867 von dem Koch und Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg aus Berlin.Quelle: Wikipedia
gekochte Erbsensuppe zu essen.

Eines Tages sah ich, wie dort drei Geschwister in Lumpen gekleidet wurden. Sie wurden von einem Ehepaar abgeholt und wie gesagt, sie wurden liebevoll umsorgt. Ich stand dabei und mich beachtete niemand. Es tat weh.

Es wurde uns gesagt, dass Ruth und ich weiter mussten nach Wendisch-Pribornim Landkreis Parchim in Mecklenburg-Vorpommern in Mecklenburg. Es waren dort mehrere junge Mädchen aus Ostpreußen. Da der Zug immer überfüllt war und ich, wo ich auch stand und saß, vor Erschöpfung einschlief, war es für Ruth und mich fast unmöglich, in das Abteil zu kommen. Es haben sich dann viele Menschen aufs Trittbrett gestellt oder auf das Dach des Waggons gesetzt. Die anderen Mädchen sagten zu Ruth: Lass doch Lotte liegen, wir müssen weiter. Doch Ruth sagte: Ich muss ins Abteil, denn Lotte schläft überall ein.

Endlich gelangten Ruth und ich ins Abteil. Die Bänke waren voll besetzt. Dort saß ein Mann, der mich beobachtete. Er nahm mich schließlich auf seinen Schoß, als er sah, wie ich im Stehen fast schlief. Ich dachte nur, hoffentlich hat das Läusepulver gewirkt, denn in Russland waren wir ja alle völlig verlaust und verwanzt.

Wir kamen in Freienhagen, Wendisch-Priborn, einem Dorf in Mecklenburg, an. Dort wurden Ruth und ich einer Familie G.* zugewiesen. Wir schliefen beide in einem Bett in dem einen Zimmer. Die ganze Familie G.* im Schlafzimmer. Das waren das ältere Ehepaar, drei erwachsene Söhne und die erwachsene Tochter mit ihrem unehelichen Baby.

Herr G.* war Schlachtermeister. Eines Tages kam man zu uns beiden Mädchen und sagte, bei dem älteren Herrn G.* wurde eine dicke Laus im Bett gefunden. Ruth hatte schon damals als 16jährige ein ziemlich starkes Selbstvertrauen, doch ich war völlig am Boden zerstört und nahm die Schuld auf mich.

Es war wohl eine männliche Laus, denn im späteren Verlauf wurden keine Läuse mehr bei G.*s gesichtet.

Der alte Herr G.* schoss sich beim Schlachten eines Tages ins Bein und starb bald darauf an einer Blutvergiftung. Ruth fand bald ihren Onkel im Westen und ging bei Helmstedt über die Grenze zu ihm. Eine Frau K.*, die mit einem Kriegsinvaliden in einer Ruine, vier Kilometer entfernt vom Dorf, hauste, hatte ein krankes Bein, war Analphabetin, nahm mich zu sich damit ich für sie arbeitete.

* Die Namen sind der Redaktion bekannt.