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Hümpelchen und Pümpelchen
oder:
Eine Betrachtung im Regen

Gestern saß ich mit Freundin Dorothee auf dem großen Parkplatz vor Schloss Gottorf im Platzregen während eines Sommergewitters im Auto. Der Regen goss einen undurchsichtigen Vorhang vor die Autofenster, sodass die schöne Fassade des Schlossmuseums vor uns nicht mehr zu erkennen war. Und der Parkplatz unter unseren Autorädern verwandelte sich in einen flachen See. Wie sollten wir hinter das Schloss, durch die große Allee, nur in den Alten Garten gelangen, in dem sich der neue Pavillon mit dem weltberühmten GlobusDer Gottorfer Riesenglobus war ein im Garten des Gottorfer Schlosses bei Schleswig aufgestellter begehbarer Globus mit einem Durchmesser von drei Metern, der zwischen 1650 und 1664 im Auftrag Herzog Friedrichs III. von Gottorf entstand und europaweit berühmt wurde.Siehe Wikipedia.org befindet, den zu besichtigen wir hergefahren waren?

Wenn man bedenkt, dass es der schleswig-holsteinische Herzog Friedrich war, der schon um 1650 zusammen mit seinem Astronomen das Nordische Weltwunder geplant und mithilfe von Wasserkraft die Rotation der Erdkugel bewirkt und die Himmelskörper miteinander bewegt hat, dann kann man die Bewunderung der damaligen gebildeten Welt nachempfinden.
Im Inneren des größten Globus der Welt (drei Meter Durchmesser) bequem sitzend konnte man zudem die Bewegung und die kunstvoll gemalten Himmelskörper, umgeben von ihren Symbolen aus der griechischen Götterwelt, genießen. Nach dem Nordischen Krieg schenkte der dänische Sieger das eroberte Weltkunstwerk dann Peter dem Großen, dem Zar aller Russen. Als der Globus – in Einzelteile zerlegt und mühsam mit Schiff und Wagen transportiert – vier Jahre später in Moskau ankam, war er erheblich ramponiert und blieb es bis heute. Nun aber haben wir das Wunderwerk zurück, ganz in neu und in einen hochmodernen Kubus-Bau gepackt, in dem es den Lauf der Gestirne nachvollzieht, nun aber nicht mithilfe von Wasserkraft, wie dazumal, sondern zeitgerecht computergesteuert.

Oh, wie bin ich ungeduldig, sagte Dorothee, während sie finster in den Regen starrte. Und du lächelst! Woran denkst du nur? An Regen und Überschwemmung, lachte ich und räkelte mich genussvoll in die weichen Autopolster. Stell dir mal vor, du säßest statt im gemütlichen Auto in einem kleinen Schlafzelt, in dem man nicht stehen kann und den Kopf einziehen muss, um nicht an die Schräge des Zeltdachs zu stoßen. Denn dann wird es undicht. Und anlehnen kannst du dich nirgends. Nur nach hinten zurück auf den Schlafsack kannst du dich fallen lassen. Vor dir ist der Zelteingang mit einem Schlitz, durch den du in den Regen starren kannst. Und dabei hast du ein Kind auf dem Schoß, ein lebhaftes bewegliches Kind mit runden Apfelbäckchen und blauen Kulleraugen, ganze zwei Jahre alt. Natürlich will es beschäftigt werden. Und es regnet, nein, es gießt, einen ganzen Tag lang, begleitet ab und an mit Donner und Serien von Blitzen, die das Zeltinnere ein wenig erhellen.

Wo das war? In einer der schönsten Landschaften Deutschlands, am Bodensee, genauer gesagt: mitten im Bodensee, auf der Insel Reichenau. Wir waren von unserem Campingplatz gegenüber der Insel Mainau herüber gepaddelt bei herrlichstem Sonnenschein in unserem blauen Faltboot, einem Hammer Reisezweier mit einem kleinen Segel ausgerüstet, sitzend auf unseren Schlafsäcken, das zusammengerollte Schlafzelt und den Rucksack in Kiel und Heck verstaut.
Wir hatten alle drei Klosterkirchen der Insel mit ihren wunderschönen mittelalterlichen Kirchenschätzen ausgiebig bestaunt und dann auf einer mit Büschen bestandenen Wiese dicht am Ufer des Sees Erbsensuppe mit Würstchen gekocht und unser Zelt aufgeschlagen. Damals, vor einem halben Jahrhundert, konnte man das noch. Es war niemand da, der uns am Zelten hinderte oder Gebühren verlangte.

Wir waren übrigens zu dritt. Kapitän unseres Schiffes, Zeltbauer und Erbsensuppenkoch war Manfred, der Vater des kleinen zweijährigen Wonneproppens. Am nächsten Morgen wollten wir über den Bodensee zurück zum Campingplatz paddeln. Aber das lautstarke Gewitter, das uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf schreckte, wollte auch am nächsten Morgen keine Ruhe geben und goss weiter den Inhalt eines Sees, der sich oberhalb der dichten Wolkendecke befinden musste, auf den Bodensee hinunter. Wir befanden uns nun auch nicht mehr auf einer bebuschten Wiese, sondern auf einer kleinen Insel, von einem wadenhohen flachen See mit Büschen umgeben. Mein kluger Mann hatte in weiser Voraussicht das Zelt auf einer leichten Anhöhe unter einem Baum aufgeschlagen. In einigen Metern Entfernung konnten wir durch den Zeltschlitz unser Paddelboot schaukeln sehen. Es war mit einem dicken Hanfstrick an einem Weidenpfahl festgebunden. Vorsorglich hatten wir es am Abend auch mit den Spritzdecken versehen, so dass es sich nicht mit Wasser füllen konnte. Aber wenn uns Hümpelchen und Pümpelchen nicht zu Hilfe gekommen wären, hätten wir mit unserer quirligen Zweijährigen doch sehr unglückliche und missgestimmte Stunden verbracht.
Kennst du die beiden? Hier sind sie im Kindervers:

Hümpelchen und Pümpelchen saßen auf einem hohen Berg.
Hümpelchen war ein Heinzelmännchen und Pümpelchen ein Zwerg,
sie konnten gar nicht stille sitzen
und wackelten immer mit ihren Zipfelmützen.
Und nach vielen, vielen Wochen
sind sie in den Berg gekrochen,
da sitzen sie nun in guter Ruh.
Sei mal stille und hör fein zu
– Rrrrrrr Rrrrrr Rrrrrrroooo.

Unerfahrene Laien haben keine Ahnung, mit wie viel Sitzgymnastik man die Geschichte verbinden kann und wohin die Zwerglein gekrochen sind – in den Berg, in die Schlafsäcke, die Schuhe, den Kochtopf und Vatis Hosentaschen. Zwanzig oder dreißig Mal sind sie mindestens gekrochen. Und dann kam auch das Muhkuhbaby ins Spiel. Manfred hat es damals erfunden. Es wohnte mit seiner Mama, der Muhkuh, auf saftiger grüner Wiese, genau wie wir zurzeit, hatte große braune Augen mit langen Wimpern und sagte den ganzen Tag Muh. Und dann wurde die Wiese überschwemmt, und alle Maulwürfe ertranken. Traurig! Und das Baby lief seiner Mama weg, kroch durch Zäune und wäre beinahe unter ein Auto geraten. Und von den Beeren, die es vom Strauch gefressen hat, ohne seine Mutti zu fragen, bekam es ganz schlimme Bauchschmerzen und jammerte immer muh, muh, muh. Jedenfalls erteilte es sehr pädagogische Lehren, das Muhkuhbaby. Es hat noch zwei oder drei Jahre überlebt, bis es durch richtige Geschichten in Büchern ersetzt werden konnte, und hat dann nach 25 Jahren bei meinen Enkelkindern fröhliche Auferstehung gefeiert.

Doch Hümpelchen und Pümpelchen haben wir nicht wieder gesehen. Durch den Gewitterregen vorm Schloss wurde ich an sie erinnert und dachte, wie bequem und trocken in weiche Autopolster zurückgelehnt sich doch ein Wolkenbruch überstehen lässt.

Doch Wichtelmännchen gefällt moderne Technik mit Polster, Kissen, Büchern, Radios, Handys und perfektem Spielzeug, für das unser modernes Fortbewegungsmittel problemlos Platz bietet, nicht. Sie brauchen Langeweile, Phantasie und Kreativität und Zeit, viel Zeit – wie damals vor fünfzig Jahren im Gewitter am Bodensee.