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Buttercremetorte und preußische Tugend

Zu jener Zeit – im Jahre 1943 – muss es gewesen sein, als mein Vater die Buttercremetorte geschenkt bekam, mitten im Krieg. Ich hätte sie gar nicht für erwähnenswert gehalten und die Geschichte wäre mir auch nicht eingefallen, wenn wir nicht täglich aus den Medien erfahren müssten, dass alle Menschen und insbesondere jene, die ein öffentliches Amt bekleiden, stets darauf bedacht sind, Vorteile für sich zu erlangen und sich zu bereichern. Aus dieser Mentalität heraus glauben auch unsere Nachfahren, dass sich die Nazis im Dritten Reich auch nur für ihre Partei und ihren merkwürdigen Führer eingesetzt haben, weil es für sie Vorteile brachte. Die Geschichte der Buttercremetorte ist ein bezeichnendes Beispiel für die Mentalität der damaligen Zeit, die selbstverständlich nicht für alle, doch für viele Idealisten zutraf.

Im fortgeschrittenen Krieg gab es, wie alle heute wissen, Lebensmittel nur auf Lebensmittelkarten. Eier waren knapp, die tägliche Butterration war auf wenige Gramm berechnet, Mehl und Zucker wurden sparsam zugeteilt. Wer keine Anverwandten auf dem Lande mit Kühen und Schweinen oder Bekannte mit einem Hühnerstall besaß, war auf die sparsamen Zuteilungen auf Karte angewiesen. Damit war keine Hausfrau in der Lage, Festgebäck herzustellen, geschweige denn zu besonderen Ehrentagen festliche Torten, wie es der Wunschtraum jeder Hausfrau zur damaligen Zeit war.

Solch ein Traumwunsch ging eines Tages unerwartet in Erfüllung und zwar zum Geburtstag meines Vaters im April – war es 1942 oder 1943. Die Schüler seiner Klasse des Gymnasiums hatten als Überraschung für ihren Klassenleiter beim Konditor eine Buttercremetorte backen lassen. Da es in der Klasse Schüler mit ländlichem Hintergrund gab, war es gelungen Eier, Butter, Mehl und Zucker für eine üppige große Torte unter den Schülern zu sammeln. Buttercremetorte war damals der Höhepunkt, das Non plus Ultra aller süßen Genüsse für uns, weil Butter so knapp und Margarine als echtes Ersatzprodukt nicht gerade wohlschmeckend war, ein Symbol für Friedenszeiten, wehmutvolle Erinnerung und Zukunftshoffnung auf baldige Friedenszeiten.

Solch ein luxuriöses Friedenssymbol in Übergröße bekam mein Vater nun zum Geburtstag geschenkt‚ mit Widmung von den dankbaren Schülern. Und alle Schüler waren gespannt auf das freudig überraschte Gesicht ihres strengen Klassen- und Lateinlehrers, von dem sie wussten, dass er keine Verwandtschaft auf dem Lande besaß.

Mein Vater machte auch das erwartete freudig überraschte Gesicht und bewunderte gebührend das herrliche Konditorkunstwerk und die Mühe, die die Schüler sich gemacht hatten, um die Zutaten dazu sich von Müttern oder Verwandten zu erbetteln. Und dann beurlaubte er seine drei besten Lateinschüler und beauftragte sie, während der Schulstunde die sorgfältig verpackte Torte zum Krankenhaus zu tragen und sie dort abzugeben mit schönen Grüßen von der Prima der Dietrich-Eckardt-Oberschule. Die Torte sei für die verwundeten Soldaten im Krankenhaus bestimmt und die Schüler wünschten ihnen guten Appetit beim Verzehren und gute Besserung.

Wie mir meine kleine Schwester, die damals noch das Gymnasium besuchte, berichtete, waren die Schüler überhaupt nicht begeistert vom Umfunktionieren ihres kostbaren Geburtstagsgeschenkes und hätten es lieber auf dem Geburtstagstisch ihres Klassenlehrers gesehen. Sie wussten bestimmt auch nicht, dass der Vater ihres Klassenlehrers Sohn eines Bahnmeisters und meine Mutter Tochter eines städtischen Beamten, Leiter des Meldeamtes, waren. Niemals, hätten meine Großväter eine Zigarre oder auch nur einen einzigen Füller als Geschenk im Dienst angenommen. Solch eine Haltung nannte man früher einmal preußische Tugend. Sie ist ganz aus der Mode gekommen.

Aber ich kann mich gut an ein Gespräch meines Vaters erinnern, das er mit meiner Mutter führte und das nicht für meine Ohren bestimmt war, in dem er entschieden Anstoß an einem Kollegen nahm, der sich von seinen Schülern Zigarren schenken ließ, statt sich zeitentsprechend das Zigarrenrauchen abzugewöhnen, was er natürlich nur meiner Mutter gegenüber als charakterlos empfand. Eine Torte als Geschenk anzunehmen, fand er ebenso unmöglich und inkorrekt.

Meine kleine Schwester allerdings, die mir von der Torte erzählte, fand die Charakterfestigkeit ihres Vaters gar nicht so bewundernswert. Sie hätte so gern einmal Buttercremetorte gegessen. Denn sie konnte sich nicht mehr an Friedenszeiten erinnern, wo es so etwas gegeben hatte.