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Das Interview

Eine wahre Geschichte aus Garstedt, Anfang der 1960er Jahre.

Als wir im Jahre 1961 mit unseren beiden Kindern, vier und sechs Jahre alt, nach Garstedt umsiedelten, weil wir dort ein preiswertes Grundstück erworben und ein Einfamilienhaus erbaut hatten, kannte ich dort nichts und niemanden. Es gab auch kaum Nachbarn, da die Straße Aurikelstieg noch wenig bebaut war.

Da erinnerte ich mich eines Hobbys, mit dem ich mir früher einmal Taschengeld verdient hatte und meldete mich bei einem Meinungsforschungsinstitut an, zwecks Übernahme von Interviews, speziell über politische Fragen, weil mich das Thema interessierte. Es bot mir zusätzlich die Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen.

Es war ein überraschender und voller Erfolg für mich, denn damals habe ich mit reizenden Menschen Kaffee getrunken, die ich erst eine halbe Stunde vorher kennengelernt habe. Ich habe ihre Zigaretten geraucht und ihre Briefmarkenschätze bewundert, in ihren Familienalben geblättert und die Theaterkritiken der Tochter gelesen. Ich habe die Hochzeitsfotos des fernen Sohnes mitfühlend betrachtet. Ich wusste, warum die Mitbürger Willi wählten und wie der Vati lange nach Kriegsende aus einem sibirischen Lager zurückgekehrt war.

So aufgeschlossen waren damals meine Norderstedter Mitbürger und sicher waren sie auch neugierig auf mich.

Ich wusste, warum sie für die Mitbestimmung waren und warum dagegen; warum sie die Gesamtschule befürworteten und warum sie sie für eine Bildungsfabrik hielten. Natürlich wusste ich auch, welche Zeitung sie lasen und warum und wann sie welches Bier tranken. Selbstverständlich erfuhr ich auch, welche Hausfrau sich mit welchen Eigenschaften welchen Waschpulvers identifizierte, aber das ist höhere Verkaufspsychologie und nur für besondere Feinschmecker auf diesem Gebiet nebenbei als Abfallprodukt interviewlicher Kommunikation bemerkenswert.

Natürlich habe ich auch nach dem Interview einige neue Konzepte für die Bildungspolitik erarbeitet und modische Probleme gelöst. So einfach war das damals! Und einmal habe ich sogar Tränen gelacht zusammen mit einer Blondine. Und das kam so:

Den Abschluss eines jeden wissenschaftlichen Interviews bildet nun einmal die Statistik – wo kämen wir in Deutschland ohne Statistik hin? Da lassen sich die Meinungsforscher nicht lumpen: Statistik muss sein!
Alter, Schulbildung, Einkommen, Anzahl der Kinder und, falls jemand so leichtsinnig ist, die Frage nach der Konfession mit Ja zu beantworten, erfolgte unweigerlich die Frage: Wie oft besuchen Sie die Kirche? Schließlich musste erfasst werden, wie oft der deutsche Wohlstandsbürger sich so getrieben fühlt, die mit seinen sauer verdienten Groschen errichteten geistigen Kommunikationszentren zu benutzen.
Einmal in der Woche? Gewohnheitsmäßig las ich also die Frage ab und übergab dann die Liste, auf der steht:

  1. Mehrmals in der Woche
  2. Einmal in der Woche
  3. Einmal im Monat
  4. Mehrmals im Jahr
  5. Einmal im Jahr
  6. Selten
  7. Nie
Automatisch fügte ich dann hinzu: Würden Sie bitte sagen, was für Sie zutrifft. – Schweigen.

Ich schaute auf und direkt in die Augen meiner Gesprächspartnerin, der schon erwähnten, bildhübschen jungen Frau, die mich empört anfunkelten. Das Gesicht vor mir war hochrot und ehe ich noch etwas sagen konnte, brach sie erregt los: Also, alles was recht ist… Die anderen Fragen habe ich ja gerne beantwortet, aber danach zu fragen… Also, was zu viel ist, ist zu viel! Verdutzt blickte ich meine Gesprächspartnerin an, dann dämmerte es bei mir, und während ich mir mit Mühe das Lachen verbiss, entschuldigte ich mich:
Oh, Verzeihung, hatte ich vergessen, die Frage vorzulesen? Es handelt sich um den Kirchenbesuch. Das Gesicht vor mir wandelte sich im Nu von Empörung in amüsierte Heiterkeit und dann veranstalteten wir das schon vorher erwähnte Lachduett.

So, und nun dürfen Sie raten, woran meine nette Norderstedter Mitbürgerin gedacht hat, als ich ihr die Liste überreichte…