© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Als Senior im Zug voller Fußballfans

Über neonazistische und rechtsextremistische Umtriebe werden wir ja regelmäßig durch Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen unterrichtet. Ich muss gestehen, dass ich das bisher nicht für bare Münze genommen habe, denn mir waren sie bisher nicht begegnet, die Aktivitäten, die unsere Demokratie und Rechtsordnung bedrohen. Schließlich lebe ich weder in einem abseitigen Dorfe noch halte ich mich vorwiegend im stillen Kämmerlein auf, abseits der Aktivitäten der modernen großen weiten Welt, auch wenn ich achtzig Jahre alt geworden bin.

Das liegt daran, belehrte mich mein sozial tätiger Sohn, weil du an Massenveranstaltungen, insbesondere des Fußballs, nicht teilnimmst. Da mich Fußball, sogar im Fernsehen, nur recht mäßig interessiert, konnte ich mich nicht dazu aufraffen, mich in einer Massenveranstaltung, die mir schon zu Zeiten der Hitlerjugend ein Gräuel waren, zusammenquetschen zu lassen, um mich durch eigenen Augenschein vom grassierenden Rechtsextremismus zu überzeugen.

Nun aber habe ich kürzlich, rein zufällig und zudem auch noch kostenlos, die Konfrontation mit dem Phänomen genossen. Aus Datenschutzgründen will ich die Gegend verschweigen, doch soll es, wie ich hörte, dort häufiger grassieren.

In der nicht genannten Gegend also wollte ich zusammen mit zwei Freundinnen, ebenfalls im Seniorenalter, einen Regionalzug besteigen. Auf dem kleinen Bahnhof tobte ein wildes Gewühl, ein lautes und fröhliches Getöse meist männlicher junger Menschen in karnevalistischer Aufmachung. Es war aber nicht Karneval, sondern Mai. Auch die älteren Jugendlichen trugen bunte Hemden, blau, weiß und rot in verschiedenen Zusammenstellungen, teils hübsch, teils weniger, dekorative bunte Schals und Embleme an verschiedenen Kleidungs- und Körperstellen, bunte Mützen, verwegene Hüte, Farbkleckse auf Wangen, Stirn und Ohren. Das lustig bunte Bild wurde untermalt von schrillem Pfeifen und rhythmischem Trommelschlag. Das Trommeln erinnerte mich doch an etwas? Mein Erinnerungskarussell drehte sich. Es musste lange zurückliegen. Waren es siebzig – achtzig Jahre?

Meinem sechsjährigen Enkel hatte ich aus Lärmschutzgründen und Rücksicht auf seine gestresste Mutter den Weihnachtswunsch nach einer Trommel versagt. Nun aber begriff ich, warum das Eindreschen auf eine Trommel, Tatumtata, Tatumtata, Tatumtata, auch älteren Kindern Spaß macht.

Nur hatte ich keine Zeit, um über die Macht eines erregenden Trommelrhythmus‘ auf Herz und Aggressionslust zu meditieren, denn wir mussten in den lautstark fröhlich belagerten Zug einsteigen. Und siehe da, es bot keinerlei Schwierigkeiten. Bereitwillig wurde uns Platz gemacht, im Abteil drei Plätze für uns geräumt und unser Handgepäck von hilfreichen Händen nach oben bugsiert. Hatte ich irgendwo gelesen, dass die heutige Jugend rücksichtslos sei?

Und dann genossen wir neunzig Minuten lang die Atmosphäre einer Fußballfangemeinschaft. Direkt im Zentrum waren wir nicht. Das fand im Nachbarwaggon statt, aus dem ohrenbetäubendes Getöse erscholl, sobald sich die Türen öffneten. Meiner Bitte um Schließung der Türen, die ich insgesamt etwa zwanzig Mal äußerte, wurde nach etlichem Hin- und Hergewoge aber immer entsprochen, worauf man sich in unserem Wagen wieder unterhalten konnte, was im Nachbarwaggon nicht der Fall war. Dort stand man dicht an dicht, reckte Arme und Hände in die Luft und stampfte den Boden, von Rhythmen untermalt. Als sich ein paar Jugendliche zigarettenrauchend in unser Nichtraucherabteil gedrängt hatten, erschien überraschend ein netter junger Mann in Polizeiuniform mit einer noch attraktiveren Kollegin, letztere von den Fans mit anerkennenden Blicken und Pfiffen begrüßt.

Die Raucher wurden zum Löschen der Glimmstängel beziehungsweise zum Verlassen des Wagens aufgefordert. Nur ein einziger, etwa Dreißigjähriger, folgte der Aufforderung nicht. Er hatte sich provozierend rauchend mir gegenüber auf den Sitz gefläzt, wovon er vorher den Besitzer abgedrängt hatte, schaute herausfordernd die Uniform an und probte Aufstand. Wir kennen uns doch sagte der Polizeibeamte in aller Gemütsruhe, wollen Sie schon wieder Schwierigkeiten machen? An der nächsten Station fliegen Sie sonst raus!

Knurrend verzog sich der Qualmer in den Nachbarwagen, wobei der vertriebene Platzbesitzer seinen Platz wieder einnahm und leise zischte: Der Grüne ist ja viel zu lahm. Soll ihn gleich rausschmeißen, den Gewalttäter!

Und darin erfolgte die rechtsextremistische rassistische Aufführung, die ich – mediengeschult – fast erwartet hatte. An der Tür zum Nachbarwaggon bildete sich ein Stau, dem etwa zehn Jugendliche entquollen. Sie quetschten sich durch die Enge mit hoch erhobener rechter Hand, obwohl das ja hierzulande ein striktes Tabu ist, seitdem ein geborener Österreicher vor neunzig Jahren auf die Idee verfallen ist, diese gymnastische Übung, die er meisterhaft beherrschte, zum Deutschen Gruß zu erklären.

Das Knäuel der Fußballfans starrte mit erhobener Hand auf einen Punkt hinter mir und als ich mich interessiert umwandte, sah ich überrascht, dass in unserem Wagen zwei Farbige saßen. Plötzlich herrschte Stille, als sich die Jungen den Farbigen näherten und zwei oder drei Nigger raus! sagten. Sie hatten sich wohl noch nicht genügend Mut angetrunken und grölten es nicht sehr laut.

Als Mitglied der Generation, der unsere Nachfahren vorwerfen, nicht rechtzeitig antirassistische Tendenzen mit Mut und Überzeugungskraft bekämpft zu haben, hörte ich aufmerksam in die Runde, um herauszufinden, ob unsere Nachfahren denn nun die notwendige Überzeugungsarbeit leisten würden. Außer der leisen Stimme einer meiner Freundinnen, die nicht recht zu verstehen war, hörte ich aber nichts.

Im Gegensatz zu den anderen Fahrgästen schaute ich aber nicht weg, sondern aufmerksam einen der beiden Farbigen an, den ich ins Blickfeld bekommen konnte. Er saß dort stur wie ein Ölgötze, hätte ich in meiner Kinderzeit gesagt, aber vielleicht ist das Wort Ölgötze nun ein diskriminierender Begriff?

Es war ein kräftiger, gut gebauter Mann, in dessen schwarzbraunem Gesicht sich kein Muskel rührte, während er starr in die Luft blickte, die Hände lose auf den Knien. Ich bewunderte ihn in diesem Augenblick und hatte fast den Eindruck, dass diese Haltung auch den Fans imponierte. Die quetschten sich dann durch den Wagengang zurück, nicht ohne zwischendurch ein paarmal Heil gerufen zu haben, was aber weiter auf keine Resonanz stieß. Nur ein junger Mann blieb noch eine Weile mit der Bierflasche in der linken und mit der rechten erhobenen Hand in der Luft eine Weile schwankend in meiner Nähe stehen. Er war ein bisschen fett geraten und ich dachte bei mir: Der MUSS ja auch einen Minderwertigkeitskomplex haben. Aber als er bedrohlich auf mich zu schwankte, sagte ich laut: Setz dich irgendwo hin, Junge. Ich will nicht so ein Riesenbaby wie dich plötzlich auf meinem Schoß haben. Allgemeines fröhliches Gelächter ertönte rundum. Das Riesenbaby grinste ebenfalls und torkelte nach nebenan ins Abteil.

Sagen Sie mal wandte ich mich an meine Nachbarn, drei sympathischen Teens, deren Fußballfachgesprächen ich gelauscht hatte: Haben Sie schon erlebt, dass mehr passiert, als die kleine Demonstration eben? Mit dem Neger? fragte mein Nachbar, kaufmännischer Angestellter, wie ich schon erfahren hatte, zurück. Nee, eigentlich ist die Anmache nur verbal. So ‘ne Art Pflichtübung.

Das Wort Pflichtübung regte mich zum Nachdenken an. Und wenn sie betrunken sind? bohrte ich weiter und wies auf die herumliegenden und -stehenden Bier- und Wodkaflaschen. Kann sein, dass da einer tätlich wird, sagte mein Nachbar. Hab ich mal erlebt. Der Nigger war ihm aber über. Der war gut trainiert, der Nigger!

Einen echten Skinhead lernte ich an diesem Tag aber auch noch kennen. Dachte ich jedenfalls. Er trug eine Glatze, eine Tätowierung auf dem Unterarm, blaue Kleckse auf den Wangen und war gut und gern dreißig Jahre älter als seine Aufmachung beweisen wollte. Im Übrigen war er recht kräftig, mit lauter Stimme und autoritärem Gehabe begabt. Als ich damals dabei war, erklärte er, habt ihr alle noch in die Windeln geschissen. Junge, Junge, da war was los! Nichts gegen heute! Ein Krawall sage ich euch! Denen haben wir es gegeben. Da hat sich keiner gemuckt! Trotz des Lärms versuchten alle Fans von den Weisheiten, die von den Lippen des Kahlkopfes tropften, etwas mitzubekommen.

Das ist bestimmt der Vorsitzende einer neonazistischen Vereinigung, überlegte ich fernsehaufgeklärt. Die Namen und Daten allerdings, die er pausenlos seinen lauschenden Zuhörern präsentierte, waren mir gänzlich unbekannt.

Nachdem der Glatzkopf nach nebenan entschwunden war, wollte ich es genau wissen und wandte mich an meine Nachbarn: Was ist das für ein Mann? In die verständnislosen Gesichter hinein fragte ich nach, ist er Vorsitzender eines Vereins oder so was? Weil er doch für Sie alle eine Autorität ist? Ja, das ist er, erfuhr ich bereitwillig. Was der alles über Fußball weiß! Alles, aber auch alles aus den letzten vierzig Jahren, den können Sie alles fragen!

Aha, sagte ich und korrigierte schleunigst mein Vorurteil. Was ist er denn von Beruf? Das würde mich interessieren. Unbefangen kam die Antwort. Der ist Müllwerker. Auch seit vierzig Jahren.

Die Antwort veranlasste mich zum gründlichen Nachdenken. Da hatte ich also einen von Jugendlichen allgemein respektierten Fachmann kennengelernt, von Beruf Müllwerker. Weder Bildung noch Aufmachung, weder Einkommen noch Stand sind entscheidend, sondern allein das Wissen in einem Bereich, der sie alle interessiert. Ich muss gestehen, dass mir das imponierte und dem intellektuellen Bildungsdünkel, unter dem auch ich leide, einen Stoß versetzte.

Nach Bekanntwerden gewalttätiger Ausschreitungen wird unweigerlich lautstark die Forderung nach Verboten erhoben. Im Hinblick auf meine kurze Erfahrung, die ich sehr aufschlussreich fand, frage ich mich nun, was wollen die Forderer verbieten?

Den Fußball?
Die überregionalen Wettkämpfe?
Die Fan-Clubs?
Die DVU, oder die NPD?

Wenn Sie mich fragen – das Bier und den Wodka20 Jahre später, am 27. 9. 2017 schreibt das Hamburger Abendblatt:
Polizei verfügt Alkoholverbot
Die Polizei hat vor dem Nordderby der Bundesliga am Sonnabend eine Vielzahl von Sicherheitsvorkehrungen verfügt. Auf mehreren Bahnstrecken und Bahnhöfen ist der Konsum von Alkohol verboten. Gleiches gilt für das Mitführen von Glasflaschen, Getränkedosen, Pyrotechnik, Schutzbewaffnung und Vermumungsgegenständen.
! Aber mich fragt ja keiner…