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Urgroßvater und die Büllekes

Für mich kleines Mädchen war mein Vater mein Ideal. Er wusste alles, konnte alles und was er sagte, war so gut wie das Evangelium. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass er einmal nicht Recht haben könnte, oder ich eine eigene Meinung haben würde. Nun waren damals, ich bin ja schon 1919 direkt nach dem Ersten Weltkrieg geboren, Väter ganz allgemein unbedingte Autoritäten. Sie bestimmten praktisch alles in der Familie, nicht nur die Sonntagsausflüge und Haushaltsanschaffungen, sondern auch die notwendige Bekleidung für Frau und Kinder. Und bei allen Wünschen musste Vater gefragt werden. Natürlich war er auch letzte Instanz bei der Erziehung. Bestrafung für ungezogenes Verhalten war meist Aufgabe der Väter. Warte nur, bis Vater nach Hause kommt hieß es dann. Belobigungen für gute Zensuren in der Schule behielten sich auch die Väter vor. Ja, mein Vater kam gleich nach dem lieben Gott.

Ein paar Jahre später änderte sich das und wir entdeckten, dass zum lieben Gott doch ein erheblicher Unterschied bestand, besonders als uns beständig andere Ideale vorgesetzt wurden, auf die wir dann hereinfielen. Nein, Kritik hatte es in unserer Kinderzeit nicht gegeben. Allerdings, was die Kenntnis von deutscher Literatur und Geschichte betraf, war mein Vater auch weiterhin für mich einsame Klasse. Da war er ja auch Fachmann. Aber so viele andere Dinge waren nun wichtiger geworden für uns alle und davon verstand er nichts und zog die falschen Schlüsse. Einmal aber im späteren Leben hat mein Vater mir maßlos imponiert und das hatte nichts mit geschichtlichen Zusammenhängen und Höhenflügen deutscher Dichter zu tun, sondern mit ganz schlichter Geistesgegenwart.
Es war im Herbst 1945. Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Wie ihr wisst, wohnte ich mit meinen Eltern in einem sogenannten Behelfsheim, einer Bretterbude mit Dachpappendach, da unser Haus in Dülmen durch einen Bombenangriff dem Erdboden gleichgemacht und das Haus meiner Oma in Münster ausgebrannt war. Damals hungerten alle Menschen, außer den Bauern natürlich, und Esswaren gab es nur auf Lebensmittelkarten. Da wir glücklicherweise auf dem Lande lebten, vier Kilometer von nächsten Dorf entfernt, stoppelten wir auf den Feldern nach liegengebliebenen Kartoffeln, suchten in den Hecken nach Brombeeren und Hagebutten und auf den Wiesen nach Pilzen.

Eines Tages, an einem Wochenende, war ich mit meinem Vater mal wieder unterwegs auf Feldwegen und Wiesen. Da es zwei oder drei Tage lang etwas geregnet hatte, bestand die Aussicht, in den Wiesen Champignons zu finden. Wir waren schon über Zäune mehrerer Wiesen geklettert und ich hatte bereits zwei Hände voll der appetitlichen weißen Knollen in meinem Korb versammelt, als ich unruhig wurde. Guck mal, Vati sagte ich und wies auf die hintere Ecke der großen Wiese, sind das nicht junge Bullen? Mein Vater schaute hoch. Tatsächlich, antwortete er und schaute durch seine Brille aufmerksam über die Wiese. Aber das sind Büllekes, Halbstarke, die tun uns nichts. Da mein Vater als Junge seine Ferien bei einem Onkel auf einem Bauernhof verbracht hatte, wusste er darüber mehr als ich. Beruhigt wandte ich meine Blicke ab und suchte weiter im hohen Gras, bis mich ein grollendes Muhen wieder aufsehen ließ. Und da sah ich dann, dass sich ein einzelnes rotbuntes Tier von der Herde gelöst hatte und mitten auf der Wiese auf uns zu getrottet kam. Schon setzte sich die gesamte Herde in Bewegung, hinter ihrem Vorturner her. Im Nu ging das friedliche Trotten in Galopp über und die gesamte Herde, etwa zwanzig Jungbullen, kam in geschlossener Formation auf uns zu gerannt. Mein Vater warf einen kritischen Blick auf die ankommende Angriffsfront, sagte Verd… und rannte dann auf den nächst erreichbaren Zaun der großen Wiese zu, ich hinter ihm her. Im Nu hatte ich ihn mit meinen schnelleren Beinen überholt.

Aber wie immer in Fällen bei Flucht des Gegners und mit der Aussicht auf leichten Sieg, erhöhten die halbstarken Burschen ihre Geschwindigkeit. Ich hörte sie schon schnauben, während ich den Stacheldrahtzaun im Näherkommen daraufhin abschätzte, an welcher Stelle sich wohl eine geeignete Lücke zum Drüberklettern, oder Drunterherquetschen befand, ohne in den eisernen Stacheln hängenzubleiben.

Nun werden friedensbewegte Menschen ja immer sagen: Ruhig bleiben, bei grundlosem Angriff immer verhandeln, ruhig und mit Augenmaß! Schließlich konnte ja nichts weiter passieren als umgerannt zu werden. Im schlimmsten Fall konnte auf uns rumgetrampelt werden. Ich hatte aber keine Zeit, das ruhig zu erwägen, dazu hatte ich viel zu viel Angst. Und die Aussicht, niedergetrampelt zu werden, hat mir ganz und gar nicht gefallen.

Zum Glück für uns kannte mein Vater als alter Krieger aus dem Ersten Weltkrieg derlei pazifistische Ideale nicht. Mit strategischem Weitblick hatte er einen dicken Ast entdeckt und ihn in der Hand, bevor ich das recht mitbekam. Blitzschnell hatte er sich umgedreht, obwohl er doch weder jung noch sportlich war, und schwang den Ast in der Luft. Und dann rannte er doch wahrhaftig der anstürmenden Horde entgegen, laut grölend und wild mit dem Aste fuchtelnd. So hatte ich meinen vornehmen Vater noch nie erlebt. Und ob Ihr es nun glaubt oder nicht, der Anführer der Jungbullenformation stemmte plötzlich kurz vor dem drohenden Knüppel die Vorderbeine in die Wiese und hielt mit einem Ruck an. Und mit winziger Verspätung die Abteilung hinter ihm ebenfalls. Alle Angreifer glotzten mit großen Augen staunend und blöd.

Dann drehte sich der Jungbulle langsam um, suchte sich einen Weg durch die Herde und trottete davon. Zögernd folgten die Mitläufer. In wildem Galopp donnerte kurz darauf die ganze Herde davon.