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Der allererste Erste Mai

Der allererste Erste Mai im Jahre 1933 ist mir nicht etwa deshalb im Gedächtnis geblieben, weil wir zum ersten Mal an diesem Tag schulfrei gehabt haben müssen, denn das habe ich vergessen. Nein, der erste Mai, den gerade unser Führer Hitler als Tag der Arbeit und Feiertag des Deutschen Volkes verkündet hatte, ist mir der Ohrfeige wegen unvergesslich geblieben.

Es ist übrigens die einzige Ohrfeige, die ich von meinem Vater bezogen (so lautet der Fachausdruck) habe und daher eine unauslöschliche Erinnerung.

Zur Feier des neuen Festtages und Errungenschaft unserer neuen Regierung hatte die SA (Sturmabteilung der NSDAP) einen Fackelzug angekündigt.
Fackelzüge waren damals gerade sehr aktuell und natürlich auch sehr attraktiv. Die blakenden Pechfackeln, die im Dunkel die roten Hakenkreuzfahnen und Standarten leuchtend hervortreten ließen, die strammen SA-Männer in brauner Uniform, die Gesichter mit dem Kinnriemen martialisch und asketisch aussehend in Reih und Glied, dazu zackige Marschlieder schmetternd. Ja, das war schon aufregend. Schließlich gab es damals noch kein Fernsehen, das wird heute immer übersehen und ins Kino durften wir auch noch nicht, in großen Ausnahmefällen mal ab 14 Jahren. Und ich war erst 13!

Selbstverständlich waren wir alle erpicht darauf, Geschichte live (aber das Wort gab es noch nicht) zu erleben.
Mein Bruder, ein Jahr jünger, und ich bestürmten nach Bekanntwerden des Ereignisses sofort unseren Vater, uns zu erlauben, am Abend den Fackelzug anzusehen. (Damals fragten Kinder ihre Eltern immer um Erlaubnis) Mein Vater aber kniff die Lippen zu einem Strich zusammen und sagte kurz und bündig mit seiner Kommandostimme Nein! Wenn er so sprach, da war nichts zu machen, das hatte uns langjährige Erfahrung gelehrt. Natürlich waren wir sauer. Das war mal wieder typisch für Erwachsene, besonders für Lehrer wie meinen Vater. Immer wenn es was Spannendes gab, hieß es: Für Kinder verboten!

Natürlich hatten Hans und ich in der Stadt aufgeschnappt, dass auch Die SOZIS eine Demonstration vorhatten. Ob die Sozis nun die Kommunisten, Sozialdemokraten oder einfach Rabauken waren, die die Rabauken von der SA nicht ausstehen konnten; davon hatten wir keine Ahnung, und es interessierte uns auch nicht.
Aber es bestand die faszinierende Aussicht, dass sich die abendlichen Fackelzugmarschierer miteinander kloppen würden. Was sie dann wohl mit den Fackeln machten? Aber die Lösung solch spannender Probleme sollten wir mal wieder nicht miterleben.
Na ja, wenigstens konnte ich den ganzen Nachmittag aufgabenfrei bei Eva verbringen. Eva war meine allerbeste Freundin. Und allerbeste Freundinnen waren damals im Alter von 13 die wichtigsten Menschen. Und Eva durfte auch nicht zum Fackelzug. Ihr Vater war noch autoritärer als meiner und außerdem gegen die Nazis.
Mein Vater hatte mir mittags noch aufgetragen: Aber heute Abend bist du Punkt sechs im Haus, verstanden?!

Bei Eva war es fast ebenso spannend wie bei einem Fackelzug. Rudis, ihres Bruders, Kaninchen hatten nämlich Junge. Und Kaninchen, besonders junge, finde ich auch heute noch unwiderstehlich drollig. Der Stall befand sich hinter dem Haus im Winkel von Haus und Nachbarmauer, mit einem hohen Drahtzaun großzügig eingezäunt. Sie, die Kaninchen, wurden, wie wir heute sagen würden, artgerecht gehalten (das Wort gab es auch noch nicht). Das äußerte sich darin, dass sie ihre natürliche Lebensweise noch keineswegs vergessen hatten, gar nicht erst versuchten, über Zäune zu hüpfen, sondern unter diesen hindurch tiefe Gänge gruben. Sie kamen dann irgendwo im großen Garten hinter den Stachelbeersträuchern oder im Kohlrabibeet wieder zum Vorschein.

Zur Feier des 1. Mai hatten sie es mal wieder geschafft. Aber dieses Mal hatten wir den Zeitpunkt ihres Auftauchens aus der Tiefe nicht richtig einkalkuliert. Sie waren unbemerkt aufgetaucht und hatten sich bereits häuslich in den Beeten niedergelassen, als wir es bemerkten.

Haben Sie schon mal versucht, ein halbes Dutzend Kaninchen einzufangen? Wir, Eva, Rudi und ich, hatten darin zwar Erfahrung, mussten aber trotzdem Evas Mutter, Onkel Paul und Elsbeth zu Hilfe rufen. Als wir die Ausreißer endlich wieder in ihrem Schloss untergebracht und den unterirdischen Geheim- gang verstopft hatten, hatte sich der Stundenzeiger der großen Standuhr in Evas Haus schon bedenklich der Sieben genähert.

Erschrocken und eilends machte ich mich auf den Weg. Einmal auf der Straße, hörte ich dann gedämpften Lärm aus der Innenstadt herüberschallen. Es hörte sich so an wie bei einem Fußballspiel. Was ist denn das?, dachte ich. Es ist doch längst noch nicht dunkel genug für einen Fackelzug? Vorsichtshalber, eingedenk Vatis Verbot, traute ich mich aber nicht, den Weg durch die Stadt zu nehmen, sondern trabte im Eiltempo um die Stadt herum, außerhalb der Mauern unserer mittelalterlichen Stadt. Von links begleitete mich dabei ein auf- und abschwellendes Getöse, das offenbar in der Gegend des Marktplatzes seinen Mittelpunkt hatte.

Es war fast sieben Uhr, als ich vorsichtig auf den Klingelknopf unserer Haustür drückte. Sofort wurde die Tür geöffnet — von meinem Vater, was durchaus unüblich war. Mit festem Griff erfasste er meinen Arm und zog mich ins Studierzimmer. Dort fragte er mit zornbebender Stimme und drohendem Unterton: Wo warst Du?
Und als ich erschrocken stammelnd begann: Rudis Kaninchen… erhielt ich eine schallende Ohrfeige.

Tief beleidigt rannte ich aus dem Zimmer, die Treppe hinauf in die Schlafstube und ließ mich den ganzen Abend nicht wieder blicken. Hatte ich nicht kürzlich beim Mittagessen erzählt, dass Heini W. vor der ganzen Klasse vom Lateinlehrer Ohrfeigen bezogen hatte, weil er seine Vokabeln nicht gelernt hatte?
Und hatte Vati daraufhin nicht gesagt, dass es einen Erlass gebe, nach dem die körperliche Züchtigung von Mädchen in der Schule verboten wurde? Und hatte er nicht hinzugefügt, dass, nachdem nun Mädchen auf das Gymnasium aufgenommen seien, es wahrscheinlich dazu führen würde, dass auch Jungen in Gegenwart von Mädchen nicht mehr körperlich gezüchtigt werden dürften? Und nun schlug er ein Mädchen? Das würde ich nie vergessen.

Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass auch selbstsichere Väter um ihre Töchter zittern und die Beherrschung verlieren können und eine Ohrfeige ein Beweis von Zuneigung sein kann.

Übrigens wurde am nächsten Morgen bekannt, dass etliche Teilnehmer und auch Nichtteilnehmer des festlichen historischen Fackelzuges ärztlich versorgt werden mussten.