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Die Begegnung

Es muss im Jahre 1936 gewesen sein, als mir Frau Goldschmidt auf der Promenade außerhalb der Stadtmauer begegnete.
Ich war unterwegs zum Dienst. So wurden damals die Jugendtreffs bei der Hitlerjugend und auch beim Bund Deutscher Mädel, von uns ein wenig ironisch mit dem Kürzel BUDEmäh bezeichnet, genannt. Im Gegensatz zu heutigen Jugendgruppen war die Teilnahme aber nicht freiwillig, sondern Pflicht.

Aber da es zur damaligen Zeit keine anderen Jugendgruppen gab, machte uns der Dienst meistens Spaß. Er fand einmal wöchentlich statt. Alle Sportvereine, Pfadfinder, Wandervögel, religiösen Verbände wie der ND, die es vorher bei uns gegeben hatte, waren in der Hitlerjugend aufgegangen. So lautete der Fachausdruck, das heißt, sie waren schlichtweg verboten worden.

Natürlich wussten wir das nichtDas konnte aber jeder wissen, denn das hier in Rede stehende Hitlerjugendgesetz musste wie jedes Gesetz im amtlichen Reichsgesetzblatt veröffentlicht werden. Aber es war damals wie heute. Das gemeine Volk liest es nicht und die Medien bringen nur das, was sie wollen - und dürfen. Doch Unkenntnis schützt nicht vor Strafe. – Und Wissen ist Macht.Die Redaktion, G.M.. Wir spielten Völkerball und Handball, sangen Volkslieder, machten Wanderungen und Schnitzeljagden und marschierten auch, ganz wie die Jungens singend durch die Stadt, in Reih und Glied. Nach einiger Zeit galt das aber als unweiblich und wir machten in der Organisation Glaube und Schönheit Gymnastik, Volkstanz und übten Leichtathletik für die Reichssportfeste. Im Winter bastelten und häkelten wir für das Winterhilfswerk, für das wir auch, mit klappernden Sammelbüchsen bewaffnet, eifrig sammelten und Abzeichen verkauften, die man manchmal sogar an den Weihnachtsbaum hängen konnte. Nachträglich will mir scheinen, als seien wir fast alle vier Wochen mit den roten Sammelbüchsen unterwegs gewesen.

Als mir Frau Goldschmidt entgegenkam, war ich in BDM-Kluft, wie es der Dienst vorgeschrieben hat, in blauem Rock, weißer Bluse und darüber die taillenkurze braune Kletterweste. Dazu gehörte das schwarze Dreieckstuch mit dem braunen Lederknoten. Wir fanden damals unsere Poloblusen und Kletterwesten genauso flott (zünftig hieß das damals), wie die heutigen Mädchen ihre T-Shirts und Jeans. Es gab sogar Jungen und Mädchen, die ihre Kluft in der Schule und auf der Straße trugen, teils, weil sie das zünftig fanden, vereinzelt aber auch, vor allem die Hitlerjugendführer, um zu dokumentieren: Immer im Dienst für die HJ und den Führer!

Außer den HJ-Führern, die immer im Dienst und bei jeder Tages- und Nachtzeit mit erhobenem Arm und Heil Hitler grüßten, und der Dienst in zackigen vormilitärischen Übungen bestand (sie waren entschieden in der Minderzahl), gab es viele andere. Sie veranstalteten Zeltlager, Geländespiele, Fahrten und Sonnenwendfeuer, die von der Bündischen Jugend und den Pfadfindern übernommen waren. Übrigens stammte ja auch das Wort Kluft aus dem Sprachschatz der fahrenden Scholaren des Mittelalters.

Am 1. Mai gab es den Maibaum, Maitänze und Maikönige, es gab Klampfenspiel und Osterfeuer, die auf alte Volksbräuche zurückgingen. Nur, wenn man das weiß, ist es erklärlich, dass es eine Menge älterer Mitbürger gibt, die an ihre Hitlerjugendzeit gern zurückdenken.

Und es ist schade, dass Volksbräuche, Erinnerungen an Bündische Jugend und Pfadfinder in der Bundesrepublik jahrzehntelang in Verruf geraten waren, in der oberflächlich irrigen Auffassung, es habe sich dabei um Nazi-Erfindungen und Nazi-Ideologie gehandelt.

An jenem Tag im Jahre 1936 hätte ich aber viel darum gegeben, wenn ich keine Kluft getragen hätte. Frau Goldschmidt gehörte zu den etwa fünfzig jüdischen Mitbürgern unserer Stadt und meine Eltern hatten im Anfang ihrer Ehe im Haus des jüdischen Viehhändlers gewohnt. Danach, als sie eine größere Wohnung bezogen hatten, war die Verbindung nicht abgerissen. Man pflegte auch weiterhin bei Begegnungen miteinander zu plaudern und bei Familienfesten Glückwünsche zu tauschen.

Meine Mutter betonte auch später immer wieder, wie hilfsbereit ihr ihre Vermieterin entgegengekommen sei, als sie als Auswärtige mit mir als Säugling in die Stadt zugezogen war, in der mein Vater als Studienrat seine erste Anstellung bekommen hatte.

Die jüdischen Mitbürger wohnten teilweise seit Generationen in der Stadt. Es gab Viehhändler, einen Textilfabrikanten, ein angesehenes Textilgeschäft und einen jüdischen Schlachter, bei dem meine Mutter einkaufte, bis er dichtmachen musste.

Nun aber hatten wir unsere Bekannten seit Wochen nicht gesehen. Mein Vater führte das auf den Schaukasten am Braunen Haus zurück, jedenfalls hatte ich ihn so verstanden. Das Braune Haus, ein schönes altes Fachwerkhaus am Marktplatz, war das Bürogebäude für die NSDAP und alles, was damit zusammenhing, für den Ortsgruppenleiter, die SA, die Reiter-SA, den NSKK (Kraftfahrer), die Frauenschaft, die Hitlerjugend, den BDM, Jungvolk und Jungmädel.

Und dort hing nun seit einiger Zeit an der Vorderseite ein großer Schaukasten mit Seiten aus der Zeitschrift DER STÜRMER. Auf diesen Seiten wimmelte es von hakennasigen, schwarzhaarigen und krummbeinigen Männchen, die Karikaturen von Juden vorstellen sollten.

Meinem Vater, obwohl Parteigenosse, gefiel diese Zeitschrift ganz und gar nicht. Vor kurzem erst war er mittags mit meiner zehnjährigen Schwester im Schlepptau von der Schule heimgekehrt. Die Kleine war mucksig und beleidigt hinter ihm hergetrottet und von ihm sofort ins Studierzimmer bugsiert worden. Dort war eine kurze Standpauke auf sie niedergeprasselt, gegen die sie sich vergeblich zur Wehr zu setzen suchte.

Wie ich später von ihr erfuhr, hatte Vati sie vor dem Schaukasten am Braunen Haus in einem Pulk von Schulkindern angetroffen, die zusammen die Karikaturen anstaunten und Bemerkungen austauschten.
Dort vorbeikommend hatte er seine Jüngste mit festem Griff gepackt und gesagt: Komm nach Hause!
Vor seinem Schreibtisch stehend hatte er seine Standpauke dann lautstark geschlossen: Und wenn ich dich noch einmal vor diesem widerlichen Hetzblatt erwische, kriegst du eine Tracht Prügel, verstanden!!

Nur wer weiß, dass es damals für Kinder und Jugendliche keine bunten Zeitschriften und keine Comics gab wie heute, kann ermessen, wie perfide dieser Stürmer-Schaukasten war. Er appellierte an die natürliche Wissbegierde und Neugier der Kinder mit Zeichnungen, die an Gehässigkeiten nichts zu wünschen übrig ließen.
Die Drohung meines Vaters mit den Prügeln für seine geliebte Jüngste war wohl nicht ernst gemeint und auch gänzlich unpädagogisch, aber sie bewies, wie maßlos wütend er war.

Heute, fünfzig Jahre später, weiß ich auch, wie hilflos mein Vater einer solchen Situation gegenüberstand und sein Zorn im Grunde genommen darauf beruhte, dass er den Schaukasten nicht verhindern konnte. Und auch heute noch wüsste ich nicht zu sagen, mit welchen psychologischen und pädagogischen Überzeugungsargumenten er hätte seine Schüler beeinflussen sollen. (Pädagogik und Psychologie gab es damals auf der Uni auch noch nicht).

Denn niemand kann sich heute vorstellen, dass z. B. in dem Internat-Gymnasium unserer Nachbarstadt Schüler wochenlang Aussprüche und Bemerkungen ihrer Lehrer notiert und diese Sammlung dann der Gestapo übergeben hatten. Drei Studienräte wurden verhaftet und ins KZ eingewiesen. Als zwei von ihnen 1945 bei Kriegsende zurückkehrten, brachten sie die Urne ihres dritten Kollegen mit, der die Strapazen nicht überstanden hatte. Über Mut lässt sich leicht diskutieren, doch schwer handeln, wenn er lebensgefährlich ist.

Ich begegnete also der netten Frau Goldschmidt in BDM-Kluft. Und das war mir ausgesprochen peinlich. Noch viel peinlicher aber war mir unsere strenge Dienstvorschrift, die befahl, in Kluft stets zackig mit erhobener Hand und Heil Hitler zu grüßen.

So zu grüßen, nachdem es nun diesen judenfeindlichen Schaukasten gab, das ging ja nun wirklich nicht an und empfand ich als ausgesprochen gemein. Leider gab es keine Seitengasse, in der ich ungesehen hätte verschwinden können. Und in die Luft zu gucken und so zu tun, als sähe ich unsere alte Bekannte nicht, das wäre in meinen Augen feige gewesen. Ich atmete also tief durch, sah der Entgegenkommenden freundlich entgegen, machte dann vor ihr einen artigen Knicks, wie

er für wohlerzogene Mädchen üblich gewesen war, bevor es einen BDM gegeben hatte und sagte: Guten Tag, Frau Goldschmidt.
Sie aber schaute mich aus ernsten, dunklen Augen an und sagte kein Wort.

Zunächst warf ich einen prüfenden Blick umher. Nein, kein Hitlerjunge, kein BDM-Mädchen war in der Nähe, nur ein paar Frauen mit Einkaufstaschen. Es hatte mich niemand gesehen. Und so konnte ich auch nicht zum Gespött der ganzen Hitlerjugend werden, denn Knickse waren ausgesprochen verpönt. Einen Knicks und das in Uniform – die alberne Ziege hätte es geheißen und ich zumindest beim nächsten Dienst einen öffentlichen Tadel bekommen.

Aber wahrscheinlich durfte man Juden überhaupt nicht mehr grüßen, obwohl niemand so aussah wie die Figuren im Stürmer, wovon ich mich natürlich, trotz Vatis Verbot, überzeugt hatte, als gerade niemand vor dem Schaukasten stand.
Später dachte ich über die ernsten Augen der schweigsamen Frau nach. Warum hatte sie meinen Gruß nicht erwidert? Wegen der Kluft? Wegen des Schaukastens? Oder, weil Vati ihn nicht verhinderte?

Die Antwort auf diese Frage fand ich nicht. 1938 oder 1939, als ich nicht mehr zu Hause wohnte, sind Goldschmidts abgereist. Nach Amerika, zu ihren Verwandten, sagte das Stadtgerücht.

Gott sei Dank, sagte meine Mutter. Sie wagten sich ja überhaupt nicht mehr auf die Straße bei der Feindschaft, die die Partei angezettelt hat. Und dann dieser Judenstern, den sie tragen mussten! So kann man doch seine Mitmenschen nicht behandeln! Hoffentlich sind sie heil drüben angekommen!
Wir wissen es nicht, wir haben nie wieder von ihnen gehört.