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Beileidsbesuch

Ein Gerücht hatte in Windeseile unsere Stadt durchlaufen: Herr Kahn hat sich erschossen. Selbstmord in einer katholischen Kleinstadt? Das kam praktisch nicht vor und war ein absolutes Tabuthema. In meinen 15 Lebensjahren hatte ich es noch nie erlebt.

Aber Herr Kahn war ja auch kein Katholik, sondern Jude. Er war der Schwiegersohn des Viehhändlers Goldschmidt, der Familie, in deren Haus meine Eltern am Anfang ihrer Ehe gewohnt hatten. Meine Mutter hatte immer erzählt, wie freundlich ihr Frau Goldschmidt zur Seite gestanden hatte, als ich noch ein Kleinkind war und auch, nachdem meine Eltern eine größere Wohnung gefunden hatten, war eine lose Verbindung erhalten geblieben. Auch nachdem mein Vater Mitglied der NSDAP geworden war, hatte sich daran zuerst nichts geändert.

Während meiner Kinderzeit waren die etwa 50 jüdischen Mitbürger unseres Städtchens durchaus akzeptiert worden und mir war nie ein Unterschied aufgefallen, aber in der letzten Zeit war das anders geworden. Es gab nun einen Abstand zu ihnen und sie wurden mit Zurückhaltung behandelt.

Mein Vater führte das auf das widerliche Hetzblatt (so nannte er es), den Stürmer zurück, das regelmäßig im Schaukasten des Braunen Hauses aushing, auf dessen Seiten es von Karikaturen hakennasiger, krummbeiniger, schwarzhaariger Juden wimmelte. Das Braune Haus war das Bürohaus der NSDAP und ihrer Gliederungen und lag am Markt, so dass praktisch jeder daran vorbeigehen musste. Eines Tages war sogar mein Vater ins braune Haus zitiert worden und wütend von dort zurückgekehrt. Aus dem Gespräch, das er mit meiner Mutter führte, bekam ich dann mit, dass er dazu verhört worden war, wie er dazu komme, seine Frau beim jüdischen Schlachter einkaufen zu lassen.

Mutti hatte daraufhin temperamentvoll losgeschimpft: So eine Unverschämtheit! Muss ich mir vom Braunen Haus vorschreiben lassen, bei wem ich meine Wurst zu kaufen habe? Ich denke nicht daran! Und dann äußerte sie den finsteren Verdacht, dass der christliche Schlachter, der dem jüdischen gerade gegenüber wohnte, sie wohl angezeigt habe, um die Kundschaft des Konkurrenten übernehmen zu können.
Mutti kaufte also weiter bei Salomons, aber nicht mehr lange. Die Kunden wurden immer weniger, die außer Mutti dort noch einkauften. Für die wenigen Kunden konnte der Laden und die Schlachterei nicht mehr betrieben werden und Salomons machten dicht.

Eines Tages waren sie dann ganz aus Dülmen verschwunden, zu ihren Verwandten nach Holland. Die haben dort auch eine Schlachterei, wusste das Stadtgerücht.
Gott sei Dank, hatte meine Mutter gesagt, in Holland ist das sicher besser für sie. Da gibt es keinen Stürmer und die im Braunen Haus haben da nichts zu sagen.
Schon vorher aber hatte sich Herr Kahn erschossen. Wegen der Judenhetze, sagte das Stadtgerücht, aber nicht öffentlich und nicht laut.

Aber der Kahn ist doch gar kein Jude! sagte mein Vater tief betroffen und empört. Er ist Deutscher! Das hat er doch wohl durch seine Teilnahme am Krieg (1. Weltkrieg) und als Offizier sogar mit dem E. K. ausgezeichnet, eindeutig bewiesen. Ich habe das auch Julius B. (dem Kreisleiter) nachdrücklich klargemacht, als über Volkszugehörigkeit diskutiert wurde.

Ja, mein Vater war stets davon überzeugt gewesen, dass man durch Vernunft und Klarstellung Dinge beeinflussen könne und jeder einigermaßen gescheite Mensch dafür zugänglich sei. Dafür war er ja schließlich Pädagoge! Und waren nicht Kreisleiter und Ortsgruppenleiter – wenn auch nur vorübergehend – einmal seine Schüler gewesen?

Jetzt aber zog er sich ins Studierzimmer zurück und schrieb einen Brief an Goldschmidts. Ich weiß, dass er sie darin bat, ihm mitzuteilen, ob es irgendetwas gäbe, worin er ihnen behilflich sein könne und dass er ihnen gern helfen möchte, sofern sie eine Möglichkeit sähen.

Diesen Brief erhielt ich mit der ausdrücklichen Weisung, möglichst unauffällig in Goldschmidts Haus hinein- und hinauszugelangen.

Mir war sofort klar, warum er das wünschte. Der Eingang des jüdischen Hauses konnte vom Braunen Haus aus eingesehen werden. Den Gedanken, dass dort an irgendeinem Fenster jemand den Hals ausrecken könnte, um zu beobachten, wer im Trauerhaus ein- und ausging, fand ich ganz und gar lächerlich. Wer sollte dort so albern sein? Und wozu?

Aber wenn ich meinem Vater damit einen Gefallen tun konnte, wollte ich gern mal ein bisschen Indianer auf dem Kriegspfad spielen. Später fiel mir ein, dass mein Vater bei seiner Bitte vielleicht an unsere Gartenpforte gedacht hatte, an die man mit Kreide Judenfreund
geschmiert hatte und an die Steine, die man gegen unsere Fenster geworfen hatte. Aber damals war er ja auch noch nicht in der Partei gewesen. Und hatte er nicht immer behauptet, diese kleinen Schikanen seien sicher von unreifen Tertianern verübt worden, die von ihm im Aufsatz oder Latein ein ungenügend bekommen hätten?

Oder ob er Mutti damit nur beruhigen wollte? Aber egal! Ich übergab in Goldschmidts vertrautem altem Fachwerkhaus Vatis Brief und wartete mindestens eine halbe Stunde im Vorzimmer auf Antwort, während nebenan im Salon eine gedämpfte Diskussion geführt wurde – über den von mir gebrachten Brief?

Dann kam jemand zu mir, drückte mir die Hand und sagte: Wir danken Ihnen, Liesel. Sie brauchen Ihrem Vater nichts zu bestellen. Ich weiß noch heute, dass ich über die kurze Antwort nach dem langen Warten enttäuscht war und schlich mich unauffällig wieder aus dem Haus.

Warum die kurze Antwort? Gab es wirklich nichts, was wir hätten tun können? Oder trauten Goldschmidts uns nun auch nicht mehr, weil Vati in der NSDAP war?
Wir haben es nie erfahren. Nach einigen Jahren – aber da wohnte ich schon nicht mehr bei meinen Eltern – hatten auch Goldschmidt / Kahn die Stadt verlassen. Sie waren zu Verwandten nach Amerika ausgewandert. Ja, sie hatten dort Verwandte – in guten Verhältnissen, wie Mutti wusste. Welch ein Glück, dass sie da Verwandte haben, sagte Mutti. Es war ja eine Schande, wie man die Juden hier behandelt und aus dem Lande herausgeekelt hat.

Und auch später sagte sie nachdenklich: Ich wüsste doch zu gern, wie es ihnen jetzt geht – da drüben – in einem fernen Land. Frau Goldschmidt ist ja nun über sechzig.

Wir haben nie wieder von ihnen gehört. Viel später erst, nach dem Krieg, als das Ausmaß der Judenvernichtung allgemein bekannt wurde, das ja nicht darin bestanden hatte, dass man sie aus dem Land herausgeekelt hatte, wie Mutti glaubte, kamen mir Bedenken.
Waren Goldschmidts wirklich nach Amerika ausgewandert und Salomons nach Holland? Oder?

Mein Vater weigerte sich, die Ungeheuerlichkeiten zu glauben, die plötzlich allgemeines Wissensgut waren. Eine systematische Massenvernichtung? Das konnte doch nur ein Alptraum sein oder ein gigantischer Verleumdungsfeldzug!

Sie ist nicht damit fertig geworden, die Generation unserer Eltern, mit der Erkenntnis der Verbrechen, die in ihrem Namen begangen worden sind.

Wenn ich heute an meine, in einem Bombenhagel untergegangene, mittelalterliche Heimatstadt denke, sehe ich auch ein zartgliedriges, schwarzlockiges, kleines Mädchen vor mir, so wie es mich am Todestag seines Vaters aus großen dunklen Augen angesehen hatte, damals 1935, als ich eine halbe Stunde auf Antwort warten musste.

Es hatte den, für ein jüdisches Kind ganz ungewöhnlichen, Namen Liesel getragen.
Man hatte es nach mir benannt.

1994 erfuhr ich, dass die gesamte Familie Salomon im KZ ermordet wurde.