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Der Sonderzug

Plötzlich ist in diesen Tagen aus einer tiefen Schublade meines Gedächtnisses ein Erlebnis aufgetaucht, das dort vergraben war, ein nebensächliches Erlebnis aus einer Zeit, in der täglich das Leben bedroht war. Ich sah mich plötzlich im Konferenzraum meiner Dienststelle – und es muss im Jahre 1943 gewesen sein – in meiner ersten Stellung als Sozialarbeiterin. Damals hieß das allerdings Volkspflegerin.

Meine Kolleginnen und ich waren außer unserer Arbeit in der Familienfürsorge schon weitgehend mit der Verschickung von Müttern und Kindern nach Bombenangriffen in unzerstörte Gebiete, mit Hilfsmaßnahmen nach dem Verlust von Wohnungen beschäftigt. Da eröffnete uns unser Dienststellenleiter bei der morgendlichen Besprechung, dass ein Sonderzug mit holländischen Juden am nächsten Tag Aufenthalt auf dem Bahnhof unserer westfälischen Stadt haben werde.
Wie wir gerüchteweise vermutlich schon gehört hätten, fügte er hinzu, würden Juden aus Holland ausgesiedelt und in Familienverbänden im Osten angesiedelt, wo Siedlungen für sie bereitständen.

Wir schauten einander an. Was sollte denn das? Mit der Evakuierung von Familien nach Bombenangriffen waren wir ja befasst und möglicherweise waren darunter auch Juden oder Halbjuden gewesen. Aber hier handelte es sich ja nicht um Evakuierung. In Kreisen der katholischen Kirche waren schon seit einiger Zeit Gerüchte über Transporte aus Holland im Umlauf. Aber niemand sprach offen darüber. Und vielleicht stimmten die Gerüchte auch gar nicht.
Umsiedlung? Hatte ich selbst nicht vor kurzem noch 200,- RM für Berufskleidung und Werkzeug eines Tischlerlehrlings beantragt und erhalten, dessen jüdischer Vater im Gefängnis war? Vermutlich war er sogar im KZ. Meine vorsichtige Frage war von der Mutter nicht beantwortet worden. (Ich beantragte meistens 200,- RM in Notlagen, da bis zu dieser Höhe keine zweite Unterschrift erforderlich war.) Das passte doch eigentlich gar nicht zu Umsiedlungsplänen für Juden?

Herr Landers sprach weiter. Der Sonderzug habe Aufenthalt und müsse verpflegt werden – Kaffee und Suppe. Natürlich sei der betreffende Bahnsteig während des Zugaufenthaltes abgesperrt.
Ich beschloss gerade bei mir, mich für diese Aufgabe zu melden, schwieg aber vorsichtshalber noch. Es herrschte eine gespannte Atmosphäre. Mit dieser Umsiedlung von Juden war niemand einverstanden und Kaffee ausgeben konnte auch die Bahnhofsmission und ehrenamtliche Helferinnen. Wieso also wir?
Schweigend warteten wir auf die Antwort der unausgesprochenen Frage. Ganz gegen seine sonstige forsche Art ein wenig zögernd sagte unser Chef (er nannte sich Kreisamtsleiter der NSV [Volkswohlfahrt]). Es sei angeordnet worden, bei den Umsiedlern im Zug Stichproben zu machen auf Waffen und Messer.
Bei den Frauen müsse das natürlich durch Frauen geschehen, energisch, aber doch mit Taktgefühl und da habe man gedacht, für diese Aufgabe seien wir ganz besonders geeignet.
So, hatte man das gedacht? Von einem Augenblick zum andern waren wir alle empört. Eine Durchsuchung nach Waffen? Woher sollten die Aussiedler denn Waffen haben? Bei einer Ausreise gab es doch weiß Gott wichtigere Dinge, die sie mitnehmen mussten! Und Messer? Natürlich brauchten sie Messer. Sollten wir ihnen die etwa wegnehmen?
Rosa M., überzeugte Katholikin, stellte mutig die Frage, die uns allen auf der Zunge lag: Und was sollen diese Stichproben bezwecken? Warum sollen sie keine Messer bei sich haben?

Fürchtete sich das Begleitpersonal des Zuges vor messerbewaffneten Frauen? Das war doch lächerlich. Noch nie hatte man etwas von Gewalttaten jüdischer Mitbürger gehört. Aber die Antwort lautete anders als erwartet. Sie lautete: Es sind Selbstmorde vorgekommen.
Wir schwiegen. Unser Nachdenken konnte man förmlich hören. Natürlich, das war die Erklärung. Selbstmordgefahr. Eigentlich nicht unverständlich bei Menschen, die man anscheinend ohne ihre Zustimmung zum Verlassen ihrer Häuser und Wohnungen gezwungen hatte, wenn das Gerücht stimmen sollte. Menschen, die man irgendwo in einsamen Dörfern Pommerns oder Ostpreußens, wahrscheinlich aber im Warthegau oder in Polen ansiedeln wollte. Ob die Organisation Todt da ganze Barackendörfer erstellt hatte? Die konnten das ja im Ruckzuck. Oder ob man in Polen, wo es ja Dörfer mit mehr als fünfzigprozentiger jüdischer Bevölkerung geben sollte, eine Umschichtung vornahm? Aber man konnte doch nicht die Polen einfach raus- werfen, überlegte ich. Und bei einem solchen Unrecht sollten wir Beistand leisten? Ohne uns! Das kam nicht in Frage! Als daher unser Amtsleiter die Frage stellte: Wer ist bereit, am Sonntag morgen (ja, ich erinnere mich genau, es war ein früher Sonntag morgen) zwei Stunden Dienst zu machen? antwortete ihm eisiges Schweigen. Normalerweise war in der damaligen Zeit mit ihren vielen Notlagen ein außerdienstlicher Einsatz gar kein Problem.

Unser Amtsleiter ließ sich dann auch auf gar keine Diskussionen ein, erklärte die Besprechung als beendet und verließ grußlos den Raum. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er über den Misserfolg seines Appells nicht überrascht war. Später hörten wir dann, dass junge NS-Schwestern (Gemeindeschwestern) die Aufgabe übernommen hatten, die man uns zugedacht hatte. Vielleicht hatte man sie gar nicht erst gefragt und ich dachte damals: Naja, die jungen Dinger haben sich einfach abkommandieren lassen. Dabei fällt mir ein, älter als 23 war ich damals auch nicht. Über den Sonderzug wurde kein Wort mehr gesprochen in der Dienststelle. Wir waren sehr zufrieden mit uns, weil wir durch unsere ostentative Verweigerung der Mitarbeit gegen die Judenverschickung protestiert hatten und eigentlich erstaunt, dass das keinerlei Folgen hatte. Es schien mir aber auch festzustehen, dass unserer Regierung am Leben der Juden gelegen war. Hätte sie sonst unbedingt Selbsttötungen verhindern wollen?
Das Phantasiebild, das zusammen mit meiner Erinnerung aus meinem Gedächtnis hervorgestiegen ist, zeigt mir nun einen vollgepferchten Zug auf einem schwer bewachten Bahnhof, aus dessen offenen Türen blasse Gesichter von weinenden und verängstigten Frauen, Kindern und Greisen blicken, während genagelte schwarze Stiefel das Pflaster des Bahnsteiges hacken und laute Kommandostimmen hallen.

Heute weiß ich, dass unser Protest zwar der einzig mögliche, aber sinnlos und falsch war. Wir hätten uns melden und herausfinden müssen, was geschah. Hätten wir verzweifelte Menschen gesehen, die durch brutale, sadistische SS-Männer gequält wurden, wie wir nach dem Kriege erfahren haben? Hätten wir die verzweifelte Situation der Menschen erkennen können?
Vielleicht… Ich weiß es nun nicht und hätte es vielleicht wissen können. Oder hätte ich es wissen müssen?
Doch eines weiß ich genau. Wenn ich das grausame Phantasiebild des hermetisch abgesperrten Bahnsteiges nun als meine eigene erlebte Wirklichkeit schildern könnte, wäre mir die Verurteilung unserer Kinder gewiss, jener Generation, die Jahrzehnte später so sicher weiß, wie ihre Eltern und Großeltern hätten Widerstand leisten müssen gegen ein unmenschliches System.
In ihren Augen wäre ich eine gewissenlose Helferin des Nazisystems, die sich an der grausamen Behandlung der Juden beteiligt und sie noch arglistig durch Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auf ihrem Weg in die Vernichtungslager zu täuschen verstand. Ist es so? Haben wir alle unser Wissen um die Verbrechen der Nazizeit, an denen wir beteiligt waren, auch durch Stillschweigen, verdrängt?
Und ist Verdrängung eine ZwillingsschwesterEthisch gesehen sind sie vielleicht Halbschwestern. Biologisch gesehen ist die Verdrängung eine durch die Evolution hervorgebrachte, existenzsichernde Eigenschaft, denn sonst müssten sich alle Täter und Mitläufer eines mörderischen Systems aus Scham umbringen. Das aber entspricht nicht den Regeln der Evolution. Sie will die Art erhalten und das können nur die Sieger sein, d.h. diejenigen Individuen, die sich den herrschenden Verhältnissen am besten anpassen können. – Genau das ist ein ewiger und unlösbarer Widerspruch des Menschen, mit dem sich Philosophen und Theologen von jeher beschäftigen.Anmerkung der Redaktion G.M. der Schuld?

Und damit wären wir bei der Gegenwart angelangt und bei Problemen, die plötzlich aktuelle Bezüge bekommen haben, wenn auch nicht bei uns im Westen, sondern bei Angehörigen unseres Volkes, die bis vor kurzem mit einer Diktatur leben mussten.