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Der Waldschrat im Eichenwipfel

Eine unernste Zukunftsversion

Vielleicht ist – nach einem halben Jahrhundert – die Zeit für das Wagnis gekommen, eine Glosse zu schreiben, nein, vielmehr eine wahre Geschichte über eine Bronzebüste, die bisher ein Tabuthema war. Denn sie war ja ein Symbol und über Symbole kann man nur ganz ernsthaft schreiben und streiten, hierzulande.

Die Büste, an die ich denke, befand sich 1945 in einem Behelfsheim, einer jener Holzhütten, wie sie damals der Unterbringung von Familien dienten und bis vor 10 Jahren gelegentlich als windschiefes Gartenhaus in Laubenkolonien anzutreffen waren. Wieso dieses Kunst Mach-Werk wie sie damals vor 1945 zu Tausenden auf deutschen Büffets anzutreffen waren, dorthin geraten war? Ich nehme an, es hatte, da unbrennbar, einen Bomben- oder Brandangriff überstanden und war als Wert- oder Tauschobjekt eingeschätzt worden.

Als Ende März 1945 ein dumpfes Grollen in der Ferne, näherkommendes Maschienengewehrgeknatter und im Hintergrund das tiefe Geröhre schwerer Geschütze die näher rückende Front anzeigte, schon in 10 Kilometer Luftlinie in den Dörfern hinter dem Wald, bemerkte ich plötzlich Bewegung im Gärtchen neben der Hütte, in der ich mit meinen Eltern lebte. Kein Mensch war sonst weit und breit zu sehen, nicht auf der Straße, die unmittelbar an der Barackensiedlung vorbeiführte, nicht vor und um die Behausungen, nicht am Waldrand, wohin einige besonders furchtsame Bewohner geflüchtet waren.

Was hatte Nachbars Arno nur jetzt im Garten zu buddeln? dachte ich und trat vor die Tür. Im Garten stand der jüngste Sohn unserer Nachbarn, der gerade am Tag zuvor den Weg aus der Kinderlandverschickung nach Hause gefunden hatte, und grub ein Loch.
Ob Roberts dort ihre Schätze vergraben wollten, wie die verängstigten Einwohner in früheren großen Kriegen oder wie die Römer beim Überfall durch die Germanen? Für Mutter Roberts Brillantring und Granatbrosche war das Loch aber viel zu groß und die Silberschale auf dem geretteten Büffet würde sicher auch keinen englischen Panzerfahrer zum Diebstahl verleiten.

Ich schüttelte den Kopf, als Arno hastig zu mir gelaufen kam und mich aufgeregt bat, ins Haus zurückzugehen. Er erklärte mir schnell, dass er absichtlich für sein Loch diese Stelle im Garten gewählt habe, weil sie von keinem der anderen Nachbarn, sondern nur von uns eingesehen werden könne und auf uns sei doch Verlass – oder etwa nicht? Ich nickte mit Verschwörermiene und ging ins Haus ans Fenster zurück, von wo aus man die Landstraße überblicken konnte. Meine Eltern und ich vergaßen den Zwischenfall aber sofort.
Das Grollen und Geknatter rückt immer näher und eine viertel Stunde später kroch auf der Landstraße ein dräuendes dunkles Gebirge heran, die Spitze einer Panzerkolonne, die sich langsam näher schob.

Die Bewohner der Siedlung hatten in Hast ihre frisch gewaschenen Bett- und Handtücher aus Schränken und Koffern gerissen und als Schutz für ihre leichten Behausungen an Obstbäumen, Bohnenstangen und Schornsteinen befestigt. Nur mein Vater, Offizier im 1. Weltkrieg, weigerte sich strikt, sich an dieser ganz und gar würdelosen Beflaggung zu beteiligen und erklärte, sich lieber zwischen den leichten Brettern zusammenschießen zu lassen, als in den Wald zu fliehen oder gar die Sieger vor den Haustüren, Handtücher schwenkend, zu empfangen. Die Sieger allerdings schickten als Späher nur zwei schwere Motorräder, die laut knatternd langsam unsere ärmlichen Hütten im Bettuchschmuck umrundeten, bevor die schweren Panzer vorbeidonnerten.

Einige Tage später forderten uns unsere Nachbarn zu einem Spaziergang ins Eichenwäldchen auf und blieben dann mit uns unter einer hohen Eiche stehen. Da standen wir dann, Vater und Mutter Roberts, der vierzehnjährige Arno, die dreizehnjährige Inge, meine Eltern und ich und schauten auf Arnos Aufforderung hin an der Eiche hinauf.
Seht Ihr denn nichts? fragte Arno erwartungsvoll. Und richtig, beim angestrengten Hinaufspähen erkannte man ganz oben auf der Eiche, mit dem Hinterkopf am Stamm, eine 50 cm hohe Bronzebüste, die mit spitzer Nase in die umgebenden Eichenäste starrte.
Als Arnos Blick über unsere ungläubig staunenden Gesichter glitt, brachen er und seine Schwester in ein unbändiges Gelächter aus, in das wir mit einstimmten. Der Junge erklärte sodann, dass ein einfaches Begräbnis der gefährlichen Bronze ihm doch zu riskant erschienen sei. Hatte es nicht geheißen, dass man alle, bei denen man Naziembleme, Bücher, Uniformen, Abzeichen und dergleichen finden würde, sogleich in Gefängnisse und Lager abführen würde? Da hatte er denn doch lieber die halsbrecherische Kletterpartie in die Eiche unternommen, während die Panzer auf der Straße heranrollten.

In den folgenden Wochen sind wir noch einige Male an der Eiche gewesen und haben hinaufgespäht, um zu sehen, ob die in der Folgezeit von Arno und Inge unser Waldschrat genannte Büste noch weiterhin die Eichenblätter anstarre.
Sicher ist sie heute noch dort. Und ich stelle mir vor, wie in vielen hundert Jahren die Eiche in einer wilden Sturmnacht krachend zusammenbricht und sich aus dem Stamm dann ein grünspanzerfressenes Metallgebilde schält, das dort eingewachsen ist. Und wie dann die Einwohner der umliegenden – die stille Bauerngemeinde ist dann natürlich zu einer Stadt entwickelt – herbeieilen.

Das kleine Eichenwäldchen steht dann natürlich unter Naturschutz und die Archäologen des nächsten Museums, eilends herbeigeholt, mustern dann zusammen mit den staunenden Einwohnern das rätselvolle Gebilde.
Nach vielen konträren wissenschaftlichen Diskussionen werden sie dann zu der wohlbegründeten Erkenntnis gelangen, dass vor vielen hundert Jahren das Volk sich in finsteren Eichenwäldern versammelte zu mystischen Zwecken, um ein Idol zu verehren, das als beispielloser Tyrann und Massenmörder in die Geschichte eingegangen ist.