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Musikunterricht mit Maikäfersammeln (1930/32)

Gerade habe ich mal wieder einen engagierten und klugen Artikel über Pädagogik gelesen, über Schulprobleme und musische Erziehung unserer Kinder, an der es ja, Journalisten und Fachleuten zufolge, erheblich hapern soll. Dabei fiel mir dann eine Geschichte aus meinem neunzigjährigen Leben ein, von denen ab und an eine auf ein Stichwort hin aus einem hinteren Winkel meiner Gedächtnisschublade ans Tageslicht springt.

Ich sah mich auf dem Balkon unserer Wohnung in Dülmen in Westfalen stehen und unten auf der Straße marschierte mein Vater vorbei, neben einer Schulklasse des Jungengymnasiums ‒ Sexta oder Quinta. Es muss wohl kurz vor Beginn der Nazi-Zeit gewesen sein, denn später marschierten nur noch Hitlerjungen auf den Straßen und keine Lehrer mit Schülern.

Die Jungen waren formiert in Dreier- oder Viererreihen und sangen aus voller Brust:
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus...
Es war also Mai, und die Schüler marschierten vom nahe gelegenen Gymnasium an unserem Haus vorbei, Richtung Wäldchen.

Was sie dort wollten? Im Mai? Das war mir sofort klar. Maikäfer fangen natürlich! Ich war sicher, dass jeder Junge eine leere Zigarettenschachtel oder zumindest ein Stickenkästchen (Streichholzschachtel) in seiner Hosentasche hatte.

Wieso Vati mit Schülern singend auf der Straße marschierte, wusste ich natürlich, hatte ich doch eine Diskussion meiner Eltern darüber neugierig mitbekommen.

Vati erteilte nämlich Musikunterricht, seit Kurzem. Nun war mein Vater zwar ein hochintelligenter und begabter Mensch ‒ überhaupt der klügste, den ich kannte ‒ und in der Penne sicherlich in der Lage, alle möglichen Schulfächer einschließlich Latein und Griechisch zu unterrichten. Aber eines konnte er nicht, und das wusste sogar ich als Grundschülerin. Er konnte nicht singen und tatsächlich habe ich ihn auch nie singen gehört.

Er sang übrigens auf der Straße auch gar nicht. Bei den Jungen war einer, der laut den Ton angab, und die anderen fielen ein. Es klang laut und richtig. Es machte ihnen offensichtlich auch Spaß und wohlwollende Blicke der Bewohner begleiteten sie aus Gärten, Haustüren und offenen Fenstern, denn wir hatten ja Mai.

Dass sich ausgerechnet mein Vater als Musikerzieher betätigte, war ein reiner Freundschaftsdienst. Kollegen Oehler, Freund und genialischer Kunsterzieher der Dülmener Penne, dessen Begabungen und Fähigkeiten sich auf unserem Kleinstadtgymnasium nicht entfalten konnten, war eine angemessene Stellung angeboten worden, weit weg und ehrenvoll. Sie musste sofort angetreten werden, was nicht möglich war, da es auch in der Provinzialschulverwaltung keinen Ersatz für ihn gab.

Da hatten sich hilfsbereite Kollegen angeboten, zusätzlich zu ihren eigenen Stunden nach Umkrempelung des Stundenplanes seine Unterrichtsfächer mit zu übernehmen, ein wunderbarer Freundschaftsbeweis.

Nur ‒ für den Musikunterricht, den er auch erteilt hatte, wollte sich niemand finden, denn das setzte Fertigkeiten im Klavierspiel voraus. Doch mein cleverer Vater hatte einen Vorzugsschüler, der bereits Klavier spielte, jedenfalls alle Volkslieder (ich lernte später bei ihm Gitarre), und so haben damals fast ein halbes Jahr lang alle Sextaner und Quintaner mehr oder weniger eifrig Volkslieder erlernt.

Wenn ich an meinen Sohn denke, der in den sechziger Jahren in der Grundschule kein einziges Volkslied auswendig gelernt hat, kann ich das nachträglich nur positiv sehen. In den sechziger Jahren galt Auswendiglernen als Dressur und Drill, das zur überholten Schwarzen Pädagogik gehörte und von progressiven Pädagogen abgelehnt wurde.

Dafür lernten die Schüler im Musikunterricht im Wäldchen nun außer den beliebten Maikäfern unter Garantie noch anderes wichtiges Lehrmaterial kennen, wenn es auch auf den ersten Blick nicht gleich unter Musik und Kunst eingeordnet werden konnte.

So weit ich mich erinnere, hat damals keine einzige Zeitung über den Skandal des fehlenden Musiklehrers berichtet. Den Kindern jedenfalls war das Singen von Volksliedern statt des Interpretierens klassischer Werke oder des Erlernens von Intervallen sicherlich sehr recht. Bestimmt denken sie gern zurück an die musikalischen Wanderungen im Mai.