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Vergangenheitsbewältigung

Dieses Bandwurmwort wurde in der Nachkriegspresse häufig kritisch verwendet, um die Berichte und Erinnerungen von Zeitzeugen zu beurteilen.

Berichte über Kriegs- und Nachkriegszeit, Not und Tapferkeit, Mut und Feigheit, über Konzentrations- und Gefangenenlager wollte niemand hören und erst recht nicht, ob und wie alle diese Gräuel bewältigt wurden. Niemand wollte daran erinnert werden und die, die es nicht selbst erlitten hatten, wollten nachträglich davon auch nichts erfahren. Und niemand, dessen Gemüt und Seele im Tiefsten verletzt worden war oder Verluste erlitten hatte, kann dies durch Aufschreiben bewältigen.

Und doch bin ich gerade dabei, etwas zu bewältigen, was keinem Senioren erspart bleibt, das Bewältigen von Beschränkungen im täglichen Leben, von Wohnraum, alt gewohnten Möbeln, geliebtem Nippes und Büchern, die keinen Platz mehr finden.

Da ich mich dem hundertsten Geburtstag nähere, begab ich mich kürzlich an die Sichtung meiner Bücherschätze‚ wobei ich nur schleichende Fortschritte erzielte, da ich bei jedem Buch, das ich ausmusterte, mir den Inhalt vergegenwärtigen musste und dabei auch ein mir gänzlich unbekanntes Buch entdeckte, mit einer Widmung zum Geburtstag.

Am leichtesten war die Trennung von Kriegsbüchern meines Mannes aus dem Ersten Weltkrieg. Doch entdeckte ich dabei, dass es Autoren der damaligen Zeit verstanden, erlebte Geschichte anschaulich für die Nachkommen zu schildern. Dabei wurde ich von meiner Enkelin Elisabeth unterbrochen, der Mutter meiner Zwillingsurenkel.

Oma, was machst du gerade? fragte sie. Ich lese gerade in einem Buch deines Opas aus dem Krieg.
Wie langweilig.
Das ist es ganz gewiss nicht. Hast du schon einmal davongehört, dass im Ersten Weltkrieg in Frankreich die stolze Kavallerie Englands unterging, ein ganzes Regiment in prachtvoller Schlachtordnung, wie es hier steht, der letzte große Kavallerieangriff der Geschichte? Nein, sagte Elisabeth, das habe ich noch niegehört. Lies doch mal vor!

Und ich las:

Es war der 11. April, ein Tag, der fahl und eiskalt aus dem Dämmer der Ewigkeit zieht. Tausende Säbel blitzen durch den kalten Morgen und tausende Pferde wirbeln Schnee und Schlamm empor. Die Erde dröhnt und die Trompeter blasen aufreizend das mitreißende Angriffssignal der Kavallerie. Niedergestampft, niedergetrampelt, zerrieben in das Trichterfeld gestampft liegen Menschen. Wie ferner Donner, wie Trommelwirbel zum Sturm, das Dahinrauschen der Kavallerie Massen. Ein letztes Bild männlicher Kraft, ein letzter Funke ritterlicher Kampfromantik auf dem Felde der Materialschlacht.
Denn da kichern die Maschinengewehre. Die Spitzgeschosse peitschen und zischen ihre todbringende Bahn. Ein Hagel von Geschossen splittert den tapferen Schwadronen ins Gesicht. Mit hartem Flupp wühlen sich die Geschosse in Reiter und Pferde. Krachend stürzen ganze Reihen ‒ wälzen sich Menschen und Pferde in Knäueln ‒ rasen sinnlos hin und her, schleifen ihre Reiter nach, kopfüber im Steigbügel hängend.
Die Reiterattacke ist vorbei ‒ ein Spuk aus vergangenen Jahrhunderten.

Ich mache eine Pause. Oma sagte Elisabeth, das Buch kannst du mir schenken! Gern sagte ich. Aber damit du es nicht überliest, lese ich dir jetzt noch schnell das letzte Kapitel auf Seite 151 vor:

Über Not und Tod spricht der deutsche Soldat nicht. Er bleibt stumm und kämpft. Doch in seiner Erinnerung lebt diese letzte große Kavallerieattacke fort als ein Schauspiel von unerhörter Wucht, aber auch als eine jener heldenhaften Zwecklosigkeiten, die eine streng abwägende Geschichtsschreibung verdammen wird.
Jene aber, vor deren Mündungen diese stolzen Regimenter zusammenbrachen, erklären und werden es immer wiederholen: Der britische Kavallerieangriff vom 11. April 1917 war groß und heldenhaft und wir sind stolz auf einen Gegner, der ihn wagte.

Nein, nichts von Triumph oder Überheblichkeit ist in der Kriegsberichterstattung des deutschen Schriftstellers P.C. Ettighoffer in seinem Buch Eine Armee meutert zu spüren. Es meuterten übrigens die französischen Soldaten und ein paar russische Häftlingsregimenter. Die Meuterei der deutschen Soldaten erfolgte erst Monate später, am Ende des Krieges. Doch die Mentalität und die Beweggründe der deutschen Landser und der französischen PoilusPoilu (po̯aˈlyː, Mehrzahl: Poilus) ist eine französische umgangssprachliche Bezeichnung für einen französischen Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges. Sie entspricht in etwa dem deutschen Begriff Landser für einen einfachen Soldaten.Siehe Artikel in Wikipedia.org sind oft austauschbar.

Welch ein Jammer ‒ ein solcher Krieg! Nie wieder darf es das geben!

So haben wir damals alle gedacht, als bei uns das Morden beendet war. Siebzig lange Jahre haben wir nun Frieden und können unseren Mut, unsere Klugheit und Beharrlichkeit dazu einsetzen, ihn zu erhalten. Kluge Autoren aus unserer Vergangenheit erinnern uns daran, wie wichtig die wache Aufmerksamkeit und der Wille zur Mitwirkung sind. Darum sollten wir ihre Erinnerungen bewahren, auch für unsere Nachkommen. Sie sind als Warnung und Mahnung geschrieben worden und nicht zur Bewältigung des eigenen Gewissens.