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Der alte Hut

Ursprünglich war er ja wohl rehbraun gewesen, der Hut meines Mannes, aber davon war nun nicht mehr viel zu sehen. Er schimmerte jetzt dunkelbraun, schwärzlich, grau-grünlich, und alles Abreiben mit Waschmitteln und Salmiakgeist lockte die ursprüngliche Farbe nicht wieder hervor. Und ein neues Band, nun das würde darauf wirken wie eine frisch eingefärbte und ondulierte MeckifrisurSiehe Meckischnitt im Lexikon der alten Wörter und Begriffe auf einem Großmutterkopf.

Eine mitleidige Seele hatte sich blutenden Herzens von dem Prachtstück getrennt, als mein Haushaltsvorstand abgerissen aus der Gefangenschaft heimkehrte. Damals war er zwar nicht mehr neu, der Hut, aber für Nachkriegsverhältnisse fast luxuriös und von guter Qualität.

Und von dem guten Stück soll ich mich jetzt trennen? Entrüstet wies meine stärkere Ehehälfte dieses Ansinnen weit von sich zurück. Jetzt, wo ich mich an den Hut gerade so schön gewöhnt habe und er auch die richtige Form hat, schön weich überall und ohne die hässliche Steife? Und zusammenrollen und in die Aktentasche stecken kann man ihn auch. Kann man das etwa mit einem neu gekauften Hut? Also! Überhaupt ist es eine Zumutung ‒ so gute Qualitätshüte gibt es heute gar nicht mehr! Vorkriegsware! Schließlich habe ich ja auch noch meine Baskenmütze, wenn ich den Hut absolut nicht mehr aufsetzen soll, wenn ich mit dir ausgehe. Dagegen lässt sich doch wohl nichts einwenden, oder…?

Gegen solch überzeugend vorgetragenen männlichen Standpunkt sagt man dann besser nichts weiter, sondern versucht es mit Diplomatie. Ich versuchte es ‒ und blieb künftig vor jedem Schaufenster stehen, das Bekleidungsstücke enthielt, die dazu bestimmt sind, das Haupt des Herrn der Schöpfung zu schmücken.

Oh, sieh doch, der hübsche Graue! Viel zu hell. Oder der dunkelgraue sportliche? Mit dem tristen Band? Wie gefällt dir eigentlich ein Homburg? Unmöglich. Oder ein Sevilla? Verrückt. Vielleicht der Rehbraune? Viel zu steif. Oder magst du einen Blauen? Untragbare Farbe. Wie wär‘s mit Lederriemen oder Kordel? Viel zu jugendlich. Was sagt denn der Seriöse dort hinten, Bin ich ein alter Mann?

Weihnachten, das Fest der liebevollen Überraschungen, nahte. Ein Hutgeschäft war so freundlich und leichtsinnig, mir zum Weihnachtsabend ein halbes Dutzend Hüte zur Auswahl zu überlassen. Doch leider war auch da der Richtige nicht dabei, und nach den Feiertagen schleppte ich reumütig, im rechten Arm eine Riesentüte mit der Hutkollektion, im linken Arm einen friedfertig gestimmten Ehemann ins Hutgeschäft. In fünf Minuten probierten wir dort sechs weitere Hüte auf (langes Aufprobieren ist unmännlich), alle schön weich und sportlich, doch passte keiner, obwohl sie alle die passende Hutgröße aufwiesen. Alle waren zu eng oder zu weit. Zum Trost sagte mein Mann: Außerdem wird es ja bald Frühling und dann im Sommer braucht man keine Hüte. Kann man gegen solche Logik etwas ausrichten? Ich versuchte es erneut. Man trägt auch im Sommer Hüte, der elegante Herr…. Dass ich nicht lache, seit wann machst du dich zum Sprecher der Schaufensterreklame?

Das war vor zwei Jahren. Zum nächsten Weihnachtsfest schenkte ich meinem Mann ein kunstvoll bemaltes Pappschildchen. Darauf war zu lesen: Gutschein für einen Hut zum Aussuchen. In der Weihnachtsnacht, als die ganze Familie im trauten Verein zur Kirche wandelte und ich in der Kirchentür noch schnell einen Blick auf meinen Angetrauten warf, natürlich trug er wieder seinen alten Hut, stutzte ich, und meine Augen wurden starr. Aber ich täuschte mich nicht. Im Hutband des Hutes, der nun feierlich in der Hand getragen von mir schnöde Speckolino betitelten Kopfbedeckung meines Angetrauten prangte lustig wie eine bunte Feder der Gutschein, blau und rot bemalt.

Und als ich am nächsten Morgen in friedlich trauter Stunde, so ganz nebenbei, gefragt wurde: Du hast doch wohl nichts dagegen, Liebling, wenn ich mir für deinen Gutschein einen neuen Anorak kaufe? Du weißt doch, in den alten habe ich mir beim letzten Skilaufen eine Klinke gerissen. Da konnte ich nur noch ergebungsvoll lächelnd mit dem Kopfe nicken. Ja, so sind wir Frauen manchmal, es fehlt uns an der notwendigen Konsequenz in der Erziehung unserer Ehemänner.

Doch, wo weibliche Diplomatie und Überredungskunst versagte, siegte im Nu ein Kinderlächeln! Unser siebenjähriger Neffe sah den Hut und strahlte. Oh, der wäre ein prima Cowboyhut!

Nun prangt er auf einem blonden Bubenschopf, der prima alte Hut, schön weich und glockig, heruntergebogen die Krempe, kühn heraufgebogen die andere Seite. Man kann ihn sogar in die Hosentasche stecken. Wir brauchten fast gar nichts zu ändern, mein Neffe und ich, nur rundherum haben wir ihn ein bisschen fransig geschnitten und eine bunte Kordel darum genäht.

Nun denken Sie sicherlich, ich durchwandele am Arm meines elegant behüteten Mannes die Stadt. Weit gefehlt! Gestern kaufte sich mein Göttergatte eine neue Baskenmütze!