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Mein Auto

Es hat lange gedauert, bis ich das sagen konnte: Mein Auto.
Ich habe es nicht gekauft und bezahlt, so dass es in meinen Besitz übergehen konnte, ich bekam es auch nicht geschenkt, worüber ich mich sehr gefreute hätte, ‒ nein, ich habe es geerbt.

Es war frühmorgens in Norderstedt, als das Telefon klingelte und ich war unwirsch, weil ich so früh schon gestört wurde. Ich meldete mich nur mit Hallo denn ich kannte die Nummer auf dem Display nicht. Hier ist die Polizei Offenbach, sind Sie Frau Bintig? Ja – was wollen die denn, dachte ich, habe ich etwa bei meinem letzten Aufenthalt dort falsch geparkt? – Kennen sie eine Frau Ingrid P.? Jaaa…? Wir haben Frau P. tot in ihrer Wohnung gefunden. In ihrer Brieftasche war ein Zettel, dass Sie im Notfall benachrichtigt werden sollen. Lange Pause, dann sagte ich: Das kann ja überhaupt nicht sein, sie ist zurzeit im Urlaub und außerdem kerngesund! Der Polizeibeamte ließ mir etwas Zeit, um die Nachricht zu erfassen, was mir überhaupt nicht gelang. Aber ich sagte zu, dass ich umgehend nach Offenbach fahren und mich bei ihm melden werde.

Ingrid war meine beste Freundin seit vielen, vielen Jahren. Die räumliche Entfernung von über 600 Kilometern schadete der Freundschaft nicht. Wir konnten uns alles sagen, verstanden uns aber auch ohne Worte. Sie war ein sehr fröhlicher Mensch,  in Krisenzeiten fragte sie erst gar nicht nach, ob sie helfen könnte, sondern handelte sofort und tat dabei immer genau das Richtige. Genau wie ich hatte sie das Rentenalter erreicht und wir nahmen uns vor, dass wir ab sofort einmal im Jahr zusammen verreisen. Für dieses Jahr hatten wir schon einen festen Plan.

Ich fuhr mit der Bahn nach Offenbach, denn zum Autofahren war ich zu aufgeregt. Als Erstes meldete mich auf dem Polizeirevier und ein Beamter ging mit mir in Ingrids Wohnung. Sie muss gerade von der Reise zurückgekommen sein, denn im Wohnzimmer lag noch der halb ausgepackte Koffer. Sie wurde daneben tot aufgefunden ‒ Plötzlicher Herztod.

Ingrid lebte allein und hatte keine Kinder. So räumte ich gemeinsam mit anderen Freunden und Bekannten die Wohnung aus und kümmerte mich um die Beerdigung. Ich erinnere mich daran nur wie im Nebel.

In ihrem Testament hatte Ingrid verfügt, dass ich ihr Auto bekommen sollte. Sie hatte es erst neu gekauft, ein kleiner Opel Corsa. Früher fuhr sie gern schnelle Autos, aber sie meinte: Jetzt,  da ich in Rente bin, muss ich nicht mehr beruflich fahren, und für die Stadt langt er vollkommen.

Nach der Beerdigung fuhr ich mit Ingrids Auto zurück nach Norderstedt. Es war das erste und einzige Mal, dass das kleine Auto die Autobahn gesehen hat.
Bisher war es immer so, dass ich das alte Auto meines Mannes fuhr, wenn er sich ein Neues zulegte. Mir war das sehr recht, denn für mich ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand und mein neues Auto hatte immer schon die erste Schramme hinter sich. Ich musste es also mit der Autopflege nicht mehr so genau nehmen.

Nun kam ich mit Ingrids Auto nach Hause. Ich hatte aber bereits ein Auto – manche sagen einen Zweitwagen, ‒ jetzt hatte ich einen Zweit-Zweitwagen. Verkaufen kam nicht in Frage, denn Ingrid wollte ja, dass ich mit ihrem Auto fahre.
Den großen Wagen habe ich dann innerhalb der Familie verschenkt, womit ich viel Freude ausgelöst habe. Der Dank sollte eigentlich an Ingrid gehen.

Ich machte nun mit dem Corsa meine Stadtfahrten und lernte den Vorteil eines kleinen Autos bei der Parkplatzsuche schätzen. Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, bis ich das Handschuhfach und den Kofferraum ausräumen konnte. Ich wollte doch die persönlichen Sachen nicht einfach wegwerfen – aber einmal musste es doch sein.

Obwohl mir das Auto jetzt offiziell gehörte, das OF-Kennzeichen gegen ein SE-Kennzeichen getauscht wurde, sprach – und dachte ‒ ich nur von Ingrids Auto. Das Gefühl, dass es meins ist, wollte sich einfach nicht einstellen. Ich fuhr nicht mehr so sorglos in die Garage, denn ich wollte ja ihr Auto nicht beschädigen. Gerade deshalb passierte es wohl. Obwohl ich schon unzählige Male in die Tiefgarage gefahren bin, mit Ingrids Auto passierte es. Die Einfahrt muss sich wohl plötzlich etwas verschoben haben, denn ich ratschte mit der rechten Seite an der Wand entlang. Ein kurzer Gedanke flammte auf: Tut mir Leid, Ingrid.

Jetzt fahre ich das Auto schon über zehn Jahre und inzwischen habe ich es als mein Auto angenommen. Es hat nur wenige Kilometer auf dem Tacho, aber die Reparatur der Beule, die ich mittlerweile reingefahren habe, soll den Wert des Autos übersteigen. So bleibt mein Auto, wie es ist und ich werde noch so lange damit fahren, wie es seinen Dienst tut, denn wie Ingrid sagte: Für die Stadt langt er vollkommen.

An meinem Schlüsselbund ist und bleibt der Anhänger mit dem Bildnis des Heiligen ChristophorusHeiliger Christophorus Christusträger, Helfer gegen unvorbereiteten Tod, Rettung aus jeglicher Gefahr, Schutzheiliger der Reisenden, gegen Epilepsie, Unwetter, Hungersnot, Gewitter und Hagelstürme, Pest, Zahnschmerzen, schlechte Träume angerufen. Schutzpatron der Bogenschützen, Autofahrer, Seefahrer, Flößer, LKW-, Bus- und Taxifahrer, Buchbinder, Bleicher, Pförtner und der Obst- und Gemüsehändler, dem Schutzpatron der Reisenden, Seeleute und Kraftfahrer, der an Ingrids Autoschlüssel hing. Sie fehlt mir noch immer.