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Hochzeitsreise mit vielen Fragen

Beirut – das Paris des Nahen Ostens. Ja, so hieß es einmal und mit diesen Worten pries der Mitarbeiter im Reisebüro dieses Ziel im Libanon an.

Es war im März 1964, ich war 18 Jahre und hatte gerade geheiratet. Die Hochzeitsreise sollte in die Sonne und an den Badestrand gehen und das nächste Ziel, das in dieser Jahreszeit den Anforderungen entsprach, waren die Kanarischen Inseln. Der Tourismus war damals noch nicht so ausgeprägt wie heute und so mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass dort bereits alles ausgebucht war.

In Beirut können Sie im März jederzeit im Meer baden und sogar am gleichen Tag Skilaufen, sagte der Herr im Reisebüro, und wie es sich herausstellte, hatte er recht. Skilaufen war für uns allerdings uninteressant, das hätten wir auch näher haben können, aber die Aussicht auf Sonne und Meer reizte doch sehr in dem schmuddeligen deutschen Winter und so buchten wir sofort.

Es war meine erste Flugreise und ich war sehr aufgeregt. Es bestand aber kein Grund dazu, denn es war ein sehr ruhiger Flug. Vom Flughafen in Beirut wurden wir sofort in unser Hotel gebracht, das etwas außerhalb der Stadt direkt am Meer lag.

Das Hotel hatte sechs Etagen und die Eingangshalle reichte bis zum Dach. In der Mitte stand ein riesiger Springbrunnen, seitlich waren die einzelnen Etagen als Galerien angebracht und mit offenen Treppen verbunden. Auf den Galerien gab es mehrere verschiedene Lokale, in die man von überall Einblick hatte. Alles war eindrucksvoll im arabischen Stil eingerichtet und durch das ganze Haus klang orientalische Musik.

Unser Zimmer lag ebenerdig, mit dem Eingang direkt zum Swimmingpool und zum Strand, zu dem es nur drei Treppenstufen nach unten ging. Wir waren zuerst begeistert, aber bereits in der zweiten Nacht gab es ein Unwetter, es gab einen Stromausfall und es war stockdunkel, als das Mittelmeer uns im Zimmer besuchte. Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei. Da alle Böden gefliest waren, konnte das Wasser wieder abfließen, ohne größeren Schaden zu hinterlassen.

Außer uns waren noch mehrere Deutsche im Hotel, aber alle waren wesentlich älter als wir. So beschlossen wir, auf eigene Faust die Stadt und die Umgebung zu erkunden. Vor dem Haus standen einige Taxis und einer der Fahrer sprach uns gleich auf Englisch an und fragte, wohin wir wollten. Als wir kein genaues Ziel nennen konnten, bot er sich an, uns die Stadt zu zeigen. Er ging nochmal zurück ins Hotel und kam mit dem Inhaber oder Geschäftsführer des Hotels, der uns bereits bekannt war, zurück und stellte ihn uns als seinen jüngeren Bruder Maruf vor. Der sagte, dass wir uns einen schönen Tag machen sollten, wir seien vom Hotel eingeladen. Wir waren so erstaunt, dass wir vergaßen, uns zu bedanken und stellten uns auf eine saftige Endabrechnung ein. Warum sollte das Hotel so großzügig sein? Aber es kam noch besser.

Kemal, so hieß unser Fahrer, zeigte uns die Stadt. Beirut war eine schöne moderne Großstadt, wunderbar am Meer gelegen, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Ich hatte mir aber den Orient aufgrund verschiedener Lektüre exotischer vorgestellt.

Wir hielten immer wieder an Lokalen, in denen Kemal bestens bekannt war. Als er uns als Deutsche vorstellte, wurden wir überschwänglich zum Essen und Trinken eingeladen, was wir nicht abschlugen, denn in unserem Reiseführer stand, dass eine Ablehnung auf eine Einladung einen Affront gegen den Gastgeber darstellt. Ich war überrascht, denn ich war es bei meinen bisherigen Reisen nach Frankreich und in die Niederlande gewohnt, dass man uns Deutsche misstrauisch oder gar feindselig betrachtete. Hier wurden wir, gerade weil wir Deutsche waren, hoffiert. Ich konnte mit meinem Schulenglisch den Gesprächen nicht ganz folgen, aber ich verstand immer worum es ging. Es drehte sich häufig um die Zeit während des Dritten Reiches: Hitler und besonders Rommel wurden bewundernd erwähnt. War es der Gedanke: Der Feind meines Feindes ist mein Freund, der uns als Deutsche so beliebt machte? Ich hatte den Eindruck, dass man nicht zur Kenntnis nahm, dass wir in einem anderen Deutschland aufgewachsen waren.

Zum Abschluss der Fahrt lud uns Kemal in sein Haus ein und stellte uns seiner Frau Leila vor. Es war eine sehr nette, etwas korpulente ältere Frau. Er hatte zwei Töchter, von denen die älteste nicht wesentlich jünger war als ich. Die Familie machte einen sehr harmonischen Eindruck auf mich. Die zwei Mädchen hatten sofort Zutrauen zu mir und zeigten mir ihr Zimmer und ihre Schätze, die hauptsächlich aus Modeschmuck und Schminkutensilien bestanden. Zum Abschied unserer Reise schenkte ich ihnen meine gesamten Kosmetika, die ich dabei hatte. Leila machte unterdessen für uns Abendessen – keine Ahnung, wo das noch Platz haben sollte nach den vielen Einladungen im Laufe des Tages. Im Wohnzimmer, dessen Einrichtung nur aus Teppichen und großen dicken Sitzkissen rund um die Wände bestand, saßen wir auf den orientalischen Bodenkissen und zum Essen wurden kleine Tischchen herbeigeholt.

Am nächsten Tag erklärte uns der Hotelchef Maruf, dass wir als Freunde seines Bruders auch seine Freunde seien und nun private Gäste des Hauses wären. Wir könnten bestellen was wir wollten, es ginge alles auf Kosten des Hauses. Er würde sich aber besonders freuen, wenn wir mit ihm und seiner Frau das Essen einnehmen.

In meinem Kopf ratterte es:  Was wollen die von uns, die kennen uns doch gar nicht –  Da ist was faul. Ich teilte meinem Mann meine Bedenken mit, aber er beruhigte mich und redete von arabischer Gastfreundschaft. Jedenfalls waren wir fortan sehr oft mit einem oder den beiden Brüdern und deren Familien zusammen. Es stellte sich heraus, dass die Partnerin von Maruf eine Deutsche war. Sie war eine sehr aparte Person, nicht wesentlich älter als ich. Ich unterhielt mich mehrfach mit ihr und mir fiel auf, dass sie sich fast ängstlich benahm, wenn ihr Mann in der Nähe war. Ich hatte die Vermutung, dass sie lieber wieder zu Hause in Deutschland wäre, aber sie sprach nicht darüber und beließ es bei Andeutungen. Maruf war im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Kemal, den ich als ruhig und ausgeglichen in Erinnerung habe, sehr energisch und dominant, was ich im Umgang mit dem Personal beobachten konnte. Uns gegenüber war er jedoch sehr zuvorkommend und charmant.

Kemal und seine Frau holten uns fast täglich zu Ausflügen ab und sie zeigten uns die Sehenswürdigkeiten ihres Landes wie Byblos – eine der ältesten Städte der Welt, Baalbek – mit der großen Tempelanlage – sowie Sidon, der Phönizierstadt.

Einmal fuhr er allein mit uns in die Berge zu den Zedern. Als wir oben waren, lag Schnee und weit unten konnten wir das Meer, in dem wir noch am Tag zuvor gebadet hatten, in der Sonne glitzern sehen. Hier oben war es aber sehr kalt. Wir hatten für unseren Badeurlaub nicht die richtige Kleidung eingepackt und froren entsprechend. Kemal ging dann mit uns in eine Art Berghütte, die gut geheizt war. Dort waren nur Männer anwesend. Sie machten auf mich einen eigenartigen Eindruck. Es wurde laute orientalische Musik gespielt und einige tanzten wie in Trance. Obwohl ich, als einzige Frau im Raum, sehr zuvorkommend behandelt und in keiner Weise belästigt wurde, fühlte ich mich unwohl. Als ich den Männern genau in die Augen sah, war ich sicher, dass hier Drogen im Spiel waren. Die Warnsignale in meinem Kopf veranstalteten ein Feuerwerk. Mein Mann meinte nur, dass Drogen im Orient üblich seien.

Wir wurden mehrmals zur Mezze eingeladen. Hier kamen zahlreiche kalte und warme Gerichte, die einen Querschnitt durch die arabische Küche bildeten, in kleinen Schälchen und auf den Tisch. Ich wusste oft nicht, was ich aß, aber ich unterließ das Nachfragen, denn es schmeckte meistens gut. Dazu gab es dünnes Fladenbrot und Arak, der mit Wasser aufgefüllt wurde.

An einem Abend gab es eine Bauchtanz-Show für die Gäste des Hotels. Eine junge hübsche und schlanke Tänzerin führte eine Art Schleiertanz vor, der für die damalige Zeit sehr gewagt war. Kemal und Maruf fragten uns, ob wir mal zum richtigen Bauchtanz wollten. Da musste er nicht zweimal fragen und so fuhren wir mit den beiden Männern – die Frauen kamen nicht mit – zu einem Lokal.

Ich war enttäuscht. Wir kamen in einen großen hell erleuchteten, schmucklosen Raum. Es waren nur Männer anwesend und ich war wieder mal die einzige Frau. Hier standen lange Tische und Bänke wie in einem Bierzelt. Ohne eine Bestellung wurden einfache Whiskybecher und eine Flasche Whisky – eine sehr teure Marke – auf den Tisch gestellt. Dann begann der Bauchtanz. Eine ziemlich mollige Frau bewegte sich unglaublich biegsam und elegant auf der Tanzfläche. Aha, das also wollten die Männer sehen, nicht so eine, an der nichts dran ist. Hier stimmte ein bekanntes Klischee.

Einmal wollten mein Mann und ich alleine einen Spaziergang machen. Das Hotel lag etwas abseits der Stadt und gegenüber waren Berge. Es waren kahle, unbewachsene Berge, nur aus Felsbrocken und Geröll bestehend. Wir gingen trotzdem den Weg hinauf und glaubten, oben einen herrlichen Blick auf die Stadt und das Meer zu haben. Auf halber Strecke war plötzlich ein kleiner Junge vor uns, der um Geld bettelte. Er saß auf einem selbstgezimmerten Rollbrett und konnte offensichtlich nicht laufen. Mein Mann gab ihm etwas Geld und plötzlich kamen, wie aus dem Nichts, immer mehr Kinder hinter den Felsen hervor. Alle hatten irgendein Gebrechen, manche humpelten und hatten selbstgebastelte Krücken. Ich war entsetzt, denn ich konnte weit und breit keine menschliche Siedlung erblicken. Wir konnten doch nicht allen etwas geben und wie viele würden dann noch kommen? Wie kamen sie, trotz ihrer Behinderung hier in die Berge? Es war ein Elend, mit dem ich, so plötzlich konfrontiert, nicht umgehen konnte. Wir liefen, so schnell es uns auf dem steinigen Weg möglich war, zurück zum Hotel. Der Schock saß tief und überschattete die nächste Zeit. Wir haben daraufhin nicht mehr allein das Hotel verlassen.

Hier wurden wir auch ständig umsorgt. Die Brüder stellten uns noch weitere Geschwister und deren Familien vor, die sich überboten uns einzuladen. So lernten wir auch das Nachtleben von Beirut kennen, von dem man sagte, dass es Paris in nichts nachstand.

Obwohl ich den gebotenen Luxus, der mir völlig fremd war, durchaus genoss, denn wir hätten uns die teuren Restaurants und Clubs nicht leisten können, hatte ich während der ganzen Zeit ein unangenehmes Gefühl. Wir konnten uns in keiner Weise revanchieren, was für uns zu Hause selbstverständlich gewesen wäre. Meine deutsche Mentalität sagte immer lauter: Wir sind doch nur Touristen und werden als Ehrengäste behandelt. – Das hat doch mit Gastfreundschaft nichts mehr zu tun. – Nur, weil wir als Deutsche hier ausnahmsweise sehr willkommen sind? Es sind doch noch genügend andere Deutsche im Hotel, die nicht so bevorzugt werden.
Als der Urlaub zu Ende war, flogen wir nach einer großen Abschlussparty wieder nach Hause. Eine Endabrechnung gab es nicht.

Ich fragte mich später immer wieder: Was war der Grund für diese, für mich außergewöhnliche Gastfreundschaft? Hatten wir auf der Rückreise etwas im Gepäck, was nicht hineingehörte und vielleicht großes Glück, dass unsere Koffer vom Zoll nicht durchsucht wurden? Hing es mit der Arbeit meines Mannes bei einer bekannten deutschen Zeitung zusammen und ging es um Nachrichten oder Kontakte? Die politische Lage im Libanon war schon damals problematisch.  Ich fand auf meine Fragen nie eine Antwort und mein Mann war hier auch keine Hilfe. Er tat meine Bedenken als übertrieben und haltlos ab. Wenn es eine Antwort gibt, hat er sie mit ins Grab genommen.

Villeicht habe ich durch mein Misstrauen unseren sehr großzügigen Gastgebern unrecht getan, indem ich die für mich völlig ungewohnte Gastfreundschaft nicht als solche annehmen konnte?