© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Oma Rosa

Ab welchem Alter beginnt die Erinnerung? Ich kann mich an einige Ereignisse erinnern, die sehr weit zurückliegen. Vieles konnte ich zwar damals noch nicht verstehen, habe es aber so lange im Gedächtnis gespeichert, bis ich den Zusammenhang erkennen konnte. Das war manchmal erst im Erwachsenenalter der Fall, wie bei folgender Geschichte:

Es war vor meiner Kindergartenzeit. Ich war noch keine vier Jahre alt und meine Urgroßmutter Rosalinde, die von allen nur Oma Rosa genannt wurde, passte häufig auf mich auf, wenn meine Mutter zur Arbeit musste.
Meine Großmutter, also Oma Rosas Tochter, starb schon sehr früh, sodass meine Urgroßmutter für mich die Oma war.
Oma war eine kleine, zierliche Frau mit langen weißen Haaren, die sie sehr elegant zur Hochfrisur trug. Sie hatte immer ein schwarzes Kleid an, mit einem Jabot aus frisch gestärkter weißer Spitze als Kragen. Auf ihr Aussehen legte sie, so lange sie lebte, großen Wert.
Sie war damals schon über 80 Jahre alt, wurde also schon vor der Gründung des Deutschen Reichs 1871 geboren und erlebte Ihre Kindheit und Jugend unter Kaiser Wilhelm I. und dem Reichskanzler Otto von Bismarck. Sie hat beide Weltkriege als erwachsene Frau erlebt und überlebt.

Ich kann noch heute genau die Wohnung meiner Urgroßmutter aufzeichnen, die in der zweiten Etage eines Mietshauses war:

– Die Küche, mit dem blanken Holzküchentisch in der Mitte, der Spüle aus Sandstein, dem blank gescheuerten Bohlenfußboden, dem Küchenbüffet und der Chaiselongue für den Mittagsschlaf,
– die Gute Stube, die nur zu Festtagen, oder wenn Besuch kam, benutzt wurde, mit dem Vertiko und dem Sofa mit dem grünen Überwurf,
– das Schlafzimmer mit dem Bett, an dem eine lange Schnur hing, mit der man das Deckenlicht an- und ausschalten konnte und in dem ich manches Mal übernachtete.

Wenn man in die Wohnung eintrat, war man sofort in der Küche, von da ging die Tür in das Wohnzimmer, der Guten Stube, und von dort kam man ins Schlafzimmer.
An den Fenstern des Wohn- und Schlafzimmers hingen schwere Übergardinen aus grünem Stoff, von dem Oma ganz stolz sagte, es sei Brokat. Die Räume waren aber durch diese Vorhänge recht dunkel. Außerhalb der Wohnung, aber auf der gleichen Etage, war die Toilette.

Oma Rosa hatte keine extra Spielsachen für mich, aber ich durfte mit ihrer großen Knopfkiste spielen und die Knöpfe nach Größe und Farben sortieren. Ich konnte auch schon große Knöpfe mit der Stopfnadel an Stoffreste nähen.
Dabei erzählte Oma immer Geschichten. Es waren aber keine Märchen oder Kindergeschichten, sondern es waren Selbstgespräche, von denen sie dachte, dass ein kleines Kind wie ich sie nicht verstehen kann. Das konnte ich auch nicht, aber Wortfetzen wurden in meinem Gedächtnis gespeichert: Krieg Bomben, Alle tot, Der Hitler Bunker.
Warum klang die Stimme der sonst so lieben Oma auf einmal so böse? So wie sie die Worte aussprach, musste es was ganz Schlimmes sein und ich fühlte mich unbehaglich.
Dann sang sie mir Lieder vor wie Großer Gott wir loben Dich Heil Dir im Siegerkranz - wie ich später erfuhr, war die Melodie zu diesem Lied nicht nur die der englischen Nationalhymne, sondern auch die offizielle Hymne des Deutschen Reiches - oder Ännchen von Tharau. Das war mein Lieblingslied, denn ich glaubte noch lange, es hieße Entchen von Tara.

Schön war es für mich, wenn Oma ihre Rente bekam. Sie nahm mich an die Hand und ging mit mir zur Stadtkasse, wo sie ihre monatliche Rente in bar abholte. Anschließend kehrten wir in das Deutsche Haus am Marktplatz zum Mittagessen ein. Ich bekam immer mein Lieblingsessen: Kartoffelklöße mit Soße – Fleisch und Gemüse mochte ich nicht – und dazu eine Flasche Sinalco. Oma erzählte anschließend allen, dass ich sechs Klöße essen konnte. Später wurde mir klar, dass man extra für mich kleine Klöße formte. Zum Nachtisch gab es Schokoladenpudding. Nach dem Essen bekam ich ein großes Lob vom Wirt und von Oma Rosa, wenn ich brav aufgegessen hatte und die weiße Tischdecke nicht allzu voll gekleckert war. Wenn ich Glück hatte, stand auf dem Marktplatz noch der Eismann mit seinem Fahrrad-Eiswagen, bei dem ich mir noch eine Kugel Vanille oder Schokoladeneis kaufen durfte. Dann gingen wir wieder nach Hause durch Straßen mit vielen Trümmern und Ruinen, alten Häusern und einigen Baustellen. An den Trümmerfeldern vorbeizugehen, war sehr unheimlich und ich fürchtete mich, weil meine Urgroßmutter vor sich hin flüsterte, dass da bestimmt noch Tote darunter lägen. An einigen Häusern blieb sie stehen und fing an zu schimpfen: Hier haben sie den... oder die... abgeholt Pfui Deibel (Pfui Teufel). Das war ihr Lieblingsausdruck, wenn ihr etwas missfiel.

Ich habe nicht verstanden, warum sie so schimpfte, wusste aber, dass es nichts mit mir zu tun hatte. Da sie immer wieder das Gleiche wiederholte, habe ich mir alles eingeprägt und konnte mir sogar die Namen merken.
Viele Jahre später wurde mir erst klar, was meine Urgroßmutter damals so in Rage brachte.
Fast 60 Jahre später, bei einem Besuch in meiner Heimatstadt, in der ich schon lange nicht mehr wohne, bin ich mit meinem Mann die Wege abgelaufen, die ich damals an der Hand meiner Urgroßmutter ging.

Ich zeigte ihm die Hochhäuser, die auf den Trümmerfeldern von damals gebaut wurden. Für die Erstbewohner war es ein Privileg, in diesen modernen Häusern zu wohnen, denn man konnte nur nach Zahlung eines Baukostenzuschusses, der nicht zurückgezahlt wurde, dort eine Wohnung bekommen. Heute sind es schäbige Plattenbauten und die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt.

Auch das schöne alte Mietshaus, in dem Oma wohnte, steht noch. Es wurde saniert und macht äußerlich einen gutbürgerlichen Eindruck. Leider konnte ich es nicht von innen sehen, denn die einst immer offenstehende Haustür wurde durch eine moderne Tür mit Schließanlage ersetzt.

Ich konnte auch noch die verbliebenen alten Häuser zeigen, an denen Oma schimpfend stehenblieb, weil hier in der Nazizeit Menschen aus ihren Wohnungen abgeholt wurden.