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Goethe, Schlesien und die faulen Säcke

oder einfach: Lehrer

Meine Schulzeit verbrachte ich ab Anfang der 50er Jahre in einer Offenbacher Mädchenschule. Nicht nur die Klassen, sondern auch das ganze Schulgebäude war ausschließlich für Mädchen. Das war besonders in den ersten Schuljahren prima, denn wir fanden Jungs in dieser Zeit vollkommen uninteressant. Ich denke, dies beruhte auch aus der Sicht der Jungs, die alle auf Knabenschulen gingen, auf Gegenseitigkeit.

In das Gedankengut und die Gesetzgebung der Gesellschaft der 50er Jahre hatte die Emanzipation noch kaum Einzug gehalten und viele Mädchen wurden daraufhin erzogen, gute Ehefrauen und Mütter zu werden. Weiterführende Schulen und das Studium wurden häufig nur den männlichen Nachkommen ermöglicht. Das geschah teils aus finanziellen Zwängen aber auch aus der althergebrachten Ansicht, dass Mädchen später heiraten werden und dann versorgt sind. Eine Berufstätigkeit der Frau war dann ohnehin von der Zustimmung des Ehemanns abhängig.

Wir Mädchen träumten als Teenager einerseits davon, den Traumprinzen zu finden der uns wach küsst und auf sein Schloss entführt, andererseits hatten wir aber schon ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie wir ein selbstbestimmtes und freies Leben führen wollten. Ein Dilemma!
Im Schulunterricht hatten wir die Fächer Hauswirtschaft und Handarbeit. Diese unterrichtete Fräulein W. Sie war eine ältere Dame, die auch im Privatbereich großen Wert auf die Anrede Fräulein legte.

In dem Fach Handarbeit lernten wir hauptsächlich stricken und häkeln – wichtig für die Herstellung von Babykleidung – sowie Strümpfe stopfen, – wichtig für eine sparsame Haushaltsführung. Ich danke in diesem Fall ausnahmsweise mal unserer Wegwerfgesellschaft, dass mir insbesondere das Letztere im späteren Leben erspart blieb.

Im Handarbeitsunterricht gab es wenig zu unterrichten. Fräulein Weber versuchte die Zeit, in der wir uns abmühten aus Wolle etwas Brauchbares zu herzustellen, lehrreich zu gestalten, indem sie uns ihren Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe, den sie glühend verehrte, nahebrachte. Ich sehe sie noch heute, wie sie uns den Zauberlehrling, vortrug, – nein, bühnenreif inszenierte:

Walle, walle manche Strecke, daß, zum Zwecke, Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße…

Heute finde ich dieses Gedicht zeitgemäßer denn je:

Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.

Aber nicht nur sein Werk, sondern auch das Leben unseres Dichterfürsten empfand sie herausragend. Darüber konnten wir aber wunderbar mit ihr streiten.

In Offenbach gibt es einen Lilipark mit einem Lilitempel. Wir spielten dort als Kinder und für Jugendliche war es abends ein Treffpunkt. Wir wussten also Bescheid. Dort verbrachte auch einst Goethe mit seiner Verlobten Lili Schönemann vertrauliche Stunden. Diese Beziehung löste er aber bald wieder.

Fräulein W. erklärte uns, dass Goethe sehr großherzig war und Lili Schönemann die Freiheit wiedergab, da er sich selbst zu unstet und als Belastung für ihr weiteres Leben empfand.
Wir widersprachen und meinten lakonisch: Er hat sie sitzen lassen!

Bei ihren Ausführungen über die platonische Seelenverwandtschaft mit Charlotte von Stein hielten wir ihr vor, dass er den Ehebruch nicht öffentlich eingestehen und eine verheiratete Frau nicht bloßstellen konnte.

Auch die spätere Ehefrau Goethes, die aus einfachen und bildungsfernen Verhältnissen kam, nannte sie nur Christiane Vulpius, während wir ausschließlich von Frau von Goethe sprachen.
Als sie erzählte, dass Goethe seine Frau aus Mitleid und um ihre Familie zu unterstützen heiratete, konterten wir, dass sie ihm schließlich das Leben gerettet hat als Soldaten sein Haus plünderten und dass das Mitleid eher Dankbarkeit war.

Uns machte es Freude, wenn wir Fräulein W. Bild von Goethes Privatleben erschüttern konnten. Wir hatten Spaßdaran zu sehen, wie sie herumeierte, um jede negative Eigenschaft ins Positive zu verdrehen. Dabei schmälerten auch manche menschliche Unzulänglichkeiten in keiner Weise das Werk des Dichters.

Um uns bei keiner falschen Behauptung erwischen zu lassen, recherchierten wir auch in unserer Freizeit, und lasen ganz ohne Zwang über das Leben und Werk des Dichterfürsten. So hat unsere Handarbeitslehrerin uns viel mehr über Literatur beigebracht und vor allem die Freude daran geweckt, als unser Deutschlehrer.

Ja, unser Deutschlehrer, der Herr H.;
er war ein gutmütiger älterer Herr. Er war Heimatvertriebener aus Schlesien. Aus seiner Sehnsucht nach der Heimat machte er keinen Hehl aber er fand sich mit seinem Schicksal ohne erkennbare Bitterkeit ab.

Wenn wir keine Lust auf den ungeliebten Deutschunterricht hatten, was häufig vorkam, wussten wir genau, wie wir den Lehrer manipulieren konnten. Das Zauberwort hieß Schlesien. Wir stellten ein paar Fragen nach seiner Heimat und bereitwillig ließer sich auf das Thema ein. Er erzählte uns Anekdoten aus seiner Jugendzeit und sang mit uns Lieder aus Schlesien wie das Schlesische Himmelloch:

Ei, so geh`n wir alle, alle miteinander,
In das Himmelloch,
In das Himmelloch,
In das Mauseloch,
Hinein.

Das war ein Kinderlied, in dem verschiedene Berufe besungen wurden. Aber wir sangen auch das weniger kindgerechte Lied:

Und keiner soll sagen,
wer da trinkt der sei schlecht,
denn für alle die da trinken
wächst der Weinstock erst recht.
Und der eine trinkt Champagner,
den der Himmel ihm beschert
und der andre all die kleinen Kümmelchen,
die er find´ auf der Erd.

In diesem Lied werden in vielen Strophen verschiedene kleine und auch größere Sünden beschönigt. Es hat großen Spaßgemacht, als Hausaufgabe neue Verse zu erfinden, auf die sich Krümelchen, Lümmelchen usw. reimten. Und da fiel uns eine ganze Menge ein. Ob es sich auch immer reimte, war eine andere Sache.

Er erzählte uns auch, wenn seine Frau mal wieder Schlesisches Himmelreich gekocht hatte oder wenn es Häckerle – ein Fischgericht – gab und er beschwerte sich über die hessische Küche. Allerdings verkündete er freudig, dass das ausgezeichnete Schmalzgebäck, das fast überall in Deutschland Berliner heißt, in Hessen wie auch in Schlesien Kreppel genannt wird.

So war die Deutschstunde im Nu zu Ende, aber leider kenne ich noch heute die obengenannten Liedertexte besser, als die Grammatikregeln.

Mit meinen Lehrern war ich im Allgemeinen zufrieden, trotz der kleinen Macken, die manche hatten.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel:
In der kaufmännischen Berufsschule, in der ich jetzt erstmals in einer gemischten Klasse war, hatte ich in der letzten Klasse den Studienrat Dr. B. als Lehrer. Man munkelte, er sei ein hohes Tier bei den Nazis gewesen. Etwas Genaues erfuhr man nicht, denn ohne Persilschein (er bescheinigte eine weiße Weste, also dass der Besitzer kein Nazi war) wäre er nicht in diese Position131er wurden umgangssprachlich alle die Staatsdiener genannt, die infolge der Kriegsauswirkungen beschäftigungslos geworden waren und Anspruch auf Weiterbeschäftigung erhoben. Das waren u.a. Beamte, Hochschullehrer und Richter aus den Vertreibungsgebieten, Beamte in nicht mehr existierenden Verwaltungen und Berufssoldaten sowie alle die, die wegen ihrer Betätigung im Deutschen Reich (1933 bis 1945) nach dessen Ende zunächst aus dem Beamtenverhältnis entfernt worden waren. Dazu gehörten auch Angestellte und Arbeiter.
Der Deutsche Bundestag beschloss dazu am 11. Mai 1951 das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen mit Zustimmung aller Parteien des Bundestages einschließlich KPD und DRP ohne Gegenstimmen bei nur zwei Enthaltungen. Dieses sogenannte 131er-Gesetz besagte, dass alle öffentlich Bediensteten, die beim Entnazifizierungsverfahren nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren, wieder eingestellt werden durften. Nach § 10 durfte jeder Beamte, der zu dem Personenkreis des Art. 131 GG zählte und dienstfähig war, die ihm zustehende Amtsbezeichnung mit dem Zusatz zur Wiederverwendung (z. Wv.) weiterführen. Berufssoldaten durften den ihnen zustehenden Dienstgrad mit dem Zusatz außer Dienst (a.D.) führen.Quelle: Wikipedia.de
gekommen.

Herr Dr. B. sprach uns immer korrekt mit Sie an, das war aber das Einzige, das bei ihm korrekt war.

Er kam morgens in das Klassenzimmer, begrüßte uns mit den Worten: Guten Morgen, ihr faulen Säcke und schmiss seine alte Aktenmappe auf den Tisch.

Wenn etwas nicht sofort nach seinem Willen geschah, warf er mit Gegenständen, die in seiner Reichweite lagen, um sich. War es Zufall oder Absicht, dass er niemals traf? Einmal hob er sogar einen Stuhl in die Luft und bedrohte einen Mitschüler.

Er schleuderte uns Sätze an den Kopf wie: Ihr seid so dumm wie Schifferscheiße, wie habt ihr es nur weiter als bis zur dritten Klasse gebracht?.

Ein Klassenkamerad, der Sohn eines stadtbekannten Unternehmers, gab ihm auf die Aussage: Sie sind zu blöd auch nur einen einzigen Satz richtig zu schreiben die arrogante Antwort: Das brauche ich auch nicht, dazu habe ich später eine Sekretärin. Herr Dr. B. meinte daraufhin trocken: Wenn Sie die Firma übernehmen, ist sie am nächsten Tag pleite. Leider hatte er hier recht, wenn auch nicht ganz mit der genannten Frist.

Wir ackerten mit ihm monatelang die alte englische Währung, bei der ein Pfund 20 Schilling und jeder Schilling 12 Pence hatte, mit Zins und Zinseszinsrechnung durch. Was ich noch heute als Schikane empfinde, da diese Berechnung nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Währungsrechnens ausmachte und wir dafür fast die Hälfte der Zeit investierten. Wenn wir die, für uns fremde und deshalb komplizierte Rechnung, nicht sofort umsetzen konnten, schrie er uns an: Von euch Deppen schafft keiner die Prüfung.

Die ganze Mühe hätten wir uns sparen können, da die Engländer so einsichtig waren und bald darauf ihr Münzsystem auf das international übliche Dezimalsystem umstellten.
Einmal sollten wir als Klassenarbeit eine Bewerbung schreiben. Ich schrieb eine Stellenbewerbung als Personalsachbearbeiterin. Diese Arbeit gab er mir später zurück mit den Worten: Leider musste ich Ihnen eine Zwei geben. Aber bilden Sie sich ja nichts darauf ein. Sie müssen sich erst mal die Haare schneiden lassen, damit mehr Luft an Ihren Kopf kommt! Sie können von Glück reden, wenn Sie eine Stelle als Putzfrau bekommen.

Diese vergiftete Atmosphäre herrschte bis zum Ende der Berufsschulzeit. Die Wut auf den Lehrer schweißte uns aber als Klassengemeinschaft zusammen. Manche der Schüler lernten nur deshalb, um es Dem Dr. B. zu zeigen. Die Abschlussprüfung vor der IHK (Industrie und Handelskammer) haben wir alle, ausnahmslos mit gutem Erfolg, bestanden.

Ich habe später erfahren, dass Herr Dr. B. zum Schulleiter befördert wurde.