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Spontane Erinnerungen
an
Biggart, Lisbeth und Bruchschokolade

Wir, die Autorinnen und Autoren der Erinnerungswerkstatt schreiben unsere vielfältigen Erinnerungen auf, damit spätere Generationen nachlesen können, wie wir früher gelebt haben und wie sich der Zeitgeist im Laufe der Jahrzehnte veränderte. Werkstatt heißt, dass es auch handwerkliche Arbeit ist, die Erinnerungen aufzuspüren und zuzulassen, sowie die subjektiven Erinnerungen mit den objektiven geschichtlichen Fakten abzugleichen und niederzuschreiben.

Es gibt aber auch Erinnerungen, die kommen einfach so angeflogen. Sei es durch einen Geruch, ein Musikstück oder ein Wort, das man schon lange nicht mehr gehört hat. Von diesen Erinnerungen will ich jetzt berichten:
Kürzlich eröffnete in unserer Umgebung ein kleines Schokoladen- und Pralinengeschäft. Ich ging hinein und hatte einen wundervollen Geruch in der Nase, den ich aus Kindertagen kannte.

Ich sah mich an der Hand meiner Mutter die Stufen zu einem Geschäft hinaufgehen, das im Hochparterre eines Hauses in der Altstadt war. Wir öffneten die Ladentür und eine helle Glocke ertönte. Wir traten in einen tiefen, ziemlich dunklen Raum ein. Der Fußboden aus Holzbohlen knarrte und es lag dieser unbeschreiblich intensive Geruch in der Luft. Auf der Theke waren die köstlichsten Pralinen, Schokoladen und andere Süßwaren auf verschiedenen Tellerchen und Schälchen ausgebreitet. Die Verkäuferin mit einer weißen Spitzenschürze und einem weißen Häubchen auf dem Kopf begrüßte uns freundlich. Wir kauften wie immer preiswerten Schokoladen- und Pfefferminzbruch. Die Verkäuferin wog dann unseren Einkauf ab. Dazu benutzte sie eine Balkenwaage mit Messingschalen, die an Ketten zu beiden Seiten des Balkens hingen. In die eine Schale kamen Messinggewichte und in die andere unsere Süßwaren. Dann wurde alles in einer Spitztüte verpackt, die ich auch vom Obsthändler kannte. Zum Schluss ging sie an die riesige Kasse, die auch auf der Theke stand, drückte auf den verschiedenen Knöpfen herum, drehte dann an einer Kurbel, bis die Geldschublade heraussprang, und legte das Geld, das meine Mutter meistens schon abgezählt hatte, hinein.

An der Hand meiner Mutter ging ich voller Vorfreude auf die zu erwartenden Genüsse nach Hause. Mein Berufswunsch stand damals fest: Ich werde Schokoladenverkäuferin.

Ich hörte vor kurzem in einem Radiowunschkonzert nach langer Zeit wieder einmal die Elisabethserenade, vor meinem geistigen Auge stand sofort meine schon vor vielen Jahren verstorbene Tante Lisbeth. Mit diesem Namen sprachen wir nur in ihrer Abwesenheit über sie, denn sie bestand auf die korrekte Aussprache ihres Namens Elisabeth. Manche nannten sie trotzdem Lisbeth, um sie zu ärgern. Tante Lisbeth war nicht sehr beliebt, denn sie vermittelte allen das Gefühl, dass sie was Besseres sei. Ich war als Kind nicht gern bei ihr zu Besuch, aber bei bestimmten Familienfesten ließes sich nicht vermeiden. Sie machte keinen Hehl daraus,dass sie keine Kinder mag. Sie selbst hatte auch – zum Glück wie ich meine – keine Kinder. Ich durfte bei ihr zu Hause nichts anfassen, musste ganz ruhig auf dem Stuhl sitzen und vor allem den Mund halten. Auch musste ich vor ihr immer einen Knicks machen, ein Brauch, der schon damals ziemlich aus der Mode war.

Bei einer ihrer Geburtstagsfeiern spielte sie uns ihre neueste Schallplatte vor und sagte mit bedeutungsvoller Stimme: Das ist von Mantovani, die Elisabethserenade.

Ich war fassungslos, dieses schöne Lied sollte der MantovaniDie Elisabethserenade (engl. Elizabethan Serenade) ist ein Musikstück des britischen Komponisten Ronald Binge aus dem Jahr 1951. Mit ihrer eingängigen, schmelzenden Melodie ist sie ein bekanntes Beispiel für die British Light Music. Binge schrieb das Stück ursprünglich als Instrumentalfassung für das Orchester Mantovani, für das es zu einem großen Erfolg wurde.Quelle: Wikipedia.org, – wer das auch immer war – für meine unausstehliche Tante gemacht und ihr zum Geburtstag geschenkt haben? Nicht zu glauben!

Auch später, als ich die Melodie häufig im Radio hörte und wusste, dass damit ganz bestimmt nicht meine Tante Lisbeth gemeint war, wäre es mir immer noch lieber gewesen, man hätte das Lied Augusteserenade genannt, denn das war meine liebste Tante.

Im letzten Sommer saßich in einem Gartenlokal beim Kaffee und betrachtete gedankenverloren die schöne Umgebung und meine neue Handtasche, die auf dem Tisch stand. Ich erfreute mich daran und las das kleine Firmenschildchen: Picard, das auf der Vorderseite angebracht war.

Ich las das französische Wort aber nicht mehr wie Picarr, sondern wie man den Namen nach der Schrift auf Deutsch liest und plötzlich bekam es eine völlig andere Bedeutung und die Erinnerung setzte schlagartig ein. Um das zu verdeutlichen muss ich etwas ausholen:

Ich bin der Lederwarenstadt Offenbach aufgewachsen. Sehr viele der Bewohner waren damals in der Lederwarenindustrie beschäftigt. Bekannte Marken wie Gold Pfeil und verschiedene bekannte Schuhmarken hatten hier ihren Ursprung.

In Offenbach und Umgebung gibt es auch viele Einwohner, deren Vorfahren Hugenotten waren und die deshalb einen französischen Familiennamen haben. Der Graf von Isenburg stellte den aus Frankreich geflohenen Hugenotten im 17. Jahrhundert im Landkreis Offenbach Land zu Verfügung und sie gründeten den Ort Neu-Isenburg. Die Flüchtlinge aus Frankreich hatten sich schnell integriert und die Gegend nahm wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten und Geschäftstüchtigkeit einen wirtschaftlichen Aufschwung. Es wurden aber nicht nur die Menschen integriert, auch ihre Sprache wurde gnadenlos dem hessischen Dialekt angepasst.

Die Portefeuiller (Feintäschner), wurden Bordefeller genannt. Und auch die französischen Namen wurden hessisch umgetauft. So wurde der Name Picard auf hessisch zum Biggard mit der Betonung auf der ersten Silbe.

Das war und ist eine große Lederwarenfabrik im Landkreis Offenbach. Wenn man die Leute nach ihrem Arbeitsplatz fragte, hörte man oft: Isch schaff beim Biggart. Oder andere: Isch fang beim Biggart aa. Einige meiner Schulkameradinnen begannen dort eine Lehre. Dieser Name und die Firma waren ein Begriff und in aller Munde, aber ich kann mich nicht erinnern den Namen auch gelesen zu haben.

Nachdem ich meine neue Tasche so träumerisch begutachtete, stellte ich plötzlich eine Verbindung zwischen Picard und Biggart her. Ich musste laut darüber lachen, dass mir erst nach fast 50 Jahren der Zusammenhang auffiel und dass ich nicht das neuste Handtaschenmodell aus Paris hatte, sondern nur eine Handtasche aus meiner alten Heimat. Trotzdem gefiel sie mir immer noch gut.