© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Kulturschock

Im Herbst 1978 siedelte ich mit Kind und Kegel und einem Koffer voller guter Ratschläge und Ermahnungen nach Norderstedt um, einer Stadt am nördlichen Stadtrand von Hamburg.

Mein Mann wohnte schon seit einiger Zeit in Hamburg und wir hatten lange Zeit eine Wochenendbeziehung. Dies wollten wir ändern, so zog ich mit Tochter Sabine aus dem tiefen Hessen in den hohen Norden.

Norderstedt wurde erst 1970 durch den Zusammenschluss von vier Gemeinden gegründet. Kein Wunder, dass noch keiner meiner Verwandten und Bekannten von dieser Stadt gehört hatte.

Für sie waren wir ab sofort Die Hamburger. Leider war damals das Image Hamburgs im Bewusstsein meiner Mitbürger nicht sehr gut. Man kannte nur den Hafen, St. Pauli und die Reeperbahn mit der dazugehörigen Kriminalität im Rotlichtmilieu. Man wusste auch zu berichten, dass es dort oben immer regnet, kaum Schnee fällt und ein starker Wind bläst. Es gab die Warnung und Ermahnung, nur nicht auf die schiefe Bahn zu kommen und vor allem sollte ich gut auf das Kind aufpassen.

Zum Glück wusste ich es von meinen vorangegangenen Besuchen besser. Ich konnte später alle, die aus der alten Heimat zu uns kamen und sehen wollten, wo wir denn gelandet waren, überzeugen, dass Hamburg eine wunderschöne Stadt ist. Inzwischen hat sich das auch bis jenseits des Weißwurstäquators herumgesprochen.Aber trotzdem… ich kam mir die erste Zeit manchmal vor wie im Ausland.

Ich kam in eine Stadt, in der das Abendblatt morgens kommt, die Altstadt Neustadt und die U-Bahn Hochbahn heißt und wo man auch mittags und abends moin sagt. Als die unbekannte Verkäuferin einer Bäckerei statt Auf Wiedersehen Tschüss zu mir sagte, fragte ich mich, ob ich mit der wohl zusammen zur Schule gegangen bin. In Hessen wurden zu dieser Zeit nur Duzfreunde so verabschiedet. Mit vielen fremden Wörtern und Redewendungen konnte ich nichts anfangen. Man machte sich einen Spaßdaraus, wenn ich bei Selbstverständlichkeiten wie Feudel (Putzlappen) fragte, was das sei. Ich war gewohnt, dass man auf danke bitte sagte. Hier hießes da nicht für - ja für was dann? Es gab aber selbsterklärende Worte, die mir gut gefallen haben, wie zum Beispiel bummelig für ungefähr.

Viel schlimmer war jedoch die richtige Fremdsprache: Plattdeutsch. Viele konnten augenblicklich von Hochdeutsch ins Plattdeutsche wechseln, und ich blieb außen vor, noch eine norddeutsche Redewendung. Inzwischen kann ich Plattdeutsch sehr gut verstehen, werde es aber sicher nie sprechen können.

Auch das Einkaufen brachte Probleme: Der Metzger war ein Schlachter, das Kotelett war eine Karbonade und viele bekannte Fleischstücke und Wurstsorten gab es einfach nicht, wie zum Beispiel Rippchen, Rindswurst oder Presskopf. Auch war es damals schwer, guten Wein zu bekommen. Vom gewohnten Apfelwein ganz zu schweigen. Das hat sich aber inzwischen alles geändert.

Was allerdings sehr angenehm war: Man konnte hier wunderbaren frischen Fisch kaufen. Hier erkannte man ein Fischgeschäft nicht schon von außen am Geruch, wie es zu Hause oft der Fall war. Es wurde da auch viel seltener Fisch gegessen, aber der Grund lässt sich nicht schwer erraten. Bei uns wurde der Speiseplan sofort umgestellt und es gab häufig frischen Fisch. Manchmal holten wir ihn vom Hamburger Fischmarkt, frisch direkt vom Kutter. Leider gibt es das heute nicht mehr.

Wie im Ausland probierten wir auch alle fremdartigen Gerichte auf der Speisekarte aus. Über Grünkohl und Aalsuppe bis zu Labskaus - das viel besser schmeckt als es aussieht - und Schwarzsauer - einmal und nie wieder - haben wir alles gegessen. Ein besonderer Genuss war und ist allerdings die original Hamburger Rote Grütze. Ich kannte dieses Dessert bisher nur als angerührtes Pulver von einem bekannten Backpulverhersteller.

Im Radio hörten wir für uns völlig ungewohnte Sendungen und Meldungen:

Am stärksten in Erinnerung ist mir der erste Jahreswechsel 1978/1979Lesen Sie auch: Schneekatastrophe 1978/79 von Renate Rubach in der neuen Heimat geblieben. Hamburg und ganz Norddeutschland versanken im Schnee. Wir hatten noch Weihnachtsferien und konnten aus dem Fenster unserer gemütlichen, warmen Wohnung mit ansehen, wie der Schneesturm alles zuwehte. Parkende Autos verschwanden vollkommen unter Schneewehen und der Verkehr brach komplett zusammen. Die Hamburger Stadtgrenze, wenige Meter von unserem Haus entfernt, war dicht. Pendler mussten in öffentlichen Einrichtungen am Stadtrand übernachten. Wir hörten ständig die Katastrophenmeldungen im Radio. Es wurde berichtet, dass ganze Dörfer völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab Versorgungsengpässe, und auch von Toten war die Rede. Als im neuen Jahr der Schneesturm aufhörte, schien die Sonne und es war herrliches Winterwetter. Aufgrund der noch unpassierbaren Straßen gab es ein Fahrverbot und auf der sonst stark befahrenen Bundesstraße waren Skilangläufer und Kinder mit Rodelschlitten unterwegs. Links und rechts auf den Bürgersteigen türmten sich meterhoch die Schneewände.

Meine Arbeitsstätte in Norderstedt konnten nur ganz wenige Mitarbeiter erreichen. Weil der Jahresabschluss anstand, machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Es war ein herrlicher, drei Kilometer langer Spaziergang mitten auf der Straße. Ich bedauerte nur, dass ich keine Langlaufski hatte, wie die meisten. Die Firma war sehr dankbar, dass doch ein paar Mitarbeiter den Weg gefunden hatten und zeigte sich entsprechend erkenntlich. Es gab ein kostenloses Frühstücksbüffet und ein Drei-Sterne-Mittagsmenü. Nach Beendigung des Fahrverbotes bekam jeder, der zur Arbeit gekommen war, noch einen Präsentkorb.

So viel zum Klischee, dass im Norden kaum Schnee fällt. Man versicherte mir jedoch, dass solche Schneemengen nur alle hundert Jahre einmal vorkommen. Die hundert Jahre waren aber schon nach sechs Wochen vorbei, denn schon im Februar 1979 brach die nächste Schneekatastrophe über Norddeutschland herein.

Aber auch der stärkste Winter geht vorüber und mit dem Frühling begannen wir an den Wochenenden unsere nähere Umgebung zu erkunden. Wir benahmen uns die erste Zeit wie Touristen und besuchten und besichtigten alle Orte, die in den Reiseführern aufgeführt sind. Auf der Ostseeautobahn standen wir oft stundenlang im Stau, um an das doch so nahe Meer zu gelangen.

Wir haben sicherlich mehr von Hamburg und der Region gesehen als viele Einheimische, die nach dem Motto: da können wir später auch noch hin oder das können wir ja immer noch machen verfahren.
Inzwischen lebe ich mehr als die Hälfte meines Lebens hier in Norderstedt und fühle mich wie eine Einheimische. Allerdings… ich könnte mir die neue Hamburger Hafencity doch mal genauer ansehen. Aber das kann ich ja immer noch machen.