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Schwulsein war (ist) nichts für Feiglinge

Aktuelle Nachricht in der Tagespresse: Hamburg hat jetzt, nach Wien und München, auch schwul-lesbische Ampelfiguren. Die erste dieser Vielfalt-Ampeln wurde von der zweiten Bürgermeisterin öffentlichkeitswirksam eingeweiht. Es soll ein Zeichen der Toleranz und WeltoffenheitAmpel…

 Wie niedlich…!
sein
. Wie niedlich…!

Nein, niedlich möchten erwachsene Menschen nicht sein. Aber wie haben sich die Zeiten geändert: Von der Zeit des Nationalsozialismus, in der schwule Männer, mit einem rosa Winkelrosa WinkelDer Rosa Winkel diente während der Zeit des Nationalsozialismus der Kennzeichnung von Häftlingen in den Konzentrationslagern, sofern sie aufgrund ihrer Homosexualität dorthin verschleppt worden waren. Die Stoffaufnäher mussten an der KZ-Häftlingskleidung auf der linken Brust getragen werden.Quelle: Lesen Sie den ganzen Artikel – Wikipedia.org[1] gezeichnet und für entartetes Verhalten als Volksfeinde in die Konzentrationslager gebracht wurden, bis heute, zu den gleichgeschlechtlichen Ampelpärchen.

Trotzdem ist immer noch keine Normalität eingekehrt. Während die sexuellen Gewohnheiten bei homosexuellenAnmerkung der Redaktion:
Homosexuell bezeichnet die sexuelle Orientierung zum gleichen Geschlecht. Was bei heterosexuellen Menschen als Tabu gilt, nämlich auf sexuellen Gewohnheiten angesprochen oder gar darauf reduziert zu werden, wird bei schwulen Menschen als Selbstverständlichkeit hingenommen. So wird oft gesagt: Der ist ganz nett, aber er ist schwul. Oder: Der Bürgermeister, Außenminister, Rechtsanwalt oder Bäcker ist schwul, aber er macht gute/schlechte Arbeit. Oder als Zitat aus der Zeit-Online: Corny Littmann: Mehr als ein schwuler FußballpräsidentM.B.
[2] Menschen oft hervorgehoben werden, scheinen sie bei Heterosexuellen nicht erwähnenswert zu sein.

Der seit 1872 bestehende Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 gestrichen. Dieser Paragraf öffnete Denunzianten und Erpressern Tür und Tor. Ich erinnere mich an den Fall eines hohen deutschen NATO-GeneralsDie Kießling-Affäre war eine Kontroverse im Jahr 1984 um die vorzeitige Verabschiedung des bundesdeutschen Vier-Sterne-Generals und damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling (1925-2009), dem Erpressbarkeit wegen seiner angeblichen Homosexualität vorgeworfen wurde. Nach Entkräftung der Vorwürfe wurde Kießling wieder in Dienst genommen und schließlich ehrenhaft entlassen.Quelle: Lesen Sie den ganzen Artikel – Wikipedia.org[3] der nur wegen des Verdachts der Homosexualität aus dem Amt scheiden musste. Dieser Verdacht stellte sich im Nachhinein als falsch heraus, aber die Karriere war zerstört.

Um einmal zu veranschaulichen, was es heißt schwul zu sein, erzähle ich hier die Geschichte eines guten Freundes aus frühen Kindertagen. Er macht aus seinem Schwulsein kein Geheimnis, trägt es aber auch nicht als Fahne vor sich her. Da es um Toleranz und Weltoffenheit ‒ außerhalb der politischen Korrektheit ‒ bei uns immer noch nicht zum Besten steht, vermeide ich seinen richtigen Namen und nenne ihn einfach Klaus. Er hat sein Einverständnis zur Veröffentlichung seiner Geschichte gegeben.

floral

Klaus und ich verstanden uns gut und spielten als Kinder befreundeter Elternpaare oft zusammen. Er war aber als Kind immer ein Einzelgänger und stand auf dem Schulhof oft allein.

Später, in der Pubertät, bemerkte ich, dass Klaus besonderen Wert auf Kleidung legte. Was eigentlich ein Privileg von uns Mädchen war.

Eines Tages, es war Anfang der 1960er Jahre, Klaus war etwa 16 Jahre alt, kam seine Mutter völlig aufgelöst zu uns. Sie weinte und konnte vor Schmerz kaum sprechen. Der Klaus…, der Klaus…, stammelte sie nur.

Wir waren uns sicher, der Klaus war tot. Als sie sich endlich gefangen hatte, berichtete sie, dass ihr Sohn ihr gebeichtet hatte, dass er schwul sei. Meine Güte, deshalb macht sie so einen Aufstand dachte ich das hat er sich bestimmt nicht ausgesucht, die Hauptsache, er wird glücklich.

Der Vater von Klaus war ein stockkonservativer, cholerischer Familientyrann. Die Mutter wollte das Familiengeheimnis verschweigen, aber sie konnte dieses furchtbare Wissen nicht für sich behalten und erzählte eines Abends alles ihrem Mann. Dieser bekam einen fürchterlichen Wutanfall. Es war mit seinem Selbstverständnis als Mann nicht zu vereinbaren, einen schwulen Sohn zu haben. Mein Sohn ist eine Schwuchtel? Dann habe ich keinen Sohn mehr! Er stürmte die Treppen hinauf in das Zimmer von Klaus. Dieser lag schon im Bett und schlief. Der Vater riss ihn aus dem Bett und zerrte ihn die Treppen hinunter, öffnete die Haustür und warf den minderjährigen Jungen, so wie er war, im Schlafanzug auf die Straße in eine kalte, verregnete Novembernacht.

Klaus blieb mehrere Wochen verschwunden. Zu mir hielt er losen Telefonkontakt. Er bat mich, dass ich in einem frei zugänglichen Kellerraum einen Koffer mit Wechselkleidung für ihn hinterlegen solle.

Ich bemerkte, dass er sich auch an dem Koffer bediente, aber er wollte auf keinen Fall ein Treffen mit mir und gab auch seinen Aufenthaltsort nicht preis.
Inzwischen gab es in der Familie großen Streit. Die Mutter wollte sich von dem Vater trennen, weil er ihr einziges Kind so herzlos behandelte. Der Vater lenkte dann insoweit ein, dass der Junge wieder nach Hause kommen durfte, aber er ignorierte seinen Sohn in Zukunft vollkommen. Er behandelte ihn wie Luft und sah durch ihn hindurch.

Damals wurde man erst mit 21 Jahren volljährig, es blieben also noch fünf Jahre bis zur Unabhängigkeit von den Eltern.

Nach der Rückkehr des Sohnes konnte sich die Mutter aber immer noch nicht damit abfinden, dass er homosexuell, sie nannte es vom anderen Ufer, war. Sie schleppte ihn zu Ärzten und Psychologen, weil sie der festen Überzeugung war, dass es eine Krankheit ist und er davon geheilt werden könne. Übrigens müssen die Mediziner der gleichen Ansicht gewesen sein, denn sonst hätten sie den Patient erst gar nicht angenommen.

Die Mutter und auch der Rest der Verwandtschaft lagen Klaus ständig in den Ohren mit Sprüchen: Was sollen denn die Leute von uns denken, wenn das jemand erfährt, Was tust du uns nur an, Du machst nie beruflich Karriere, wenn das herauskommt.

Klaus war dadurch so zermürbt, dass er der Mutter und der gesellschaftlichen Norm zuliebe mit Anfang zwanzig heiratete. Ich war Trauzeuge bei dieser Veranstaltung. Die Familie war zufrieden, dass er nun nach außen als normal galt. Klaus spielte seiner Braut gegenüber mit offenen Karten. Die Frau war schwanger und der Vater des Kindes hatte sie vor der Heirat verlassen, was nach den damals gesellschaftlichen Maßstäben auch anstößig war (für die Frau!). Sie verzichtete Klaus gegenüber auf Unterhaltsansprüche für das jetzt als ehelich geborene Kind, das nun nicht als Bankert tituliert werden konnte, wie man hinter vorgehaltener Hand immer noch unehelich geborene Kinder nannte. Die Scheidung wurde nach einem Jahr ausgesprochen. So war diese Scheinehe für beide Parteien eine Win-Win-Situation, und den kleinbürgerlichen Wertvorstellungen war Genüge getan.

Klaus machte Karriere und wechselte häufig seinen Wohnsitz im In- und Ausland. Wir sahen uns aber immer wieder und telefonierten oft. Mehrere Male versuchte ich ihn zu trösten, weil er mal wieder einen Freund durch AIDS verloren hatte. Einige hat er bis zum Schluss begleitet. Mehr noch als die Krankheit regte ihn das Verhalten der Umwelt auf. Es gab Eltern, die ihr Kind aufgrund der Homosexualität noch bis in den Tod ablehnten.

Zum Glück ist AIDS durch intensive Aufklärung in unseren Breiten zurückgegangen und durch den medizinischen Fortschritt nicht mehr in jedem Fall tödlich. In Afrika sieht es leider völlig anders aus.

Im Frühjahr 2001 bekamen mein Mann und ich eine Einladung von Klaus: Zu einem ganz besonderen Ereignis. Es war eine Einladung zur Hochzeit mit seinem langjährigen Lebensgefährten.

Klaus wohnte damals in den Niederlanden. Dort sind die Gesetze zur Homosexualität wesentlich liberaler als im restlichen Europa. Als weltweit erstes Land führten sie die standesamtliche Ehe für Homosexuelle ein.

Wir fuhren also nach Maastricht, wo die Trauung im altehrwürdigen Rathaus (Stadhuis) stattfand. Es war eine sehr kultivierte Zeremonie in einer äußerst stilvollen Umgebung. Die anschließende Feier mit vielen Gästen fand in einem Hotel in der Nähe des Rathauses statt. Sie unterschied sich in nichts von anderen Hochzeiten, die ich schon erlebt habe. Die Gäste waren angenehme Menschen, Schwule, Lesben und Heteros. Nichteingeweihte konnten nicht erkennen, zu welchem Lager ihr Gegenüber gehörte.

Nichts von dem, was als Klischee über Homosexuelle in den Medien verbreitet wird und sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt hat, war hier zu sehen. Sicher gibt es auch solche, die das Klischee gerne bedienen und wie allgemein üblich wird über die, die am lautesten, schrillsten sind und die am meisten provozieren mehr berichtet als über die Mehrheit der Uninteressanten. Das betrifft aber alle Gesellschaftsbereiche. Eines fiel mir im Laufe der Jahre der Bekanntschaft mit verschiedenen Homosexuellen doch auf: Diese Menschen sind beruflich häufig selbstständig und erfolgreich. Ist es die Angst, als Angestellter am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden? Oder um es den Normalen zu beweisen, dass sie mindestens genauso gut sind wie sie?

Klaus genießt nun das Rentnerdasein, sein Partner hat eine gutgehende Rechtsanwaltskanzlei. Die Ehe besteht immer noch. Die beiden wohnen nun wieder in Deutschland, wo die in Maastricht geschlossene Ehe nicht anerkannt wird, was ihnen aber ziemlich egal ist, denn sie hatten ja ihre schöne Trauung.

Wir besuchen uns gegenseitig einmal im Jahr und bei meinen Aufenthalten kann ich beobachten: Die beiden leben glücklich zusammen und streiten sich über die gleichen Dinge wie Paare in einer Hetero-Ehe und es fallen Sätze wie: Immer muss ich hinter dir herräumen, Kannst du nicht mal pünktlich sein, Rauch‘ nicht so viel. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sie bei Schicksalsschlägen für einander einstehen, so wie man es auch bei einer guten Ehe erwartet.

Klaus und sein Mann sowie alle andere Homosexuelle können heute ohne offizielle Repressalien leben. In der Gesellschaft gibt es aber immer noch häufig eine ablehnende Haltung. Ob hier die AmpelpärchenAmpel…Anmerkung der Redaktion:
Bestimmt nicht! Sondern sogar konterkarierend, weil die ständige Heraushebung dieses Themas aus dem Alltäglichen als neue Diskriminierung immer wieder unnötig hochgekocht wird. Ampelzeichen sind reine Verkehrszeichen und sonst nichts. Sie sollen lediglich symbolisiert anzeigen, dass ein Mensch (d.h. jedes Exemplar der Spezies Homo sapiens) hier überqueren darf. Bei schwul-lesbischen Zeichen, die nur für eine spezielle Gruppe von Menschen stehen, bin ich nicht gemeint und darf nicht überqueren, andernfalls hätte ich einem strafbewehrten Gesetz zuwidergehandelt.G.M.
[4] wirklich hilfreich sind, um dies zu ändern?

[1] Der Rosa Winkel diente während der Zeit des Nationalsozialismus der Kennzeichnung von Häftlingen in den Konzentrationslagern, sofern sie aufgrund ihrer Homosexualität dorthin verschleppt worden waren. Die Stoffaufnäher mussten an der KZ-Häftlingskleidung auf der linken Brust getragen werden.
Quelle: Lesen Sie den ganzen Artikel – Wikipedia.org (https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Winkel)

[2] Anmerkung der Redaktion:
Homosexuell bezeichnet die sexuelle Orientierung zum gleichen Geschlecht. Was bei heterosexuellen Menschen als Tabu gilt, nämlich auf sexuellen Gewohnheiten angesprochen oder gar darauf reduziert zu werden, wird bei schwulen Menschen als Selbstverständlichkeit hingenommen. So wird oft gesagt: Der ist ganz nett, aber er ist schwul. Oder: Der Bürgermeister, Außenminister, Rechtsanwalt oder Bäcker ist schwul, aber er macht gute/schlechte Arbeit. Oder als Zitat aus der Zeit-Online: Corny Littmann: Mehr als ein schwuler Fußballpräsident (M.B.)

[3] Die Kießling-Affäre war eine Kontroverse im Jahr 1984 um die vorzeitige Verabschiedung des bundesdeutschen Vier-Sterne-Generals und damaligen stellvertretenden NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling (1925-2009), dem Erpressbarkeit wegen seiner angeblichen Homosexualität vorgeworfen wurde. Nach Entkräftung der Vorwürfe wurde Kießling wieder in Dienst genommen und schließlich ehrenhaft entlassen.
Quelle: Lesen Sie den ganzen Artikel – Wikipedia.org (https://de.wikipedia.org/wiki/Kie%C3%9Fling-Aff%C3%A4re)

[4] Anmerkung der Redaktion:
Bestimmt nicht! Sondern sogar konterkarierend, weil die ständige Heraushebung dieses Themas aus dem Alltäglichen als neue Diskriminierung immer wieder unnötig hochgekocht wird. Ampelzeichen sind reine Verkehrszeichen und sonst nichts. Sie sollen lediglich symbolisiert anzeigen, dass ein Mensch (d.h. jedes Exemplar der Spezies Homo sapiens) hier überqueren darf. Bei schwul-lesbischen Zeichen, die nur für eine spezielle Gruppe von Menschen stehen, bin ich nicht gemeint und darf nicht überqueren, andernfalls hätte ich einem strafbewehrten Gesetz zuwidergehandelt. (G.M.)