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Mein kleiner grüner Fiat

Kurz nach meinem 18. Geburtstag im Jahr 1964, habe ich geheiratet. Eine so frühe Ehe war damals durchaus üblich, denn ein Auszug aus dem Elternhaus war für ledige Frauen sonst kaum möglich. Einfach erstmal nur zusammen wohnen war aufgrund des immer noch geltenden Kuppeleiparagrafen, der Hotel- oder Wohnungsvermietung an unverheiratete Paare unter Strafe stellte, unmöglich. Er wurde erst 1973 entscheidend abgemildert. Die 68er mit ihren Ideen von freier Liebe waren auch noch in weiter Ferne, in denen Wohngemeinschaften (WG’s) gebildet und gesellschaftsfähig wurden.

Die Eltern mussten ihre Zustimmung zur Heirat geben, denn volljährig war man erst mit 21 Jahren. Mein Mann hatte bereits diese Altersgrenze überschritten und meine Eltern gaben gerne ihre Zustimmung, denn ich hatte, wie sie dachten, das ganz große Glück gefunden. Manchmal wurde die Zustimmung der Eltern auch durch eine Schwangerschaft erzwungen, ein Mittel, auf das wir nicht zurückgreifen mussten. Meine Schwiegereltern waren recht wohlhabend und konnten uns jungem Ehepaar eine vollständig eingerichtete Wohnung zur Verfügung stellen. Dass diese Einrichtung zwar teuer, aber den Geschmack der schon betagten Eltern meines Mannes widerspiegelte, fand er in Ordnung und ich nahm es schweigend zur Kenntnis. Man(n) muss ja dankbar sein.

Zur Hochzeit bekamen wir ein Auto geschenkt. Nach den damaligen Begriffen ein Traumauto, eine gebrauchte Borgward IsabellaDie Borgward-Story – jetzt lesen…. Hier hatte mein Mann auch ein Mitspracherecht, während ich als Frau nicht gefragt wurde. Das Auto war Männersache. Es war aber wirklich ein schöner Wagen. Weinrot mit Weißwandreifen und einer Blumenvase am Armaturenbrett.

Ich machte auch gleich meinen Führerschein und durfte sonntags mal kurze Strecken fahren, aber nur, wenn mein Ehemann daneben saß. Dass ich mir dabei keine Fahrpraxis aneignen konnte, versteht sich von selbst. Prompt verursachte ich bei meiner ersten Alleinfahrt einen kleineren Blechschaden. Das Ergebnis war, dass ich in Zukunft nur noch auf dem Beifahrersitz Platz nehmen durfte.

In den ersten Ehejahren waren wir beide berufstätig. Mein Mann fuhr die knapp zwei Kilometer zu seiner Arbeitsstätte mit dem Auto, ich fuhr mit dem Bahnbus zu meiner 10 km entfernten Firma.

Das ging eine ganze Weile gut. Dann wurde in der Nähe meiner Firma ein neues Industriegebiet erschlossen und es entstand eine riesige Baustelle. Meinen Arbeitsweg im Bus teilte ich jetzt mit vielen Bauarbeitern aus Südeuropa. Diese waren in erbärmlichen Gastarbeiter-Behausungen untergebracht, in denen wohl wenig Wert auf die sanitären Einrichtungen gelegt wurde. Kurzum: Es stank frühmorgens im Bus nicht nur nach Knoblauch. Ich kam häufig morgens zur Arbeit und mir war speiübel.

Dem musste ein Ende gemacht werden. Ich brauchte ein eigenes Auto, mit dem ich ohne Geruchsbelästigung zur Arbeit kommen konnte. Dass ich nicht mit der Isabella fahren konnte, war klar. Ein kleines Auto genügte ja für mich.
Also bekam ich einen kleinen Fiat 500. Es war hellgrün und hatte ein schwarzes Faltschiebedach und natürlich auch Weißwandreifen wie sein großer Bruder in der Familiengarage. Im Gegensatz zu anderen Kleinstfahrzeugen, die es damals gab (BMW-Isetta, Messerschmitt- Kabinenroller), sah mein Fiat wie ein richtiges Auto, oder besser gesagt, wie ein Miniaturauto aus. Die Rücksitze wurden ausgebaut, damit er auch etwas Ladefläche hatte und die Einkäufe besser verstaut werden konnten. Ein Wocheneinkauf für zwei Personen und eine Kiste Bier passten gut hinein.

Auf meinem Weg zur Arbeit musste ich eine Autobahnbrücke überqueren. Wenn ich vom Höhepunkt der Brücke mit Vollgas abwärts fuhr und Rückenwind hatte, zeigte der Tacho meines kleinen Autos fast 100 km/h an.

Meine Arbeitskollegin hatte sich so in mein Auto verliebt, dass sie genau das gleiche haben wollte. Zusätzlich zur Familienkutsche bekam sie auch einen Fiat 500, aber in hellblau. Ihr Mann machte sich einen Spaß daraus, hin und wieder damit zu fahren. Das konnte er aber nur bei schönem Wetter, denn da er ziemlich groß war, musste er das Schiebedach öffnen, um darin sitzen zu können. Beim Fahren flatterten seine schwarzen Haare aus dem Autodach heraus, sehr zur Belustigung der Passanten.

Als etwas später meine Tochter zur Welt kam, gab ich meine Berufstätigkeit vorübergehend auf. Wir hatten einen Dauercampingplatz mit Wohnwagen an einem ca. 30 km entfernten See im Spessart, wo wir häufig die Wochenenden verbrachten. Dorthin fuhr ich jetzt auch wochentags mit meinem kleinen Autochen, meine Tante saß auf dem Beifahrersitz und hatte das Baby auf dem Schoß. Sicherheitsgurte und Babysitze waren noch unbekannt. Wenn ich an einer Ampel neben einem LKW stand und aus dem Seitenfenster sah, konnte ich nur die Reifen sehen. Auf den Gedanken, dass es gefährlich und unverantwortlich war, mit einem Baby in einem Mini-Fahrzeug ohne jede Knautschzone und Sicherheitseinrichtungen zu fahren, kam niemand. Das große und wohl besser geeignete Auto stand währenddessen den ganzen Tag gut und sicher auf dem Firmenparklatz meines Mannes.

Es war keine böse Absicht, sondern zu dieser Zeit war die Auffassung weit verbreitet, dass allein der Mann über das Auto verfügen darf. Frauen mussten, obwohl ein Fahrzeug vorhanden war, für die täglichen Einkäufe, Arzt- und Behördengänge öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Dies war mit Kinderwagen, Kleinkindern und Einkaufstaschen oft recht beschwerlich, aber es wurde als selbstverständlich hingenommen. Ich war da schon privilegiert, dass ich einen Führerschein und ein eigenes Auto hatte.

Heute sehe ich die jungen Frauen ihren Nachwuchs täglich zum Kindergarten, zur Schule, zum Sportverein und zu allen möglichen Lokalitäten mit dem Pkw kutschieren. Wenn es das Einkommen zulässt, bevorzugt mit großen Geländewagen (SUV), während die Männer immer häufiger, um Elan und Sportlichkeit zu demonstrieren, das Fahrrad benutzen.

Mein kleiner grüner Fiat war das erste Fahrzeug, bei dem mein Name im Kraftfahrzeugbrief stand. Obwohl ein Auto für mich noch nie ein Statussymbol war, sondern nur ein Gebrauchsgegenstand, der mich zuverlässig von A nach B bringen soll – dieses Auto habe ich geliebt.

Als es später verkauft wurde und einem richtigen Auto Platz machte, habe ich heimlich ein paar Tränen verdrückt. Und noch heute, wenn ich einen Original-Fiat 500 aus den 1960er Jahren sehe, regen sich fast mütterliche Gefühle in mir.