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Die Kopftuchsiedlung

Ende der 1950er Jahre wagte mein Stiefvater als Alleinverdiener mit drei Kindern das Abenteuer, ein eigenes Haus zu bauen. Er hatte einen guten und sicheren Arbeitsplatz und bekam als Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft eine günstige Hypothek. Bei der Finanzierung wurde auch viel Eigenleistung eingerechnet.

Das Grundstück lag vor den Toren der Stadt in einer neu erschlossenen Siedlung. Diese Siedlung hatte anfangs keinen guten Ruf und hieß bei den Einheimischen nur Die Kopftuchsiedlung. Nein, nicht weil dort so viele Muslime wohnten – die kannte ich zu dieser Zeit nur aus Büchernz.B. Karl May's Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah – sondern, weil dort überwiegend deutsche Flüchtlinge ihr erstes EigenheimLesen Sie auch meine Geschichte Garten? – Nein Danke! in Selbsthilfe bauten. Die Frauen trugen bei der Arbeit meistens Kopftücher, daher der Name. Die Straßen dieser Siedlung hießen: Sudeten-, Pommern-, Schlesier- und Ostpreußenstraße.

Dass so viele Flüchtlinge gleichzeitig bauen konnten, erweckte den Neid mancher Einheimischen, die noch keine angemessene Wohnung finden konnten, auch wenn der Zweite Weltkrieg bereits über zehn Jahre vorbei war. Sie schimpften über die Habenichtse, die herkamen und gleich bauen konnten, während sie selbst gar nicht an die eigenen vier Wände denken konnten.

Dass wir nun in die Kopftuchsiedlung ziehen wollten, wurde mit Häme und Neid verfolgt.

In dieser Siedlung bekamen meine Eltern und andere Spätheimkehrer günstige Grundstücke, worauf sie ihre Reihenhäuser bauten. Es waren jeweils fünf Häuser in einer Einheit.

Da die Eigenleistung fest eingerechnet war, wurde vereinbart, dass alle fünf Bauherren gleichzeitig an einem Bauabschnitt arbeiten, auch bei den Innenarbeiten, und die Häuser gemeinsam fertiggestellt würden. Die Häuslebauer waren nun jeden Tag nach Feierabend und jedes Wochenende am Bau. Einer von ihnen war Maurerpolier und hatte das Sagen, die anderen fungierten als Hilfskräfte. Es stellte sich jedoch heraus, dass mein Stiefvater handwerklich völlig unbegabt und nicht wirklich eine Hilfe war. Das gab böses Blut, weil ja die anderen seine Arbeit mitmachen mussten.

Nachdem er sich mit gutem Willen aber wenig Erfolg ein paar Wochen als Bauhilfsarbeiter abgemüht hatte, suchte er nach einer anderen Lösung. Da mein Stiefvater jedoch in seinem Beruf recht erfolgreich war und gut verdiente, arbeitete er daraufhin von Montag bis Samstag bis in die Nacht in seiner Firma. Für den Mehrverdienst bezahlte er einen Maurer, der seine Arbeit übernahm. Sonntags ging er auch noch selbst auf den Bau und machte die Arbeiten, die er mit seinen zwei linken Händen machen konnte.

Alle waren jetzt zufrieden, bis auf meine Mutter. Wenn ihr Mann Freitagsabends den Wochenlohn nach Hause brachte, stand schon die Frau des Maurers vor unserer Tür, um den Lohn ihres Mannes zu kassieren. Sie kam immer elegant und nach der neuesten Mode gekleidet, trank mit meiner Mutter eine Tasse Kaffee und erzählte von ihrem Italienurlaub. Dann ging sie mit dem Großteil des Lohnes meines Stiefvaters nach Hause. Meine Mutter konnte sich in dieser Zeit nur das Nötigste leisten und ich bekam auch nur das, was unbedingt notwendig und praktisch war. Die kleinen Geschwister bekamen von den Geldsorgen noch nichts mit.

Wenn mein Stiefvater am Sonntag auf dem Bau war, musste ich ihm immer das Mittagessen bringen. Das warme Essen füllte meine Mutter in einen zweistöckigen Essentender. Ich fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation am Stadtrand, dann musste ich noch einen knappen Kilometer bis zur Baustelle laufen. Der Weg führte auf einem Feldweg entlang einer wunderschönen großen Wiese, wie ich sie nie wieder sah, mit hohem Gras, zwischen dem Margeriten, Klatschmohn, Glockenblumen und viele andere Wiesenblumen wuchsen. Als ich endlich auf der Baustelle ankam, war das Essen kalt, aber mein Stiefvater bestand auf einem warmen Sonntagsessen, auch wenn es kalt war, denn er wollte keine belegten Brote wie die Anderen. Auf dem Rückweg pflückte ich noch einen bunten Blumenstrauß auf der Wiese, um meiner Mutter eine Freude zu machen.

Nach über einem Jahr Bauzeit konnten wir endlich einziehen. Das war für alle eine große Umstellung. Ich bekam mein lang ersehntes eigenes Zimmer und wir hatten jetzt ein großes Bad und einen Garten, der im Gegensatz zu einem heutigen Reihenhaus recht groß war.

Um Kosten zu sparen, waren bei der Bauplanung leider nur altmodische Kohleöfen statt einer Zentralheizung vorgesehen. Wir hatten zuvor zwar auch Ofenheizung, aber ein ganzes Haus so zu beheizen ist etwas anderes als nur eine kleine Wohnung warm zu bekommen. Auch der Badespeicherofen funktionierte nur mit Kohlen und man musste ihn eine Stunde vor dem Baden anfeuern. Der Inhalt reichte aber gerade für ein Vollbad und bis der Nächste baden konnte, dauerte es wieder eine ganze Weile. Die wassersparenden Duschen waren noch nicht üblich. Man kann sich vorstellen, dass nicht jeder Tag ein Badetag war.

Wir mussten also gleich nach dem Einzug Kohlen und Briketts bestellen. Die Briketts wurden bei der Lieferung einfach in den Kohlenkeller geschüttet. Meine Mutter und ich schichteten sie dann einzeln die Kellerwand hoch. Wir sahen danach aus wie Bergleute nach der Schicht. Nach zwei Wintern mit der lästigen Kohlefeuerung wurde nachträglich mit großem Aufwand eine Zentralheizung mit Warmwasserversorgung eingebaut. Im Kohlenkeller stand nun der Öltank. Das Ganze kam wesentlich teurer, als wenn es von Anfang an geplant und eingebaut worden wäre.

Während wir vorher im Zentrum der Stadt wohnten, waren wir jetzt weit außerhalb und die Wege zur Schule und den Geschäften waren ziemlich weit. Der Kontakt zu den Nachbarn war auch eingeschränkt, denn die Flüchtlinge der Kopftuchsiedlung blieben lieber unter sich. Unser Kontakt beschränkte sich auf die Spätheimkehrer-Kollegen meines Stiefvaters, unsere Hausnachbarn. Die Verkehrsanbindung war auch noch nicht besser. Ich bekam aber endlich ein Fahrrad, mit dem ich zur Schule fahren konnte. Damit wurden auch die Kosten für die Straßenbahn gespart.

Doch schon bald änderte sich die Infrastruktur unserer Siedlung. Die Straßenbahnverbindung wurde bis zu uns verlängert. Es wurden Mehrfamilienhäuser gebaut, in die auch andere Einheimische zogen. Es gab kleine Geschäfte, eine Gaststätte, einen Kiosk, und später wurde auch eine Schule gebaut.

Heute wohnen in unserem Haus schon lange andere Menschen, es gibt keine Straßenbahn mehr, auf meiner wunderschönen Wiese wurde die europäische Zentrale eines großen japanischen Auto- und Motorradherstellers gebaut, der Feldweg, auf dem ich mit meinem Essentender lief, ist eine vierspurige Straße und auf der gegenüberliegenden Seite stehen Hochhäuser mit bis zu zwanzig Geschossen.

Den Namen Kopftuchsiedlung kennt heute kaum noch jemand. Er hätte jetzt sicher auch eine andere Bedeutung.