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Karneval, Fastnacht, Fasching

Ich saß mucksmäuschenstill unter dem Tisch und hoffte, dass ich nicht entdeckt und ins Bett geschickt werde. Nur Oma wusste Bescheid. Tanten, Onkel und Nachbarn saßen um den Tisch und hörten aus dem alten Volksempfänger die Rundfunkübertragung der Mainzer Karnevalssitzung. Das war lange vor der ersten Fernsehübertragung. Wenn Musik gespielt wurde, sangen alle laut mit und bei einer Rede, die immer mit einem Tusch unterbrochen wurde, mussten alle ganz leise sein. Ich verstand nicht, um was es ging, aber zwischendurch wurde immer das gleiche Lied – es war der Narrhallamarsch – mit folgendem Nonsens-Text gesungen: Ritz am Baa, Ritz am Baa, morje fängt die Fassnacht aa. Leider durfte ich den Text nicht mitsingen, denn sonst hätte ich mich verraten. Oben am Tisch tranken die Erwachsenen Bier, Wein und Eierlikör. Und ich? Mir schob Oma unter der Tischdecke heimlich ihr ausgetrunkenes Likörschälchen zu, damit ich den Rest auslecken konnte. Dann sang Ernst Neger das Lied Heile, heile Gänschen. Ach ist das schön sagte Oma und: Gib mir doch bitte noch ein Likörchen, so bekam ich auch bald wieder Nachschub. Zum Schluss sangen die Mainzer Hofsänger: So ein Tag, so wunderschön wie heute und die Erwachsenen schenkten sich noch ein Glas zum Abschluss ein. Als dann alle zum Aufbruch an der Tür standen, schaffte ich es noch, unbemerkt das letzte Likörglas wie zuvor von den Resten zu befreien. Später erzählte man mir, dass ich immer wieder fragte. Wann feiern wir wieder Ritz am Baa?.

Das sind meine allerersten Eindrücke, die ich an Fastnacht habe. So wuchs ich langsam in diese Tradition hinein und es war auch kaum möglich, sich der Fünften Jahreszeit, dem Karneval, zu entziehen. Er war eine feste Größe im Jahreskalender wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstag. Fastnacht sagen wir in Hessen, im Süden heißt es Fasching und im hohen Norden ist Karneval ein lateinisches Fremdwort.

Schon im Kindergarten wurde, kurz nachdem das neue Jahr begann, Fastnacht gefeiert und wir konnten uns aus dem Fundus unserer Kindergartentanten nach Herzenslust verkleiden und anmalen. Der Schulunterricht war an den tollen Tagen (Donnerstag bis Fastnachtdienstag) mehr Spaß als Unterricht und am Rosenmontag war die große Schul-Fastnachtsfeier.

Ich ging jedes Jahr mit meiner Mutter und später mit meinem kleinen Bruder zur Kindersitzung. Diese fand im großen Festsaal der Messehalle statt und wurde von Kindern für Kinder gemacht. Alle mussten kostümiert erscheinen und sowohl wir Kleinen, als auch die erwachsenen Begleitpersonen hatten großen Spaß. Man sagte, es wäre hier mehr Stimmung als auf den Karnevalssitzungen der Großen. Ich kann das allerdings nicht bestätigen, denn ich habe als Erwachsene nie eine Sitzung besucht.

Dafür war ich öfter auf Fastnachtsbällen. Die Sportvereine wetteiferten miteinander, wer den schönsten Maskenball ausrichtete. Den ersten Platz belegte aber immer die Werkkunstschule (heute Kunsthochschule), in deren Räumen der Zinnoberball stattfand. Die Studenten ließen schon Wochen vorher bei der Umgestaltung der Schule ihrer Kreativität freien Lauf, was als praktischer Teil ihrer Ausbildung gewertet wurde. Das waren aber alles keine Masken- sondern Kostümbälle. Einmal konnte ich jedoch einen echten Maskenball mitmachen: Weit draußen auf dem Lande, mindestens zehn Kilometer entfernt. Ohne Gesichtsmaske war dort kein Zutritt. Viele kamen gruppenweise im gleichen Kostüm. Bevorzugt waren Haremsdamen und voll verschleierte Araberinnen, die zu dieser Zeit noch als exotisch galten. Also Verkleidungen, bei denen auch die Figur nicht zu erkennen war. Ich konnte mir kurzfristig keine karnevalistische Vollmaskerade zulegen und trug deshalb mein Kostüm aus dem Vorjahr, das dem Modestil der 1920er Jahre nachempfunden war, dazu eine venezianische Augenmaske mit Schleier. Gleich nach der Ankunft wurde mein Partner von einer Gruppe Frauen mit Hexenmasken und bunten Lumpenumhängen abgeschleppt. Ich tanzte mit mehreren Mitgliedern der Ku-Klux-Klan-Verbrecherbande. Hier wurden sicher viele Bettlaken zweckentfremdet. Um Mitternacht kam die Stunde der Wahrheit mit Demaskierung und der Prämierung der besten Masken. Jeder musste einzeln auf ein Treppchen steigen und die Maske abnehmen. Tusch. Nun konnte man sehen, mit wem man die letzten Stunden verbracht hatte. Na ja –. Anschließend verbrachten die Paare wieder gemeinsam den Rest der Ballnacht. Jedenfalls die Meisten.

Die Geschäfte waren während der Tollen Tage mit Girlanden und Luftschlangen geschmückt und es wurde Karnevalsmusik gespielt. Jeder im öffentlichen Raum hatte zumindest ein Hütchen auf oder sich eine rote Nase angemalt. Wer nicht mitmachte, war ein Außenseiter.

Das typische Karnevalsgebäck waren Kreppel, die im Süden Krapfen, im Norden Berliner und in Berlin Pfannkuchen heißen. Sie wurden damals bei uns ausschließlich zu Silvester und im Karneval gebacken. Heute gibt es sie das ganze Jahr über.

Obwohl der Rosenmontag kein gesetzlicher Feiertag ist, sind viele Firmen an diesem Tag geschlossen. Unternehmen, die das ändern wollen, sind machtlos, denn es besteht meistens seit Jahren und Jahrzehnten eine betriebliche Übung (eine Art Gewohnheitsrecht), die nicht einseitig aufgehoben werden kann. Aber auch in Betrieben, die nicht geschlossen haben, wird nicht wirklich gearbeitet.

Auch wenn in der Karnevalszeit vieles lässiger angegangen wird, eine feste Regel gibt es doch: Genau wie es im Karnevalsschlager heißt: Am Aschermittwoch ist alles vorbei, ist dann alles zu Ende. Aber wirklich alles! Nur eine einzige Ausnahme gibt es: Die in der Gastronomie Beschäftigten, die während der ganzen Karnevalssession arbeiten mussten und nicht mitfeiern konnten, hatten noch ihren großen Ball.

Beim Fastnachtskehraus am Dienstag wurde bis kurz vor Mitternacht noch ausgelassen gefeiert, dann ging das Licht aus, die Musik verstummte und die Gongschläge einer Uhr waren zu hören. Mit dem zwölften Schlag ging das Licht wieder an und ein Trauermarsch wurde gespielt. Dann trug die Karnevalsgarde einen offenen Sarg, in dem die Fastnacht in Form einer Strohpuppe lag, in den Saal. Unter herzzerreißendem Schluchzen, hu, hu, hu, wurde die Fastnacht beerdigt. Dann war Schluss! Meistens. Jedenfalls manchmal.

Vor fast vierzig Jahren zog ich vom südlichen Hessen in den Raum Hamburg. Ich fühlte mich hier von Anfang an wohl und Heimweh war mir eigentlich fremd. Mir war schon bekannt, dass im protestantischen Norden Fastnacht kaum eine Rolle spielt, denn die Tradition des Karnevals findet vorwiegend in katholischen Regionen statt. Als ich den ersten Rosenmontag hier erlebte und sich dieser Tag in nichts von anderen Tagen unterschied, hatte ich dann doch einen dicken Kloß im Hals. Um es etwas zu verdeutlichen: Stellen Sie sich Weihnachten ohne geschmückte Straßen, ohne Weihnachtsmärkte, ohne Lebkuchen, ohne Christbäume und Weihnachtslieder außerhalb der Kirche vor. Die ganze Tradition, die man von Kindesbeinen an erlebte, gleich ob man religiös ist oder nicht, wird von heute auf morgen nicht mehr gepflegt. So ähnlich habe ich am Anfang die Karnevalszeit in Norddeutschland erlebt.
Ich glaube, dass es hier kaum zur Kenntnis genommen wird, wenn der Süden der Republik Karneval feiert und vor allem, dass er einen festen Zeitpunkt hat, der untrennbar mit dem variablen Datum vom Ostersonntag verbunden ist.

Wie oft habe ich in meinem Berufsleben in Hamburg erlebt, dass an den tollen Tagen Auslieferungsfahrer in die Karnevalshochburgen geschickt wurden, die dann mit dem beladenen Lkw vor verschlossenen Türen standen; der Hörer aufgeworfen wurde, weil sich nur der Anrufbeantworter meldete, und Termine auf den Rosenmontag gelegt wurden, an dem die Geschäftspartner aus dem Süden nicht zur Verfügung standen.

Als meine Tochter ein paar Wochen nach Aschermittwoch sagte, dass in der Schule eine Karnevalsparty stattfindet, glaubte ich erst, dass sie mich beschwindelt. Es ist allerdings tatsächlich so, dass hier ab und zu Karneval gefeiert wird, unabhängig davon, ob er nun im Kalender steht oder nicht.

Man kann jedoch eine jahrhunderte alte Tradition und Kultur nicht plötzlich zum Leben erwecken, wenn sie nicht gewachsen ist. Andererseits gibt es auch in Norddeutschland schöne Traditionen, die im Süden weniger bekannt sind und die für mich neu waren, wie beispielsweise das Osterfeuer.
Das ist aber eine andere Geschichte.