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Ferien auf einem Bauernhof in Bayern

Jetzt ging ich bereits über drei Monate zur Schule und konnte immer noch nicht richtig schreiben und lesen, aber nun waren erst mal sechs Wochen Pause. Sommerferien! Die ersten Ferien meines Lebens.

Meine Eltern beschlossen, dass ich diese bei entfernten Verwandten meines Stiefvaters auf einem Bauernhof in Bayern verbringen sollte. Gefragt wurde ich nicht. Ich kannte weder den Ort noch die Leute und hatte keinerlei Vorstellung, was mich dort erwartete. Als Stadtkind kannte ich nur Hunde und Katzen als Haustiere und die freie Natur war der Stadtwald und ein paar kleine Parks und Anlagen innerhalb der Stadt, in denen es strengstens verboten war, den Rasen zu betreten.

Also fuhr ich mit meinen Eltern am ersten Ferienwochenende erst mit der Bahn nach Ochsenfurt und dann noch eine längere Strecke mit dem Bus zu meinem Ferienort, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Das kleine Dorf lag etwas abseits von der Straße und die meisten Wege waren nicht befestigt. Offensichtlich gab es hier auch keine Diebe, denn die Haustüren standen überall offen. Zu Fuß gingen wir von der Bushaltestelle bis zum Haus der Familie, bei der ich meine Ferien verbringen sollte. Wir wurden freundlich empfangen und nach einem Kaffee fuhren meine Eltern wieder zurück nach Hause. Ich war jetzt allein mit den fremden Leuten, die so komisch redeten. So erkundete ich erst einmal meine neue Umgebung.

Wenn ich heute so in die Erinnerung abtauche, denke ich, dass man nicht das Jahr 1952 schrieb, sondern dass ich eine Zeitreise in das 19. Jahrhundert machte. Ich kann mich an keine einzige landwirtschaftliche Maschine erinnern, keine Melkmaschine, keinen Traktor, nichts, was die Arbeit erleichterte. Es wurde alles mit der Hand gemacht. Die Arbeitsteilung war ähnlich, wie es der Text in dem alten Volkslied beschreibt, das ich bereits in der Schule gelernt hatte:
Im Märzen der Bauer, die Rösslein einspannt…
Aber hier war nichts mit Rösslein, es waren zwei Ochsen, die, ins Joch gespannt, das Fuhrwerk zogen.
Unter dem Dach des Hauses wohnten vier Generationen:

Im Erdgeschoss befanden sich die Küche und das Wohnzimmer, im ersten Stock waren die Schlafzimmer.
In jedem Raum hingen lange, braune Klebestreifen von der Decke, an denen tote Fliegen klebten.

Ich hatte ein kleines Zimmer ganz oben im Dachboden. Mein Bett war so hoch, dass ich einen Schemel brauchte, um hineinzusteigen. Ich schlief in dem Bett wie die Prinzessin auf der Erbse in dem gleichnamigen Märchen, nur dass ich keine Erbse verspürte.
Unter dem Bett war ein Nachttopf und für die morgendliche Wäsche standen eine Porzellanschüssel und ein Metallkrug mit frischem Wasser bereit. Das benutzte ich am Anfang ausgiebig, wurde aber später immer nachlässiger, denn es kontrollierte ja niemand.

Wenn ich das kleine Dachfensterchen in meinem Zimmer öffnete, konnte ich Weintrauben pflücken, denn das ganze Haus war mit Weinreben bewachsen. Dass sie noch nicht reif waren und sauer schmeckten, spielte keine Rolle.

Hinter dem Wohnhaus war der Stall mit ein paar Kühen und den beiden Ochsen. Zwischen dem Stall und dem Wohnhaus war der Abbord, die Toilette, ein kleiner Raum mit einer Holzbank am Ende. Diese hatte in der Mitte ein Loch, das mit dem Abbordeggel abgedeckt war. Den musst fei oiwei zuamachn, schärfte man mir ein. Ein ausgeschnittenes Herz in der Holztür ersetzte das Fenster. Ganz hinten im Hof war ein kleiner Stall, in dem die Sau wohnte. Ich verstand nicht, warum man das arme Schwein mit so einem bösen Schimpfwort titulierte. Es grunzte mich immer so erwartungsvoll an und fraß alle Küchenabfälle, die ich ihm brachte, sogar das Spülwasser. Spülmittel wurden glücklicherweise nicht verwendet.

Daneben war der Hühnerstall. Die Hühner liefen aber frei auf dem Hof herum, dazwischen stolzierte der Hahn. Sie mussten gut aufpassen, denn da gab es noch die Hundehütte, in der ein großer Hund an einer langen Kette lag. Manchmal erwischte der Hund eins von den jungen Hühnern. Dann gab es abends Hühnersuppe.

Hinter dem Haus waren noch ein großer Obst- und ein Gemüsegarten. Hier wurde alles selbst erzeugt, was die Familie zum Leben brauchte.
Ich sah zum ersten Mal, woher die Milch kommt, und ich konnte sie direkt nach dem Melken probieren. Greta meinte, es sei zwar gesünder, wenn man sie abkocht, aber frisch vo da Kuan schmeckts fei bessa.

Ich hatte keine Angst vor den großen Tieren, doch einmal fuhr mir ein gewaltiger Schreck durch die Glieder: Auf einer der sechs Sandsteinstufen bis zum Hauseingang saß ein riesengroßer, schwarzer Käfer. Meine Beine wurden stocksteif und ich stand wie angewurzelt da und starrte ihn an. Man konnte durch die offene Haustür bis in die Küche sehen, wo Anna auf mich wartete. Ich konnte aber nicht weitergehen. Seitlich der Stufe wäre ja noch Platz gewesen, aber der Käfer hätte ja schnell zu mir rennen und an mir hochklettern können. Die Stufe auslassen ging auch nicht, denn der Käfer hätte ja hochspringen oder mir gar unter den Rock fliegen können. Magottsche, warum kommst ned rein? rief Anna, aber ich stand stumm da und war nicht fähig, ihr zu antworten.
Sie kam heraus und sah die Ursache. Des is a Hirschkäfer, die san fei seldn sagte sie. Sie hob ihn hoch, zeigte ihn mir genau und plötzlich verflog die Angst. Gemeinsam trugen wir ihn auf die Wiese, die gegenüber dem Haus lag.

Das Essen war sehr einfach. Zum Frühstück gab es frische Milch und Butter‒ oder Marmeladenbrot, mittags meistens Eintopf und abends Brot mit Schmalz oder Wurst aus dem Weckglas. Gegessen wurde in der Küche am großen Holztisch. Die Tischsitten waren entsprechend rustikal: Als Besteck benutzte man nur die Gabel und den Löffel, für belegte Brote gab es weder Teller noch Brettchen und wenn es etwas zum Schneiden gab, wurde ein Messer herumgereicht. Paul, der Bauer, benutzte immer sein eigenes Taschenmesser, schnitt sich damit gern ein Stück weißen Speck ab und trank dazu Bier aus einem Steinkrug.

Nur sonntags war alles anders. Nach dem Kirchgang gab es das Mittagessen am gedeckten Tisch im Wohnzimmer unter dem Herrgottswinkel.
Ja, der Herrgott war allgegenwärtig. Je nach Situation hieß es: Wenn's der Herrgott will oder um des Herrgotts Willen bis zu Herrgottsakra. Letzteres war je nach Anlass mal ein Fluch, es wurde aber auch als Anerkennung benutzt.

Ich lebte hier völlig frei, ich konnte tun und lassen, was ich wollte, mir wurden keine Regeln gesetzt bis auf eine: Sonntags zum Kirchgang musste ich sauber gewaschen sein und ein frisch gewaschenes Kleid anziehen ‒ das ich dann bis zum nächsten Kirchgang trug. Da ich evangelisch getauft war durfte ich nicht mit in die katholische Kirche gehen. Man hatte eine evangelische Familie aus dem Ort gebeten, mich in ihre evangelische Kirche mitzunehmen, damit ich kein Heidenkind blieb. Die Kirche entpuppte sich als ein Klassenraum in der Schule. Eine Religionslehrerin hielt eine Andacht vor den wenigen Anwesenden und spielte auf einem Klavier, das ganz komisch klang. Später lernte ich, dass es ein Harmonium war.
Nach der Kirche wurde ich von den anderen Kindern bedauert, dass ich sogar in den Ferien in die Schule musste. Ich tat mir auch selbst leid. Für die Kinder des Dorfes war ich ein armes, geistig zurückgebliebenes Stadtkind, um das man sich kümmern musste. Dass ich auch noch evangelisch war, erhöhte den Grad meiner Behinderung.

Sie scharten sich um mich und überboten sich gegenseitig, mich über das wahre Leben aufzuklären und ich bedankte mich mit staunender Bewunderung. So lernte ich zum Beispiel, dass der Hahn nicht nur als Wecker gebraucht wird, dass die Kuh erst Milch gibt, wenn sie ein Kälbchen hat, und man dazu einen Zuchtbullen für vui Geit (viel Geld) ausleihen muss, und warum die beiden Ochsen im Stall dazu nicht zu gebrauchen waren. Auch war es hilfreich zu wissen, dass man ungestraft lügen kann, wenn man hinter dem Rücken den Zeige- und Mittelfinger kreuzt. Man muss es noch nicht einmal beichten, was für mich aber bedeutungslos war.
Ich genoss es jedenfalls, so im Mittelpunkt der Dorfkinder zu stehen. Bis zum Ende der Ferien konnte ich ihre Sprache sprechen und war eine von ihnen.

Manchmal ging ich abends mit Nanni – die kaum größer war als ich ‒ durch die Felder. Das Korn stand schon ziemlich hoch, sodass wir beide nicht darübersehen konnten. Wir liefen wie durch einen Kornwald, zwischen den Halmen wuchsen blaue Korn- und rote Mohnblumen. Sie erzählte mir von ihrem arbeitsreichen Leben und vom lieben Gott, der für sie wirklich ein lieber Gott war, der uns alle beschützt. Sie versuchte auch, mir den Wert der Arbeit nahezubringen.
Ich höre noch das Gedicht, wie Nanni es häufig aufsagte:

Arwet (Arbeit) macht des Lebn sies,
macht 's nie zua Last,
nur der hod Bekimmernis,
der die Arwet hasst.
Ich war aber nicht so sicher wie sie, sondern hatte erhebliche Zweifel.

Die alte Nanni war zwar sehr fromm, was sie aber nicht daran hinderte, Witze über Pfarrer und deren Haushälterinnen zu erzählen. Meistens über Priester, die von der Kanzel Unsinn predigten, weil sie zuvor zuviel Messwein getrunken hatten. Oft verstand ich die Pointen nicht, aber weil sie so herzlich über die eigenen Witze lachte, freute ich mich mit ihr.

Leider gingen diese herrlichen Ferien allzu schnell vorüber und es blieb auch bei diesem einen Besuch, denn wie mir meine Mutter später erzählte, kam ich völlig verwildert zurück und sie brauchte einige Wochen, um aus mir wieder einen zivilisierten Menschen zu machen.